Der Meisterdieb

von Brüder Grimm

~15 Min

Eines Tages sass vor einem ärm­lichen Hause ein alter Mann mit sein­er Frau, und woll­ten von der Arbeit ein wenig aus­ruhen. Da kam auf ein­mal ein prächtiger, mit vier Rap­pen bespan­nter Wagen her­beige­fahren, aus dem ein reichgek­lei­de­ter Herr stieg. Der Bauer stand auf, trat zu dem Her­rn und fragte, was sein Ver­lan­gen wäre, und worin er ihm dienen kön­nte. Der Fremde reichte dem Alten die Hand und sagte: Ich wün­sche nichts als ein­mal ein ländlich­es Gericht zu geniessen. Bere­it­et mir Kartof­fel, wie Ihr sie zu essen pflegt, damit will ich mich zu Euerm Tisch set­zen, und sie mit Freude verzehren.“ Der Bauer lächelte und sagte: Ihr seid ein Graf oder Fürst, oder gar ein Her­zog, vornehme Her­ren haben manch­mal solch ein Gelüsten; Euer Wun­sch soll aber erfüllt wer­den.“ Die Frau ging in die Küche, und sie fing an Kartof­feln zu waschen und zu reiben und wollte Klösse daraus bere­it­en, wie sie die Bauern essen. Während sie bei der Arbeit stand, sagte der Bauer zu dem Frem­den: Kommt einst­weilen mit mir in meinen Haus­garten, wo ich noch etwas zu schaf­fen habe.“ In dem Garten hat­te er Löch­er gegraben und wollte jet­zt Bäume ein­set­zen. Habt Ihr keine Kinder,“ fragte der Fremde, die Euch bei der Arbeit behil­flich sein kön­nten?“ – Nein,“ antwortete der Bauer; ich habe freilich einen Sohn gehabt,“ set­zte er hinzu, aber der ist schon seit langer Zeit in die weite Welt gegan­gen. Es war ein unger­aten­er Junge, klug und ver­schla­gen, aber er wollte nichts ler­nen und machte lauter böse Stre­iche; zulet­zt lief er mir fort, und seit­dem habe ich nichts von ihm gehört.“ Der Alte nahm ein Bäum­chen, set­zte es in ein Loch und stiess einen Pfahl daneben: und als er Erde hineingeschaufelt und sie fest­ge­stampft hat­te, band er den Stamm unten, oben und in der Mitte mit einem Stroh­seil fest an den Pfahl. Aber sagt mir,“ sprach der Herr, warum bindet Ihr den krum­men knor­richt­en Baum, der dort in der Ecke fast bis auf den Boden gebückt liegt, nicht auch an einen Pfahl wie diesen, damit er strack wächst?“ Der Alte lächelte und sagte Herr, Ihr redet, wie Ihrs ver­ste­ht: man sieht wohl, dass Ihr Euch mit der Gärt­nerei nicht abgegeben habt. Der Baum dort ist alt und ver­knorzt, den kann nie­mand mehr ger­ad machen: Bäume muss man ziehen, solange sie jung sind.“ – Es ist wie bei Euerm Sohn,“ sagte der Fremde, hät­tet Ihr den gezo­gen, wie er noch jung war, so wäre er nicht fort­ge­laufen; jet­zt wird er auch hart und knorzig gewor­den sein.“ – Freilich,“ antwortete der Alte, es ist schon lange, seit er fort­ge­gan­gen ist; er wird sich verän­dert haben.“ – Würdet Ihr ihn noch erken­nen, wenn er vor Euch träte?“ fragte der Fremde. Am Gesicht schw­er­lich,“ antwortete der Bauer, aber er hat ein Zeichen an sich, ein Mut­ter­mal auf der Schul­ter, das wie eine Bohne aussieht.“ Als er dies gesagt hat­te, zog der Fremde den Rock aus, ent­blösste seine Schul­ter und zeigte dem Bauer die Bohne. Herr Gott,“ rief der Alte, du bist wahrhaftig mein Sohn,“ und die Liebe zu seinem Kind regte sich in seinem Herzen. Aber,“ set­zte er hinzu, wie kannst du mein Sohn sein, du bist ein gross­er Herr gewor­den und leb­st in Reich­tum und Über­fluss! Auf welchem Weg bist du dazu gelangt?“ – Ach, Vater,“ erwiderte der Sohn, der junge Baum war an keinen Pfahl gebun­den und ist krumm gewach­sen: jet­zt ist er zu alt; er wird nicht wieder ger­ad. Wie ich das alles erwor­ben habe? Ich bin ein Dieb gewor­den. Aber erschreckt Euch nicht, ich bin ein Meis­ter­dieb. Für mich gibt es wed­er Schloss noch Riegel: wonach mich gelüstet, das ist mein. Glaubt nicht, dass ich stehle wie ein gemein­er Dieb, ich nehme nur vom Über­fluss der Reichen. Arme Leute sind sich­er: ich gebe ihnen lieber, als dass ich ihnen etwas nehme. So auch, was ich ohne Mühe, List und Gewandtheit haben kann, das rühre ich nicht an.“ – Ach, mein Sohn,“ sagte der Vater, es gefällt mir doch nicht, ein Dieb bleibt ein Dieb; ich sage dir, es nimmt kein gutes Ende.“ Er führte ihn zu der Mut­ter, und als sie hörte, dass es ihr Sohn war, weinte sie vor Freude, als er ihr aber sagte, dass er ein Meis­ter­dieb gewor­den wäre, so flossen ihr zwei Ströme über das Gesicht. Endlich sagte sie: Wenn er auch ein Dieb gewor­den ist, so ist er doch mein Sohn, und meine Augen haben ihn noch ein­mal gesehen.“

