Der Königssohn, der sich vor nichts fürchtet

von  Brüder Grimm

~10 Min

Es war ein­mal ein Königssohn, dem gefiels nicht mehr daheim in seines Vaters Haus, und weil er vor nichts Furcht hat­te, so dachte er ​‚ich will in die weite Welt gehen, da wird mir Zeit und Weile nicht lang, und ich werde wun­der­liche Dinge genug sehen.‘ Also nahm er von seinen Eltern Abschied und ging fort, immerzu, von Mor­gen bis Abend, und es war ihm ein­er­lei, wo hin­aus ihn der Weg führte. Es trug sich zu, dass er vor eines Riesen Haus kam, und weil er müde war, set­zte er sich vor die Türe und ruhte. Und als er seine Augen so hin- und herge­hen liess, sah er auf dem Hof des Riesen­spiel­w­erk liegen: das waren ein paar mächtige Kugeln und Kegel, so gross als ein Men­sch. Über ein Weilchen bekam er Lust, stellte die Kegel auf und schob mit den Kugeln danach, schrie und rief, wenn die Kegel fie­len, und war guter Dinge. Der Riese hörte den Lärm, streck­te seinen Kopf zum Fen­ster her­aus und erblick­te einen Men­schen, der nicht gröss­er war als andere, und doch mit seinen Kegeln spielte. ​‚Würm­chen,‘ rief er, ​‚was kegelst du mit meinen Kegeln? wer hat dir die Stärke dazu gegeben?‘ Der Königssohn schaute auf, sah den Riesen an und sprach ​‚o du Klotz, du meinst wohl, du hättest allein starke Arme? ich kann alles, wozu ich Lust habe.‘ Der Riese kam herab, sah dem Kegeln ganz ver­wun­dert zu und sprach ​‚Men­schenkind, wenn du der Art bist, so geh und hol mir einen Apfel vom Baum des Lebens.‘ ​‚Was willst du damit?‘ sprach der Königssohn. ​‚Ich will den Apfel nicht für mich,‘ antwortete der Riese, ​‚aber ich habe eine Braut, die ver­langt danach; ich bin weit in der Welt umherge­gan­gen und kann den Baum nicht find­en.‘ ​‚Ich will ihn schon find­en,‘ sagte der Königssohn, ​‚und ich weiss nicht, was mich abhal­ten soll, den Apfel herun­terzu­holen.‘ Der Riese sprach ​‚du meinst wohl, das wäre so leicht? der Garten, worin der Baum ste­ht, ist von einem eis­er­nen Git­ter umgeben, und vor dem Git­ter liegen wilde Tiere, eins neben dem andern, die hal­ten Wache und lassen keinen Men­schen hinein.‘ ​‚Mich wer­den sie schon ein­lassen,‘ sagte der Königssohn. ​‚Ja, gelangst du auch in den Garten und siehst den Apfel am Baum hän­gen, so ist er doch noch nicht dein: es hängt ein Ring davor, durch den muss ein­er die Hand steck­en, wenn er den Apfel erre­ichen und abbrechen will, und das ist noch keinem geglückt.‘ ​‚Mir solls schon glück­en,‘ sprach der Königssohn.

Da nahm er Abschied von dem Riesen, ging fort über Berg und Tal, durch Felder und Wälder, bis er endlich den Wun­der­garten fand. Die Tiere lagen ring­sumher, aber sie hat­ten die Köpfe gesenkt und schliefen. Sie erwacht­en auch nicht, als er her­ankam, son­dern er trat über sie weg, stieg über das Git­ter und kam glück­lich in den Garten. Da stand mit­ten inne der Baum des Lebens, und die roten Äpfel leuchteten an den lis­ten. Er klet­terte an dem Stamm in die Höhe, und wie er nach einem Apfel reichen wollte, sah er einen Ring davor hän­gen, aber er steck­te seine Hand ohne Mühe hin­durch und brach den Apfel. Der Ring schloss sich fest an seinen Arm, und er fühlte, wie auf ein­mal eine gewaltige Kraft durch seine Adern drang. Als er mit dem Apfel von dem Baum wieder her­abgestiegen war, wollte er nicht über das Git­ter klet­tern, son­dern fasste das grosse Tor und brauchte nur ein­mal daran zu schüt­teln, so sprang es mit Krachen auf. Da ging er hin­aus, und der Löwe, der davor gele­gen hat­te, war wach gewor­den und sprang ihm nach, aber nicht in Wut und Wild­heit, son­dern er fol­gte ihm demütig als seinem Herrn.

