Der kleine und der grosse Klaus

von Hans Christian Andersen

~23 Min

In einem Dorfe wohn­ten zwei Leute, die bei­de densel­ben Namen hat­ten. Bei­de hießen Klaus, aber der eine besaß vier Pferde und der andere nur ein einziges. Um sie nun voneinan­der unter­schei­den zu kön­nen, nan­nte man den, der vier Pferde besaß, den großen Klaus, und den, der nur ein einziges hat­te, den kleinen Klaus. Nun wollen wir hören, wie es den bei­den erg­ing, denn es ist eine wahre Geschichte.

Die ganze Woche hin­durch mußte der kleine Klaus für den großen Klaus pflü­gen und ihm sein einziges Pferd lei­hen, dann half der große Klaus ihm wieder mit allen seinen vieren, aber nur ein­mal wöchentlich, und das war des Son­ntags. Hus­sa, wie klatschte der kleine Klaus mit sein­er Peitsche über alle fünf Pferde! Sie waren ja nun so gut wie sein an dem einen Tage. Die Sonne schien her­rlich, und alle Glock­en im Kirch­turm läuteten zur Kirche, die Leute waren alle geputzt und gin­gen mit dem Gesang­buch unter dem Arme, den Predi­ger zu hören, und sie sahen den kleinen Klaus, der mit fünf Pfer­den pflügte, und er war so vergnügt, daß er wieder mit der Peitsche klatschte und rief: Hü, alle meine Pferde!“

So mußt du nicht sprechen“, sagte der große Klaus, das eine Pferd ist ja nur dein!“ Aber als wieder jemand vor­beig­ing, ver­gaß der kleine Klaus, daß er es nicht sagen sollte, und da rief er: Hü, alle meine Pferde!“

Nun ersuche ich dich amtlich, dies zu unter­lassen“, sagte der große Klaus; denn sagst du es noch ein­mal, so schlage ich dein Pferd vor den Kopf, daß es auf der Stelle tot ist.“ Ich will es wahrlich nicht mehr sagen!“ sagte der kleine Klaus. Aber als da Leute vor­beika­men und ihm guten Tag zunick­ten, wurde er sehr erfreut und dachte, es sehe doch recht gut aus, daß er fünf Pferde habe, sein Feld zu pflü­gen, und da klatschte er mit der Peitsche und rief: Hü, alle meine Pferde!“ Ich werde deine Pferde hüten!“ sagte der große Klaus, nahm einen Ham­mer und schlug des kleinen Klaus einziges Pferd vor den Kopf, daß es umfiel und tot war.

Ach nun habe ich gar kein Pferd mehr!“ sagte der kleine Klaus und fing an zu weinen. Später zog er dem Pferde die Haut ab und ließ sie gut im Winde trock­nen, steck­te sie dann in einen Sack, den er auf die Schul­ter warf, und machte sich nach der Stadt auf den Weg, um seine Pfer­de­haut zu verkaufen.

Er hat­te einen sehr weit­en Weg zu gehen, mußte durch einen großen, dun­klen Wald, und nun wurde es gewaltig schlecht­es Wet­ter. Er verir­rte sich gän­zlich, und ehe er wieder auf den recht­en Weg kam, war es Abend und allzu weit, um zur Stadt oder wieder nach Hause zu gelan­gen, bevor es Nacht wurde.

Dicht am Wege lag ein großer Bauern­hof; die Fen­ster­laden waren draußen vor den Fen­stern geschlossen, aber das Licht kon­nte doch darüber hin­auss­cheinen. Da werde ich wohl Erlaub­nis erhal­ten kön­nen, die Nacht über zu bleiben“, dachte der kleine Klaus und klopfte an.

Die Bauers­frau machte auf; als sie aber hörte, was er wollte, sagte sie, er solle weit­erge­hen, ihr Mann sei nicht zu Hause, und sie nehme keine Frem­den here­in. Nun, so muß ich draußen liegen­bleiben“, sagte der kleine Klaus, und die Bauers­frau schlug ihm die Tür vor der Nase zu.