Sie set­zten sich an den Tisch, und er ass mit seinen Eltern wieder ein­mal die schlechte Kost, die er lange nicht gegessen hat­te. Der Vater sprach: Wenn unser Herr, der Graf drüben im Schlosse, erfährt, wer du bist und was du treib­st, so nimmt er dich nicht auf die Arme und wiegt dich darin, wie er tat, als er dich am Tauf­stein hielt, son­dern er lässt dich am Gal­gen­strick schaukeln.“ – Seid ohne Sorge, mein Vater, er wird mir nichts tun, denn ich ver­ste­he mein Handw­erk. Ich will heute noch selb­st zu ihm gehen.“ Als die Abendzeit sich näherte, set­zte sich der Meis­ter­dieb in seinen Wagen und fuhr nach dem Schloss. Der Graf empf­ing ihn mit Artigkeit, weil er ihn für einen vornehmen Mann hielt. Als aber der Fremde sich zu erken­nen gab, so erble­ichte er und schwieg eine Zeit­lang ganz still. Endlich sprach er: Du bist mein Pâté, deshalb will ich Gnade für Recht erge­hen lassen und nach­sichtig mit dir ver­fahren. Weil du dich rühmst, ein Meis­ter­dieb zu sein, so will ich deine Kun­st auf die Probe stellen, wenn du aber nicht bestehst, so musst du mit des Seil­ers Tochter Hochzeit hal­ten, und das Gekrächze der Raben soll deine Musik dabei sein.“ – Herr Graf,“ antwortete der Meis­ter, denkt Euch drei Stücke aus, so schw­er Ihr wollt, und wenn ich Eure Auf­gabe nicht löse, so tut mit mir, wie Euch gefällt.“ Der Graf sann einige Augen­blicke nach, dann sprach er: Wohlan, zum ersten sollst du mir mein Leibpferd aus dem Stalle stehlen, zum andern sollst du mir und mein­er Gemahlin, wenn wir eingeschlafen sind, das Bet­tuch unter dem Leib weg­nehmen, ohne dass wirs merken, und dazu mein­er Gemahlin den Trau­r­ing vom Fin­ger: zum drit­ten und let­zten sollst du mir den Pfar­rer und Küster aus der Kirche weg­stehlen. Merke dir alles wohl, denn es geht dir an den Hals.“

