Der Kaiserssohn und sein Pate

von Johann Wilhelm Wolf

~10 Min

Der Kaiser Joseph war schon sehr alt und hat­te noch immer keine Kinder. Da sagte er eines Tags in sein­er Betrüb­nis darüber: wenn er einen Buben bekäme, dann solle der ärm­ste Mann, der ihm begeg­ne, bei dem Kind zum Gevat­ter ste­hen, und siehe da, es war noch kein Jahr ver­gan­gen, so hat­te er schon einen kleinen Buben. Als­bald ging er aus, um einen Pat­en zu suchen, und als ihm in der Stadt nur vornehme Leute begeg­neten, da spazierte er vors Tor und kam in den Wald. Da fand er einen armen alten Mann mit weißen Haaren und in einen ärm­lichen Kit­tel gek­lei­det; den fragte er, ob er sein Gevat­ter wer­den wolle und wie er heiße? Ich heiße Joseph“, sagte der Mann und will schon Pâté des Buben wer­den.“ Da war der Kaiser froh und nahm den Greis mit sich in sein Schloss, und als die Taufe vorüber war, gab er ihm eine Menge Geld und sagte, wenn das alle sei, solle er nur wiederkom­men. Der Greis bedank­te sich und nahm Abschied von dem Kaiser, der seit­dem nichts mehr von ihm hörte, noch sah.
Als der Kaiserssohn älter ward, gewann er die Jagd sehr lieb. Eines Tags pirschte er im Walde, da begeg­nete ihm sein Pâté (den er gle­ich an den weißen Haaren und dem Kit­tel erkan­nte), der grüßte und fragte ihn, ob er schon ordentlich schießen könne? Gewiss“, antwortete der Prinz, und da grade ein Rudel Hirsche vor­beilief, legte er an und schoss, aber es fiel nicht ein­er. Du kannst noch nicht schießen“, sprach der Pâté, ich will es dich lehren.“ Und er gab ihm ein Buch und sprach, das solle er mit­ten auf die Brust leg­en, dann werde er Alles tre­f­fen und zugle­ich solche Stärke haben, dass ihn Kein­er über­winden könne. Außer­dem schenk­te der Pâté ihm noch einen Degen, der ihm, obgle­ich er so schw­er war, fed­er­le­icht in der Hand lag und wom­it er aus jedem Kampf siegre­ich her­vorge­hen sollte; warnte ihn aber, Nie­man­den zu sagen, woher er seine Stärke habe, denn son­st werde es ihm schlecht erge­hen. Drit­tens“, sagte der Pâté, schenk ich dir, dass ich immer bei dir bin um dir in der Not zu helfen, wenn du recht fest an mich denkst.“ Der Prinz dank­te dem Pat­en voller Freuden und ver­suchte gle­ich darauf sein Glück mit der Jagd. Da schoss er so viel Wild, dass ein großer Wagen es kaum fassen kon­nte. Als er damit nach Hause kam, wusste der Kaiser vor Ver­wun­derung nicht, was er sagen sollte und fragte ihn, wo er denn so gut schießen gel­ernt habe und eben­falls, wer ihm den schö­nen schw­eren Degen gegeben, den er mit­bringe? Den Degen fand ich im Walde“, sagte der Prinz, und das Schießen, nun das habe ich eben gel­ernt.“ Als am andern Tage Übung im Rin­gen und Kämpfen war, da warf der Prinz alle nieder, die sich mit ihm ver­sucht­en. Der Kaiser war sehr erstaunt darüber und fragte ihn aber­mals, woher er die Kraft habe? Das weiß ich nicht“, erwiderte der Prinz, ich hab sie eben.“ Da sagte der Kaiser: Weil du denn ein so stark­er Held bist, so magst du deine Mut­ter begleit­en und mit ihr deinen Groß­vater besuchen, der weit von hier in der Fremde wohnt.“ Gut“, sprach der Prinz; da ward der Wagen anges­pan­nt und sie reis­ten ab, nach­dem sie von dem Kaiser einen sehr trau­ri­gen Abschied genom­men hat­ten. Unter­wegs mussten sie durch einen großen Wald und darin verir­rten sie sich und kamen an ein Schloss, worin sechs Riesen wohn­ten. Als diese den Wagen gewahrten, sprangen sie her­vor und schlu­gen den Kutsch­er tot und woll­ten auch dem Prinzen ans Leben, aber der machte Fün­fen gle­ich den Garaus und den Sech­sten zwang er, die Pferde auszus­pan­nen und zu füt­tern und ließ ihm das Leben nur, nach­dem der Riese ihm gelobt hat­te, ihm als ein treuer Knecht zu dienen. Als­dann ging er mit sein­er Mut­ter in das Schloss und ließ sich’s wohl sein und blieb drei Tage da. Unter­dessen aber ver­liebte sich die Kaiserin in den Riesen, weil er so groß und stark war, und der bere­dete sie, dass der Prinz aus dem Wege geschafft wer­den müsse. Wie fan­gen wir das an?