Der Hund und der Sperling

von Brüder Grimm

~6 Min

Ein Schäfer­hund hat­te keinen guten Her­rn, son­dern einen, der ihn Hunger lei­den liess. Wie er’s nicht länger bei ihm aushal­ten kon­nte, ging er ganz trau­rig fort. Auf der Strasse begeg­nete ihm ein Sper­ling, der sprach: Brud­er Hund, warum bist du so trau­rig?“ Antwortete der Hund: Ich bin hun­grig und habe nichts zu fressen.“ Da sprach der Sper­ling: Lieber Brud­er, komm mit in die Stadt, so will ich dich satt machen.“ Also gin­gen sie zusam­men in die Stadt, und als sie vor einen Fleis­cher­laden kamen, sprach der Sper­ling zum Hunde: Da bleib ste­hen, ich will dir ein Stück Fleisch herun­ter­pick­en,“ set­zte sich auf den Laden, schaute sich um, ob ihn auch nie­mand bemerk­te, und pick­te, zog und zer­rte so lang an einem Stück, das am Rande lag, bis es herun­ter­rutschte. Da pack­te es der Hund, lief in eine Ecke und frass es auf. Sprach der Sper­ling: Nun komm mit zu einem andern Laden, da will ich dir noch ein Stück herun­ter­holen, damit du satt wirst.“ Als der Hund auch das zweite Stück gefressen hat­te, fragte der Sper­ling: Brud­er Hund, bist du nun satt?“ – Ja, Fleisch bin ich satt,“ antwortete er, aber ich habe noch kein Brot gekriegt.“ Sprach der Sper­ling: Das sollst du auch haben, komm nur mit.“ Da führte er ihn an einen Bäkker­laden und pick­te an ein paar Brötchen, bis sie herun­ter­roll­ten, und als der Hund noch mehr wollte, führte er ihn zu einem andern und holte ihm noch ein­mal Brot herab. Wie das verzehrt war, sprach der Sper­ling: Brud­er Hund, bist du nun satt?“ – Ja,“ antwortete er, nun wollen wir ein biss­chen vor die Stadt gehen.“

Da gin­gen sie bei­de hin­aus auf die Land­strasse. Es war aber warmes Wet­ter, und als sie ein Eckchen gegan­gen waren, sprach der Hund: Ich bin müde und möchte gerne schlafen.“ – Ja, schlaf nur,“ antwortete der Sper­ling, ich will mich der­weil auf einen Zweig set­zen.“ Der Hund legte sich also auf die Strasse und schlief fest ein. Während er dalag und schlief, kam ein Fuhrmann herange­fahren, der hat­te einen Wagen mit drei Pfer­den und hat­te zwei Fäss­er Wein geladen. Der Sper­ling aber sah, dass er nicht aus­biegen wollte, son­dern in dem Fahrgleise blieb, in welchem der Hund lag. Da rief er: Fuhrmann, tu’s nicht, oder ich mache dich arm!“ Der Fuhrmann aber brummte vor sich: Du wirst mich nicht arm machen,“ knallte mit der Peitsche und trieb den Wagen über den Hund, dass ihn die Räder tot­fuhren. Da rief der Sper­ling: Du hast mir meinen Brud­er Hund tot­ge­fahren, das soll dich Karre und Gaul kosten.“ – Ja, Karre und Gaul,“ sagte der Fuhrmann, was kön­ntest du mir schaden!“ und fuhr weit­er. Da kroch der Sper­ling unter das Wagen­tuch und pick­te an dem einen Spund­loch so lange, bis er den Spund los­brachte: da lief der ganze Wein her­aus, ohne dass es der Fuhrmann merk­te. Und als er ein­mal hin­ter sich blick­te, sah er, dass der Wagen tröpfelte, unter­suchte die Fäss­er und fand, dass eins leer war. Ach, ich armer Mann!“ rief er. Noch nicht arm genug,“ sprach der Sper­ling und flog dem einen Pferd auf den Kopf und pick­te ihm die Augen aus. Als der Fuhrmann das sah, zog er seine Hacke her­aus und wollte den Sper­ling tre­f­fen, aber der Sper­ling flog in die Höhe, und der Fuhrmann traf seinen Gaul auf den Kopf, dass er tot hin­fiel. Ach, ich armer Mann!“ rief er. Noch nicht arm genug,“ sprach der Sper­ling, und als der Fuhrmann mit den zwei Pfer­den weit­er­fuhr, kroch der Sper­ling wieder unter das Tuch und pick­te den Spund auch am zweit­en Fass los, dass aller Wein her­auss­chwank­te. Als es der Fuhrmann gewahr wurde, rief er wieder: Ach, ich armer Mann!“ Aber der Sper­ling antwortete: Noch nicht arm genug,“ set­zte sich dem zweit­en Pferd auf den Kopf und pick­te ihm die Augen aus. Der Fuhrmann lief her­bei und holte mit sein­er Hacke aus, aber der Sper­ling flog in die Höhe, da traf der Schlag das Pferd, dass es hin­fiel. Ach, ich armer Mann!“ – Noch nicht arm genug,“ sprach der Sper­ling, set­zte sich auch dem drit­ten Pferd auf den Kopf und pick­te ihm nach den Augen. Der Fuhrmann schlug in seinem Zorn, ohne umzuse­hen, auf den Sper­ling los, traf ihn aber nicht, son­dern schlug auch sein drittes Pferd tot. Ach, ich armer Mann!“ rief er. Noch nicht arm genug,“ antwortete der Sper­ling, jet­zt will ich dich daheim arm machen,“ und flog fort.

