Der König vom goldenen Berg

von Brüder Grimm

~12 Min

Ein Kauf­mann, der hat­te zwei Kinder, einen Buben und ein Mäd­chen, die waren bei­de noch klein und kon­nten noch nicht laufen. Es gin­gen aber zwei reich­be­ladene Schiffe von ihm auf dem Meer, und sein ganzes Ver­mö­gen war darin, und wie er meinte, dadurch viel Geld zu gewin­nen, kam die Nachricht, sie wären ver­sunken. Da war er nun statt eines reichen Mannes ein armer Mann und hat­te nichts mehr übrig als einen Ack­er vor der Stadt. Um sich sein Unglück ein wenig aus den Gedanken zu schla­gen, ging er hin­aus auf den Ack­er, und wie er da so auf und ab ging, stand auf ein­mal ein kleines schwarzes Män­nchen neben ihm und fragte, warum er so trau­rig wäre und was er sich so sehr zu Herzen nähme. Da sprach der Kauf­mann: Wenn du mir helfen kön­ntest, wollt ich es dir wohl sagen.“ – Wer weiss,“ antwortete das schwarze Män­nchen, vielle­icht helf ich dir.“ Da erzählte der Kauf­mann, dass ihm sein ganz­er Reich­tum auf dem Meere zugrunde gegan­gen wäre, und hätte er nichts mehr übrig als diesen Ack­er. Beküm­mere dich nicht,“ sagte das Män­nchen, wenn du mir ver­sprichst, das, was dir zu Haus am ersten widers Bein stösst, in zwölf Jahren hier­her auf den Platz zu brin­gen, sollst du Geld haben, soviel du willst.“ Der Kauf­mann dachte: Was kann das anders sein als mein Hund? Aber an seinen kleinen Jun­gen dachte er nicht und sagte ja, gab dem schwarzen Mann Hand­schrift und Siegel darüber und ging nach Haus.

Als er nach Haus kam, da freute sich sein klein­er Junge so sehr darüber, dass er sich an den Bänken hielt, zu ihm her­bei­wack­elte und ihn an den Beinen fest­pack­te. Da erschrak der Vater, denn es fiel ihm sein Ver­sprechen ein, und er wusste nun, was er ver­schrieben hat­te. Weil er aber immer noch kein Geld in seinen Kisten und Kas­ten fand, dachte er, es wäre nur ein Spass von dem Män­nchen gewe­sen. Einen Monat nach­her ging er auf den Boden und wollte altes Zinn zusam­men­su­chen und verkaufen, da sah er einen grossen Haufen Geld liegen. Nun war er wieder guter Dinge, kaufte ein, ward ein grösser­er Kauf­mann als vorher und liess Gott einen guten Mann sein. Unter­dessen ward der Junge gross und dabei klug und gescheit. Je näher aber die zwölf Jahre her­beika­men, je sor­gen­voller ward der Kauf­mann, so dass man ihm die Angst im Gesichte sehen kon­nte. Da fragte ihn der Sohn ein­mal, was ihm fehlte. Der Vater wollte es nicht sagen, aber jen­er hielt so lange an, bis er ihm endlich sagte, er hätte ihn, ohne zu wis­sen, was er ver­spräche, einem schwarzen Män­nchen zuge­sagt und vieles Geld dafür bekom­men. Er hätte seine Hand­schrift mit Siegel darüber gegeben, und nun müsste er ihn, wenn zwölf Jahre herum wären, aus­liefern. Da sprach der Sohn: O Vater, lasst Euch nicht bang sein, das soll schon gut wer­den, der Schwarze hat keine Macht über mich.“

