Der Hasenhirt.

von Johann Wilhelm Wolf

~16 Min

Es war ein­mal ein König von Por­tu­gal, der hat­te eine sehr schöne Tochter und die hat­te so viel Freier, dass sie sich ihrer nicht zu entschla­gen wußte, und dass die Wahl ihr mit jedem Tage schw­er­er wurde, denn jeden Tag kamen ihrer einige Dutzende mehr in der Haupt­stadt an. Da ließ der König endlich ein Gebot erge­hen: wer ihm einen gold­e­nen Apfel brächte, der solle die Prinzessin haben. Nun wäre es zwar leicht gewe­sen, sich einen gold­e­nen Apfel beim Gold­schmied machen zu lassen, aber damit war es nicht getan, denn der Apfel mußte gewach­sen sein und es gibt nur einen Baum in der Welt, worauf sie wachsen.

Nun ver­loren die meis­ten Freier den Mut, ein Gen­er­al aber behielt dessen genug und machte sich auf den Weg und kam in einen großen Wald, und als er den hin­ter sich hat­te, da lag eine große Haide vor ihm und mit­ten auf der Haide stand der Wun­der­baum und der glänzte ganz prächtig, so voll gold­en­er Aepfel war er. Kaum stand er daran, als ihm ein­er der gold­e­nen Aepfel vor die Füße fiel. Den steck­te er schnell in die Tasche, aber er war nicht mit einem zufrieden, son­dern wollte ihrer mehr haben und rüt­telte und schüt­telte, aber es wollte kein­er fall­en. Da nahm er einen Stock und wollte sich welche herunter wer­fen, aber das half auch nichts, und er mußte sich mit dem einen beg­nü­gen, und zog ab. Als er wieder in den Wald kam, begeg­nete ihm ein kleines graues Män­nchen, das frug ihn: Ei, mein Fre­und, was hat er denn in sein­er Tasche?‘ Der Gen­er­al sah das Män­nchen ein­mal von der Seite an und erwiederte unwirsch: Einen Dreck hab ich.‘ Da sprach das Män­nchen: Ist’s ein Dreck, dann soll’s auch ein Dreck bleiben,‘ und mit den Worten war es verschwunden.

Als der Gen­er­al in die Haupt­stadt kam, da machte er groß Geschrei, dass er den gold­e­nen Apfel habe, und als der König das hörte, ließ er schnell eine prächtige Mahlzeit anricht­en; dabei saß der Gen­er­al neben der Prinzessin und meinte schon, er hätte sie. Ja, damit hat­te es aber gute Weile, denn als ihm gegen das Ende der Tafel eine große gold­ene Schüs­sel vorge­hal­ten wurde und er den gold­e­nen Apfel darauf leg­en sollte, und er in die Tasche griff und den Wun­der­apfel her­ausziehen wollte, da hat­te er einen Dreck in der Hand und der roch so übel, dass die Prinzessin ohn­mächtig wurde, denn die war der­ar­tige Gerüche nicht gewohnt. Der König aber wurde ganz wütend, denn er meinte, der Gen­er­al hätte ihn zum Nar­ren hal­ten wollen; er rief die Schildwache here­in, und ließ den Gen­er­al in das dunkel­ste Gefäng­niß wer­fen und ihn nur mit Wass­er und Brot­trak­tieren, was dem Gen­er­al lange Zeit nicht zum Besten schmeck­en wollte.

Nun geschah es, dass ein gemein­er Sol­dat, der aber ein sehr gutes Herz hat­te, desertierte, weil das Sol­daten­spie­len ihm nicht gefiel und er lieber ein­er­lei Tuch am Rock trug, als zweier­lei. Der kam auch, aber ganz zufäl­lig, in den großen Wald und da set­zte er sich in’s Gras, zog ein Stückchen Wurst und Brot aus der Tasche und schnitt’s zu Scheiben und fing an, es zu verzehren. Indem er damit beschäftigt war, trat das graue Män­nchen zu ihm und sprach: Mich hungert sehr, gib mir auch ein Stückchen Bro­tund ein Scheibchen Wurst!‘ Von Herzen gern,‘ sagte der Sol­dat, schnitt eine dicke Scheibe vom dick­sten Ende der Wurst ab, brach das Brotin zwei Teile und gab das größte Stück mit der Wurst dem Män­nchen. Da sprach das Män­nchen: Ich danke dir von Herzen und weil du so gut gegen mich warst, so will ich es auch gegen dich sein.‘ Und es zog einen gold­e­nen Apfel aus dem Sack und ein Pfeifchen und gab’s dem Sol­dat­en und sprach: Mit dem Apfel kannst du dir die Königstochter erwer­ben, wenn du ihn dem König bringst, und das Pfeifchen wird dir auch schon gute Dien­ste tun.‘ Und fort war’s, und der Sol­dat wußte gar nicht, wo es hinger­at­en war, das kleine graue Män­nchen. Da hätte ein­er den Men­schen sprin­gen sehen kön­nen! Er kon­nte lang sein­er Freude nicht Meis­ter wer­den, aber langsam kam es doch, wenn auch sehr langsam, eben wie der alten Frau das Tanzen.

