Der kleine Vogel

von Richard von Volkmann-Leander

~6 Min

Ein Mann und eine Frau wohn­ten in einem hüb­schen kleinen Hause, und es fehlte ihnen nichts zu ihrer vollen Glück­seligkeit. Hin­ter dem Hause war ein Garten mit schö­nen alten Bäu­men, in dem die Frau die sel­tensten Pflanzen und Blu­men zog. Eines Tages ging der Mann im Garten spazieren, freute sich über die her­rlichen Gerüche, welche die Blu­men ausströmten, und dachte bei sich selb­st: Was du doch für ein glück­lich­er Men­sch bist und für eine gute, hüb­sche, geschick­te Frau hast!“ Wie er das so bei sich dachte, da bewegte sich etwas zu seinen Füßen.

Der Mann, der sehr kurzsichtig war, bück­te sich und ent­deck­te einen kleinen Vogel, der wahrschein­lich aus dem Neste gefall­en war und noch nicht fliegen konnte.

Er hob ihn auf, besah ihn sich und trug ihn zu sein­er Frau. Herzens­frau“, rief er ihr zu, ich habe einen kleinen Vogel gefan­gen; ich glaube, es wird eine Nachtigall!“

Lieber gar!“ antwortete die Frau, ohne den Vogel auch nur anzuse­hen; wie soll eine junge Nachti­gall in unseren Garten kom­men? Es nis­ten ja keine alten drin.“

Du kannst dich darauf ver­lassen, es ist eine Nachti­gall! Übri­gens habe ich schon ein­mal eine in unserem Garten schla­gen hören. Das wird her­rlich, wenn sie groß wird und zu sin­gen begin­nt! Ich höre die Nachti­gallen so gern!“

Es ist doch keine!“ wieder­holte die Frau, indem sie immer noch nicht auf­sah; denn sie war ger­ade mit ihrem Strick­strumpfe beschäftigt, und es war ihr eine Masche heruntergefallen.

Doch, doch!“ sagte der Mann, ich sehe es jet­zt ganz genau!“ und hielt sich den Vogel dicht an die Nase.

Da trat die Frau her­an, lachte laut und rief: Män­nchen, es ist ja bloß ein Spatz!“

Frau“, ent­geg­nete hier­auf der Mann und wurde schon etwas heftig, wie kannst du denken, daß ich eine Nachti­gall ger­ade mit dem Allerge­me­in­sten ver­wech­seln werde, was es gibt! Du ver­stehst gar nichts von Naturgeschichte, und ich habe als Knabe eine Schmetter­lings- und eine Käfer­samm­lung gehabt.“

Aber, Mann, ich bitte dich, hat denn wohl eine Nachti­gall einen so bre­it­en Schn­abel und einen so dick­en Kopf?“

Jawohl, das hat sie; und es ist eine Nachtigall!“

Ich sage dir aber, es ist keine; höre doch, wie er piepst!“

Kleine Nachti­gallen piepsen auch.“

Und so ging es fort, bis sie sich ganz ern­stlich zank­ten. Zulet­zt ging der Mann ärg­er­lich aus der Stube und holte einen kleinen Käfig.

Daß du mir das eklige Tier nicht in die Stube set­zt!“ rief ihm die Frau ent­ge­gen, als er noch in der Türe stand. Ich will es nicht haben!“

Ich werde doch sehen, ob ich noch Herr im Hause bin!“ antwortete der Mann, tat den Vogel in den Käfig, ließ Ameiseneier holen und füt­terte ihn – und der kleine Vogel ließ sich’s gut schmecken.

Beim Aben­dessen aber saßen der Mann und die Frau jed­er an ein­er Tis­checke und sprachen kein Wort miteinander.

Am näch­sten Mor­gen trat die Frau schon ganz früh an das Bett ihres Mannes und sagte ern­sthaft: Lieber Mann, du bist gestern recht unvernün­ftig und gegen mich sehr unfre­undlich gewe­sen. Ich habe mir eben den kleinen Vogel noch ein­mal bese­hen. Es ist ganz sich­er ein junger Spatz; erlaube, daß ich ihn fortlasse.“

Daß du mir die Nachti­gall nicht anrührst!“ rief der Mann wütend und würdigte seine Frau keines Blickes.