Dicht daneben stand ein großer Heuschober, und zwis­chen diesem und dem Wohn­haus war ein klein­er Geräteschup­pen mit einem flachen Stro­hdache gebaut. Da oben kann ich liegen“, sagte der kleine Klaus, als er das Dach erblick­te; das ist ja ein her­rlich­es Bett. Der Storch fliegt wohl nicht herunter und beißt mich in die Beine.“ Denn ein Storch hat­te sein Nest auf dem Dache.

Nun kroch der kleine Klaus auf den Schup­pen hin­auf, streck­te sich hin und drehte sich, um recht gut zu liegen. Die hölz­er­nen Laden vor den Fen­stern schlossen oben nicht zu, und so kon­nte er ger­ade in die Stube hineinblicken.

Da war ein großer Tisch gedeckt, mit Wein und Brat­en und einem her­rlichen Fisch darauf; die Bauers­frau und der Küster saßen bei Tis­che und son­st nie­mand anders, sie schenk­te ihm ein, und er gabelte in den Fisch, denn das war sein Leibgericht.

Wer doch etwas davon abbekom­men kön­nte!“ dachte der kleine Klaus und streck­te den Kopf ger­ade gegen das Fen­ster. Einen her­rlichen Kuchen sah er auch im Zim­mer ste­hen! Ja, das war ein Fest!

Nun hörte er jemand von der Land­straße her gegen das Haus reit­en; das war der Mann der Bauers­frau, der nach Hause kam. Das war ein ganz guter Mann, aber er hat­te die wun­der­liche Eigen­heit, daß er es nie ertra­gen kon­nte, einen Küster zu sehen; kam ihm ein Küster vor die Augen, so wurde er ganz rasend. Deshalb war es auch, daß der Küster zu sein­er Frau hineinge­gan­gen war, um ihr guten Tag zu sagen, weil er wußte, daß der Mann nicht zu Hause sei, und die gute Frau set­zte ihm dafür das her­rlich­ste Essen vor. Als sie nun den Mann kom­men hörten, erschrak­en sie sehr, und die Frau bat den Küster, in eine große, leere Kiste hineinzukriechen, denn er wußte ja, daß der arme Mann es nicht ertra­gen kon­nte, einen Küster zu sehen.

Die Frau ver­steck­te geschwind all das her­rliche Essen und den Wein in ihrem Back­ofen, denn hätte der Mann das zu sehen bekom­men, so hätte er sich­er gefragt, was es zu bedeuten habe.

Ach ja!“ seufzte der kleine Klaus oben auf seinem Schup­pen, als er all das Essen ver­schwinden sah. Ist jemand dort oben?“ fragte der Bauer und sah nach dem kleinen Klaus hin­auf. Warum liegst du dort? Komm lieber mit in die Stube.“ Nun erzählte der kleine Klaus, wie er sich verir­rt habe, und bat, daß er die Nacht über bleiben dürfe. Ja freilich“, sagte der Bauer, aber wir müssen zuerst etwas zu leben haben!“

Die Frau empf­ing bei­de sehr fre­undlich, deck­te einen lan­gen Tisch und gab ihnen eine große Schüs­sel voll Grütze. Der Bauer war hun­grig und aß mit rechtem Appetit, aber der kleine Klaus kon­nte nicht unter­lassen, an den her­rlichen Brat­en, Fisch und Kuchen, die er im Ofen wußte, zu denken.

Unter den Tisch zu seinen Füßen hat­te er den Sack mit der Pfer­de­haut gelegt, die er in der Stadt hat­te verkaufen wollen. Die Grütze wollte ihm nicht schmeck­en, da trat er auf seinen Sack, und die trock­ene Haut im Sacke knar­rte laut.

St!“ sagte der kleine Klaus zu seinem Sacke, trat aber zu gle­ich­er Zeit wieder darauf; da knar­rte es weit lauter als zuvor.