Sein erster Weg war jet­zt naTür­lich zur Haupt­stadt. Da ging er in das Schloss, trat vor den König und sprach: Herr König, ich habe den gold­e­nen Apfel, wom­it man die Prinzessin erwer­ben kann.‘ – Hast du den Apfel, dann behalt ihn bis zu Ende der Mahlzeit,‘ sprach der König und ließ schnell Gäste laden und ein Gastmahl zuricht­en, und der Sol­dat saß neben der Prinzessin und kon­nte sich nicht satt sehen, weil sie so sehr schön war, kon­nte aber gar nicht essen, denn er hat­te viel zu viel Freude und hielt stets die Hand am Sack, worin der kost­bare Apfel war, denn er war bang, er kön­nt ihm noch gestohlen wer­den. Am Trinken ließ er es aber nicht fehlen. Gegen das Ende der Mahlzeit brachte man die gold­ene Schüs­sel und da griff er schnell in den Sack, zog den Apfel her­aus und legte ihn auf die Schüs­sel, indem er sprach: Da habt ihr ihn, da ist er!‘ – Ach, wie schön!‘ rief der König und da riefen auch die anderen Alle: Ach, wie schön!‘ Der Sol­dat aber sprach: Jet­zt hab ich euer Begehr erfüllt, Herr König, nun marsch zur Hochzeit, Jungfer Prinzessin!‘

Dazu hat­te die Königstochter aber nicht son­der­liche Lust, denn der Sol­dat hat­te so schlechte Klei­der an und aus der Tasche guck­te gar sein Stum­melpfeifchen und ein Wurstzipfelchen, und außer­dem hat­te er so rauhe Hände und roch nach Tabak, so dass sie ein über das andere­mal ihr Riech­fläschchen vor die Nase hielt. Dem König gefiel der Schwiegersohn auch nicht zum Allerbesten und er meinte, es habe wohl noch Zeit bis in eini­gen Tagen. In Gottes Namen, wenn’s nicht länger wird,‘ sprach der Sol­dat. Ich möchte mir auch einen andern Kit­tel machen lassen.‘ – Das ist gut, dachte der König. Kommt Zeit, kommt Rat.

Der König fing jet­zt an nachzusin­nen, wie er sich den Schwiegersohn ordentlicher­weise vom Halse schaf­fen könne, aber es fiel ihm kein Mit­tel ein. Da dachte er an den Gen­er­al, der ihm stets mit klu­gen Ratschlä­gen zur Hand gewe­sen war, wenn der Schuh ihn irgend­wo drück­te, und er ließ ihn als­bald aus dem Gefäng­nisse holen und erzählte ihm Alles und frug ihn, was man dem Sol­dat­en noch für ein schw­eres Stück aufgeben kön­nte. Das will ich euch sagen, Herr König,‘ antwortete der Gen­er­al. Laßt ihn hun­dert Hasen aus dem Tier­garten zusam­men­treiben; die soll er hüten, aber wenn ein­er ihm laufen geht, dann muß er seinen Kopf dafür lassen.‘ Das soll keinem Tauben gesagt sein,‘ sprach der König, ließ den Sol­dat­en rufen und erk­lärte ihm kurz und gut, dass er nicht sein Schwiegersohn wer­den könne, wenn er nicht hun­dert Hasen drei Tage lang hüte. Darüber zog der Sol­dat ein kraus Gesicht, aber was half’s? Es wur­den hun­dert Treiber in den Tier­garten geschickt, die mußten die Hasen auftreiben und der Sol­dat stand mit dem Gen­er­al und dem König am Tor des Tier­gartens und wie ein Hase her­aussprang, zählte der Gen­er­al: Eins, zwei, drei, bis ihrer hun­dert waren, da machte er das Tor zu und der König sprach: Jet­zt hast du ihrer hun­dert, wenn du sie nicht jeden Abend richtig heim­führst, dann gilt’s deinen Kopf.‘

