Der Jude im Dorn

von Brüder Grimm

~8 Min

Es war ein­mal ein reich­er Mann, der hat­te einen Knecht, der diente ihm fleis­sig und redlich, war alle Mor­gen der erste aus dem Bett und abends der let­zte hinein, und wenns eine saure Arbeit gab, wo kein­er anpack­en wollte, so stellte er sich immer zuerst daran. Dabei klagte er nicht, son­dern war mit allem zufrieden und war immer lustig. Als sein Jahr herum war, gab ihm der Herr keinen Lohn und dachte das ist das Gescheit­ste, so spare ich etwas und er geht mir nicht weg, son­dern bleibt hüb­sch im Dienst.‘ Der Knecht schwieg auch still, tat das zweite Jahr wie das erste seine Arbeit, und als er am Ende des­sel­ben aber­mals keinen Lohn bekam, liess er sichs gefall­en und blieb noch länger. Als auch das dritte Jahr herum war, bedachte sich der Herr, griff in die Tasche, holte aber nichts her­aus. Da fing der Knecht endlich an und sprach »Herr, ich habe Euch drei Jahre redlich gedi­ent, seid so gut und gebt mir, was mir von Rechts wegen zukommt: ich wollte fort und mich gerne weit­er in der Welt umse­hen.« Da antwortete der Geizhals »ja, mein lieber Knecht, du hast mir unver­drossen gedi­ent, dafür sollst du mildiglich belohnet wer­den,« griff aber­mals in die Tasche und zählte dem Knecht drei Heller einzeln auf, »da hast du für jedes Jahr einen Heller, das ist ein gross­er und reich­lich­er Lohn, wie du ihn bei weni­gen Her­ren emp­fan­gen hättest.« Der gute Knecht, der vom Geld wenig ver­stand, strich sein Kap­i­tal ein und dachte »nun hast du vol­lauf in der Tasche, was willst du sor­gen und dich mit schw­er­er Arbeit länger plagen.«

Da zog er fort, bergauf, bergab, sang und sprang nach Herzenslust. Nun trug es sich zu, als er an ein Buschw­erk vorüberkam, dass ein kleines Män­nchen her­vor­trat und ihn anrief wo hin­aus, Brud­er Lustig? ich sehe, du trägst nicht schw­er an deinen Sor­gen.‘ Was soll ich trau­rig sein,‘ antwortete der Knecht, ich habe vol­lauf, der Lohn von drei Jahren klin­gelt in mein­er Tasche.‘ Wieviel ist denn deines Schatzes?‘ fragte ihn das Män­nchen. Wieviel? drei bare Heller, richtig gezählt.‘ Höre,‘ sagte der Zwerg, ich bin ein armer bedürftiger Mann, schenke mir deine drei Heller: ich kann nichts mehr arbeit­en, du aber bist jung und kannst dir dein Brot leicht ver­di­enen.‘ Und weil der Knecht ein gutes Herz hat­te und Mitleid mit dem Män­nchen fühlte, so reichte er ihm seine drei Heller und sprach in Gottes Namen, es wird mir doch nicht fehlen.‘ Da sprach das Män­nchen weil ich dein gutes Herz sehe, so gewähre ich dir drei Wün­sche, für jeden Heller einen, die sollen dir in Erfül­lung gehen.‘ Aha,‘ sprach der Knecht, du bist ein­er, der blau pfeifen kann. Wohlan, wenns doch sein soll, so wün­sche ich mir erstlich ein Vogel­rohr, das alles trifft, wonach ich ziele; zweit­ens eine Fiedel, wenn ich darauf stre­iche, so muss alles tanzen, was den Klang hört; und drit­tens, wenn ich an jemand eine Bitte tue, so darf er sie nicht abschla­gen.‘ Das sollst du alles haben,‘ sprach das Män­nchen, griff in den Busch, und, denk ein­er, da lag schon Fiedel und Vogel­rohr in Bere­itschaft, als wenn sie bestellt wären. Er gab sie dem Knecht und sprach was du dir immer erbit­ten wirst, kein Men­sch auf der Welt soll dirs abschlagen.‘

