Der Hünentöter

von Josef Haltrich

~16 Min

Es war ein­mal ein reich­er Kauf­mann, der hat­te drei Söhne; jedem baute er ein großes stein­ernes Haus, und als er ster­ben sollte, rief er sie an sein Bett und sagte: Ich habe viele Sün­den, wenn ihr aber nach meinem Tode mit eur­er Mut­ter eine Wall­fahrt zur heili­gen Wald­kapelle im Mor­gen­lande machet, so hoffe ich Verge­bung zu erlan­gen.“ Die Söhne gelobten das zu tun. Nach­dem aber der Vater begraben wor­den, ver­gaßen sie und ihre Mut­ter lange darauf. Nur ein­mal hörten sie in ein­er Nacht ein großes Gerumpel im Hause; das wieder­holte sich in der fol­gen­den Nacht. In der drit­ten kam ein Priester und betete den Geist hin­aus; allein der Priester sagte, wenn sie die gelobte Wall­fahrt am fol­gen­den Tag nicht anträten, so würde der Geist immer wieder erscheinen. Da macht­en sich die drei Brüder mit ihrer Mut­ter auf den Weg, und jed­er nahm eine Wind­büchse mit. Abends schliefen sie in einem Walde; sie hiel­ten aber abwech­sel­nd Wache, damit nicht Räu­ber oder wilde Tiere sie über­fall­en kön­nten. Zuerst wachte der Älteste, dann der Mit­tlere, und von elf bis ein Uhr sollte der Jüng­ste Wache hal­ten. Aber er galt unter seinen Brüdern als ein Dum­mi­an, und sie sprachen untere­inan­der: Wir wollen ruhig schlafen, der kann auch bis zum Mor­gen Wache stehen!“

Sie hat­ten aber ein großes Feuer gemacht; das schürte der Junge an und stellte sich darauf weit weg. Nur ein­mal kam ein fürchter­lich­er Löwe und ger­ade auf den Jun­gen los.“ Er nahm seine Wind­büchse, und wie der Löwe nahe war, schoß er ihn nieder; man hörte nur ein­mal: puck! und der Löwe war tot. Seine Mut­ter und seine Brüder schliefen fest. Der Junge nahm sein Mess­er, schnitt dem Löwen eine Pfote ab, steck­te sie ein, schleppte ihn auf die Seite und bedeck­te ihn mit Blät­tern. Er stellte sich wieder an seinen Platz; da kam ein wilder Bär und ger­adezu auf ihn. Der ist gefährlich!“ dachte er, du mußt einen sich­ern Schuß haben!“ ließ ihn ganz her­ankom­men; da erst drück­te er los; man hörte nur ein­mal: puck! und der Bär plump­ste tot nieder. Er schnitt ihm auch eine Pfote ab und schleppte ihn zum toten Löwen und bedeck­te ihn mit Blät­tern. Kaum war das geschehen, so stürmte ein Wolf her­bei mit flam­menden Augen und aufges­per­rtem, grim­migem Rachen. Der ist noch gefährlich­er“, sprach der Junge bei sich; jet­zt mußt‘ du dich zusam­men­nehmen!“ Er ließ ihn ganz nahe kom­men, bis der Lauf dem Wolf in den Rachen ging, schoß ihn glück­lich nieder, schnitt eine Pfote ab, steck­te sie ein und schleppte den Wolf zum Löwen und Bären und bedeck­te ihn mit Blät­tern. Nun kam nichts weit­er, und alles war ruhig.
Da dachte er, er wolle doch sehen, ob in der Umge­gend kein Haus zu ent­deck­en sei, stieg auf den höch­sten Baum und sah in der Ferne ein großes Feuer. Er warf seine Mütze nach der Rich­tung, stieg hin­unter und ging dem Feuer zu. Dort sah er zu seinem Schreck­en drei mächtige Hünen, welche einen Ochsen am Spieß bri­eten. Er kroch schnell auf einen nahen Baum, daß sie ihn nicht bemerk­ten, und sah zu. Nur ein­mal nah­men sie den Ochsen vom Feuer und zer­ris­sen ihn in Stücke. Ein Hüne wollte ger­ade einen Schenkel zum Munde führen, da plagte den Jun­gen der Mutwille; er nahm seine Wind­büchse, zielte und schoß ihm den Schenkel vom Mund fort. Was bläst du so“, rief er seinem Nach­barn zu, daß mir der Bis­sen entfällt?“

