Der Krautesel

von Brüder Grimm

~13 Min

Es war ein­mal ein junger Jäger, der ging in den Wald auf Anstand. Er hat­te ein frisches und fröh­lich­es Herz, und als er daherg­ing und auf dem Blatt pfiff, kam ein altes hässlich­es Müt­terchen, das redete ihn an und sprach guten Tag, lieber Jäger, du bist wohl lustig und vergnügt, aber ich lei­de Hunger und Durst, gib mir doch ein Almosen.‘ Da dauerte den Jäger das arme Müt­terchen, dass er in seine Tasche griff und ihr nach seinem Ver­mö­gen etwas reichte. Nun wollte er weit­erge­hen, aber die alte Frau hielt ihn an und sprach höre, lieber Jäger, was ich dir sage, für dein gutes Herz will ich dir ein Geschenk machen: geh nur immer dein­er Wege, über ein Weilchen wirst du an einen Baum kom­men, darauf sitzen neun Vögel, die haben einen Man­tel in den Krallen und raufen sich darum. Da lege du deine Büchse an und schiess mit­ten drunter: den Man­tel wer­den sie dir wohl fall­en lassen, aber auch ein­er von den Vögeln wird getrof­fen sein und tot her­ab­stürzen. Den Man­tel nimm mit dir, es ist ein Wun­schman­tel, wenn du ihn um die Schul­tern wirf­st, brauchst du dich nur an einen Ort zu wün­schen, und im Augen­blick bist du dort. Aus dem toten Vogel nimm das Herz her­aus, und ver­schluck es ganz, dann wirst du allen und jeden Mor­gen früh beim Auf­ste­hen ein Gold­stück unter deinem Kopfkissen finden.‘

Der Jäger dank­te der weisen Frau und dachte bei sich schöne Dinge, die sie mir ver­sprochen hat, wenns nur auch all so ein­träfe.‘ Doch wie er etwa hun­dert Schritte gegan­gen war, hörte er über sich in den Ästen ein Geschrei und Gezwitsch­er, dass er auf­schauete: da sah er einen Haufen Vögel, die ris­sen mit den Schnä­beln und Füssen ein Tuch herum, schrien, zer­rten und bal­gten sich, als wollts ein jed­er allein haben. Nun,‘ sprach der Jäger, das ist wun­der­lich, es kommt ja ger­ade so, wie das Müt­terchen gesagt hat,‘ nahm die Büchse von der Schul­ter, legte an und tat seinen Schuss mit­ten hinein, dass die Fed­ern herum­flo­gen. Als­bald nahm das Geti­er mit grossem Schreien die Flucht, aber ein­er fiel tot herab, und der Man­tel sank eben­falls herunter. Da tat der Jäger, wie ihm die Alte geheis­sen hat­te, schnitt den Vogel auf, suchte das Herz, schluck­te es hin­unter und nahm den Man­tel mit nach Haus.

Am andern Mor­gen, als er aufwachte, fiel ihm die Ver­heis­sung ein, und er wollte sehen, ob sie auch eingetrof­fen wäre. Wie er aber sein Kopfkissen in die Höhe hob, da schim­merte ihm das Gold­stück ent­ge­gen, und am andern Mor­gen fand er wieder eins, und so weit­er jedes­mal, wenn er auf­s­tand. Er sam­melte sich einen Haufen Gold, endlich aber dachte er was hil­ft mir all mein Gold, wenn ich daheim bleibe? ich will ausziehen und mich in der Welt umsehen.‘

Da nahm er von seinen Eltern Abschied, hing seinen Jäger­ranzen und seine Flinte um und zog in die Welt. Es trug sich zu, dass er eines Tages durch einen dick­en Wald kam, und wie der zu Ende war, lag in der Ebene vor ihm ein ansehn­lich­es Schloss. In einem Fen­ster des­sel­ben stand eine Alte mit ein­er wun­der­schö­nen Jungfrau und schaute herab. Die Alte aber war eine Hexe und sprach zu dem Mäd­chen dort kommt ein­er aus dem Wald, der hat einen wun­der­baren Schatz im Leib, den müssen wir darum berück­en, mein Herzen­stöchterchen: uns ste­ht das bess­er an als ihm. Er hat ein Vogel­herz bei sich, deshalb liegt jeden Mor­gen ein Gold­stück unter seinem Kopfkissen.‘ Sie erzählt, ihr, wie es damit beschaf­fen wäre, und wie sie darum zu spie­len hätte, und zulet­zt dro­hte sie und sprach mit zorni­gen Augen und wenn du mir nicht gehorchst, so bist du unglück­lich.‘ Als nun der Jäger näher kam, erblick­te er das Mäd­chen und sprach zu sich ich bin nun so lang herumge­zo­gen, ich will ein­mal aus­ruhen und in das schöne Schloss einkehren, Geld hab ich ja vol­lauf.‘ Eigentlich aber war die Ursache, dass er ein Auge auf das schöne Bild gewor­fen hatte.