Ei, was hast du in deinem Sacke?“ fragte der Bauer darauf.

Oh, es ist ein Zauber­er“, sagte der kleine Klaus; er sagt, wir sollen doch keine Grütze essen, er habe den ganzen Ofen voll Brat­en, Fis­che und Kuchen gehext.“

Ei der tausend!“ sagte der Bauer und machte schnell den Ofen auf, wo er all die prächti­gen, leck­eren Speisen erblick­te, die nach sein­er Mei­n­ung der Zauber­er im Sack für sie gehext hat­te. Die Frau durfte nichts sagen, son­dern set­zte sogle­ich die Speisen auf den Tisch, und so aßen bei­de vom Fis­che, vom Brat­en und von dem Kuchen. Nun trat der kleine Klaus wieder auf seinen Sack, daß die Haut knarrte.

Was sagt er jet­zt?“ fragte der Bauer.

Er sagt“, erwiderte der kleine Klaus, daß er auch drei Flaschen Wein für uns gehext hat; sie ste­hen dort in der Ecke beim Ofen!“

Nun mußte die Frau den Wein her­vor­holen, den sie ver­bor­gen hat­te, und der Bauer trank und wurde lustig. Einen solchen Zauber­er, wie der kleine Klaus im Sacke hat­te, hätte er gar zu gern gehabt.

Kann er auch den Teufel her­vorhex­en?“ fragte der Bauer. Ich möchte ihn wohl sehen, denn nun bin ich lustig!“

Ja“, sagte der kleine Klaus, mein Zauber­er kann alles, was ich ver­lange. Nicht wahr, du?“ fragte er und trat auf den Sack, daß es knarrte.

Hörst du? Er sagt ja! Aber der Teufel sieht häßlich aus, wir wollen ihn lieber nicht sehen!“

Oh, mir ist gar nicht bange; wie mag er wohl aussehen?“

Ja, er wird sich ganz leib­haftig als ein Küster zeigen!“

Hu!“ sagte der Bauer, das ist häßlich! Ihr müßt wis­sen, ich kann nicht ertra­gen, einen Küster zu sehen! Aber es macht nichts, ich weiß ja, daß es der Teufel ist, so werde ich mich wohl leichter darein find­en! Nun habe ich Mut, aber er darf mir nicht zu nahe kommen.“

Ich werde meinen Zauber­er fra­gen“, sagte der kleine Klaus, trat auf den Sack und hielt sein Ohr hin.

Was sagt er?“

Er sagt, Ihr kön­nt hinge­hen und die Kiste auf­machen, die dort in der Ecke ste­ht, so werdet Ihr den Teufel sehen, wie er darin kauert; aber Ihr müßt den Deck­el hal­ten, daß er nicht entwischt.“

Wollt Ihr mir helfen, ihn zu hal­ten?“ bat der Bauer und ging zu der Kiste hin, wo die Frau den Küster ver­bor­gen hat­te, der darin saß und sich sehr fürchtete. Der Bauer öffnete den Deck­el ein wenig und sah unter ihn hinein. Hu!“ schrie er und sprang zurück. Ja, nun habe ich ihn gese­hen, er sah ganz aus wie unser Küster! Das war schrecklich!“

Darauf mußte getrunk­en wer­den, und so tranken sie denn noch lange in die Nacht hinein.

Den Zauber­er mußt du mir verkaufen“, sagte der Bauer; ver­lange dafür, was du willst! Ja, ich gebe dir gle­ich einen ganzen Schef­fel Geld!“

Nein, das kann ich nicht!“ sagte der kleine Klaus. Bedenke doch, wieviel Nutzen ich von diesem Zauber­er haben kann.“

Ach, ich möchte ihn sehr gern haben“, sagte der Bauer und fuhr fort zu bitten.