Der Meis­ter begab sich in die zunächst liegende Stadt. Dort kaufte er ein­er alten Bauer­frau die Klei­der ab und zog sie an. Dann färbte er sich das Gesicht braun und malte sich noch Run­zeln hinein, so dass ihn kein Men­sch wieder­erkan­nt hätte. Endlich füllte er ein Fäss­chen mit altem Ungar­wein, in welchen ein stark­er Schlaftrunk gemis­cht war. Das Fäss­chen legte er auf eine Kötze, die er auf den Rück­en nahm, und ging mit bedächti­gen, schwank­enden Schrit­ten zu dem Schloss des Grafen. Es war schon dunkel, als er anlangte; er set­zte sich in den Hof auf einen Stein, fing an zu hus­ten wie eine alte brustkranke Frau und rieb die Hände, als wenn er fröre. Vor der Türe des Pfer­destalls lagen Sol­dat­en um ein Feuer; ein­er von ihnen bemerk­te die Frau und rief ihr zu: Komm näher, altes Müt­terchen, und wärme dich bei uns. Du hast doch kein Nacht­lager und nimmst es an, wo du es find­est.“ Die Alte trip­pelte her­bei, bat, ihr die Kötze vom Rück­en zu heben, und set­zte sich zu ihnen ans Feuer. Was hast du da in deinem Fäss­chen, du alte Schachtel?“ fragte ein­er. Einen guten Schluck Wein,“ antwortete sie, ich ernähre mich mit dem Han­del, für Geld und gute Worte gebe ich Euch gerne ein Glas.“ – Nur her damit,“ sagte der Sol­dat, und als er ein Glas gekostet hat­te, rief er: Wenn der Wein gut ist, so trink ich lieber ein Glas mehr,“ liess sich nochmals ein­schenken, und die andern fol­gten seinem Beispiel. Heda, Kam­er­aden,“ rief ein­er denen zu, die in dem Stall sassen, hier ist ein Müt­terchen, das hat Wein, der so alt ist wie sie sel­ber, nehmt auch einen Schluck, der wärmt euch den Magen noch bess­er als unser Feuer.“ Die Alte trug ihr Fäss­chen in den Stall. Ein­er hat­te sich auf das gesat­telte Leibpferd geset­zt, ein ander­er hielt den Zaum in der Hand, ein drit­ter hat­te den Schwanz gepackt. Sie schenk­te ein, soviel ver­langt ward, bis die Quelle ver­siegte. Nicht lange, so fiel dem einen der Zaum aus der Hand, er sank nieder und fing an zu schnar­chen, der andere liess den Schwanz los, legte sich nieder und schnar­chte noch lauter. Der, welch­er im Sat­tel sass, blieb zwar sitzen, bog sich aber mit dem Kopf fast bis auf den Hals des Pfer­des, schlief und blies mit dem Mund wie ein Schmiede­balg. Die Sol­dat­en draussen waren schon längst eingeschlafen, lagen auf der Erde und regten sich nicht, als wären sie von Stein.

Als der Meis­ter­dieb sah, dass es ihm geglückt war, gab er dem einen statt des Zaums ein Seil in die Hand und dem andern, der den Schwanz gehal­ten hat­te, einen Stro­hwisch; aber was sollte er mit dem, der auf dem Rück­en des Pfer­des sass, anfan­gen? Herun­ter­w­er­fen wollte er ihn nicht, er hätte erwachen und ein Geschrei erheben kön­nen. Er wusste aber guten Rat, er schnallte die Sat­tel­gurt auf, knüpfte ein paar Seile, die in Rin­gen an der Wand hin­gen, an den Sat­tel fest und zog den schlafend­en Reit­er mit dem Sat­tel in die Höhe, dann schlug er die Seile um den Pfos­ten und machte sie fest. Das Pferd hat­te er bald von der Kette los­ge­bun­den, aber wenn er über das stein­erne Pflaster des Hofs gerit­ten wäre, so hätte man den Lärm im Schloss gehört. Er umwick­elte ihm also zuvor die Hufen mit alten Lap­pen, führte es dann vor­sichtig hin­aus, schwang sich auf und jagte davon.