Der Fuhrmann musste den Wagen ste­hen­lassen und ging voll Zorn und Ärg­er heim. Ach!“ sprach er zu sein­er Frau, was hab ich Unglück gehabt! Der Wein ist aus­ge­laufen, und die Pferde sind alle drei tot.“ – Ach, Mann,“ antwortete sie, was für ein bös­er Vogel ist ins Haus gekom­men! Er hat alle Vögel auf der Welt zusam­menge­bracht, und die sind droben über unsern Weizen herge­fall­en und fressen ihn auf.“ Da stieg er hin­auf, und tausend und tausend Vögel sassen auf dem Boden und hat­ten den Weizen aufge­fressen, und der Sper­ling sass mit­ten darunter. Da rief der Fuhrmann: Ach, ich armer Mann!“ – Noch nicht arm genug,“ antwortete der Sper­ling. Fuhrmann, es kostet dir noch dein Leben,“ und flog hinaus.

Da hat­te der Fuhrmann all sein Gut ver­loren, ging hinab in die Stube, set­zte sich hin­ter den Ofen, ganz bös und giftig. Der Sper­ling aber sass draussen vor dem Fen­ster und rief: Fuhrmann, es kostet dir dein Leben!“ Da griff der Fuhrmann die Hacke und warf sie nach dem Sper­ling, aber er schlug nur die Fen­ster­scheiben entzwei und traf den Vogel nicht. Der Sper­ling hüpfte nun here­in, set­zte sich auf den Ofen und rief: Fuhrmann, es kostet dir dein Leben!“ Dieser, ganz toll und blind vor Wut, schlägt den Ofen entzwei und so fort, wie der Sper­ling von einem Ort zum andern fliegt, sein ganzes Haus­gerät, Spieglein, Bänke, Tisch und zulet­zt die Wände seines Haus­es, und kann ihn nicht tre­f­fen. Endlich aber erwis­chte er ihn doch mit der Hand. Da sprach seine Frau: Soll ich ihn totschla­gen?“ – Nein,“ rief er, das wäre zu gelind, der soll viel mörder­lich­er ster­ben, ich will ihn ver­schlin­gen,“ und nimmt ihn und ver­schlingt ihn auf ein­mal. Der Sper­ling aber fängt an, in seinem Leibe zu flat­tern, flat­tert wieder her­auf, dem Mann in den Mund. Da steck­te er den Kopf her­aus und ruft: Fuhrmann, es kostet dir doch dein Leben!“ Der Fuhrmann reicht sein­er Frau die Hacke und spricht: Frau, schlag mir den Vogel im Munde tot!“ Die Frau schlägt zu, schlägt aber fehl und schlägt dem Fuhrmann ger­ade auf den Kopf, so dass er tot hin­fällt. Der Sper­ling aber fliegt auf und davon.