“ fragte die Kaiserin. Stelle du dich krank“, sprach der Riese, und wenn er in Sor­gen kommt, dann sage, dir habe geträumt, wenn du die Zauber­rose aus dem Schloss habest, welch­es hun­dert Stun­den von hier liegt, und daran röch­est, dann würdest du gesund.“ In dem Schloss waren näm­lich zwölf Riesen, alle noch viel stärk­er als die sechse, und der treulose Riese meinte, die wür­den dem Prinzen die Rück­kehr wohl ver­lei­den. Während die Bei­den dies verabre­de­ten, war der Prinz auf der Jagd. Als er nun heimkam, fand er seine Mut­ter zu Bette liegend, als ob sie ster­ben­skrank wäre. Da war er ganz untröstlich und außer sich vor Jam­mer und Leid, denn er hat­te seine Mut­ter von Herzen lieb. Als er recht mit­ten im Weinen war, da fing die Kaiserin von dem Traum und der Rose an, und kaum hat­te sie das Wort aus dem Munde, als er auch schon dem Riesen befahl, als­bald ein Pferd zu sat­teln, damit er die Zauber­rose hole. Der lachte in die Faust, dass der Anschlag so gut glück­te, führte bald das Pferd fix und fer­tig vor die Tür, und der Prinz schwang sich auf und sprengte davon. Als er nun hun­dert Stun­den weit gerit­ten war, kam er an das Schloss, und kaum sahen ihn die zwölf Riesen, als sie her­vorstürzten, ihn zu töten, aber er schwang sein Schw­ert so schnell, dass in weniger als zehn Minuten kein­er von ihnen seinen Kopf mehr fühlte. Dann ging er in das Schloss und das Erste, was er erblick­te, war eine wun­der­schöne Königstochter, die ihm voller Freuden ent­ge­geneilte und ihn als ihren Erret­ter pries. Sie erzählte ihm, wie die Riesen sie ihrem Vater ger­aubt hät­ten, und je mehr sie erzählte, um so bess­er gefiel sie dem Prinzen und er gefiel ihr auch so gut, dass sie nicht mehr Eins ohne das Andere leben kon­nten. Darum sprach er: Gib mir jet­zt nur die Zauber­rose aus dem Garten, ich trage sie zu mein­er Mut­ter, und wenn sie gesund ist, hole ich dich ab und führe dich in mein Schloss.“ Da war sie wohl sehr betrübt, aber der Prinz tat es nicht anders, und nach­dem er aus­geruht hat­te, ritt er mit der Rose fort. Daheim erzählte er sein­er Mut­ter Alles und sie tat, als freue sie sich sehr, aber in ihrem Herzen war sie doch ärg­er­lich. Als der Prinz nun schlief, sagte sie dem Riesen Alles wieder, und der sann jet­zt noch mehr auf Anschläge, den Prinzen zu verder­ben, weil er seine zwölf Gesellen getötet hat­te. Endlich sprach er: Sage, die Rose habe dich nur halb gesund gemacht und es habe dir geträumt, wenn er dir sage, wo seine Stärke sei, dann würdest du ganz gesund und kön­ntest mit ihm reisen.“ Das tat die got­t­lose Mut­ter, und weil der Prinz sie so lieb hat­te, sagte er es ihr auf der Stelle, und das Weib klatschte es noch vor Abend dem Riesen, der nicht wusste, was er vor Freuden machen solle. Als der Prinz nun schlief, machte er sich eilig über ihn und riss ihm das Buch von der Brust; dann pack­te er ihn am Genick und fragte ihn, was er jet­zt mit ihm machen solle? Der Prinz sah wohl, dass er ganz in des Riesen Gewalt war, darum antwortete er: Mach mit mir, was du willst.“ Er hat­te näm­lich im ersten Schreck vergessen, was ihm sein Pâté zum Drit­ten geschenkt; hätte er daran gedacht, dann wäre er gerettet gewe­sen. Da griff ihm der treulose Riese in die Augen und riss sie ihm aus, hack­te ihm die Hände ab und stieß ihn so in den Wald, und das garstige Weib hat­te gar noch seine Freude dran, so dass es den armen Prinzen ver­höh­nte und verspot­tete.