O weh, dachte der Sol­dat, und griff sich an den Kopf: er glaubte, er füh­le ihn schon wack­eln, denn nicht ein­er von den Hasen hat­te gewartet, bis die hun­dert voll waren, son­dern alle waren ins Feld und in den Wald gelaufen, was gib­st du, was hast du. Der Gen­er­al lachte aber so recht falsch und der König hielt sich die Hand vor den Mund, um nicht lachen zu müssen, denn der Stre­ich sei allzu gut gelun­gen, meinte er. Während sie in das Schloss gin­gen, und dort ein großes Freuden­mahl gehal­ten wurde, schritt der arme Sol­dat trau­rig dem Walde zu und dachte, es sei doch recht wahr: Wer mit großen Her­ren Kirschen esse, den wür­fen sie mit den Steinen. Am Walde set­zte er sich in’s Gras, da fiel ihm das Pfeifchen ein und er dachte: Ei jet­zt will ich ein Stückchen pfeifen, was hab ich von dem Kopfhän­gen! Und er zog das Pfeifchen aus dem Sack und pfiff lustig und zugle­ich sprangen viele tausend Hasen von allen Seit­en hinzu, so dass das ganze Feld mit ihnen voll war und aus­sah, wie ein großer Hasen­pelz. Jet­zt wuchs sein Mut wieder, er zählte sich hun­dert Hasen ab, hieß die Andern ihres Wegs laufen und machte sich einen Zeitvertreib, die hun­dert Hasen das Exerzieren zu lehren.

Abends nach dem Essen saß der König mit sein­er ganzen Fam­i­lie vor der Tür des Schloss­es, als plöt­zlich in der Ferne etwas laut pfiff. Er schaute hin und frug den Gen­er­al: Ei was ist das für eine Armee, die da her­anzieht?‘ Ja wohl war das eine Armee. Der Sol­dat marschierte wie ein Gen­er­al voraus und die hun­dert Hasen in vier Abteilun­gen hin­ter ihm drein. Jede Abteilung hat­te drei Glieder, jedes von acht Hasen und ein­er hupffte als Offizier vor den anderen her. Alle tru­gen aber Stöckchen, ger­ade wie Gewehre, und als sie vor den König kamen, da schul­terten sie und präsen­tierten wie die besten Soldaten.

Da ärg­erte sich der Gen­er­al die Seele fast aus dem Leibe, aber er dachte bei sich: Halt, ich kriege dich doch! Er tröstete auch die Prinzessin, die schon wieder vor Schreck­en in Ohn­macht gefall­en war, es sei ja noch nicht aller Tage Abend und er werde schon sor­gen, dass der Sol­dat mor­gen Abend nicht mehr alle hun­dert Hasen zusam­men habe.

Am fol­gen­den Mor­gen verklei­dete sich der Gen­er­al als Jäger, kam zu dem Sol­dat­en und frug ihn, ob er ihm nicht einen von den Hasen verkaufen wolle? Warum nicht?‘ sprach der Sol­dat, der gle­ich den Gen­er­al erkan­nte; aber ich fürchte, ihr find­et meinen Preis nicht sehr annehm­bar.‘ Ich bezahle dir so viel, wie du willst,‘ sagte der Gen­er­al, und wenn es tausend Dukat­en sind, denn die Hasen gefall­en mir allzu gut.‘ Von Dukat­en ist die Rede nicht,‘ sprach der Sol­dat, aber für fün­fzig Prügel ist er mir feil.‘ In Gottes Namen,‘ sagte der Gen­er­al, und der Sol­dat ging hin und schnitt sich ein junges Eich­bäum­chen, und der Gen­er­al mußte seinen Rück­en ent­blößen und bekam fün­fzig Prügel richtig gezählt und von der besten Sorte, denn der Sol­dat war ein hand­fester Bursch. Der Gen­er­al biß sich auf die Lip­pen, zuck­te und zap­pelte, aber es half ihm nichts, und so hielt er aus und tröstete sich schnell, als er seinen Hasen bekam. Kaum war er aber fün­fzig Schritt weg, da pfiff der Sol­dat sein Stückchen und sogle­ich schmiß der Hase den Gen­er­al vom Gaul, dass ihm Hören und Sehen verg­ing und kam wieder und der Gen­er­al kon­nte gefoppt nach Hause gehen.