Der Königssohn brachte dem Riesen den ver­sproch­enen Apfel und sprach ​’siehst du, ich habe ihn ohne Mühe geholt.‘ Der Riese war froh, dass sein Wun­sch so bald erfüllt war, eilte zu sein­er Braut und gab ihr den Apfel, den sie ver­langt hat­te. Es war eine schöne und kluge Jungfrau, und da sie den Ring nicht an seinem Arm sah, sprach sie ​‚ich glaube nicht eher, dass du den Apfel geholt hast, als bis ich den Ring an deinem Arm erblicke.‘ Der Riese sagte ​‚ich brauche nur heim zu gehen und ihn zu holen,‘ und meinte, es wäre ein leicht­es, dem schwachen Men­schen mit Gewalt wegzunehmen, was er nicht gutwillig geben wollte. Er forderte also den Ring von ihm, aber der Königssohn weigerte sich, ​‚Wo der Apfel ist, muss auch der Ring sein,‘ sprach der Riese, ​‚gib­st du ihn nicht gutwillig, so musst du mit mir darum kämpfen.‘

Sie rangen lange Zeit miteinan­der, aber der Riese kon­nte dem Königssohn, den die Zauberkraft des Ringes stärk­te, nichts anhab­en. Da sann der Riese auf eine List und sprach ​‚mir ist warm gewor­den bei dem Kampf, und dir auch, wir wollen im Flusse baden und uns abkühlen, eh wir wieder anfan­gen.‘ Der Königssohn, der von Falschheit nichts wusste, ging mit ihm zu dem Wass­er, streifte mit seinen Klei­dern auch den Ring vom Arm und sprang in den Fluss. Als­bald griff der Riese nach dem Ring und lief damit fort, aber der Löwe, der den Dieb­stahl bemerkt hat­te, set­zte dem Riesen nach, riss den Ring ihm aus der Hand und brachte ihn seinem Her­rn zurück. Da stellte sich der Riese hin­ter einen Eich­baum, und als der Königssohn beschäftigt war, seine Klei­der wieder anzuziehen, über­fiel er ihn und stach ihm bei­de Augen aus.

Nun stand da der arme Königssohn, war blind und wusste sich nicht zu helfen. Da kam der Riese wieder her­bei, fasste ihn bei der Hand wie jemand, der ihn leit­en wollte, und führte ihn auf die Spitze eines hohen Felsens. Dann liess er ihn ste­hen und dachte ​’noch ein paar Schritte weit­er, so stürzt er sich tot, und ich kann ihm den Ring abziehen.‘ Aber der treue Löwe hat­te seinen Her­rn nicht ver­lassen, hielt ihn am Klei­de fest und zog ihn allmäh­lich wieder zurück. Als der Riese kam und den Toten berauben wollte, sah er, dass seine List verge­blich gewe­sen war. ​‚Ist denn ein so schwach­es Men­schenkind nicht zu verder­ben!‘ sprach er zornig zu sich selb­st, fasste den Königssohn und führte ihn auf einem andern Weg nochmals zu dem Abgrund: aber der Löwe, der die böse Absicht merk­te, half seinem Her­rn auch hier aus der Gefahr. Als sie nahe zum Rand gekom­men waren, liess der Riese die Hand des Blind­en fahren und wollte ihn allein zurück­lassen, aber der Löwe stiess den Riesen, dass er hin­ab­stürzte und zer­schmettert auf den Boden fiel.

Das treue Tier zog seinen Her­rn wieder von dem Abgrund zurück und leit­ete ihn zu einem Baum, an dem ein klar­er Bach floss. Der Königssohn set­zte sich da nieder, der Löwe aber legte sich und spritzte mit sein­er Tatze ihm das Wass­er ins Antlitz. Kaum hat­ten ein paar Tröpfchen die Augen­höhlen benet­zt, so kon­nte er wieder etwas sehen und bemerk­te ein Vöglein, das flog ganz nah vor­bei, stiess sich aber an einem Baum­stamm: hier­auf liess es sich in das Wass­er herab und badete sich darin, dann flog es auf, strich ohne anzus­tossen zwis­chen den Bäu­men hin, als hätte es sein Gesicht wieder­bekom­men. Da erkan­nte der Königssohn den Wink Gottes, neigte sich herab zu dem Wass­er und wusch und badete sich darin das Gesicht. Und als er sich aufrichtete, hat­te er seine Augen wieder so hell und rein, wie sie nie gewe­sen waren.