Der Sohn liess sich von dem Geistlichen seg­nen, und als die Stunde kam, gin­gen sie zusam­men hin­aus auf den Ack­er, und der Sohn machte einen Kreis und stellte sich mit seinem Vater hinein. Da kam das schwarze Män­nchen und sprach zu dem Alten: Hast du mit­ge­bracht, was du mir ver­sprochen hast?“ Er schwieg still, aber der Sohn fragte: Was willst du hier?“ Da sagte das schwarze Män­nchen: Ich habe mit deinem Vater zu sprechen und nicht mit dir.“ Der Sohn antwortete: Du hast meinen Vater bet­ro­gen und ver­führt, gib die Hand­schrift her­aus!“ – Nein,“ sagte das schwarze Män­nchen, mein Recht geb ich nicht auf.“ Da rede­ten sie noch lange miteinan­der, endlich wur­den sie einig, der Sohn, weil er dem Erbfeind und nicht mehr seinem Vater zuge­hörte, sollte sich in ein Schif­fchen set­zen, das auf einem hin­ab­wärts fliessenden Wass­er stände, und der Vater sollte es mit seinem eige­nen Fuss fort­stossen, und dann sollte der Sohn dem Wass­er über­lassen bleiben. Da nahm er Abschied von seinem Vater, set­zte sich in ein Schif­fchen, und der Vater musste es mit seinem eige­nen Fuss fort­stossen. Das Schif­fchen schlug um, so dass der unter­ste Teil oben war, die Decke aber im Wass­er; und der Vater glaubte, sein Sohn wäre ver­loren, ging heim und trauerte um ihn.

Das Schif­fchen aber ver­sank nicht, son­dern floss ruhig fort, und der Jüngling sass sich­er darin, und so floss es lange, bis es endlich an einem unbekan­nten Ufer fest­sitzen blieb. Da stieg er ans Land, sah ein schönes Schloss vor sich liegen und ging darauf los. Wie er aber hinein­trat, war es ver­wün­scht. Er ging durch alle Zim­mer, aber sie waren leer, bis er in die let­zte Kam­mer kam, da lag eine Schlange darin und ringelte sich. Die Schlange aber war eine ver­wün­schte Jungfrau, die freute sich, wie sie ihn sah, und sprach zu ihm: Kommst du, mein Erlös­er? Auf dich habe ich schon zwölf Jahre gewartet; dies Reich ist ver­wün­scht, und du musst es erlösen.“ – Wie kann ich das?“ fragte er. Heute nacht kom­men zwölf schwarze Män­ner, die mit Ket­ten behangen sind, die wer­den dich fra­gen, was du hier machst, da schweig aber still und gib ihnen keine Antwort, und lass sie mit dir machen, was sie wollen. Sie wer­den dich quälen, schla­gen und stechen, lass alles geschehen, nur rede nicht; um zwölf Uhr müssen sie wieder fort. Und in der zweit­en Nacht wer­den wieder zwölf andere kom­men, in der drit­ten vierundzwanzig, die wer­den dir den Kopf abhauen; aber um zwölf Uhr ist ihre Macht vor­bei, und wenn du dann aus­ge­hal­ten und kein Wörtchen gesprochen hast, so bin ich erlöst. Ich komme zu dir, und habe in ein­er Flasche das Wass­er des Lebens, damit bestre­iche ich dich, und dann bist du wieder lebendig und gesund wie zuvor.“ Da sprach er: Gerne will ich dich erlösen.“ Es geschah nun alles so, wie sie gesagt hat­te. Die schwarzen Män­ner kon­nten ihm kein Wort abzwin­gen, und in der drit­ten Nacht ward die Schlange zu ein­er schö­nen Königstochter, die kam mit dem Wass­er des Lebens und machte ihn wieder lebendig. Und dann fiel sie ihm um den Hals und küsste ihn, und war Jubel und Freude im ganzen Schloss. Da wurde ihre Hochzeit gehal­ten, und er war König vom gold­e­nen Berge.

