Der Mann ohne Herz

von Ludwig Bechstein

~11 Min

Es sind ein­mal sieben Brüder gewe­sen, die waren arme Waisen. Sie hat­ten keine Schwest­ern und mussten alles im Hause selb­st tun. Das miss­fiel ihnen gar ewiglich, und sie kamen übere­in, ein jed­er solle heirat­en. Nun gab es aber dort, wo sie wohn­ten, keine Bräute für sie. Da sagten die älteren, sie woll­ten in die Fremde ziehen, um sich Bräute zu suchen. Der Jüng­ste sollte aber das Haus hüten. Dafür sollte er eine recht schöne Braut mit­ge­bracht bekom­men. Da war der Jüng­ste wohl zufrieden, und die sechs Brüder macht­en sich fröh­lich auf den Weg.

Unter­wegs kamen sie an ein kleines Häuschen, das stand ganz ein­sam in einem Walde. Und vor dem Häuschen stand ein alter, alter Mann, der rief die Brüder an und fragte: Heda! Ihr jun­gen Burschen aus fer­nem Land! Wohin denn so lustig und so geschwind?” Ei, wir wollen uns jed­er eine hüb­sche Braut holen und unserem jüng­sten Brud­er noch eine dazu!”, antworteten die Brüder. Oh, ihr liebe Jun­gen!”, sprach da der Alte, ich lebe hier so mut­tersee­le­nallein, bringt mir doch auch eine Braut mit. Aber eine junge, hüb­sche muss es sein!”

Die Brüder gin­gen von dan­nen und dacht­en: Hm, was will so ein alter, eis­grauer Hutzel­mann mit ein­er jun­gen, hüb­schen Braut anfan­gen? Da nun die Brüder in eine Stadt gekom­men waren, so fan­den sie dort sieben Schwest­ern, jung und hüb­sch, wie sie es nur wün­schen kon­nten. Diese nah­men sie, auch die jüng­ste für ihren Bruder.

Sie kamen wieder durch den Wald, und auch der Alte stand vor seinem Häuschen. Er schien schon zu warten und sagte: Ei, ihr braven Jun­gen! Das lob ich, dass ihr mir so eine junge, hüb­sche Braut mit­ge­bracht habt!” Nein!”, ent­geg­neten die Brüder. Die ist nicht für dich, die ist für unsern Brud­er zu Hause, dem haben wir sie versprochen!”

So?”, sagte der Alte. Ver­sprochen? Ei, ich will euch auch was ver­sprechen!” Er nahm ein weißes Stäbchen, murmelte ein paar Zauber­worte und rührte die Brüder und die Bräute mit dem Stäbchen an. Nur die jüng­ste ließ er aus. Da wur­den die anderen alle in graue Steine ver­wan­delt. Die jüng­ste von den Schwest­ern führte der alte Mann aber in sein Haus, und das musste sie nun beschick­en und in Ord­nung halten.

Das tat sie dann auch gern, aber sie hat­te immer Angst, der Alte könne bald ster­ben. Dann wäre sie auch so mut­tersee­le­nallein in dem ein­samen Häuschen im wilden, öden Walde, wie es der Alte zuvor gewe­sen war. Das sagte sie ihm, und er antwortete: Hab keine Bange, fürchte nicht und hoffe nicht, dass ich einst sterbe. Sieh, ich habe kein Herz in der Brust! Sollte ich aber den­noch ster­ben, so find­est du über der Türe mein weißes Zauber­stäbchen. Rührst du damit an die grauen Steine, sind deine Schwest­ern und ihre Bewer­ber befre­it, und du hast Gesellschaft genug.” Wo aber in aller Welt hast du denn dein Herz, wenn du es nicht in der Brust hast?”, fragte die junge Braut. Musst du alles wis­sen?”, fragte der Alte. Nun, wenn du es denn wis­sen musst, in der Bettdecke steckt mein Herz.”

Da nähte und stick­te die junge Braut gar schöne Blu­men auf seine Bettdecke, wenn der Alte fort war und seinen Geschäften nachging, damit sein Herz eine Freude haben sollte. Der Alte aber lächelte darüber und sagte: Du gutes Kind, es war ja nur ein Scherz. Mein Herz, das steckt -” Nun, wo steckt es denn, lieber Vater?” Das steckt in der — Stubentür!”

Als der Alte am anderen Tage fort war, da schmück­te die junge Frau die Stuben­türe gar schön mit bun­ten Fed­ern und frischen Blu­men und hängte auch noch Kränze daran. Fragte der Alte, als er heimkam, was das bedeuten solle? Sie sagte: Das tat ich deinem Herzen zu Liebe .”

Da lächelte der Alte wieder und sagte: Gutes Kind, mein Herz ist ganz woan­ders als in der Stubentüre.”

Da wurde die junge Braut sehr betrübt und sprach: Ach Vater, dann hast du doch ein Herz und kannst ster­ben, und ich werde dann alleine sein.” Da wieder­holte der Alte alles, was er ihr schon gesagt hat­te, und sie drang aufs Neue in ihn, ihr doch zu sagen, wo sein Herz ver­bor­gen sei.