Ich habe nicht geblasen!“ sprach dieser und wollte eben ein Schaff (Zuber), das sie als Bech­er gebraucht­en, mit Wein zum Munde führen; da schoß der Junge wieder, daß das Schaff sprang und der Wein dem Hünen in den Bart und zur Erde floß. Der dritte Hüne lag auf dem Boden, und als er das sah, mußte er lachen. Aha, du hast geblasen und gestoßen!“ riefen die zwei andern und woll­ten über ihn her­fall­en; nur ein­mal, puck! war dem drit­ten Hünen, wie er den Mund wieder öffnete und lachte, ein Zahn her­aus­geschossen. Wer hat mit einem Steinchen mich gewor­fen?“ rief er und brüllte vor Schmerz. Da sahen sie ein, es gehe nicht mit recht­en Din­gen zu und sprachen: Es muß ein Erd­wurm in der Nähe sein“, und fin­gen an zu suchen und zu schnup­pern. Von dem hefti­gen Atmen der Hünen rauscht­en die Blät­ter, und der Junge fing an zu zit­tern. Endlich sah ihn ein­er, wie er oben in einem Zweige saß. Aha! haben wir dich, du los­er Vogel! Gle­ich herunter mit dir!“ Der Knabe wollte anfangs nicht; da rief ein­er von den Hünen: Wenn du nicht gle­ich kommst, reiße ich den Baum aus und werfe dich mit­samt aufs Feuer.“ Nun dachte der Junge, ster­ben müsse er ohne­hin, er wolle es mit gutem ver­suchen, und klet­terte hin­unter. Als ihn der Hüne erre­ichen kon­nte, pack­te er ihn am Hosen­top­pert“ mit zwei Fin­gern, um ihn nicht zu zer­drück­en, brachte ihn zum Feuer und stellte ihn ins Licht. Hast du auf uns gewor­fen, du klein­er Wicht ? Sage es nur; es soll dir nichts geschehen!“ Da sagte der Junge, er habe da ein Blaserohr und mit dem habe er es ver­sucht. Du kannst ver­wün­scht gut tre­f­fen; das ist aber prächtig; wir haben schon lange auf so einen gewartet. Du sollst gle­ich deine Kun­st wieder ver­suchen. Wir gehen zur königlichen Burg, um die Königstochter zu stehlen; bekom­men wir die, so brauchen wir nichts mehr; denn alle Reichtümer ste­hen uns dann zu Gebot. In der näch­sten Stunde von zwölf bis ein Uhr schläft alles im Schlosse; nur ein weißes Hündlein geht um die Mauer und wacht. Dieses war allein schuld daran, daß wir bish­er nicht hinein kon­nten; denn waren wir an der Mauer, so bellte es, und gle­ich erwachte alles im Schlosse, du sollst nun das Hündlein schießen!“

Damit macht­en sie sich auf den Weg. Allein die Hünen hat­ten nur zwei, drei Schritte getan, so hat­ten sie den Kleinen auch schon aus dem Gesicht ver­loren; er lief zwar in einem fort neben ihnen her, und doch kon­nte er nicht nachkom­men. Da kehrte ein­er der Hünen um, set­zte ihn vom auf seinen Hut, und jet­zt tat­en sie noch einige Schritte, so sahen sie die Burg, und es ging das weiße Hündlein wieder auf der Mauer herum. Da set­zte der Hüne den Kleinen nieder und sprach: Krieche du näher, du bist ja nur wie ein Käfer; dich wird es nicht sehen, und schieß‘ es zusam­men.“ Der Knabe schlich bis auf Schußweite vor­wärts, set­zte an, und puck! lag das Hündlein im Graben. Nun schrit­ten die Hünen her­bei, durch­bohrten die Mauer und schick­ten den Kleinen durch das Loch in die Burg. Durch die bei­den ersten Zim­mer, sagten sie, solle er nur hin­durchge­hen; in dem drit­ten liege die Prinzessin im Bett und schlafe; er solle sie nehmen und ihnen brin­gen. Der Junge kroch durch das Loch und kam in den Burghof; alle Wächter schliefen; er ging durch die bei­den Zim­mer; auch da schlief im ersten der König und im zweit­en die Köni­gin. Im drit­ten aber lag die Königstochter in einem sei­d­nen Bett und war schön wie ein Bild, daß er sich nicht sattse­hen kon­nte. Da erblick­te er an der Wand ein Schw­ert und eine Flasche und darunter stand geschrieben: Wer dreimal aus mir trinkt, kann das Schw­ert schwin­gen und damit alles erhauen!“ Ah“, dachte er gle­ich, damit kannst du dir die Hünen vom Halse schar­fen!“ Er ver­suchte das Schw­ert herun­terzu­lan­gen; doch es rührte sich nicht. Er trank ein­mal; da nahm er’s herunter, aber es entsank ihm aus der Hand; er trank zum zweit­en­mal, da kon­nte er’s schon heben; er trank zum drit­ten­mal, da schwang er’s in der Luft wie eine Fed­er. Das ist alles gut!“ dachte er; bevor du aber fort­gehst, mußt du ein wenig bei der schö­nen Prinzessin schlafen!“ Er legte sich neben sie ins Bett und schlief. Wie er aber erwachte, sprang er schnell auf, nahm das Schw­ert und lief hin­aus; denn es waren noch nur wenige Minuten bis zu der Zeit, wo alles im Schlosse erwachte.