Als der Tag ange­brochen war, sprengte der Meis­ter auf dem gestohle­nen Pferd zu dem Schloss. Der Graf war eben aufge­s­tanden und blick­te aus dem Fen­ster. Guten Mor­gen, Herr Graf,“ rief er ihm zu, hier ist das Pferd, das ich glück­lich aus dem Stall geholt habe. Schaut nur, wie schön Eure Sol­dat­en daliegen und schlafen, und wenn Ihr in den Stall gehen wollt, so werdet Ihr sehen, wie bequem sichs Eure Wächter gemacht haben.“ Der Graf musste lachen, dann sprach er: Ein­mal ist dirs gelun­gen, aber das zweit­emal wirds nicht so glück­lich ablaufen. Und ich warne dich, wenn du mir als Dieb begeg­nest, so behan­dle ich dich auch wie einen Dieb.“ Als die Gräfin abends zu Bette gegan­gen war, schloss sie die Hand mit dem Trau­r­ing fest zu, und der Graf sagte: Alle Türen sind ver­schlossen und ver­riegelt, ich bleibe wach und will den Dieb erwarten; steigt er aber zum Fen­ster ein, so schiesse ich ihn nieder.“ Der Meis­ter­dieb aber ging in der Dunkel­heit hin­aus zu dem Gal­gen, schnitt einen armen Sün­der, der da hing, von dem Strick ab und trug ihn auf dem Rück­en nach dem Schloss. Dort stellte er eine Leit­er an das Schlafgemach, set­zte den Toten auf seine Schul­tern und fing an hin­aufzusteigen. Als er so hoch gekom­men war, dass der Kopf des Toten in dem Fen­ster erschien, drück­te der Graf, der in seinem Bett lauerte, eine Pis­tole auf ihn los: als­bald liess der Meis­ter den armen Sün­der her­ab­fall­en, sprang selb­st die Leit­er herab und ver­steck­te sich in eine Ecke. Die Nacht war von dem Mond so weit erhellt, dass der Meis­ter deut­lich sehen kon­nte, wie der Graf aus dem Fen­ster auf die Leit­er stieg, her­abkam und den Toten in den Garten trug. Dort fing er an ein Loch zu graben, in das er ihn leg­en wollte. Jet­zt,“ dachte der Dieb, ist der gün­stige Augen­blick gekom­men,“ schlich behende aus seinem Winkel und stieg die Leit­er hin­auf, ger­adezu ins Schlafgemach der Gräfin. Liebe Frau,“ fing er mit der Stimme des Grafen an, der Dieb ist tot, aber er ist doch mein Pâté und mehr ein Schelm als ein Bösewicht gewe­sen: ich will ihn der öffentlichen Schande nicht preis­geben; auch mit den armen Eltern habe ich Mitleid. Ich will ihn, bevor der Tag anbricht, selb­st im Garten begraben, damit die Sache nicht ruch­bar wird. Gib mir auch das Bet­tuch, so will ich die Leiche ein­hüllen und ihn wie einen Hund ver­schar­ren.“ Die Gräfin gab ihm das Tuch. Weisst du was,“ sagte der Dieb weit­er, ich habe eine Anwand­lung von Gross­mut, gib mir noch den Ring; der Unglück­liche hat sein Leben gewagt, so mag er ihn ins Grab mit­nehmen.“ Sie wollte dem Grafen nicht ent­ge­gen sein, und obgle­ich sie es ungern tat, so zog sie doch den Ring vom Fin­ger und reichte ihn hin. Der Dieb machte sich mit bei­den Stück­en fort und kam glück­lich nach Haus, bevor der Graf im Garten mit sein­er Toten­gräber­ar­beit fer­tig war.

Was zog der Graf für ein langes Gesicht, als am andern Mor­gen der Meis­ter kam und ihm das Bet­tuch und den Ring brachte. Kannst du hex­en?“ sagte er zu ihm, wer hat dich aus dem Grab geholt, in das ich selb­st dich gelegt habe, und hat dich wieder lebendig gemacht?“ – Mich habt Ihr nicht begraben,“ sagte der Dieb, son­dern den armen Sün­der am Gal­gen,“ und erzählte aus­führlich, wie es zuge­gan­gen war; und der Graf musste ihm zugeste­hen, dass er ein gescheit­er und listiger Dieb wäre. Aber noch bist du nicht zu Ende,“ set­zte er hinzu, du hast noch die dritte Auf­gabe zu lösen, und wenn dir das nicht gelingt, so hil­ft dir alles nichts.“ Der Meis­ter lächelte und gab keine Antwort.