Ja“, sagte der kleine Klaus zulet­zt, da du so gut gewe­sen bist, mir diese Nacht Obdach zu gewähren, so mag es sein. Du sollst den Zauber­er für einen Schef­fel Geld haben, aber ich will den Schef­fel gehäuft voll haben.“

Das sollst du bekom­men“, sagte der Bauer, aber die Kiste dort mußt du mit dir nehmen; ich will sie nicht eine Stunde länger im Hause behal­ten; man kann nicht wis­sen, vielle­icht sitzt er noch darin.“

Der kleine Klaus gab dem Bauer seinen Sack mit der trock­nen Haut darin und bekam einen ganzen Schef­fel Geld, gehäuft gemessen, dafür. Der Bauer schenk­te ihm sog­ar noch einen großen Kar­ren, um das Geld und die Kiste darauf fortzufahren.

Lebe wohl!“ sagte der kleine Klaus. Dann fuhr er mit seinem Gelde und der großen Kiste, worin noch der Küster saß, davon.

Auf der andem Seite des Waldes war ein großer, tiefer Fluß; das Wass­er floß so reißend darin, daß man kaum gegen den Strom anschwim­men kon­nte; man hat­te eine große, neue Brücke darüber geschla­gen; der kleine Klaus hielt mit­ten auf ihr an und sagte ganz laut, damit der Küster in der Kiste es hören könne: Was soll ich doch mit der dum­men Kiste machen? Sie ist so schw­er, als ob Steine drin wären! Ich werde nur müde davon, sie weit­erz­u­fahren; ich will sie in den Fluß wer­fen; schwimmt sie zu mir nach Hause, so ist es gut, wo nicht, so hat es auch nichts zu sagen.“

Darauf faßte er die Kiste mit der einen Hand an und hob sie ein wenig auf, ger­ade als ob er sie in das Wass­er wer­fen wollte.

Nein, laß das sein!“ rief der Küster inner­halb der Kiste. Laß mich erst heraus!“

Hu!“ sagte der kleine Klaus und tat, als fürchte er sich. Er sitzt noch darin! Da muß ich ihn geschwind in den Fluß wer­fen, damit er ertrinkt!“

O nein, o nein!“ sagte der Küster; ich will dir einen ganzen Schef­fel Geld geben, wenn du mich gehen läßt!“

Ja, das ist etwas anderes!“ sagte der kleine Klaus und machte die Kiste auf.

Der Küster kroch schnell her­aus, stieß die leere Kiste in das Wass­er hin­aus und ging nach seinem Hause, wo der kleine Klaus einen ganzen Schef­fel Geld bekam; einen hat­te er von dem Bauer erhal­ten, nun hat­te er also seinen ganzen Kar­ren voll Geld.

Sieh, das Pferd erhielt ich ganz gut bezahlt!“ sagte er zu sich selb­st, als er zu Hause in sein­er eige­nen Stube war und alles Geld auf einen Berg mit­ten in der Stube auss­chüt­tete. Das wird den großen Klaus ärg­ern, wenn er erfährt, wie reich ich durch ein einziges Pferd gewor­den bin; aber ich will es ihm doch nicht ger­ade­heraus sagen.“

Nun sandte er einen Knaben zum großen Klaus hin, um sich ein Schef­fel­maß zu leihen.

Was mag er wohl damit machen wollen?“ dachte der große Klaus und schmierte Teer auf den Boden, damit von dem, was gemessen wurde, etwas daran hän­gen bleiben kön­nte. Und so kam es auch; denn als er das Schef­fel­maß zurück­er­hielt, hin­gen drei Taler daran.

Was ist das?“ sagte der große Klaus und lief sogle­ich zu dem kleinen. Wo hast du all das Geld bekommen?“

Oh, das ist für meine Pfer­de­haut! Ich verkaufte sie gestern abend.“

Das war wahrlich gut bezahlt!“ sagte der große Klaus, lief geschwind nach Hause, nahm eine Axt und schlug alle seine vier Pferde vor den Kopf, zog ihnen die Haut ab und fuhr mit diesen Häuten zur Stadt.

