Der liebste Roland

von Brüder Grimm

~7 Min

Es war ein­mal eine Frau, die war eine rechte Hexe, und hat­te zwei Töchter, eine hässlich und böse, und die liebte sie, weil sie ihre rechte Tochter war, und eine schön und gut, die has­ste sie, weil sie ihre Stieftochter war.

Zu ein­er Zeit hat­te die Stieftochter eine schöne Schürze, die der andern gefiel, so dass sie nei­disch war und ihrer Mut­ter sagte, sie wollte und müsste die Schürze haben. Sei still, mein Kind,“ sprach die Alte, du sollst sie auch haben. Deine Stief­schwest­er hat längst den Tod ver­di­ent, heute nacht, wenn sie schläft, so komm und ich haue ihr den Kopf ab. Sorge nur, dass du hin­ten ins Bett zu liegen kommst, und schieb sie recht vor­nen hin.“

Um das arme Mäd­chen war es geschehen, wenn es nicht ger­ade in ein­er Ecke ges­tanden und alles mit ange­hört hätte. Es durfte den ganzen Tag nicht zur Türe hin­aus, und als Schlafen­szeit gekom­men war, musste es zuerst ins Bett steigen, damit sie sich hin­ten hin­le­gen kon­nte; als sie aber eingeschlafen war, da schob es sie sachte vor­nen hin und nahm den Platz hin­ten an der Wand. In der Nacht kam die Alte geschlichen, in der recht­en Hand hielt sie eine Axt, mit der linken fühlte sie erst, ob auch jemand vor­nen lag, und dann fasste sie die Axt mit bei­den Hän­den, hieb und hieb ihrem eige­nen Kind den Kopf ab. Als sie fort­ge­gan­gen war, stand das Mäd­chen auf und ging zu seinem Lieb­sten, der Roland hiess, und klopfte an seine Türe. Als er her­auskam, sprach sie zu ihm: Höre, lieb­ster Roland, wir müssen eilig flücht­en, die Stief­mut­ter hat mich totschla­gen wollen, hat aber ihr eigenes Kind getrof­fen. Kommt der Tag, und sie sieht, was sie getan hat, so sind wir verloren.“

Aber ich rate dir,“ sagte Roland, dass du erst ihren Zauber­stab weg­n­immst, son­st kön­nen wir uns nicht ret­ten, wenn sie uns nach­set­zt und ver­fol­gt.“ Das Mäd­chen holte den Zauber­stab, und dann nahm es den toten Kopf und tröpfelte drei Blut­stropfen auf die Erde, einen vors Bett, einen in die Küche und einen auf die Treppe. Darauf eilte es mit seinem Lieb­sten fort.

Als nun am Mor­gen die alte Hexe aufge­s­tanden war, rief sie ihre Tochter, und wollte ihr die Schürze geben, aber sie kam nicht. Da rief sie: Wo bist du?“

Ei, hier auf der Treppe, da kehr ich,“ antwortete der eine Blut­stropfen. Die Alte ging hin­aus, sah aber nie­mand auf der Treppe und rief aber­mals: Wo bist du?“

Ei, hier in der Küche, da wärm ich mich,“ rief der zweite Blut­stropfen. Sie ging in die Küche, aber sie fand nie­mand. Da rief sie noch ein­mal wo bist du?“

Ach, hier im Bette, da schlaf ich,“ rief der dritte Blut­stropfen. Sie ging in die Kam­mer ans Bett. Was sah sie da? Ihr eigenes Kind, das in seinem Blute schwamm, und dem sie selb­st den Kopf abge­hauen hatte.

Die Hexe geri­et in Wut, sprang ans Fen­ster, und da sie weit in die Welt schauen kon­nte, erblick­te sie ihre Stieftochter, die mit ihrem Lieb­sten Roland forteilte. Das soll euch nichts helfen,“ rief sie, wenn ihr auch schon weit weg seid, ihr ent­flieht mir doch nicht.“ 

Sie zog ihre Meilen­stiefel an, in welchen sie mit jedem Schritt eine Stunde machte, und es dauerte nicht lange, so hat­te sie bei­de einge­holt. Das Mäd­chen aber, wie es die Alte daher­schre­it­en sah, ver­wan­delte mit dem Zauber­stab seinen Lieb­sten Roland in einen See, sich selb­st aber in eine Ente, die mit­ten auf dem See schwamm. Die Hexe stellte sich ans Ufer, warf Brot­brock­en hinein und gab sich alle Mühe, die Ente her­beizu­lock­en; aber die Ente liess sich nicht lock­en, und die Alte musste abends unver­richteter Sache wieder umkehren.