Herz, was begehrst du nun?‘ sprach der Knecht zu sich sel­ber und zog lustig weit­er. Bald darauf begeg­nete er einem Juden mit einem lan­gen Ziegen­bart, der stand und horchte auf den Gesang eines Vogels, der hoch oben in der Spitze eines Baumes sass. Gottes Wun­der!‘ rief er aus‘ so ein kleines Tier hat so eine grausam mächtige Stimme! wenns doch mein wäre! wer ihm doch Salz auf den Schwanz streuen kön­nte!‘ Wenns weit­er nichts ist,‘ sprach der Knecht, der Vogel soll bald herunter sein,‘ legte an und traf aufs Haar, und der Vogel fiel herab in die Dorn­heck­en. Geh, Spitzbub,‘ sagte er zum Juden, und hol dir den Vogel her­aus.‘ Mein“ sprach der Jude, lass der Herr den Bub weg, so kommt ein Hund gelaufen; ich will mir den Vogel aufle­sen, weil Ihr ihn doch ein­mal getrof­fen habt,‘ legte sich auf die Erde und fing an, sich in den Busch hineinzuar­beit­en. Wie er nun mit­ten in dem Dorn steck­te, plagte der Mutwille den guten Knecht, dass er seine Fiedel abnahm und anf­ing zu geigen. Gle­ich fing auch der Jude an die Beine zu heben und in die Höhe zu sprin­gen: und je mehr der Knecht strich, desto bess­er ging der Tanz. Aber die Dörn­er zer­ris­sen ihm den schäbi­gen Rock, kämmten ihm den Ziegen­bart und stachen und zwick­ten ihn am ganzen Leib. Mein,‘ rief der Jude, was soll mir das Geigen! lass der Herr das Geigen, ich begehre nicht zu tanzen.‘ Aber der Knecht hörte nicht darauf und dachte du hast die Leute genug geschun­den, nun soll dirs die Dorn­hecke nicht bess­er machen,‘ und fing von neuem an zu geigen, dass der Jude immer höher auf­sprin­gen musste, und die Fet­zen von seinem Rock an den Stacheln hän­gen blieben. Au weih geschrien!‘ rief der Jude, geb ich doch dem Her­rn, was er ver­langt, wenn er nur das Geigen lässt, einen ganzen Beu­tel mit Gold.‘ Wenn du so spend­abel bist,‘ sprach der Knecht, so will ich wohl mit mein­er Musik aufhören, aber das muss ich dir nachrüh­men, du machst deinen Tanz noch mit, dass es ei né Art hat;‘ nahm darauf den Beu­tel und ging sein­er Wege.