Häute! Häute! Wer will Häute kaufen?“ rief er durch die Straßen.

Alle Schuh­mach­er und Ger­ber kamen gelaufen und fragten, was er dafür haben wolle.

Einen Schef­fel Geld für jede“, sagte der große Klaus.

Bist du toll?“ riefen alle. Glaub­st du, wir haben das Geld scheffelweise?“

Häute! Häute! Wer will Häute kaufen?“ rief er wieder, aber allen denen, die ihn fragten, was die Häute kosten soll­ten erwiderte er: Einen Schef­fel Geld.“

Er will uns fop­pen“, sagten alle, und da nah­men die Schuh­mach­er ihre Span­nriemen und die Ger­ber ihre Schurzfelle und fin­gen an, auf den großen Klaus loszuprügeln.

Häute! Häute!“ riefen sie ihm nach; ja, wir wollen dir die Haut gerben!

Hin­aus aus der Stadt mit ihm!“ riefen sie, und der große Klaus mußte laufen, was er nur kon­nte. So war er noch nie durchgeprügelt worden.

Na“, sagte er, als er nach Hause kam, dafür soll der kleine Klaus bestraft wer­den! Ich will ihn totschlagen!“

Zu Hause beim kleinen Klaus war die alte Groß­mut­ter gestor­ben; sie war freilich recht böse und schlimm gegen ihn gewe­sen, aber er war doch betrübt, nahm die tote Frau und legte sie in sein warmes Bett, um zu sehen, ob sie nicht zum Leben zurück­kehren werde. Da sollte sie die ganze Nacht liegen, er selb­st wollte im Winkel sitzen und auf einem Stuh­le schlafen; das hat­te er schon früher getan. Als er da in der Nacht saß, ging die Tür auf, und der große Klaus kam mit ein­er Axt here­in; er wußte wohl, wo des kleinen Klaus Bett stand, ging ger­ade darauf los und schlug nun die alte Groß­mut­ter vor den Kopf, denn er glaubte, daß der kleine Klaus dort in seinem Bett liege.

Sieh“, sagte er, nun sollst du mich nicht mehr zum besten haben!“ Und dann ging er wieder nach Hause.

Das ist doch ein recht bös­er Mann!“ sagte der kleine Klaus; da wollte er mich totschla­gen! Es war doch gut für die alte Mut­ter, daß sie schon tot war, son­st hätte er ihr das Leben genommen!“

Nun legte er der alten Groß­mut­ter Son­ntagsklei­der an, lieh sich von dem Nach­bar ein Pferd, span­nte es vor den Wagen und set­zte die alte Groß­mut­ter auf den hin­ter­sten Sitz, so daß sie nicht hin­aus­fall­en kon­nte, wenn er fuhr, und so roll­ten sie von dan­nen durch den Wald. Als die Sonne aufging, waren sie vor einem großen Wirtshause, da hielt der kleine Klaus an und ging hinein, um etwas zu genießen.

Der Wirt hat­te sehr viel Geld, er war auch ein recht guter, aber hitziger Mann, als wären Pfef­fer und Tabak in ihm.

Guten Mor­gen!“ sagte er zum kleinen Klaus. Du bist heute früh ins Zeug gekommen!“

Ja“, sagte der kleine Klaus, ich will mit mein­er Groß­mut­ter zur Stadt; sie sitzt draußen auf dem Wagen, ich kann sie nicht in die Stube here­in­brin­gen. Wollt Ihr der Alten nicht ein Glas Küm­mel geben? Aber Ihr müßt recht laut sprechen, denn sie hört nicht gut.“

Ja, das will ich tun!“ sagte der Wirt und schenk­te ein großes Glas Küm­mel ein, mit dem er zur toten Groß­mut­ter hin­aus­ging, die in dem Wagen aufrecht geset­zt war.