Den Hünen war das Warten draußen schon zu lang gewor­den; sie hat­ten das Loch in der Mauer viel größer gemacht und woll­ten eben auch durchkriechen. Kommst du ein­mal!“ riefen sie, als sie den Kiemen sahen. Wie ste­ht es?“ Ihr müßt auch here­in; ich kann sie allein nicht tra­gen; nur schnell.“ Da zwängte sich der erste durch das Loch, und wie er ganz drin­nen war, hieb ihm der Junge mit einem Schlag den Kopf ab; da kam der zweite, dem machte er’s eben­so; es kam der dritte; es geschah ihm ein Gle­ich­es. Dann nahm er von jedem Hünen die Zunge, steck­te sie ein, wis­chte das Schw­ert, lief in das Zim­mer und hing es an sein­er Stelle auf, küßte noch ein­mal die schöne Prinzessin mit Heftigkeit auf die Stirne, streifte ihr einen Ring vom Fin­ger und eilte damit fort. Kaum war er durchs Loch gekrochen, so schlug es vom Schloß­turm eins, und nun fing allmäh­lich alles an zu erwachen. Ein Haupt­mann ging aber zuerst um die Mauer; nur ein­mal sah er die drei großen Hünen­leiber und die drei Häupter daneben. Ha, ha!“ dachte er, das ist vortr­e­f­flich!“ Er ging gle­ich hin und machte sein Schw­ert blutig; dann ließ er Lärm schla­gen, und gle­ich kam alles Volk zusam­men, und auch der König eilte her­bei. Da zeigte er die Hünen und sprach: Nach langem Kampfe habe ich sie getötet!“ Der König aber hat­te ver­sprochen, seine Tochter dem zur Gemahlin zu geben, welch­er diese Unge­heuer umbrin­gen würde; er freute sich sehr, daß man der Land­plage nun ein­mal los gewor­den, und ging zu sein­er Tochter und meldete ihr das fro­he Ereig­nis. Sie aber fühlte noch auf ihrer Stirne den bren­nen­den Kuß und hat­te wie im Traume den jun­gen Helden gese­hen, wie er neben ihr gele­gen und das Schw­ert geschwun­gen hat­te. Als sie jet­zt den garsti­gen Haupt­mann sah, der sich für den Hünen­töter aus­gab, so wußte sie, das sei nicht der Rechte; sie wollte aber ihrem Vater nicht Widerre­den und sagte nur: ein Jahr solle er ihr noch erlauben lädig zu bleiben und ihr eine Bitte erfüllen; auf Jahr und Tag wolle sie dann mit ihrem Ret­ter die Hochzeit feiern Das gewährte ihr der König gern, und nun bat sie ihren Vater. er solle an die Land­straße ein Wirtshaus bauen und sie mit ihren Mäg­den allein dort wohnen lassen. Als das Haus fer­tig war, zog sie ein und ließ auf das Schild schreiben: nie­mand bekomme hier ein Unterkom­men um Geld; wer aber seinen Lebenslauf erzäh­le, werde gut aufgenom­men und reich­lich mit Speise und Trank verse­hen! Da sprachen eine Menge Pil­ger ein, und jed­er erzählte für die gute Bewirtung seine Lebensgeschichte.

