Der kleine Däumling

von Ludwig Bechstein

~9 Min

Es war ein­mal ein armer Korb­mach­er, der hat­te mit sein­er Frau sieben Jun­gen, da war immer ein­er klein­er als der andere, und der jüng­ste war bei sein­er Geburt nicht viel über Fin­gers Länge, daher nan­nte man ihn Däum­ling. Zwar ist er her­nach noch etwas gewach­sen, doch nicht gar zu sehr, und den Namen Däum­ling hat er behal­ten. Doch war es ein gar kluger und pfif­figer klein­er Knirps, der an Gewandtheit und Schlauheit seine Brüder alle in den Sack steckte.

Den Eltern ging es erst gar übel, denn Korb­machen und Stro­hflecht­en ist keine so nahrhafte Pro­fes­sion wie Sem­mel­back­en und Käl­ber­schlacht­en, und als vol­lends eine teure Zeit kam, wurde dem armen Korb­mach­er und sein­er Frau him­me­langst, wie sie ihre sieben Würmer satt machen soll­ten, die alle mit äußerst gutem Appetit geseg­net waren. Da beratschlagten eines Abends, als die Kinder zu Bette waren, die bei­den Eltern miteinan­der, was sie anfan­gen woll­ten, und wur­den Rates, die Kinder mit in den Wald zu nehmen, wo die Wei­den wach­sen, aus denen man Körbe flicht, und sie heim­lich zu ver­lassen. Das alles hörte der Däum­ling an, der nicht schlief, wie seine Brüder, und schrieb sich der Eltern üblen Ratschlag hin­ter die Ohren. Sin­nierte auch die ganze Nacht, da er vor Sorge doch kein Auge zutun kon­nte, wie er es machen sollte, sich und seinen Brüdern zu helfen.

Früh mor­gens lief der Däum­ling an den Bach, suchte die kleinen Taschen voll weiße Kiesel und ging wieder heim. Seinen Brüdern sagte er von dem, was er erhorcht hat­te, kein Ster­benswörtchen. Nun macht­en sich die Eltern auf in den Wald, hießen die Kinder fol­gen, und der Däum­ling ließ ein Kiesel­steinchen nach dem andern auf den Weg fall­en, das sah nie­mand, weil er, als der jüng­ste, kle­in­ste und schwäch­ste, stets hin­ten­nach trot­tete. Das wußten die Alten schon nicht anders.

Im Wald macht­en sich die Alten unver­merkt von den Kindern fort, und auf ein­mal waren sie weg. Als das die Kinder merk­ten, erhoben sie allzu­mal, Däum­ling ausgenom­men, ein Zetergeschrei. Däum­ling lachte und sprach zu seinen Brüdern: »Heult und schre­it nicht so jäm­mer­lich! Wollen den Weg schon allein find­en.« Und nun ging Däum­ling voran und nicht hin­ten­drein und richtete sich genau nach den weißen Kiesel­steinchen, fand auch den Weg ohne alle Mühe.

Als die Eltern heimka­men, bescherte ihnen Gott Geld ins Haus; eine alte Schuld, auf die sie nicht mehr gehofft hat­ten, wurde von einem Nach­barn an sie abbezahlt, und nun wur­den Eßwaren gekauft, daß sich der Tisch bog. Aber nun kam auch das Reuelein, daß die Kinder ver­stoßen wor­den waren und die Frau begann erbärm­lich zu lamen­tieren: »Ach du lieber, aller­lieber Gott! Wenn wir doch die Kinder nicht im Wald gelassen hät­ten! Ach, jet­zt kön­nten sie sich dick­satt essen, und so haben die Wölfe sie vielle­icht schon im Magen! Ach, wären nur unsre lieb­sten Kinder da!«

»Mut­ter, da sind wir ja!« sprach ganz ruhig der kleine Däum­ling, der bere­its mit seinen Brüdern vor der Türe ange­langt war und die Wehk­lage gehört hat­te; öffnete die Türe, und here­in trip­pel­ten die kleinen Korb­mach­er – eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben. Ihren guten Appetit hat­ten sie wieder mit­ge­bracht, und daß der Tisch so reich­lich gedeckt war, war ihnen ein gefun­denes Essen. Die Her­rlichkeit war groß, daß die Kinder wieder da waren, und es wurde, so lange das Geld reichte, in Freuden gelebt, dies ist armer Han­dar­beit­er Gewohnheit.