Also lebten sie vergnügt zusam­men, und die Köni­gin gebar einen schö­nen Knaben. Acht Jahre waren schon herum, da fiel ihm sein Vater ein und sein Herz ward bewegt, und er wün­schte ihn ein­mal heimzusuchen. Die Köni­gin wollte ihn aber nicht fort­lassen und sagte: Ich weiss schon, dass es mein Unglück ist,“ er liess ihr aber keine Ruhe, bis sie ein­willigte. Beim Abschied gab sie ihm noch einen Wün­schring und sprach: Nimm diesen Ring und steck ihn an deinen Fin­ger, so wirst du als­bald dahin ver­set­zt, wo du dich hin­wün­schest, nur musst du mir ver­sprechen, dass du ihn nicht gebrauchst, mich von hier weg zu deinem Vater zu wün­schen.“ Er ver­sprach ihr das, steck­te den Ring an seinen Fin­ger und wün­schte sich heim vor die Stadt, wo sein Vater lebte. Im Augen­blick befand er sich auch dort und wollte in die Stadt. Wie er aber vors Tor kam, woll­ten ihn die Schildwachen nicht ein­lassen, weil er selt­same und doch so reiche und prächtige Klei­der anhat­te. Da ging er auf einen Berg, wo ein Schäfer hütete, tauschte mit diesem die Klei­der, zog den alten Schä­fer­rock an und ging also ungestört in die Stadt ein. Als er zu seinem Vater kam, gab er sich zu erken­nen, der aber glaubte nim­mer­mehr, dass es sein Sohn wäre, und sagte, er hätte zwar einen Sohn gehabt, der wäre aber längst tot; doch weil er sähe, dass er ein armer dürftiger Schäfer wäre, so wollte er ihm einen Teller voll zu essen geben. Da sprach der Schäfer zu seinen Eltern: Ich bin wahrhaftig euer Sohn, wisst ihr kein Mal an meinem Leibe, woran ihr mich erken­nen kön­nt?“ – Ja,“ sagte die Mut­ter, unser Sohn hat­te eine Him­beere unter dem recht­en Arm.“ Er streifte das Hemd zurück, da sahen sie die Him­beere unter seinem recht­en Arm und zweifel­ten nicht mehr, dass es ihr Sohn wäre. Darauf erzählte er ihnen, er wäre König vom gold­e­nen Berge, und eine Königstochter wäre seine Gemahlin, und sie hät­ten einen schö­nen Sohn von sieben Jahren. Da sprach der Vater: Nun und nim­mer­mehr ist das wahr! Das ist mir ein schön­er König, der in einem zer­lumpten Schä­fer­rock herge­ht!“ Da ward der Sohn zornig und drehte, ohne an sein Ver­sprechen zu denken, den Ring herum und wün­schte bei­de, seine Gemahlin und sein Kind, zu sich. In dem Augen­blick waren sie auch da, aber die Köni­gin, die klagte und weinte und sagte, er hätte sein Wort gebrochen und sie unglück­lich gemacht. Er sagte: Ich habe es unacht­sam getan und nicht mit bösem Willen,“ und redete ihr zu; sie stellte sich auch, als gäbe sie nach, aber sie hat­te Bös­es im Sinn.