Als der Junge aus dem Schlosse hin­aus war, eilte er zu seinen Brüdern und zu sein­er Mut­ter in den Wald. Sie schliefen aber noch immer­fort, und er wachte, bis der Tag anbrach. Jet­zt weck­te er sie, doch kam es ihnen noch immer zu frühe vor. Ihr habt über die Zeit geschlafen“, sprach der Junge; ich habe mir das Leben aus­gewacht.“ Schweig du, Dumm­ri­an, was weißt du, wie es an der Zeit ist.“ Nun standen sie endlich auf und gin­gen mit ihrer Mut­ter weit­er; nach mancher­lei Fährlichkeit­en gelangten sie zur heili­gen Wald­kapelle im Mor­gen­lande, ver­richteten da ihr Gebet und kehrten dann wieder um und zogen heimwärts. Auf der Fahrt hat­te der Junge mehrmals erzählt, was er in der Nacht, wie sie geschlafen, getan habe; allein seine Mut­ter und seine Brüder lacht­en ihn aus, verspot­teten ihn jedes­mal und sprachen: Du Hasen­fuß hast ja wie ein Held geträumt!“ Endlich kamen sie auf dem Rück­weg auch an das Wirtshaus, wo die Königstochter wohnte. Das Jahr ging bald zu Ende, und sie hat­te vor kurzem einen schö­nen Knaben geboren. Da lasen die Brüder die Inschrift am Schild, und den Ältern und der Mut­ter kam das son­der­bar vor, und sie sprachen: Da gehen wir nicht hinein, wir haben ja Geld, was wollen wir unsere Lebens­geschichte erzählen.“ Aber dem Jüng­sten war das ger­ade recht, und er sagte, ja, in der Nähe sei kein anderes Wirtshaus und warum soll­ten sie denn ihren Lebenslauf nicht erzählen, man könne ja auch mitunter lügen!