Nicht gar lange währte es, so war in des Korb­mach­ers Hütte Schmal­hans wieder Küchen­meis­ter, und ein Keller­meis­ter man­gelte ohne­hin, und es erwachte aufs neue der Vor­satz, die Kinder im Walde ihrem Schick­sal zu über­lassen. Da der Plan wieder als lautes Abendge­spräch zwis­chen Vater und Mut­ter ver­han­delt wurde, so hörte auch der kleine Däum­ling alles, das ganze Gespräch, Wort für Wort und nahm sich’s zu Herzen.

Am andern Mor­gen wollte Däum­ling aber­mals aus dem Häuschen schlüpfen, Kiesel­steine aufzule­gen, aber o weh, da war’s ver­riegelt, und Däum­ling war viel zu klein, als daß er den Riegel hätte erre­ichen kön­nen, da gedachte er sich anders zu helfen. Wie es fort ging zum Walde, steck­te Däum­ling Brot ein und streute davon Krüm­chen auf den Weg, meinte, ihn dadurch wieder zu finden.

Alles begab sich wie das erstemal, nur mit dem Unter­schied, daß Däum­ling den Heimweg nicht fand, dieweil die Vögel alle Krüm­chen rein aufge­fressen hat­ten. Nun war guter Rat teuer, und die Brüder macht­en ein Geheul in dem Walde, daß es zum Steiner­bar­men war. Dabei tappten sie durch den Wald, bis es ganz fin­ster wurde, und fürchteten sich über die Maßen, bis auf Däum­ling, der schrie nicht und fürchtete sich nicht. Unter dem schir­menden Laub­dach eines Baumes auf weichem Moos schliefen alle sieben Brüder und als es Tag war, stieg Däum­ling auf einen Baum, die Gegend zu erkun­den . Erst sah er nichts als eit­el Wald­bäume, dann aber ent­deck­te er das Dach eines kleinen Häuschens, merk­te sich die Rich­tung, rutschte vom Baume herab und ging seinen Brüdern tapfer voran. Nach manchem Kampf mit Dic­kicht, Dor­nen und Dis­teln sahen alle das Häuschen durch die Büsche blick­en und schrit­ten gutes Mutes darauf los, klopften auch ganz beschei­dentlich an der Türe an. Da trat eine Frau her­aus, und Däum­ling bat gar schon, sie einzu­lassen, sie hät­ten sich verir­rt und wüßten nicht wohin. Die Frau sagte: »Ach, ihr armen Kinder!« und ließ den Däum­ling mit seinen Brüdern ein­treten, sagte ihnen aber auch gle­ich, daß sie im Hause des Men­schen­fressers wären, der beson­ders gern die kleinen Kinder fräße. Das war eine schöne Zuver­sicht! Die Kinder zit­terten wie Espen­laub, als sie dieses hörten, hät­ten gern lieber selb­st etwas zu essen gehabt und soll­ten nun statt dessen gegessen wer­den. Doch die Frau war gut und mitlei­dig, ver­barg die Kinder und gab ihnen auch etwas zu, essen. Bald darauf hörte man Tritte, und es klopfte stark an der Türe; das war kein andr­er als der heimkehrende Men­schen­fress­er. Dieser set­zte sich an den Tisch zur Mahlzeit, ließ Wein auf­tra­gen und schnüf­felte, als wenn er etwas röche, dann rief er sein­er Frau zu: »Ich wit­tre Men­schen­fleisch!« Die Frau wollte es ihm ausre­den, aber er ging seinem Geruch nach und fand die Kinder. Die waren ganz hin vor Entset­zen. Schon wet­zte er sein langes Mess­er, die Kinder zu schlacht­en, und nur allmäh­lich gab er den Bit­ten sein­er Frau nach, sie noch ein wenig am Leben zu lassen und aufzufüt­tern, weil sie doch gar zu dürr seien, beson­ders der kleine Däum­ling. So ließ der böse Mann und Kinder­fress­er sich endlich beschwichti­gen. Die Kinder wur­den zu Bette gebracht, und zwar in der­sel­ben Kam­mer, wo eben­falls in einem großen Bette Men­schen­fressers sieben Töchter schliefen, die so alt waren wie die sieben Brüder. Sie waren von Angesicht sehr häßlich, jede hat­te aber ein gold­enes Krön­lein auf dem Haupte. Das alles war der Däum­ling gewahr gewor­den, machte sich ganz still aus dem Bette, nahm sein­er Brüder Nacht­mützen, set­zte diese Men­schen­fressers Töchtern auf und deren Krön­lein sich und seinen Brüdern.