Da schick­te die Prinzessin ihre Kam­mer­jungfer weg, dass die dem Sol­dat­en einen Hasen abschwatze. Die kam und tat schön mit dem Sol­dat­en und schme­ichelte ihm und bat ihn, er möge ihr doch eins der Häslein verehren; sie gefie­len ihr so gut, weil sie so geschickt seien. Von Verehren ist hier die Rede nicht, aber ihr kön­nt euch einen ver­di­enen,‘ sprach der Sol­dat, welch­er den Pfiff wohl merk­te.‘ Sagt nur wie,‘ sprach sie, ich bin Köchin und will euch gut Essen besor­gen.‘ Ich spreche nicht von Essen, aber für fün­fzig Prügel kön­nt ihr ihn haben.‘ Wenn’s nicht anders ist,‘ sprach sie, und der Sol­dat ging und schnitt sich einen Schwarz­dorn­steck­en und nahm ihr fün­fzig­mal das Maß auf dem Rück­en, dass ihr die Augen dabei über­liefen. Dann bekam sie ihr Häslein und kon­nte gehen, aber als sie kaum hun­dert Schritte weit war, da pfiff der Sol­dat und plumps lag sie auf dem Rück­en und das Häslein war wieder bei seinen Kameraden.

Zu Hause erzählte sie eben­so wenig, wie es der Gen­er­al erzählt hat­te, wie teuer ihr das Häschen zu ste­hen gekom­men, son­dern nur, dass sie es ver­di­ent gehabt hätte und dass es ihr wieder fort­ge­laufen sei. Du hast dich ungeschickt angelegt,‘ sagte die Prinzessin, ich werde schon eins heim brin­gen.‘ Und sie zog sich als Wild­prethänd­lerin an und ging sel­ber hin, tat auch recht schön mit dem Sol­dat­en und sagte ihm, sie wolle ihm viele Hirsche und Rehe geben, wenn er ihr nur einen von seinen Hasen über­lassen wolle. Der Sol­dat aber erkan­nte sie auf den ersten Blick, tat jedoch nicht, als ob er etwas merke und sagte: Von Tauschen ist hier nicht die Rede, aber ihr kön­nt euch ein Häslein ver­di­enen.‘ Sagt nur wie,‘ sprach die Prinzessin. Mit sieben Küssen,‘ sprach der Sol­dat. O weh! dachte die Prinzessin, das ist sauer, aber sie hielt doch her und der Sol­dat sprang bei jedem Kuß mannshoch vor Freude, während sie ein Gesicht schnitt, als ob sie Essig und Pfef­fer und Wer­mut ver­schluckt hätte. Dann bekam sie ihr Häschen und sprang vor Freude sel­ber wie ein Häschen, denn sie dachte des Sol­dat­en jet­zt los zu sein. Als sie aber ihrem Vater, der ihr ent­ge­gen gekom­men war, das Häschen zeigen wollte, da ging ein lauter Pfiff und husch war das Häslein weg und wieder bei sein­er Sipp­schaft. Sie hütete sich aber wohl, zu erzählen, wie sie es ver­di­ent hat­te.
Dass dich das Mäuslein biss‘! fluchte der König, als er das sah; jet­zt will ich doch sel­ber wis­sen, ob ich nicht einen Hasen bekom­men kann! Und er verklei­dete sich auch und ging auch zum Sol­dat­en, der ihn als­bald erkan­nte. Sind dir die Hasen feil?‘ frug der König. Ja,‘ sprach der Sol­dat, aber ich verkaufe sie nicht, ihr müßt sie ver­di­enen.‘ Gut, aber wie?‘ frug der König. Wenn ihr dreimal den Gaul dort am Schwanz küßt und dazwis­chen jedes­mal in die Faust trompetet, dann schenk ich euch einen Hasen.‘ Der König zog einen schiefen Mund, aber der Sol­dat sah nicht aus, wie ein­er, der leicht seinen Willen ändert, und somit ging der König an sein schw­eres Werk, und als er es vol­len­det, bekam er seinen Hasen, den er wohl und sich­er bei den Ohren faßte und tri­umphirend nach Hause trug. Als er ihn aber ger­ade der Prinzessin zeigen wollte, scholl des Sol­dat­en Pfeifchen und fort war der Has, und der König meinte vor Ärg­er in die Luft zu fliegen, als der Sol­dat Abends wieder mit sein­er Armee ein­rück­te. Er ließ darum den Gen­er­al holen und die bei­den san­nen ein neues schw­eres Stück für den Sol­dat­en aus.