So irrte der Prinz in dem weit­en Walde umher und ran­nte über­all an und zer­stieß und ver­wun­dete sich so, dass in weni­gen Tagen an seinem ganzen Kör­p­er kein heiles Fleckchen war. Wohl zwanzig Tage hat­te er so im Walde zuge­bracht, und sich nur von Wurzeln und Kräutern genährt, als er eines Mor­gens in der Ferne Hunde bellen hörte. Er kroch nach der Gegend hin und kam an das Schloss, worin die schöne Königstochter wohnte und mit Schmerzen auf ihn wartete. Als er Stim­men hörte, bat er ein paar Leute, die vorübergin­gen, dass sie ihn unter Dach und zu mitlei­di­gen Men­schen brin­gen möcht­en, da er gar schwach sei und so großen Hunger habe. Da führten sie ihn ins Schloss, wo als­bald Alle zusam­men­liefen, den armen Ver­stüm­melten zu sehen, doch kan­nte ihn Nie­mand. Als die Königstochter aber dazu kam, erkan­nte sie ihn auf den ersten Blick und stürzte ihm laut weinend um den Hals; dann wusch sie ihn und pflegte sein mit großer Treue. Da war er wohl auch erfreut, doch nicht so recht aus ganzem Herzen, denn er gedachte sein­er ver­lor­nen Augen und Hände und wie er nun keine wack­ern Tat­en mehr ver­richt­en könne. Darüber seufzte er oft tief und schw­er, und beson­ders des Nachts, und wenn er an den Pat­en gedachte. Ach lieber Pâté, was hab ich getan!“ rief er da ein­stens aus. Als­bald stand der Pâté neben ihm und sprach: Nun, was hab ich dir gesagt? Aber weil du nur aus Liebe so unglück­lich bist, will ich dir helfen.“ So sprach er, erzählte ihm Alles von sein­er Mut­ter, dann führte er ihn an den Bach, der am Schloss vorüber­floss und wusch ihn mit dem Wass­er. Davon wuch­sen ihm die Augen wieder, dass er die hellen Sterne sah, und die Hände kamen ihm wie ange­flo­gen. Das war eine Freude im Schloss! Am fol­gen­den Tag wurde die Hochzeit mit Lust und Jubel gefeiert, dann fuhr das junge Ehep­aar zu dem Vater der Königstochter und mit ihm zum Kaiser Joseph. Der fragte den Prinzen, wo er denn seine Mut­ter gelassen habe? Da musste der Prinz wohl erzählen und der Kaiser erschrak so sehr darüber, dass er vor Schreck­en und Trauer tot nieder­stürzte. Das erzürnte den Prinzen über die Maßen, er set­zte sich mit seinem Schwiegervater gle­ich in einen Wagen und fuhr nach dem Riesen­schloss, wo das Weib wohnte. Als die ihren Sohn ankom­men sah, fiel sie in Ohn­macht. Der Riese wollte sich zwar zur Wehr set­zen, aber es half ihm nichts, denn er hat­te keine Stärke durch das Buch erlangt, und der Prinz war jet­zt dop­pelt so stark, wie vorher. Mit einem Schlag traf er den Riesen, dass er zusam­men­sank; dann band er das Weib mit den Füßen hin­ten an den Wagen und hieß den Kutsch­er zufahren. Als sie ein paar Stun­den weit­er waren, schnitt er den Strick durch und ließ sie im Walde liegen. Er bestieg jet­zt den Thron und herrschte lang und glück­lich, und seine Frau blieb bis in ihr hohes Alter die schön­ste Frau von der Welt.