Der Hasenhüter und die Königstochter

von Ludwig Bechstein

~6 Min

Ein reich­er König hat­te eine sehr schöne Tochter. Als diese sich ver­heirat­en wollte, mussten sich alle Bewer­ber auf ein­er großen grü­nen Wiese ver­sam­meln. Dort warf sie nun einen gold­e­nen Apfel mehrmals in die Luft. Wer ihn auff­ing und sich traute, drei Auf­gaben zu lösen, die sie selb­st auf­gab, der sollte sie zur Gemahlin haben.

Da hat­ten nun viele den Apfel aufge­fan­gen, zulet­zt auch ein schön­er munter­er Schäfer­bursche. Aber kein­er von allen war im Stande, die drei Auf­gaben zu lösen. Da kam nun die Rei­he an den Schäfer­burschen, also an den let­zten und ger­ing­sten unter den Bewerbern.

Die erste Auf­gabe war die: Der König hat­te in einem Stalle hun­dert Hasen. Wer sie auf die Wei­de trieb, hütete und am Abend wieder alle zurück­brachte, der hat­te die erste Auf­gabe voll­bracht. Als der Schäfer­bursche das ver­nahm, sprach er, er wolle sich erst noch einen Tag darüber besin­nen. Am andern Tage werde er aber ganz gewiss bes­tim­men, ob er sich traue, die Sache zu unternehmen oder nicht. Nun lief aber der Schäfer­bursche auf den Bergen umher und war trau­rig, denn er scheute sich vor dem gewagten Unternehmen. Da begeg­nete ihm ein altes Müt­terchen und fragte ihn nach der Ursache sein­er Trau­rigkeit. Er aber sagte: Ach, mir kann nie­mand helfen.”

Da sprach das graue Müt­terchen: Urteile nicht so vor­laut. Sage lieber dein Anliegen, vielle­icht kann ich dir ja helfen.” Also erzählte der Schäfer­bursche von sein­er Auf­gabe. Da gab ihm das Müt­terchen ein Pfeifchen und sagte: Hebe es wohl auf, es wird dir nützen!” Und ehe noch der Bursche sich bedankt hat­te, war das Müt­terchen verschwunden.

Nun ging er fröh­lich hin zum König und sprach: Ich will die Hasen hüten!” Und da wur­den sie aus dem Stalle her­aus­ge­lassen. Als aber der let­zte her­aus war, sah man den ersten nicht mehr, denn der war schon über alle Berge. Der Bursche aber ging hin­aus aufs Feld und set­zte sich auf einen grü­nen Hügel und dachte: Was fang ich an?” Da fiel ihm sein Pfeifchen ein. Er tat es schnell her­aus und pfiff. Da kamen die hun­dert Hasen alle wieder gesprun­gen und wei­de­ten lustig um ihn herum am grü­nen Hügel.

Dem König und der schö­nen Prinzessin aber war nicht daran gele­gen, dass der Schäfer die Auf­gabe zu Ende brachte, war er doch ein armer Schluck­er und auch nicht hochge­boren. Also san­nen sie auf Lis­ten, damit der Hasen­hüter seine Herde nicht vol­lzäh­lig heimbringe.

Die Königstochter kam verklei­det und mit verän­dertem Gesicht daher, sollte der Schäfer­bursche sie doch nicht erken­nen. Aber er erkan­nte sie doch. Als sie nun die Hasen alle erblick­te, fragte sie: Kann man hier nicht einen von den Hasen kaufen?” Da sagte der Bursche: Zu verkaufen gibt’s keinen, aber zu ver­di­enen!” Da fragte sie weit­er: Wie ist das zu ver­ste­hen?” Der Bursche sprach: Wenn ihr mich mit Küssen über­häuft und eine süße Schäfer­stunde mit mir hal­tet!” Das aber war ihr gar nicht recht.

Da sie dann aber doch gern einen Hasen haben wollte, und er keinen her­gab, sagte sie nach langem Zögern endlich zu. Als der Bursche sie nun geherzt und geküsst hat­te, fing er ihr einen Hasen und steck­te ihn in ihr Hand­kör­bchen. Dann ging die verklei­dete Prinzessin fort.

Sie war wohl eine Vier­tel­stunde weit gegan­gen, da pfiff der Schäfer­bursche auf seinem Pfeifchen. Geschwind drück­te der Hase den Deck­el vom Kör­bchen auf, sprang her­aus und kam wieder gesprungen.