Darauf nahm das Mäd­chen mit seinem Lieb­sten Roland wieder die natür­liche Gestalt an, und sie gin­gen die ganze Nacht weit­er bis zu Tage­san­bruch. Da ver­wan­delte sich das Mäd­chen in eine schöne Blume, die mit­ten in ein­er Dorn­hecke stand, seinen Lieb­sten Roland aber in einen Geigen­spiel­er. Nicht lange, so kam die Hexe herangeschrit­ten und sprach zu dem Spiel­mann: Lieber Spiel­mann, darf ich mir wohl die schöne Blume abbrechen?“ – 0 ja,“ antwortete er, ich will dazu auf­spie­len.“ Als sie nun mit Hast in die Hecke kroch und die Blume brechen wollte, denn sie wusste wohl, wer die Blume war, so fing er an aufzus­pie­len, und, sie mochte wollen oder nicht, sie musste tanzen, denn es war ein Zauber­tanz. Je schneller er spielte, desto gewaltigere Sprünge musste sie machen, und die Dor­nen ris­sen ihr die Klei­der vom Leibe, stachen sie blutig und wund, und da er nicht aufhörte, musste sie so lange tanzen, bis sie tot liegen blieb.

Als sie nun erlöst waren, sprach Roland: Nun will ich zu meinem Vater gehen und die Hochzeit bestellen.“ – So will ich der­weil hier bleiben,“ sagte das Mäd­chen, und auf dich warten, und damit mich nie­mand erken­nt, will ich mich in einen roten Feld­stein ver­wan­deln.“ Da ging Roland fort, und das Mäd­chen stand als ein rot­er Stein auf dem Felde und wartete auf seinen Liebsten.

Als aber Roland heim kam, geri­et er in die Fall­stricke ein­er andern, die es dahin brachte, dass er das Mäd­chen ver­gass. Das arme Mäd­chen stand lange Zeit, als er aber endlich gar nicht wiederkam, so ward es trau­rig und ver­wan­delte sich in eine Blume und dachte: Es wird ja wohl ein­er daherge­hen und mich umtreten.“

Es trug sich aber zu, dass ein Schäfer auf dem Felde seine Schafe hütete und die Blume sah, und weil sie so schön war, so brach er sie ab, nahm sie mit sich, und legte sie in seinen Kas­ten. Von der Zeit ging es wun­der­lich in des Schäfers Hause zu. Wenn er mor­gens auf­s­tand, so war schon alle Arbeit getan: die Stube war gekehrt, Tis­che und Bänke abgeputzt, Feuer auf den Herd gemacht und Wass­er getra­gen; und mit­tags, wenn er heim kam, war der Tisch gedeckt und ein gutes Essen aufge­tra­gen. Er kon­nte nicht begreifen, wie das zug­ing, denn er sah niemals einen Men­schen in seinem Haus, und es kon­nte sich auch nie­mand in der kleinen Hütte ver­steckt haben. Die gute Aufwartung gefiel ihm freilich, aber zulet­zt ward ihm doch angst, so dass er zu ein­er weisen Frau ging und sie um Rat fragte. Die weise Frau sprach: Es“es steckt Zauberei dahin­ter; gib ein­mal mor­gens in aller Frühe acht, ob sich etwas in der Stube regt, und wenn du etwas siehst, es mag sein, was es will, so wirf schnell ein weiss­es Tuch darüber, dann wird der Zauber gehemmt.“ Der Schäfer tat, wie sie gesagt hat­te, und am andern Mor­gen, eben als der Tag anbrach, sah er, wie sich der Kas­ten auf­tat und die Blume herauskam.

Schnell sprang er hinzu und warf ein weiss­es Tuch darüber. Als­bald war die Ver­wand­lung vor­bei, und ein schönes Mäd­chen stand vor ihm, das bekan­nte ihm, dass es die Blume gewe­sen wäre und seinen Haushalt bish­er besorgt hätte. Es erzählte ihm sein Schick­sal, und weil es ihm gefiel, fragte er, ob es ihn heirat­en wollte, aber es antwortete nein,“ denn es wollte seinem Lieb­sten Roland, obgle­ich er es ver­lassen hat­te, doch treu bleiben: aber es ver­sprach, dass es nicht wegge­hen, son­dern ihm fern­er­hin haushal­ten wollte.

Nun kam die Zeit her­an, dass Roland Hochzeit hal­ten sollte: da ward nach altem Brauch im Lande bekan­nt­gemacht, dass alle Mäd­chen sich ein­find­en und zu Ehren des Braut­paars sin­gen soll­ten. Das treue Mäd­chen, als es davon hörte, ward so trau­rig, dass es meinte, das Herz im Leibe würde ihm zer­sprin­gen, und wollte nicht hinge­hen, aber die andern kamen und holten es her­bei. Wenn aber die Rei­he kam, dass es sin­gen sollte, so trat es zurück, bis es allein noch übrig war, da kon­nte es nicht anders.

Aber wie es seinen Gesang anf­ing, und er zu Rolands Ohren kam, so sprang er auf und rief: Die Stimme kenne ich, das ist die rechte Braut, eine andere begehr ich nicht.“ Alles, was er vergessen hat­te und ihm aus dem Sinn ver­schwun­den war, das war plöt­zlich in sein Herz wieder heimgekom­men. Da hielt das treue Mäd­chen Hochzeit mit seinem Lieb­sten Roland, und war sein Leid zu Ende und fing seine Freude an.