Er trat in das Haus ein und ward fre­undlich emp­fan­gen und höflich bewirtet. Es dauerte nicht lange, da war er so in das Hex­en­mäd­chen ver­liebt, dass er an nichts anders mehr dachte und nur nach ihren Augen sah, und was sie ver­langte, das tat er gerne. Da sprach die Alte nun müssen wir das Vogel­herz haben, er wird nichts spüren, wenn es ihm fehlt.‘ Sie richteten einen Trank zu, und wie der gekocht war, tat sie ihn in einen Bech­er und gab ihn dem Mäd­chen, das musste ihn dem Jäger reichen. Sprach es nun, mein Lieb­ster, trink mir zu.‘ Da nahm er den Bech­er, und wie er den Trank geschluckt hat­te, brach er das Herz des Vogels aus dem Leibe. Das Mäd­chen musste es heim­lich fortschaf­fen und dann selb­st ver­schluck­en, denn die Alte wollte es haben. Von nun an fand er kein Gold mehr unter seinem Kopfkissen, son­dern es lag unter dem Kissen des Mäd­chens, wo es die Alte jeden Mor­gen holte: aber er war so ver­liebt und vernar­rt, dass er an nichts anders dachte, als sich mit dem Mäd­chen die Zeit zu vertreiben.

Da sprach die alte Hexe das Vogel­herz haben wir, aber den Wun­schman­tel müssen wir ihm auch abnehmen.‘ Antwortete das Mäd­chen den wollen wir ihm lassen, er hat ja doch seinen Reich­tum ver­loren.‘ Da ward die Alte bös und sprach so ein Man­tel ist ein wun­der­bares Ding, das sel­ten auf der Welt gefun­den wird, den soll und muss ich haben.‘ Sie gab dem Mäd­chen Anschläge und sagte, wenn es ihr nicht gehorchte, sollte es ihm schlimm erge­hen. Da tat es nach dem Geheiss der Alten, stellte sich ein­mal ans Fen­ster und schaute in die weite Gegend, als wäre es ganz trau­rig. Fragte der Jäger was stehst du so trau­rig?, Ach, mein Schatz,‘ gab es zur Antwort, da gegenüber liegt der Granaten­berg, wo die köstlichen Edel­steine wach­sen. Ich trage so gross Ver­lan­gen danach, dass, wenn ich daran denke, ich ganz trau­rig bin; aber wer kann sie holen! Nur die Vögel, die fliegen, kom­men hin, ein Men­sch nim­mer­mehr.‘ Hast du weit­er nichts zu kla­gen,‘ sagte der Jäger, den Kum­mer will ich dir bald vom Herzen nehmen.‘ Damit fasste er sie unter seinen Man­tel und wün­schte sich hinüber auf den Granaten­berg, und im Augen­blick sassen sie auch bei­de drauf. Da schim­merte das edele Gestein von allen Seit­en, dass es eine Freude war anzuse­hen, und sie lasen die schön­sten und kost­barsten Stücke zusam­men. Nun hat­te es aber die Alte durch ihre Hex­enkun­st bewirkt, dass dem Jäger die Augen schw­er wur­den. Er sprach zu dem Mäd­chen wir wollen ein wenig nieder­sitzen und ruhen, ich bin so müde, dass ich mich nicht mehr auf den Füssen erhal­ten kann.‘ Da set­zten sie sich, und er legte sein Haupt in ihren Schoss und schlief ein. Wie er entschlafen war, da band es ihm den Man­tel von den Schul­tern und hing ihn sich selb­st um, las die Granat­en und Steine auf und wün­schte sich damit nach Haus.