Da sprach der Alte: Weit, weit von hier liegt in tiefer Ein­samkeit eine große steinalte Kirche, die mit eis­er­nen Türen fest ver­wahrt ist. Um sie herum ist ein tiefer Wall­graben gezo­gen, darüber keine Brücke führt. Und in der Kirche fliegt ein Vogel wohl auf und ab. Er isst nicht, und trinkt nicht und stirbt auch nicht, und nie­mand ver­mag ihn zu fan­gen. So lange der Vogel lebt, so lange lebe auch ich, denn in dem Vogel ist mein Herz.”

Da wurde die Braut trau­rig, dass sie dem Herzen ihres Alten nichts zu Liebe tun kon­nte. Und die Zeit wurde ihr lang, wenn sie da alleine saß, ward doch der Alte fast den ganzen Tag nie da.

Da kam ein junger Wan­derge­sell am Häuschen vorüber. Der grüßte sie fre­undlich, und sie grüßte ihn. Er kam näher, weil das junge Mäd­chen ihm gefiel. Sie fragte, wohin er denn reise, woher er komme. Ach!”, seufzte der junge Gesell. Ich bin gar trau­rig. Ich hat­te noch sechs Brüder, die sind von dan­nen gezo­gen, sich Bräute zu holen. Und mir, dem Jüng­sten, woll­ten sie auch eine mit­brin­gen, sind aber nim­mer wieder gekom­men. Da bin ich nun auch fort vom Hause und will meine Brüder suchen.”

Ach, lieber Gesell!”, rief die Braut, du brauchst nicht weit­er zu gehen! Erst set­ze dich, iss und trink, dann lass dir die Geschichte erzählen!” Sie gab ihm zu essen und zu trinken. Dann erzählte sie, wie seine Brüder in die Stadt gekom­men, und wie sie ihre Schwest­ern und sie selb­st als Bräute mit nach Hause hät­ten führen wollen. Und dass sie selb­st für ihn bes­timmt gewe­sen sei, und dass der Alte sie bei sich behal­ten und die andern in graue Steine ver­wan­delt habe. Das alles erzählte sie ihm aufrichtig und weinte. Auch sprach sie über den Alten, der kein Herz in der Brust habe und dass es weit, weit weg in ein­er fes­ten Kirche, in einem unsterblichen Vogel sei.

Da sagte der Bräutigam: Ich will fort, den Vogel suchen. Vielle­icht hil­ft mir Gott, dass ich ihn fan­gen kann.” Ja, daran tust du wohl, dann wer­den deine Brüder und meine Schwest­ern wieder Men­schen sein!” Sie ver­steck­te aber den Bräutigam, denn es war schon Abend gewor­den. Und als am andern Mor­gen der Alte wieder fort war, da pack­te sie dem Wan­derge­sell zu essen und zu trinken ein und wün­schte ihm alles Glück und Gottes Segen auf sein­er Fahrt.

Als der Gesell nun eine tüchtige Strecke gegan­gen war, war es Zeit zu früh­stück­en. Er pack­te seine Reise­tasche aus, freute sich der vie­len Gaben und rief: Hol­la! Nun wollen wir schmausen! Her­bei, wer mein Gast sein will!” Da rief es hin­ter dem Gesellen: Muh!” Wie er sich umsah, stand ein großer, rot­er Ochse da und sprach: Du hast ein­ge­laden, ich möchte wohl dein Gast sein!”

Sei willkom­men und lange zu, so gut ich’s habe!” Da legte sich der Ochse gemäch­lich an den Boden und ließ sich’s schmeck­en. Als er satt war, leck­te er sich mit der Zunge sein Maul recht schön ab und sagte: Habe großen Dank. Wenn du ein­mal jemand brauchst, dir in Not und Gefahr zu helfen, so rufe nur in Gedanken nach mir.” Der Ochse erhob sich und ver­schwand im Gebüsch.

Der Gesell pack­te seine Tafel­reste zusam­men und pil­gerte weit­er; wieder eine tüchtige Strecke. Nach dem kurzen Schat­ten, den er warf, musste es Mit­tag sein, und sein Magen sagte das Gle­iche. Da set­zte er sich auf den Boden hin, bre­it­ete sein Tafel­tuch aus und verteilte seine Speisen und Getränke darauf. Dann rief er: Wohlan! Mit­tags­mahlzeit! Jet­zt melde sich, wer mittafeln will!”

Da rauschte es ganz stark in den Büschen, und es brach ein wildes Schwein her­aus, das grun­zte: Qui oui oui, es hat hier jemand zum Essen gerufen! Ich weiß nicht, ob du es warst und ob ich gemeint bin?” Nun denn, lange nur zu, was da ist!”, sprach der Wan­der­s­mann. Sie aßen bei­de wohlge­mut miteinan­der, und es schmeck­te bei­den gut. Darauf erhob sich das wilde Schwein und sagte: Hab Dank, bedarf­st du mein, so rufe nach dem Schwein!” Das Schwein aber trollte sich in die Büsche.