Hier ist ein Glas Küm­mel von Ihrem Sohne!“ sagte der Wirt, aber die tote Frau erwiderte kein Wort, son­dern saß ganz still und teil­nahm­s­los, als ob sie alles nichts anginge.

Hört Ihr nicht?“ rief der Wirt, so laut er kon­nte. Hier ist ein Glas Küm­mel von Ihrem Sohne!“

Noch ein­mal rief er und dann noch ein­mal, aber da sie sich dur­chaus nicht rührte, wurde er ärg­er­lich und warf ihr das Glas in das Gesicht, so daß ihr der Küm­mel ger­ade über die Nase lief und sie hin­tenüber fiel, denn sie war nur aufge­set­zt und nicht festgebunden.

Heda!“ rief der kleine Klaus, sprang zur Tür her­aus und pack­te den Wirt an der Brust, da hast du meine Groß­mut­ter erschla­gen! Siehst du, da ist ein großes Loch in ihrer Stirn!“

Oh, das ist ein Unglück!“ rief der Wirt und schlug die Hände über dem Kopfe zusam­men; das kommt alles von mein­er Heftigkeit! Lieber, klein­er Klaus, ich will dir einen Schef­fel Geld geben und deine Groß­mut­ter begraben lassen, als wäre es meine eigene, aber schweige nur still, son­st wird mir der Kopf abgeschla­gen, und das wäre mir unangenehm.“

So bekam der kleine Klaus einen ganzen Schef­fel Geld, und der Wirt begrub die alte Groß­mut­ter so, als ob es seine eigene gewe­sen wäre.

Als nun der kleine Klaus wieder mit dem vie­len Gelde nach Hause kam, schick­te er gle­ich seinen Knaben hinüber zum großen Klaus, um ihn bit­ten zu lassen, ihm ein Schef­fel­maß zu leihen.

Was ist das?“ sagte der große Klaus. Habe ich ihn nicht tot­geschla­gen? Da muß ich selb­st nach­se­hen!“ Und so ging er selb­st mit dem Schef­fel­maß zum kleinen Klaus.

Wo hast du doch all das Geld bekom­men?“ fragte er und riß die Augen auf, als er alles das erblick­te, was noch hinzugekom­men war.

Du hast meine Groß­mut­ter, aber nicht mich erschla­gen!“ sagte der kleine Klaus. Die habe ich nun verkauft und einen Schef­fel Geld dafür bekommen!“

Das ist wahrlich gut bezahlt!“ sagte der große Klaus, eilte nach Hause, nahm eine Axt und schlug seine alte Groß­mut­ter tot, legte sie auf den Wagen, fuhr mit ihr zur Stadt, wo der Apothek­er wohnte, und fragte, ob er einen toten Men­schen kaufen wollte.

Wer ist es, und woher habt Ihr ihn?“ fragte der Apotheker.

Es ist meine Groß­mut­ter!“ sagte der große Klaus. Ich habe sie tot­geschla­gen, um einen Schef­fel Geld dafür zu bekommen!“

Gott bewahre uns!“ sagte der Apothek­er. Ihr redet irre! Sagt doch nicht der­gle­ichen, son­st kön­nt Ihr den Kopf ver­lieren!“ Und nun sagte er ihm gehörig, was das für eine böse Tat sei, die er began­gen habe und was für ein schlechter Men­sch er sei und daß er bestraft wer­den müsse. Da erschrak der große Klaus so sehr, daß er von der Apotheke ger­ade in den Wagen sprang und auf die Pferde schlug und nach Hause fuhr; aber der Apothek­er und alle Leute glaubten, er sei ver­rückt, und deshalb ließen sie ihn fahren, wohin er wollte.