Als aber der Jäger seinen Schlaf aus­ge­tan hat­te und aufwachte, sah er, dass seine Lieb­ste ihn bet­ro­gen und auf dem wilden Gebirg allein gelassen hat­te. O,‘ sprach er, wie ist die Untreue so gross auf der Welt!‘ sass da in Sorge und Herzeleid und wusste nicht, was er anfan­gen sollte. Der Berg aber gehörte wilden und unge­heuern Riesen, die darauf wohn­ten und ihr Wesen trieben, und er sass nicht lange, so sah er ihrer drei daher­schre­it­en. Da legte er sich nieder, als wäre er in tiefen Schlaf ver­sunken. Nun kamen die Riesen her­bei, und der erste stiess ihn mit dem Fuss an und sprach was liegt da für ein Erd­wurm und beschaut sich inwendig?‘ Der zweite sprach tritt ihn tot.‘ Der dritte aber sprach verächtlich das wäre der Mühe wert! lasst ihn nur leben, hier kann er nicht bleiben, und wenn er höher steigt bis auf die Bergspitze, so pack­en ihn die Wolken und tra­gen ihn fort.‘ Unter diesem Gespräch gin­gen sie vorüber, der Jäger aber hat­te auf ihre Worte gemerkt, und sobald sie fort waren, stand er auf und klimmte den Berggipfel hin­auf. Als er ein Weilchen da gesessen hat­te, so schwebte eine Wolke her­an, ergriff ihn, trug ihn fort und zog eine Zeit­lang am Him­mel her, dann senk­te sie sich und liess sich über einen grossen, rings mit Mauern umgebe­nen Kraut­garten nieder, also dass er zwis­chen Kohl und Gemüsen san­ft auf den Boden kam.

Da sah der Jäger sich um und sprach wenn ich nur etwas zu essen hätte, ich bin so hun­grig, und mit dem Weit­erkom­men wirds schw­er fall­en; aber hier seh ich keinen Apfel und keine Birne und kein­er­lei Obst, über­all nichts als Krautwerk.‘ Endlich dachte er zur Not kann ich von dem Salat essen, der schmeckt nicht son­der­lich, wird mich aber erfrischen.‘ Also suchte er sich ein schönes Haupt aus und ass davon, aber kaum hat­te er ein paar Bis­sen hin­abgeschluckt, so war ihm so wun­der­lich zumute, und er fühlte sich ganz verän­dert. Es wuch­sen ihm vier Beine, ein dick­er Kopf und zwei lange Ohren, und er sah mit Schreck­en, dass er in einen Esel ver­wan­delt war. Doch weil er dabei immer noch grossen Hunger spürte und ihm der saftige Salat nach sein­er jet­zi­gen Natur gut schmeck­te, so ass er mit gross­er Gier immerzu. Endlich gelangte er an eine andere Art Salat, aber kaum hat­te er etwas davon ver­schluckt, so fühlte er aufs neue eine Verän­derung, und kehrte in seine men­schliche Gestalt zurück.

Nun legte sich der Jäger nieder und schlief seine Müdigkeit aus. Als er am andern Mor­gen erwachte, brach er ein Haupt von dem bösen und eins von dem guten Salat ab und dachte das soll mir zu dem Meini­gen wieder helfen und die Treulosigkeit bestrafen.‘ Dann steck­te er die Häupter zu sich, klet­terte über die Mauer und ging fort, das Schloss sein­er Lieb­sten zu suchen. Als er ein paar Tage herumgestrichen war, fand er es glück­licher­weise wieder. Da bräunte er sich schnell sein Gesicht, dass ihn seine eigene Mut­ter nicht erkan­nt hätte, ging in das Schloss und bat um eine Her­berge. Ich bin so müde,‘ sprach er, und kann nicht weit­er.‘ Fragte die Hexe Lands­mann, wer seid Ihr, und was ist Euer Geschäft?‘ Er antwortete ich bin ein Bote des Königs und war aus­geschickt, den köstlich­sten Salat zu suchen, der unter der Sonne wächst. Ich bin auch so glück­lich gewe­sen, ihn zu find­en, und trage ihn bei mir, aber die Son­nen­hitze bren­nt gar zu stark, dass mir das zarte Kraut zu welken dro­ht und ich nicht weiss, ob ich es weit­er­brin­gen werde.‘