Da führte er sie hin­aus vor die Stadt auf den Ack­er und zeigte ihr das Wass­er, wo das Schif­fchen war abgestossen wor­den, und sprach dann: Ich bin müde, set­ze dich nieder, ich will ein wenig auf deinem Schoss schlafen.“ Da legte er seinen Kopf auf ihren Schoss, und sie lauste ihn ein wenig, bis er ein­schlief. Als er eingeschlafen war, zog sie erst den Ring von seinem Fin­ger, dann zog sie den Fuss unter ihm weg und liess nur den Tof­fel zurück; hier­auf nahm sie ihr Kind in den Arm und wün­schte sich wieder in ihr Kön­i­gre­ich. Als er aufwachte, lag er da ganz ver­lassen, und seine Gemahlin und das Kind waren fort und der Ring vom Fin­ger auch, nur der Tof­fel stand noch da zum Wahrze­ichen. Nach Haus zu deinen Eltern kannst du nicht wieder gehen, dachte er, die wür­den sagen, du wärst ein Hex­en­meis­ter, du willst auf­pack­en und gehen, bis du in dein Kön­i­gre­ich kommst. Also ging er fort und kam endlich zu einem Berg, vor dem drei Riesen standen und miteinan­der strit­ten, weil sie nicht wussten, wie sie ihres Vaters Erbe teilen soll­ten. Als sie ihn vor­beige­hen sahen, riefen sie ihn an und sagten, kleine Men­schen hät­ten klu­gen Sinn, er sollte ihnen die Erb­schaft verteilen. Die Erb­schaft aber bestand aus einem Degen, wenn ein­er den in die Hand nahm und sprach: Köpf alle runter, nur mein­er nicht!“ so lagen alle Köpfe auf der Erde; zweit­ens aus einem Man­tel, wer den anzog, war unsicht­bar; drit­tens aus einem Paar Stiefel, wenn man die ange­zo­gen hat­te und sich wohin wün­schte, so war man im Augen­blick dort. Er sagte: Gebt mir die drei Stücke, damit ich pro­bieren kön­nte, ob sie noch in gutem Stande sind!“ Da gaben sie ihm den Man­tel, und als er ihn umge­hängt hat­te, war er unsicht­bar und war in eine Fliege ver­wan­delt. Dann nahm er wieder seine Gestalt an und sprach: Der Man­tel ist gut, nun gebt mir das Schw­ert!“ Sie sagten: Nein, das geben wir nicht! Wenn du sagtest: Köpf alle runter, nur mein­er nicht, so wären unsere Köpfe alle herab und du allein hättest den deini­gen noch.“ Doch gaben sie es ihm unter der Bedin­gung, dass er’s an einem Baum pro­bieren sollte. Das tat er, und das Schw­ert zer­schnitt den Stamm eines Baumes wie einen Stro­hhalm. Nun wollt er noch die Stiefel haben, sie sprachen aber: Nein, die geben wir nicht weg, wenn du sie ange­zo­gen hättest und wün­scht­est dich oben auf den Berg, so stün­den wir da unten und hät­ten nichts!“ – Nein,“ sprach er, das will ich nicht tun.“ Da gaben sie ihm auch die Stiefel. Wie er nun alle drei Stücke hat­te, so dachte er an nichts als an seine Frau und sein Kind und sprach so vor sich hin: Ach, wäre ich auf dem gold­e­nen Berg,“ und als­bald ver­schwand er vor den Augen der Riesen, und war also ihr Erbe geteilt. Als er nah beim Schloss war, hörte er Freudengeschrei, Geigen und Flöten, und die Leute sagten ihm, seine Gemahlin feiere ihre Hochzeit mit einem andern. Da ward er zornig und sprach: Die Falsche, sie hat mich bet­ro­gen und mich ver­lassen, als ich eingeschlafen war.“ Da hing er seinen Man­tel um und ging unsicht­bar ins Schloss hinein. Als er in den Saal ein­trat, war da eine grosse Tafel mit köstlichen Speisen beset­zt, und die Gäste assen und tranken und scherzten. Sie aber sass in der Mitte, in prächti­gen Klei­dern auf einem königlichen Ses­sel und hat­te die Kro­ne auf dem Haupt. Er stellte sich hin­ter sie und nie­mand sah ihn. Wenn sie ihr ein Stück Fleisch auf den Teller legten, nahm er es weg und ass es; und wenn sie ihr ein Glas Wein ein­schenk­ten, nahm er’s weg und trank’s aus; sie gaben ihr immer, und sie hat­te doch immer nichts, denn Teller und Glas ver­schwand augen­blick­lich. Da ward sie bestürzt und schämte sie sich, stand auf und ging in ihre Kam­mer und weinte, er aber ging hin­ter ihr her. Da sprach sie: Ist denn der Teufel über mir, oder kam mein Erlös­er nie?“ Da schlug er ihr ins Angesicht und sagte: Kam dein Erlös­er nie? Er ist über dir, du Betrügerin! Habe ich das an dir ver­di­ent?“ Da machte er sich sicht­bar, ging in den Saal und rief: Die Hochzeit ist aus, der wahre König ist gekom­men!“ Die Könige, Fürsten und Räte, die da ver­sam­melt waren, höh­n­ten und ver­lacht­en ihn. Er gab aber kurze Worte und sprach: Wollt ihr hin­aus oder nicht?“ Da wollen sie ihn fan­gen und drangen auf ihn ein, aber er zog sein Schw­ert und sprach: Köpf alle runter, nur mein­er nicht!“ Da roll­ten alle Köpfe zur Erde, und er war allein der Herr und war wieder König vom gold­e­nen Berge.