Der Men­schen­fress­er trank viel Wein, und da kam ihn seine böse Lust wieder an, die Kinder zu mor­den, nahm sein Mess­er und schlich sich in die Schlafkam­mer, wo sie schliefen, wil­lens, ihnen die Hälse abzuschnei­den. Es war aber stock­dunkel in der Kam­mer, und der Men­schen­fress­er tappte blind umher, bis er an ein Bett stieß, und fühlte nach den Köpfen der darin Schlafend­en. Da fühlte er die Krönchen und sprach: »Halt da! Das sind deine Töchter. Bald hättest du betrunk­enes Schaf einen Eselsstre­ich gemacht!«

Nun tap­pelte er nach dem andern Bette, fehlte da die Nacht­mützen und schnitt seinen sieben Töchtern die Hälse ab, ein­er nach der andern. Dann legte er sich nieder und schlief seinen Rausch aus – Wie der Däum­ling ihn schnar­chen hörte, weck­te er seine Brüder, schlich sich mit ihnen aus dem Hause und suchte das Weite. Aber wie sehr sie auch eil­ten, so wußten sie doch wed­er Weg noch Steg, und liefen in der Irre herum voll Angst und Sorge, nach wie vor.

Als der Mor­gen kam, erwachte der Men­schen­fress­er und sprach zu sein­er Frau: »Geh und richte die Krabben zu, die gestri­gen!« Sie meinte, sie sollte die Kinder nun weck­en, und ging voll Angst um sie hin­auf in die Kam­mer. Welch ein Schreck­en für die Frau, als sie nun sah, was geschehen war; sie fiel gle­ich in Ohn­macht über diesen schreck­lichen Anblick, den sie da hat­te. Als sie nun dem Men­schen­fress­er zu lange blieb, ging er selb­st hin­auf, und da sah er, was er angerichtet. Seine Wut, in die er geri­et, ist nicht zu beschreiben. Jet­zt zog er die Sieben­meilen­stiefel an, die er hat­te, das waren Stiefel, wenn man damit sieben Schritte tat, so war man eine Meile gegan­gen, das war nichts kleines. Nicht lange, so sahen die sieben Brüder ihn von weit­em über Berg und Täler schre­it­en und waren sehr in Sorge, doch Däum­ling ver­steck­te sich mit ihnen in die Höh­lung eines großen Felsens. Als der Men­schen­fress­er an diesen Felsen kam, set­zte er sich darauf, um ein wenig zu ruhen, weil er müde gewor­den war, und bald schlief er ein und schnar­chte, daß es war, als brause ein Sturmwind. Wie der Men­schen­fress­er so schlief und schnar­chte, schlich sich Däum­ling her­vor wie ein Mäuschen aus seinem Loch und zog ihm die Meilen­stiefel aus und zog sie sel­ber an. Zum Glück hat­ten diese Stiefel die Eigen­schaft, an jeden Fuß zu passen, wie angemessen und angegossen. Nun nahm er an jede Hand einen sein­er Brüder, diese faßten wieder einan­der an den Hän­den, und so ging es, hast du nicht gese­hen, mit Sieben­meilen­stiefelschrit­ten nach Hause. Da waren sie alle willkom­men, Däum­ling emp­fahl seinen Eltern ein sor­glich Auge auf die Brüder zu haben, er wolle nun mit Hil­fe der Stiefel schon selb­st für sein Fortkom­men sor­gen und als er das kaum gesagt, so tat er einen Schritt, und er war schon weit fort, noch einen, und er stand über eine halbe Stunde auf einem Berg, noch einen, und er war den Eltern und Brüdern aus den Augen.

Nach der Hand hat der Däum­ling mit seinen Stiefeln sein Glück gemacht und viele große und weite Reisen, hat vie­len Her­ren gedi­ent, und wenn es ihm wo nicht gefall­en hat, ist er sporn­stre­ichs weit­erge­gan­gen. Kein Ver­fol­ger zu Fuß noch zu Pferd kon­nte ihn ein­holen, und seine Aben­teuer, die er mit Hil­fe sein­er Stiefel bestand, sind nicht zu beschreiben.