So vergin­gen vierzehn Tage. Aus dem kleinen Häuschen schienen Glück und Friede auf immer gewichen zu sein. Der Mann brummte, und wenn die Frau nicht brummte, weinte sie. Nur der kleine Vogel wurde bei seinen Ameiseneiern immer größer, und seine Fed­ern wuch­sen zuse­hends, als wenn er bald flügge wer­den wollte. Er hüpfte im Käfig umher, set­zte sich in den Sand auf dem Boden des Käfigs, zog den Kopf ein und plus­terte die Fed­ern auf, indem er sich schüt­telte, und piep­ste – wie ein richtiger junger Spatz. Und jedes­mal, wenn er piep­ste, fuhr es der Frau wie ein Dolch­stich durchs Herz. –

Eines Tages war der Mann aus­ge­gan­gen, und die Frau saß weinend allein im Zim­mer und dachte darüber nach, wie glück­lich sie doch mit ihrem Manne gelebt habe; wie vergnügt sie von früh bis zum Abend gewe­sen seien und wie ihr Mann sie geliebt – und wie nun alles, alles aus sei, seit der ver­wün­schte Vogel ins Haus gekommen.

Plöt­zlich sprang sie auf, wie jemand, der einen raschen Entschluß faßt, nahm den Vogel aus dem Käfig und ließ ihn zum Fen­ster in den Garten hinaushüpfen.

Gle­ich darauf kam der Mann.

Lieber Mann“, sagte die Frau, indem sie nicht wagte, ihn anzuse­hen, es ist ein Unglück passiert; den kleinen Vogel hat die Katze gefressen.“

Die Katze gefressen?“ wieder­holte der Mann, indem er starr vor Entset­zen wurde; die Katze gefressen? Du lügst! Du hast die Nachti­gall absichtlich fort­ge­lassen! Das hätte ich dir nie zuge­traut. Du bist eine schlechte Frau. Nun ist es für ewig mit unser­er Fre­und­schaft aus!“ Dabei wurde er ganz blaß, und es trat­en ihm die Trä­nen in die Augen.

Wie dies die Frau sah, wurde sie auf ein­mal inne, daß sie doch ein recht großes Unrecht getan habe, den Vogel fortzu­lassen, und laut weinend eilte sie in den Garten, um zu sehen, ob sie ihn vielle­icht dort noch fände und haschen kön­nte. Und richtig, mit­ten auf dem Wege hüpfte und flat­terte das Vögelchen; denn es kon­nte immer noch nicht ordentlich fliegen.

Da stürzte die Frau auf das­selbe zu, um es zu fan­gen, aber das Vögelchen huschte ins Beet und vom Beet in einen Busch und von diesem wieder unter einen anderen, und die Frau stürzte in ihrer Herzen­sangst hin­ter ihm her. Sie zer­trat die Beete und Blu­men, ohne im ger­ing­sten darauf zu acht­en, und jagte sich wohl eine halbe Stunde lang mit dem Vogel im Garten herum. Endlich erhäschte sie ihn, und pur­purrot im Gesicht und mit ganz ver­wildertem Haar kam sie in die Stube zurück. Ihre Augen funkel­ten vor Freude, und ihr
Herz klopfte heftig.

Gold­ner Mann“, sagte sie, ich habe die Nachti­gall wieder gefan­gen. Sei nicht mehr böse; es war recht häßlich von mir!“

Da sah der Mann seine Frau zum ersten Male wieder fre­undlich an, und wie er sie ansah, meinte er, daß sie noch nie so hüb­sch gewe­sen wäre wie in diesem Augen­blicke. Er nahm ihr den kleinen Vogel aus der Hand, hielt ihn sich wieder dicht vor die Nase, besah ihn sich von allen Seit­en, schüt­telte den Kopf und sagte dann: Kind­chen, du hat­test doch recht! Jet­zt sehe ich’s erst; es ist wirk­lich nur ein Spatz. Es ist doch merk­würdig, wie sehr man sich täuschen kann.“

Män­nchen“, erwiderte die Frau, du sagst mir das bloß zuliebe. Heute sieht mir der Vogel wirk­lich selb­st ganz wie eine Nachti­gall aus.“

Nein, nein!“ fiel ihr der Mann ins Wort, indem er den Vogel noch ein­mal besah und laut lachte, es ist ein ganz
gewöhn­lich­er – Gelb­schn­abel.“ Dann gab er sein­er Frau einen herzhaften Kuß und fuhr fort: Trag ihn wieder in
den Garten und laß den dum­men Spatz, der uns vierzehn Tage lang so unglück­lich gemacht hat, fliegen.“

Nein“, ent­geg­nete die Frau, das wäre grausam! Er ist noch nicht recht flügge, und die Katze kön­nte ihn wirk­lich kriegen. Wir wollen ihn noch einige Tage füt­tern, bis ihm die Fed­ern noch mehr gewach­sen sind, und dann – dann wollen wir ihn fliegen lassen!“ –

Die Moral von der Geschichte aber ist: wenn jemand einen Spatz gefan­gen hat und denkt, es sei eine Nachti­gall – sag’s ihm beileibe nicht; denn er nimmt’s son­st übel, und später wird er’s gewiß von selb­st merken.