Es dauerte gar nicht lange, da kam der alte König auf einem Esel gerit­ten, der links und rechts einen Korb hän­gen hat­te. Auch der König hat­te sich ver­mummt, aber der Bursche kan­nte ihn doch. Der König fragte: Wird hier kein Hase verkauft?” Nein, verkauft nicht, aber ver­di­ent kann er wer­den!”, antwortete ihm der Bursche dreist. Wie ist das zu ver­ste­hen?”, fragte der König. Wenn ihr den Esel hier unter den Schwanz küsst”, begann der Bursche, sollt ihr einen haben!” Das wollte der König aber nicht tun und bot ihm schw­eres Geld für den Hasen. Der Bursche aber tat es nicht.

Da nun der König sah, dass er keinen Hasen kaufen kon­nte, fügte er sich endlich und gab dem Esel einen tüchti­gen Schmatz unter den Schwanz. Dann wurde ein Hase gefan­gen, in einen Korb am Esel gesteckt, und der König zog fort. Er war aber noch nicht weit, da pfiff der Bursche, und der Hase hüpfte aus dem Korbe her­aus und kam zurück.

Darauf kam der König nach Hause und sagte: Er ist ein los­er Bursche, ich kon­nte keinen Hasen bekom­men!” Was der Bursche getan hat­te, sagte er aber nicht. Ja!”, erwiderte die Prinzessin. Auch mir ist es so ergan­gen!” Was sie aber getrieben hat­te, ges­tand sie nicht ein.

Als es Abend war, kam der Bursche mit seinen Hasen und zählte sie dem König vor, alle hun­dert zum Stall hinein. Nun”, begann der König, die erste Auf­gabe ist gelöst und nun geht es an die zweite! Merke auf! Hun­dert Maß Erb­sen und hun­dert Maß Lin­sen liegen auf meinem Boden. Diese sind zusam­mengeschüt­tet und wohl durch­mengt. Wenn du diese in ein­er Nacht ohne Licht auseinan­der bringst, dann hast du die zweite Auf­gabe vollbracht.”

Der Bursche sprach: Ich kann es!” Und da wurde er auf den Boden ges­per­rt und die Türe fest ver­schlossen. Als es im Schloss dann ruhig war, pfiff der Bursche auf seinem Pfeifchen. Da kamen viele tausend Ameisen gekrochen und wim­melten und krabbel­ten so lange, bis die Erb­sen wieder auf einem beson­deren Haufen waren, und die Lin­sen auch.

Als nun der König in der Frühe nach­sah, war die Auf­gabe gelöst. Die Ameisen aber sah er nicht, die waren wieder fort. Der König wun­derte sich und wusste nicht, wie es der Bursche machte. Darauf sprach er: Ich will dir nun auch die dritte Auf­gabe sagen. Wenn du dich in der kom­menden Nacht durch eine große Kam­mer voll mit Brot isst, dass nichts übrig bleibt, dann hast du die dritte Auf­gabe voll­bracht. Und dann sollst du meine Tochter haben!”

Als es nun dunkel war, wurde der Bursche in eine Brotkam­mer gesteckt, die so voll war, dass bei der Türe nur ein kleines Plätzchen für ihn blieb. Als es aber im Schloss wieder ruhig war, pfiff der Bursche auf seinem Pfeifchen. Da kamen so viele Mäuse daher, dass es ihm schi­er unheim­lich wurde. Und als der Tag erwachte, war das Brot ganz aufge­fressen. Der Bursche polterte an der Türe und schrie: Macht auf! Ich habe Hunger!” Da war nun auch die dritte Auf­gabe vollbracht.

Der König aber sagte: Erzäh­le uns zum Spaß noch einen Sack voll Lügen, dann sollst du meine Tochter haben!” Da fing der Bursche an und erzählte schreck­liche Lügen, einen hal­ben Tag lang. Aber der Sack wollte nicht voll wer­den. Da sagte der Bursche endlich: Ich habe mit der aller­lieb­sten Prinzessin, mein­er Braut, auch schon ein Schäfer­stünd­chen gehalten!”

Bei diesen Worten wurde sie feuer­rot. Der König sah sie an und erkan­nte sofort, dass es keine Lüge war. Vielmehr fragte er sich schon, wie und wo es geschehen kon­nte. Der Sack ist aber noch nicht voll!”, rief der König empört. Da begann der Bursche listig: Der Herr König hat auch den Esel …” Er ist voll, er ist voll! Knotet den Sack schon zu!”, rief der König. Denn er schämte sich und wollte vor der Ver­samm­lung ver­heim­lichen, welche Ehre der Esel durch seinen königlichen Mund erfahren hatte.

Dann wurde die Hochzeit des Schäfer­burschen mit der Königstochter gefeiert. Vierzehn Tage lang ging es so hoch her und so lustig zu, dass jed­er sich wün­scht als Gast mit dabei gewe­sen zu sein.