Der Königssohn dank­te Gott für die grosse Gnade und zog mit seinem Löwen weit­er in der Welt herum. Nun trug es sich zu, dass er vor ein Schloss kam, welch­es ver­wün­scht war. In dem Tor stand eine Jungfrau von schön­er Gestalt und feinem Antlitz, aber sie war ganz schwarz. Sie redete ihn an und sprach ​‚ach kön­ntest du mich erlösen aus dem bösen Zauber, der über mich gewor­fen ist.‘ ​‚Was soll ich tun?‘ sprach der Königssohn. Die Jungfrau antwortete ​‚drei Nächte musst du in dem grossen Saal des ver­wün­scht­en Schloss­es zubrin­gen, aber es darf keine Furcht in dein Herz kom­men. Wenn sie dich auf das ärg­ste quälen und du hältst es aus, ohne einen Laut von dir zu geben, so bin ich erlöst; das Leben dür­fen sie dir nicht nehmen.‘ Da sprach der Königssohn ​‚ich fürchte mich nicht, ich wills mit Gottes Hil­fe ver­suchen.‘ Also ging er fröh­lich in das Schloss, und als es dunkel ward, set­zte er sich in den grossen Saal und wartete. Es war aber still bis Mit­ter­nacht, da fing plöt­zlich ein gross­er Lärm an, und aus allen Eck­en und Winkeln kamen kleine Teufel her­bei. Sie tat­en, als ob sie ihn nicht sähen, set­zten sich mit­ten in die Stube, macht­en ein Feuer an und fin­gen an zu spie­len. Wenn ein­er ver­lor, sprach er ​‚es ist nicht richtig, es ist ein­er da, der nicht zu uns gehört, der ist schuld, dass ich ver­liere.‘ ​‚Wart, ich komme, du hin­ter dem Ofen,‘ sagte ein ander­er. Das Schreien ward immer gröss­er, so dass es nie­mand ohne Schreck­en hätte anhören kön­nen. Der Königssohn blieb ganz ruhig sitzen und hat­te keine Furcht: doch endlich sprangen die Teufel von der Erde auf und fie­len über ihn her, und es waren so viele, dass er sich ihrer nicht erwehren kon­nte. Sie zer­rten ihn auf dem Boden herum, zwick­ten, stachen, schlu­gen und quäl­ten ihn, aber er gab keinen Laut von sich. Gegen Mor­gen ver­schwan­den sie, und er war so abge­mat­tet, dass er kaum seine Glieder regen kon­nte: als aber der Tag anbrach, da trat die schwarze Jungfrau zu ihm here­in. Sie trug in ihrer Hand eine kleine Flasche, worin Wass­er des Lebens war, damit wusch sie ihn, und als­bald fühlte er, wie alle Schmerzen ver­schwan­den und frische Kraft in seine Adern drang. Sie sprach ​‚eine Nacht hast du glück­lich aus­ge­hal­ten, aber noch zwei ste­hen dir bevor.‘ Da ging sie wieder weg, und im Wegge­hen bemerk­te er, dass ihre Füsse weiss gewor­den waren. In der fol­gen­den Nacht kamen die Teufel und fin­gen ihr Spiel aufs neue an: sie fie­len über den Königssohn her und schlu­gen ihn viel härter als in der vorigen Nacht, dass sein Leib voll Wun­den war. Doch da er alles still ertrug, mussten sie von ihm lassen, und als die Mor­gen­röte anbrach, erschien die Jungfrau und heilte ihn mit dem Lebenswass­er. Und als sie weg­ging, sah er mit Freuden, dass sie schon weiss gewor­den war bis zu den Fin­ger­spitzen. Nun hat­te er nur noch eine Nacht auszuhal­ten, aber die war die schlimm­ste. Der Teufelsspuk kam wieder: ​‚bist du noch da?‘ schrien sie, ​‚du sollst gepeinigt wer­den, dass dir der Atem ste­hen bleibt.‘ Sie stachen und schlu­gen ihn, war­fen ihn hin und her und zogen ihn an Armen und Beinen, als woll­ten sie ihn zer­reis­sen: aber er duldete alles und gab keinen Laut von sich. Endlich ver­schwan­den die Teufel, aber er lag da ohn­mächtig und regte sich nicht: er kon­nte auch nicht die Augen aufheben, um die Jungfrau zu sehen, die hereinkam und ihn mit dem Wass­er des Lebens benet­zte und begoss. Aber auf ein­mal war er von allen Schmerzen befre­it und fühlte sich frisch und gesund, als wäre er aus einem Schlaf erwacht, und wie er die Augen auf­schlug, so sah er die Jungfrau neben sich ste­hen, die war schneeweiss und schön wie der helle Tag. ​‚Steh auf,‘ sprach sie, ​‚und schwing dein Schw­ert dreimal über die Treppe, so ist alles erlöst.‘ Und als er das getan hat­te, da war das ganze Schloss vom Z auber befre­it, und die Jungfrau war eine reiche Königstochter. Die Diener kamen und sagten, im grossen Saale wäre die Tafel schon zubere­it­et und die Speisen aufge­tra­gen. Da set­zten sie sich nieder, assen und tranken zusam­men, und abends ward in grossen Freuden die Hochzeit gefeiert.

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