Als dieser am drit­ten Tage seine Armee auf die Wei­de führen wollte, ließ ihn der König rufen, zeigte ihm einen Sack, der war hun­dert Ellen lang und hun­dert Ellen bre­it und gab ihm auf, den voll Wahrheit­en zu machen, wenn er das nicht könne, dann werde ihm der Kopf abgeschla­gen. Das will ich gerne und das ist leicht,‘ sprach der Sol­dat, und fuhr dann also fort: Ich habe hun­dert Hasen bekom­men, die sollt ich hüten, dass nicht ein­er davon spränge. Ist das nicht wahr?‘ – Das ist wahr,‘ sprach der König. Marsch in den Sack ihr Hasen!‘ rief der Sol­dat und hups, hups sprangen die Häslein in den Sack, und der Sol­dat fuhr fort: Als ich mit ihnen auf der Wei­de war, kam ein Jäger und wollte mir einen Hasen abkaufen; das wollt ich nicht und sprach, er solle sich ihn ver­di­enen, und da hat er sich ihn mit fün­fzig der­ben Prügeln ver­di­ent; ist das nicht wahr, Herr Gen­er­al?‘ – Das ist gel­o­gen!‘ schrie der Gen­er­al, aber der Sol­dat sprach: Knüpft ihm nur das Wams los, ihr kön­nt sie noch alle fün­fzig zählen, denn sie hat­ten ihr volles Gewicht und kein­er war zu leicht.‘ Da befahl der König, dass der Gen­er­al seinen Rück­en zeige, und als Jed­er­mann die Striemen darauf sah, da mußte der Gen­er­al zu den Häslein in’s Quarti­er. Der Sol­dat aber erzählte weit­er: Dann kam ein Jüngfer­lein zu mir, eine Köchin, die wollte mich mit Schme­icheleien fan­gen und mit gutem Essen und Trinken lock­en, aber ich ließ mich nicht hinter’s Licht führen und sie mußte auch ihr Häslein ver­di­enen und zwar mit fün­fzig Prügeln. Das war die Kam­mer­jungfer der Prinzessin, ist das wahr, oder nicht? – Ist das wahr?‘ frug der König, aber die Kam­mer­jungfer war nicht zu find­en. Nun wo ist sie denn?‘ frug der König. Da rief sie aus dem Sack her­aus: Ich bin schon hier, es ist wahr, es ist Alles wahr.‘ Nun weit­er sprach der Sol­dat: Darauf kam eine Wild­prethänd­lerin, die bot mir Hirsche und Rehe an, aber sie sollte auch ihr Häslein ver­di­enen.‘ – Es ist wahr, es ist wahr!‘ rief die Prinzessin, welche rot war bis hin­ter die Ohren, und der Sol­dat hielt den Sack auf und husch war sie hinein. Jet­zt weit­er,‘ sprach der Sol­dat, und der König rück­te unruhig hin und her auf seinem Thron, als ob’s ihm nicht recht behaglich darauf wär, grad als säß er auf Nadeln, Dis­teln und Dor­nen. Daran kehrte sich der Sol­dat aber nicht, son­dern fuhr fort: Zulet­zt kam ein­er, der sich auch sein Häslein ver­di­enen wollte, aber der hat’s kurios ver­di­enen müssen. Ich hab ihm aufgegeben‘ – – Still, still, still!‘ rief der König. Der Sack ist ja ganz voll und kein Platz mehr darin. Mor­gen hältst du Hochzeit.‘

Da öffnete der Sol­dat den Sack und ließ alle Wahrheit­en wieder her­aus und am fol­gen­den Tage hielt er Hochzeit und hat­te genug zu leben, und wenn er nicht gestor­ben ist, dann lebt er noch.

Aus: Johann Wil­helm Wolf
Deutsche Haus­märchen
(1851)
Rechtschrei­bung und Gram­matik leicht korrigiert.