Der Herr Gevatter

von Brüder Grimm

~3 Min

Ein armer Mann hat­te so viel Kinder, dass er schon alle Welt zu Gevat­ter gebeten hat­te, und als er noch eins bekam, so war nie­mand mehr übrig, den er bit­ten kon­nte. Er wusste nicht, was er anfan­gen sollte, legte sich in sein­er Betrüb­nis nieder und schlief ein. Da träumte ihm, er sollte vor das Tor gehen und den ersten, der ihm begeg­nete, zu Gevat­ter bit­ten. Als er aufgewacht war, beschloss er dem Traume zu fol­gen, ging hin­aus vor das Tor, und den ersten, der ihm begeg­nete, bat er zu Gevat­ter. Der Fremde schenk­te ihm ein Gläschen mit Wass­er und sagte das ist ein wun­der­bares Wass­er, damit kannst du die Kranken gesund machen, du musst nur sehen, wo der Tod ste­ht. Ste­ht er beim Kopf, so gib dem Kranken von dem Wass­er, und er wird gesund wer­den, ste­ht er aber bei den Füssen, so ist alle Mühe vergebens, er muss ster­ben.‘ Der Mann kon­nte von nun an immer sagen, ob ein Kranker zu ret­ten war oder nicht, ward berühmt durch seine Kun­st und ver­di­ente viel Geld. Ein­mal ward er zu dem Kind des Königs gerufen, und als er ein­trat, sah er den Tod bei dem Kopfe ste­hen und heilte es mit dem Wass­er, und so war es auch bei dem zweit­en­mal, aber das drit­temal stand der Tod bei den Füssen, da musste das Kind sterben.

Der Mann wollte doch ein­mal seinen Gevat­ter besuchen und ihm erzählen, wie es mit dem Wass­er gegan­gen war. Als er aber ins Haus kam, war eine so wun­der­liche Wirtschaft darin. Auf der ersten Treppe zank­ten sich Schippe und Besen, und schmis­sen gewaltig aufeinan­der los. Er fragte sie wo wohnt der Herr Gevat­ter?‘ Der Besen antwortete eine Treppe höher.‘

Als er auf die zweite Treppe kam, sah er eine Menge tot­er Fin­ger liegen. Er fragte wo wohnt der Herr Gevat­ter?, Ein­er aus den Fin­gern antwortete eine Treppe höher.‘ Auf der drit­ten Treppe lag ein Haufen tot­er Köpfe, die wiesen ihn wieder eine Treppe höher. Auf der vierten Treppe sah er Fis­che über dem Feuer ste­hen, die britzel­ten in der Pfanne, und back­ten sich sel­ber. Sie sprachen auch eine Treppe höher.‘ Und als er die fün­fte hin­aufgestiegen war, so kam er vor eine Stube und guck­te durch das Schlüs­sel­loch, da sah er den Gevat­ter, der ein paar lange Hörn­er hat­te. Als er die Türe auf­machte und hineing­ing, legte sich der Gevat­ter geschwind aufs Bett und deck­te sich zu. Da sprach der Mann Herr Gevat­ter, was ist für eine wun­der­liche Wirtschaft in Eurem Hause? als ich auf Eure erste Treppe kam, so zank­ten sich Schippe und Besen miteinan­der und schlu­gen gewaltig aufeinan­der los.‘ Wie seid Ihr so ein­fältig,‘ sagte der Gevat­ter, das war der Knecht und die Magd, die sprachen miteinan­der.‘ Aber auf der zweit­en Treppe sah ich tote Fin­ger liegen.‘ Ei, wie seid Ihr albern! das waren Sko­rzen­er­wurzeln.‘ Auf der drit­ten Treppe lag ein Haufen Totenköpfe.‘ Dum­mer Mann, das waren Krautköpfe.‘ Auf der vierten sah ich Fis­che in der Pfanne, die britzel­ten, und back­ten sich sel­ber.‘ Wie er das gesagt hat­te, kamen die Fis­che und tru­gen sich sel­ber auf. Und als ich die fün­fte Treppe her­aufgekom­men war, guck­te ich durch das Schlüs­sel­loch ein­er Tür, und da sah ich Euch, Gevat­ter, und Ihr hat­tet lange Hörn­er.‘ Ei, das ist nicht wahr.‘ Dem Mann wurde angst, und er lief fort, und wer weiss, was ihm der Herr Gevat­ter son­st ange­tan hätte.