Der Jude blieb ste­hen und sah ihm nach und war still, bis der Knecht weit weg und ihm ganz aus den Augen war, dann schrie er aus Leibeskräften du mis­er­abler Musikant, du Bier­fiedler: wart, wenn ich dich allein erwis­che! ich will dich jagen, dass du die Schuh­sohlen ver­lieren sollst; du Lump, steck einen Groschen ins Maul, dass du sechs Heller wert bist,‘ und schimpfte weit­er, was er nur los­brin­gen kon­nte. Und als er sich damit etwas zugute getan und Luft gemacht hat­te, lief er in die Stadt zum Richter. Herr Richter, au weih geschrien! seht, wie mich auf offen­er Land­strasse ein got­t­los­er Men­sch beraubt und übel zugerichtet hat: ein Stein auf dem Erd­bo­den möcht sich erbar­men: die Klei­der zer­fet­zt! der Leib zer­stochen und zerkratzt! mein biss­chen Armut samt dem Beu­tel genom­men! lauter Dukat­en, ein Stück schön­er als das andere: um Gotteswillen, lasst den Men­schen ins Gefäng­nis wer­fen.‘ Sprach der Richter wars ein Sol­dat, der dich mit seinem Säbel so zugerichtet hat?‘ Gott bewahr!‘ sagte der Jude, einen nack­ten Degen hat er nicht gehabt, aber ein Rohr hat er gehabt auf dem Buck­el hän­gen und eine Geige am Hals; der Bösewicht ist leicht zu erken­nen.‘ Der Richter schick­te seine Leute nach ihm aus, die fan­den den guten Knecht, der ganz langsam weit­erge­zo­gen war, und fan­den auch den Beu­tel mit Gold bei ihm. Als er vor Gericht gestellt wurde, sagte er ich habe den Juden nicht angerührt und ihm das Geld nicht genom­men, er hat mirs aus freien Stück­en ange­boten, damit ich nur aufhörte zu geigen, weil er meine Musik nicht ver­tra­gen kon­nte.‘ Gott bewahr!‘ schrie der Jude, der greift die Lügen wie Fliegen an der Wand.‘ Aber der Richter glaubte es auch nicht und sprach das ist eine schlechte Entschuldigung, das tut kein Jude,‘ und verurteilte den guten Knecht, weil er auf offen­er Strasse einen Raub began­gen hätte, zum Gal­gen. Als er aber abge­führt ward, schrie ihm noch der Jude zu du Bären­häuter, du Hun­de­mus ikant, jet­zt kriegst du deinen wohlver­di­en­ten Lohn.‘ Der Knecht stieg ganz ruhig mit dem Henker die Leit­er hin­auf, auf der let­zten Sprosse aber drehte er sich um und sprach zum Richter gewährt mir noch eine Bitte, eh ich sterbe.‘ Ja,‘ sprach der Richter, wenn du nicht um dein Leben bittest.‘ Nicht ums Leben,‘ antwortete der Knecht, ich bitte, lasst mich zu guter Let­zt noch ein­mal auf mein­er Geige spie­len.‘ Der Jude erhob ein Zetergeschrei um Gotteswillen, erlaubts nicht, erlaubts nicht.‘ Allein der Richter sprach warum soll ich ihm die kurze Freude nicht gön­nen: es ist ihm zuge­s­tanden, und dabei soll es sein Bewen­den haben.‘ Auch kon­nte er es ihm nicht abschla­gen wegen der Gabe, die dem Knecht ver­liehen war. Der Jude aber rief au weih! au weih! bindet mich an, bindet mich fest.‘ Da nahm der gute Knecht seine Geige vom Hals, legte sie zurecht, und wie er den ersten Strich tat, fing alles an zu wabern und zu wanken, der Richter, die Schreiber und die Gerichts­di­ener: und der Strick fiel dem aus der Hand, der den Juden fes­t­binden wollte: beim zweit­en Strich hoben alle die Beine, und der Henker liess den guten Knecht los und machte sich zum Tanze fer­tig: bei dem drit­ten Strich sprang alles in die Höhe und fing an zu tanzen, und der Richter und der Jude waren vorn und sprangen am besten. Bald tanzte alles mit, was auf den Markt aus Neugierde her­beigekom­men war, alte und junge, dicke und magere Leute untere­inan­der: sog­ar die Hunde, die mit­ge­laufen waren, set­zten sich auf die Hin­ter­füsse und hüpften mit. Und je länger er spielte, desto höher sprangen die Tänz­er, dass sie sich einan­der an die Köpfe stiessen und anfin­gen jäm­mer­lich zu schreien. Endlich rief der Richter ganz auss­er Atem ich schenke dir dein Leben, höre nur auf zu geigen.‘ Der gute Knecht liess sich bewe­gen, set­zte die Geige ab, hing sie wieder um den Hals und stieg die Leit­er herab. Da trat er zu dem Juden, der auf der Erde lag und nach Atem schnappte, und sa gte Spitzbube, jet­zt gesteh, wo du das Geld her hast, oder ich nehme meine Geige vom Hals und fange wieder an zu spie­len.‘ Ich habs gestohlen, ich habs gestohlen,‘ schrie er, du aber hasts redlich ver­di­ent.‘ Da liess der Richter den Juden zum Gal­gen führen und als einen Dieb aufhängen.