Das sollst du mir bezahlen!“ sagte der große Klaus, als er draußen auf der Land­straße war, ja, ich will dich bestrafen, klein­er Klaus!“ Sobald er nach Hause kam, nahm er den größten Sack, den er find­en kon­nte, ging hinüber zum kleinen Klaus und sagte: Nun hast du mich wieder gefoppt; erst schlug ich meine Pferde tot, dann meine alte Groß­mut­ter; das ist alles deine Schuld; aber du sollst mich nie mehr fop­pen!“ Da pack­te er den kleinen Klaus um den Leib und steck­te ihn in seinen Sack, nahm ihn so auf seinen Rück­en und rief ihm zu: Nun gehe ich und ertränke dich!“

Es war ein weit­er Weg, den er zu gehen hat­te, bevor er zu dem Flusse kam, und der kleine Klaus war nicht leicht zu tra­gen. Der Weg ging dicht bei der Kirche vor­bei; die Orgel ertönte, und die Leute san­gen schön darin­nen. Da set­zte der große Klaus seinen Sack mit dem kleinen Klaus darin dicht bei der Kirchtür nieder und dachte, es könne wohl ganz gut sein, hineinzuge­hen und einen Psalm zu hören, ehe er weit­erge­he; der kleine Klaus kon­nte ja nicht her­auskom­men, und alle Leute waren in der Kirche. So ging er denn hinein.

Ach Gott, ach Gott!“ seufzte der kleine Klaus im Sack und drehte und wandte sich, aber es war ihm nicht möglich, das Band aufzulösen. Da kam ein alter, alter Viehtreiber daher, mit schneeweißem Haar und einem großen Stab in der Hand; er trieb eine ganze Herde Kühe und Stiere vor sich her, die liefen an den Sack, in dem der kleine Klaus saß, so daß er umge­wor­fen wurde.

Ach Gott!“ seufzte der kleine Klaus, ich bin noch so jung und soll schon ins Himmelreich!“

Und ich Armer“, sagte der Viehtreiber, ich bin schon so alt und kann noch immer nicht dahin kommen!“

Mache den Sack auf!“ rief der kleine Klaus. Krieche statt mein­er hinein, so kommst du sogle­ich ins Himmelreich!“

Ja, das will ich her­zlich gern“, sagte der Viehtreiber und band den Sack auf, aus dem der kleine Klaus sogle­ich heraussprang.

Willst du nun auf das Vieh acht­geben?“ fragte der alte Mann. Dann kroch er in den Sack hinein, der kleine Klaus band den Sack wieder zu und zog dann mit allen Kühen und Stieren seines Weges.

Bald darauf kam der große Klaus aus der Kirche. Er nahm seinen Sack wieder auf den Rück­en, obgle­ich es ihm schien, als sei der leichter gewor­den, denn der alte Viehtreiber war nur halb so schw­er wie der kleine Klaus. Wie leicht ist er doch zu tra­gen gewor­den! Ja, das kommt daher, daß ich einen Psalm gehört habe!“ So ging er nach dem Flusse, der tief und groß war, warf den Sack mit dem alten Viehtreiber ins Wass­er und rief hin­ten­drein, denn er glaubte ja, daß es der kleine Klaus sei: Sieh, nun sollst du mich nicht mehr foppen!“

Darauf ging er nach Hause; aber als er an die Stelle kam, wo die Wege sich kreuzten, begeg­nete er ganz uner­wartet dem kleinen Klaus, der all sein Vieh dahertrieb.

Was ist das?“ fragte der große Klaus. Habe ich dich nicht vor kurz­er Zeit ertränkt?“

Ja“, sagte der kleine Klaus, du warf­st mich ja vor ein­er hal­ben Stunde in den Fluß hinunter!“

Aber wo hast du all das her­rliche Vieh bekom­men?“ fragte der große Klaus.