Nun wan­derte der Gesell gar eine lange Strecke. Er war schon weit gekom­men, da wurde es Abend. Wieder fühlte er Hunger und hat­te auch noch genug in der Tasche. Da dachte er: Wie wär’s jet­zt mit Abend­brot? Zeit wäre es ja.” Also bre­it­ete er wieder sein Tuch aus und legte seine Speisen darauf. Er hat­te auch noch etwas zu trinken und rief: Wer Lust hat, mitzuessen, der soll ein­ge­laden sein. Es ist nicht, als wenn nichts da wäre!”

Da rauschte über ihm ein schw­er­er Flügelschlag, und es wurde dunkel auf dem Boden, wie vom Schat­ten ein­er Wolke. Und es ließ sich ein großer Vogel Greif sehen, der rief: Ich hörte jemand hier unten zur Tafel ein­laden! Für mich wird wohl nichts abfall­en?” Warum denn nicht? Lass dich nieder und greif zu, viel wird’s eh nicht mehr sein!”, rief der Jüngling. Da ließ sich der Vogel Greif nieder und aß zur Genüge und sagte: Brauchst du mich, so rufe mich!” Dann hob er sich in die Lüfte und ver­schwand so schnell, wie er gekom­men war. Ei”, dachte der Geselle, der hat’s recht eilig. Er hätte mir wohl den Weg zur Kirche sagen kön­nen, denn so finde ich sie wohl nimmer.”

Betrübt raffte er seine Sachen zusam­men und wollte vor dem Schlafen noch ein Stückchen wan­dern. Und wie er gar nicht lange gegan­gen war, da sah er mit einem Male die Kirche vor sich liegen. Schon bald war er bei ihr, das heißt, am bre­it­en und tiefen Graben, der ohne Brücke ring­sherum lag. Da suchte er sich ein hüb­sches Ruhe­p­lätzchen, denn er war müde von dem weit­en Weg.

Am anderen Mor­gen wün­schte er sich über den Graben und dachte: Schau, wenn der rote Ochse jet­zt da wäre und hätte recht­en Durst, so kön­nte er den Graben aus­saufen. Und ich käme trock­e­nen Fußes hinüber.” Kaum war dieser Wun­sch getan, so stand der Ochse schon da und begann den Graben auszusaufen.

Nun stand der Geselle an der Kirchen­mauer, die war gar dick und die Türme von Eisen. Da dachte er sich so im Gedanken: Ach, wenn ich doch einen Mauer­brech­er hätte! Das starke wilde Schwein kön­nte hier vielle­icht eher etwas aus­richt­en.” Und siehe, gle­ich kam das wilde Schwein daher ger­an­nt und stieß auf die Mauer heftig ein. Dann wühlte es mit seinen Hauern den ersten Stein her­aus. Und wie erst ein­er los war, brachen immer mehr und mehr Steine aus der Mauer, bis ein großes, tiefes Loch gewühlt war, durch das man in die Kirche steigen konnte.

Da stieg nun der Jüngling hinein und sah den Vogel darin fliegen. Da sprach er: Wenn jet­zt der Vogel Greif da wäre, der würde dich schon greifen, dafür ist er ja der Vogel Greif!” Und gle­ich war der Greif da, und griff den Vogel, in dem das Herz des alten Mannes steck­te, und gab ihn dem jun­gen Gesell. Der ver­wahrte sel­bi­gen Vogel sehr gut, der Vogel Greif aber flog von dannen.

Nun eilte der Jüngling, so schnell er kon­nte zur jun­gen Braut. Er kam noch vor Abend an und erzählte ihr, was sich zuge­tra­gen hat­te. Sie gab ihm wieder zu essen und zu trinken und hieß ihn unter die Bettstelle zu kriechen, mit­samt dem Vogel, damit ihn der Alte nicht sähe.

Der Alte kam nach Hause und klagte, er füh­le sich so krank, dass er nicht mehr recht leben wolle. Das käme, weil sein Herzvo­gel gefan­gen sei. Das hörte der Bräutigam unter dem Bette und dachte: Der Alte hat dir zwar nichts Bös­es getan, aber er hat deine Brüder und ihre Bräute verza­ubert, und deine Braut hat er für sich behal­ten. Das ist des Bösen nicht wenig.” Er zwick­te den Vogel, und da wim­merte der Alte: Ach, es schmerzt mich! Ach, der Tod kneift mich, Kind — ich sterbe!” Dann fiel er vom Stuhl und ward ohn­mächtig. Und noch ehe es der Jüngling bemerk­te, hat­te er den Vogel schon tot gezwickt, da war es aus mit dem Alten.

Nun kroch der Bräutigam her­vor, und die Braut nahm den weißen Stab, wie es der Alte ihr gesagt hat­te. Sie schlug damit an die zwölf grauen Steine, und siehe, da wur­den sie wieder sechs Brüder und sechs Schwest­ern. Das war eine Freude, ein Umar­men, Herzen und Küssen. Der alte Mann blieb aber tot, kon­nte ihn doch keine Meis­ter­wurz wieder lebendig machen, auch wenn sie ihn hät­ten wieder lebendig haben wollen. Da zogen sie alle miteinan­der fort, hiel­ten Hochzeit und lebten gut und glück­lich noch lange Zeit.