Als die Alte von dem köstlichen Salat hörte, ward sie lüstern und sprach lieber Lands­mann, lasst mich doch den wun­der­baren Salat ver­suchen.‘ Warum nicht?‘ antwortete er, ich habe zwei Häupter mit­ge­bracht und will Euch eins geben,‘ machte seinen Sack auf und reichte ihr das böse hin. Die Hexe dachte an nichts Arges, und der Mund wässerte ihr so sehr nach dem neuen Gericht, dass sie selb­st in die Küche ging und es zubere­it­ete. Als es fer­tig war, kon­nte sie nicht warten, bis es auf dem Tisch stand, son­dern sie nahm gle­ich ein paar Blät­ter und steck­te sie in den Mund, kaum aber waren sie ver­schluckt, so war auch die men­schliche Gestalt ver­loren, und sie lief als eine Eselin hinab in den Hof. Nun kam die Magd in die Küche, sah den fer­ti­gen Salat da ste­hen und wollte ihn auf­tra­gen, unter­wegs aber über­fiel sie, nach alter Gewohn­heit, die Lust zu ver­suchen, und sie ass ein paar Blät­ter. Als­bald zeigte sich die Wun­derkraft, und sie ward eben­falls zu ein­er Eselin und lief hin­aus zu der Alten, und die Schüs­sel mit Salat fiel auf die Erde. Der Bote sass in der Zeit bei dem schö­nen Mäd­chen, und als nie­mand mit dem Salat kam, und es doch auch lüstern danach war, sprach es ich weiss nicht, wo der Salat bleibt.‘ Da dachte der Jäger das Kraut wird schon gewirkt haben,‘ und sprach ich will nach der Küche gehen und mich erkundi­gen.‘ Wie er hin­abkam, sah er die zwei Eselin­nen im Hof herum­laufen, der Salat aber lag auf der Erde. Schon recht,‘ sprach er, die zwei haben ihr Teil weg,‘ und hob die übri­gen Blät­ter auf, legte sie auf die Schüs­sel und brachte sie dem Mäd­chen. Ich bring Euch selb­st das köstliche Essen,‘ sprach er, damit Ihr nicht länger zu warten braucht.‘ Da ass sie davon und war als­bald wie die übri­gen ihrer men­schlichen Gestalt beraubt und lief als eine Eselin in den Hof.

Nach­dem sich der Jäger sein Angesicht gewaschen hat­te, also dass ihn die Ver­wan­del­ten erken­nen kon­nten, ging er hinab in den Hof und sprach jet­zt sollt ihr den Lohn für eure Untreue emp­fan­gen.‘ Er band sie alle drei an ein Seil und trieb sie fort, bis er zu ein­er Müh­le kam. Er klopfte an das Fen­ster, der Müller steck­te den Kopf her­aus und fragte, was sein Begehren wäre. Ich habe drei böse Tiere,‘ antwortete er, die ich nicht länger behal­ten mag. Wollt Ihr sie bei Euch nehmen, Fut­ter und Lager geben, und sie hal­ten, wie ich Euch sage, so zahl ich dafür, was Ihr ver­langt.‘ Sprach der Müller warum das nicht? wie soll ich sie aber hal­ten?‘ Da sagte der Jäger, der alten Eselin, und das war die Hexe, sollte er täglich dreimal Schläge und ein­mal zu fressen geben; der jüngern, welche die Magd war, ein­mal Schläge und dreimal Fut­ter; und der jüng­sten, welche das Mäd­chen war, kein­mal Schläge und dreimal zu fressen; denn er kon­nte es doch nicht über das Herz brin­gen, dass das Mäd­chen sollte geschla­gen wer­den. Darauf ging er zurück in das Schloss, und was er nötig hat­te, das fand er alles darin.

Nach ein paar Tagen kam der Müller und sprach, er müsste melden, dass die alte Eselin, die nur Schläge bekom­men hätte und nur ein­mal zu fressen, gestor­ben sei. Die zwei andern,‘ sagte er weit­er, sind zwar nicht gestor­ben und kriegen auch dreimal zu fressen, aber sie sind so trau­rig, dass es nicht lange mit ihnen dauern kann.‘ Da erbarmte sich der Jäger, liess den Zorn fahren und sprach zum Müller, er sollte sie wieder hertreiben. Und wie sie kamen, gab er ihnen von dem guten Salat zu fressen, dass sie wieder zu Men­schen wur­den. Da fiel das schöne Mäd­chen vor ihm auf die Knie und sprach ach, mein Lieb­ster, verzei­ht mir, was ich Bös­es an Euch getan, meine Mut­ter hat­te mich dazu gezwun­gen; es ist gegen meinen Willen geschehen, denn ich habe Euch von Herzen lieb. Euer Wun­schman­tel hängt in einem Schrank, und für das Vogel­herz will ich einen Brechtrunk ein­nehmen.‘ Da ward er anderes Sinnes und sprach behalt es nur, es ist doch ein­er­lei, denn ich will dich zu mein­er treuen Ehegemahlin annehmen.‘ Und da ward Hochzeit gehal­ten, und sie lebten vergnügt miteinan­der bis an ihren Tod.