Als die Nacht einge­brochen war, kam er mit einem lan­gen Sack auf dem Rück­en, einem Bün­del unter dem Arm und ein­er Lat­er­ne in der Hand zu der Dor­fkirche gegan­gen. In dem Sack hat­te er Kreb­se, in dem Bün­del aber kurze Wach­slichter. Er set­zte sich auf den Gotte­sack­er, holte einen Krebs her­aus und klebte ihm ein Wach­slichtchen auf den Rück­en, dann zün­dete er das Lichtchen an, set­zte den Krebs auf den Boden und liess ihn kriechen. Er holte einen zweit­en aus dem Sack, machte es mit diesem eben­so und fuhr fort, bis auch der let­zte aus dem Sacke war. Hier­auf zog er ein langes schwarzes Gewand an, das wie eine Mönch­skutte aus­sah, und klebte sich einen grauen Bart an das Kinn. Als er endlich ganz unken­ntlich war, nahm er den Sack, in dem die Kreb­se gewe­sen waren, ging in die Kirche und stieg auf die Kanzel. Die Tur­muhr schlug eben zwölf: als der let­zte Schlag verk­lun­gen war, rief er mit lauter gel­len­der Stimme: Hört an, ihr sündi­gen Men­schen, das Ende aller Dinge ist gekom­men, der jüng­ste Tag ist nahe: hört an, hört an. Wer mit mir in den Him­mel will, der krieche in den Sack. Ich bin Petrus, der die Him­mel­stüre öffnet und schliesst. Seht ihr, draussen auf dem Gotte­sack­er wan­deln die Gestor­be­nen und sam­meln ihre Gebeine zusam­men. Kommt, kommt und kriecht in den Sack, die Welt geht unter.“ Das Geschrei erschallte durch das ganze Dorf. Der Pfar­rer und der Küster, die zunächst an der Kirche wohn­ten, hat­ten es zuerst ver­nom­men, und als sie die Lichter erblick­ten, die auf dem Gotte­sack­er umher­wan­del­ten, merk­ten sie, dass etwas Ungewöhn­lich­es vorg­ing, und trat­en sie in die Kirche ein. Sie hörten der Predigt eine Weile zu, da stiess der Küster den Pfar­rer an und sprach: Es wäre nicht übel, wenn wir die Gele­gen­heit benutzten und zusam­men vor dem Ein­bruch des jüng­sten Tags auf eine leichte Art in den Him­mel kämen.“ – Freilich,“ erwiderte der Pfar­rer, das sind auch meine Gedanken gewe­sen: habt Ihr Lust, so wollen wir uns auf den Weg machen.“ – Ja,“ antwortete der Küster, aber Ihr, Herr Pfar­rer, habt den Vor­tritt, ich folge nach.“ Der Pfar­rer schritt also vor und stieg auf die Kanzel, wo der Meis­ter den Sack öffnete. Der Pfar­rer kroch zuerst hinein, dann der Küster. Gle­ich band der Meis­ter den Sack fest zu, pack­te ihn am Bausch und schleifte ihn die Kanzel­treppe hinab: sooft die Köpfe der bei­den Toren auf die Stufen auf­schlu­gen, rief er: Jet­zt gehts schon über die Berge.“ Dann zog er sie auf gle­iche Weise durch das Dorf, und wenn sie durch Pfützen kamen, rief er: Jet­zt gehts schon durch die nassen Wolken,“ und als er sie endlich die Schlosstreppe hin­auf­zog, so rief er: Jet­zt sind wir auf der Him­mel­streppe und wer­den bald im Vorhof sein.“ Als er oben ange­langt war, schob er den Sack in den Tauben­schlag, und als die Tauben flat­terten, sagte er: Hört ihr, wie die Engel sich freuen und mit den Fit­tichen schla­gen?“ Dann schob er den Riegel vor und ging fort.

Am andern Mor­gen begab er sich zu dem Grafen und sagte ihm, dass er auch die dritte Auf­gabe gelöst und den Pfar­rer und Küster aus der Kirche wegge­führt hätte. Wo hast du sie gelassen?“ fragte der Herr. Sie liegen in einem Sack oben auf dem Tauben­schlag und bilden sich ein, sie wären im Him­mel.“ Der Graf stieg selb­st hin­auf und überzeugte sich, dass er die Wahrheit gesagt hat­te. Als er den Pfar­rer und Küster aus dem Gefäng­nis befre­it hat­te, sprach er: Du bist ein Erzdieb und hast deine Sache gewon­nen. Für dies­mal kommst du mit heil­er Haut davon, aber mache, dass du aus meinem Land fortkommst, denn wenn du dich wieder darin betreten lässt, so kannst du auf deine Erhöhung am Gal­gen rech­nen.“ Der Erzdieb nahm Abschied von seinen Eltern, ging wieder in die weite Welt, und nie­mand hat wieder etwas von ihm gehört.