Das ist See­vieh!“ sagte der kleine Klaus. Ich will dir die Geschichte erzählen und dir Dank sagen, daß du mich ertränk­test, denn nun bin ich reich! Mir war bange, als ich im Sacke steck­te, und der Wind pfiff mir um die Ohren, als du mich von der Brücke hin­unter in das kalte Wass­er warf­st. Ich sank sogle­ich zu Boden, aber ich stieß mich nicht, denn da unten wächst das schön­ste, weiche Gras. Darauf fiel ich, und sogle­ich wurde der Sack geöffnet, und das lieblich­ste Mäd­chen, in schneeweißen Klei­dern und mit einem grü­nen Kranz um das Haar, nahm mich bei der Hand und sagte: Bist du da, klein­er Klaus? Da hast du zuerst einiges Vieh; eine Meile weit­er auf dem Wege ste­ht noch eine ganze Herde, die ich dir schenken will!“ Nun sah ich, daß der Fluß eine große Land­straße für das Meer­volk bildete. Unten auf dem Grunde gin­gen und fuhren sie ger­ade von der See her und ganz hinein in das Land, bis wo der Fluß endet. Da waren die schön­sten Blu­men und das frischeste Gras; die Fis­che schossen mir an den Ohren vorüber, ger­adeso wie hier die Vögel in der Luft. Was gab es da für hüb­sche Leute, und was war da für Vieh, das an den Gräben und Wällen weidete!“

Aber warum bist du gle­ich wieder zu uns her­aufgekom­men?“ fragte der große Klaus. Das hätte ich bes­timmt nicht getan, wenn es so schön dort unten ist.“

Ja“, sagte der kleine Klaus, das ist ger­ade klug von mir gehan­delt. Du hörst ja wohl, daß ich dir erzäh­le: Die See­jungfrau sagte mir, eine Meile weit­er auf dem Wege – und mit dem Wege meinte sie ja den Fluß, denn sie kann nir­gends Anders hinkom­men – ste­he noch eine ganze Herde Vieh für mich. Aber ich weiß, was der Fluß für Krüm­mungen macht, bald hier, bald dort, das ist ein weit­er Umweg. Nein, so macht man es kürz­er ab, wenn man hier auf das Land kommt und treibt querüber wieder zum Flusse; dabei spare ich eine halbe Meile und komme schneller zu meinem Vieh!“

Oh, du bist ein glück­lich­er Mann!“ sagte der große Klaus. Glaub­st du, daß ich auch See­vieh erhielte, wenn ich ein­mal tief bis auf den Grund des Flusses käme?“

Ja, das denke ich wohl“, sagte der kleine Klaus, aber ich kann dich nicht im Sacke zum Flusse tra­gen, du bist mir zu schw­er! Willst du selb­st dahinge­hen und dann in den Sack kriechen, so werde ich dich mit dem größten Vergnü­gen hineinwerfen.“

Ich danke dir“, sagte der große Klaus. Aber erhalte ich kein See­vieh, wenn ich hin­un­terkomme, so glaube mir, werde ich dich so prügeln, wie du noch nie geprügelt wor­den bist.“

Oh nein, mache es nicht so schlimm!“ Und da gin­gen sie zum Flusse hin. Als das Vieh Wass­er erblick­te, lief es, so schnell es nur kon­nte, durstig hin­unter zum Trinken.

Sieh, wie es sich sputet!“ sagte der kleine Klaus. Es ver­langt danach, wieder auf den Grund zu kommen!“

Ja, hilf mir nur erst“, sagte der große Klaus, son­st bekommst du Prügel!“ Und so kroch er in den großen Sack, der quer über dem Rück­en eines der Stiere gele­gen hat­te. Lege einen Stein hinein, ich fürchte, daß ich son­st nicht unter­sinke“, sagte der große Klaus.

Es geht schon!“ sagte der kleine Klaus, legte aber doch einen großen Stein in den Sack, knüpfte das Band fest zu, und dann stieß er daran. Plumps! Da lag der große Klaus in dem Flusse und sank sogle­ich hin­unter auf den Grund.

Ich fürchte, er wird das Vieh nicht find­en! Aber er zwang mich ja dazu!“ sagte der kleine Klaus und trieb dann heim mit dem, was er hatte.