Weil sie sich nun nicht anders helfen kon­nten, so gin­gen sie hinein; man gab ihnen zu essen und zu trinken, was und wieviel sie wün­scht­en. Dann fin­gen sie an zu erzählen; zuerst die Mut­ter, darauf die bei­den ältern Brüder. Das war alles gut und der Königstochter recht. Als es an den Jüng­sten kam, sprach er, er wisse nicht, ob er erzählen solle, denn er müsse mitunter auch lügen. Die Mut­ter und die Brüder sprachen gle­ich: Nein, nein, Dumm­ri­an darf nicht erzählen, der macht uns nur Schande mit seinen erträumten Lügen.“ Aber die Königstochter bestand darauf, daß er erzählen solle. Er bat aber, man solle ihn nicht unter­brechen, bis er zu Ende erzählt habe. Nun fing er an, und bis in den Wald war seine Erzäh­lung mit der sein­er Mut­ter und sein­er Brüder so ziem­lich gle­ich; allein nun kam die Geschichte mit dem Löwen, dem Bären und dem Wolf. Da riefen seine Mut­ter und seine Brüder: Nicht lüge, nicht lüge!“ Nun ich unter­brochen bin“, rief er unwillig, erzäh­le ich nicht weit­er; ich sagte ja, ich würde mitunter auch lügen!“ Die Königstochter bat ihn aber so sehr, daß er fort­fuhr: Meine Geschichte klingt freilich lügen­haft, aber hier sind dafür die Beweise.“ Damit nahm er die Pfote von dem Löwen, Bären und Wolf her­aus und zeigte sie. Der Königstochter klopfte das Herz, und sie dachte: Aha, dieser ist es! Nur weit­er, nur weit­er!“ Jet­zt kam die Geschichte mit den drei Hünen, wie er sie am Feuer gese­hen, wie sie den Ochsen am Spieß gebrat­en, wie er auf den höch­sten Baum gestiegen und alle drei gefoppt habe, wie sie ihn herun­terge­holt hät­ten und wie er dann mit ihnen vor das königliche Schloß gegan­gen sei, um ihnen die Königstochter stehlen zu helfen, wie er daß weiße Hündlein auf der Mauer tot­geschossen, dann durch das Loch, welch­es die Hünen in die Mauer gemacht, hin­durch gekrochen, ins Schloß und in die Zim­mer gekom­men sei. Im ersten Zim­mer habe der König, im zweit­en die Köni­gin, im drit­ten die Königstochter geschlafen, und ein Schwelt sei an der Wand gehangen und eine Flasche, und unter dieser habe ges­tanden, wer dreimal daraus trinke, könne das Schw­ert schwin­gen und alles damit erhauen. Da habe er gle­ich an die plumpen und dum­men Hünen gedacht, wie es doch jam­mer­schade wäre, wenn sie die schöne Königstochter bekom­men soll­ten.
Er habe dann ein wenig neben der Königstochter geschlafen! Er lügt, er lügt! Sagten wir’s doch, er würde uns Schande machen!“ riefen zugle­ich die Mut­ter und seine ältern Brüder. Und es muß doch wahr sein !“ sprach die Königstochter voller Freude, o erzäh­le nur weit­er?“ Dann, erzählte er fort, sei er schnell aufge­sprun­gen, habe das Schw­ert genom­men und habe den drei Hünen im Hofe, wie sie einzeln durch das Mauer­loch gekrochen wären, das Haupt abgeschla­gen. Oh, wie er wieder lügt!“ riefen seine Mut­ter und Brüder. Nur weit­er, nur weit­er!“ rief die Königstochter, bis zu Ende!“ Dann habe er das Blut vom Schw­erte gewis­cht, habe es an seine Stelle gehängt und habe zulet­zt der Königstochter noch einen feuri­gen Kuß gegeben; dann sei er fort; eben habe es auf dem Schloß­turm eins geschla­gen, wie er hin­aus gekom­men. Dann sei er zurück in den Wald zu seinen Brüdern und zu sein­er Mut­ter, die hät­ten noch geschlafen; am Mor­gen seien sie dann miteinan­der weit­erge­zo­gen nach der heili­gen Wald­kapelle im Mor­gen­lande, und jet­zt sei er hier. Die Geschichte mit der Königstochter und den Hünen sei freilich auch sehr wun­der­bar, aber er habe dafür auch die Wahrze­ichen. Damit langte er die Hünen­zun­gen her­vor und den gold­nen Ring, den er der Königstochter beim Wegge­hen vom Fin­ger gestreift hat­te. Sie erkan­nte den Ring gle­ich und kon­nte sich nicht länger hal­ten und sprach:
Du bist mein Ret­ter und mein Mann, siehe hier dein Kind!“ Die Mut­ter und die Brüder macht­en große Augen; sie mußten sich jet­zt dareingeben und die Sache glauben. Die Königstochter hielt aber noch alles ver­bor­gen; sie zog zu ihrem Vater und sagte, sie wolle nun, da das Jahr vorüber sei, mit ihrem Ret­ter Hochzeit hal­ten. Der Haupt­mann saß als Bräutigam an der Tafel und tat groß; die drei Brüder und ihre Mut­ter waren auch zuge­gen. Da bat die Königstochter den Haupt­mann, er solle die Geschichte mit den Hünen erzählen. Dazu war er gle­ich bere­it und fing an zu erzählen und log so viel zusam­men, daß man in der Ban­ner Pelzmüh­le, wo man die Lügen mahlt, in zehn Jahren nicht so viel zusam­men mahlen kann. Da hat­te er dieses und jenes getan und sehr viel Angst und Schweiß und Gefahr aus­ge­s­tanden, bis er die drei Unge­heuer über­wältigt hätte. Da sprach der Junge: wom­it könne er’s beweisen, daß er die Hünen umge­bracht habe. Da ließ der Haupt­mann die Hünen­häupter here­in­brin­gen. Der Junge aber sper­rte die Mäuler auf und fragte, wo denn die Zun­gen seien. Da wußte der Haupt­mann keinen recht­en Bescheid, stock­te und hap­perte und sprach: Hünen hät­ten ja keine.

Der Junge aber langte die Zun­gen her­vor, und sie paßten genau. Wer hat nun“, fragte der Junge, die Hünen getötet, der welch­er die Häupter, oder der, welch­er die Zun­gen hat?“ Der die Zun­gen hat!“ riefen alle. Da wurde der Haupt­mann ergrif­f­en und für seinen bösen Betrug in ein Faß, das inwendig mit Nadeln beset­zt war, hinein­gelegt und ins Meer gerollt.

Der Junge aber feierte jet­zt die Hochzeit mit der schö­nen Königstochter und war glück­lich und zufrieden. Seine Mut­ter und seine Brüder zogen heim und schämten sich, daß sie den Jüng­sten für einen Dumm­ri­an gehal­ten und mißachtet hat­ten; der aber ward bald König und blieb geehrt sein Leben lang.