Der Halskragen

von Hans Christian Andersen

~5 Min

Es war ein­mal ein fein­er Herr, dessen ganzes Haus­gerät aus einem Stiefelknecht und ein­er Haar­bürste bestand. Aber er hat­te den schön­sten Hal­skra­gen auf der Welt, und dieser Hal­skra­gen ist es, dessen Geschichte wir hören werden.

Der Hal­skra­gen war nun so alt gewor­den, dass er daran dachte, sich zu ver­heirat­en. Da traf es sich, dass er mit einem Strumpf­band in die Wäsche kam. Der Kra­gen sagte: Noch nie habe ich jemand so schlank, so fein und so niedlich gese­hen. Darf ich um Ihren Namen bit­ten?” Den nenne ich nicht!”, sagte das Strumpf­band. Wo sind Sie denn zu Hause?” fragte der Hal­skra­gen. Aber das Strumpf­band war beschämt und meinte, es sei doch etwas son­der­bar, darauf zu antworten.

Sie sind wohl ein Gür­tel”, sagte der Hal­skra­gen, den man immer tra­gen kann. Ich sehe, Sie sind von Nutzen und machen etwas her!” Sie dür­fen nicht mit mir sprechen”, sagte das Stumpf­band. Mir scheint, ich habe Ihnen dur­chaus keine Ver­an­las­sung dazu gegeben!” Ja, wenn man so schön ist, wie Sie”, sagte der Hal­skra­gen, dann ist das Ver­an­las­sung genug!” Kom­men Sie mir nicht so nahe”, sagte das Strumpf­band, Sie sehen doch so männlich aus!”

Ich bin auch ein fein­er Herr”, sagte der Hal­skra­gen, und ich besitze einen Stiefelknecht und eine Haar­bürste!” Das war jet­zt bloße Prahlerei, denn es waren Dinge, die seinem Her­rn gehörten.

Kom­men Sie mir nicht so nahe”, sagte das Strumpf­band, ich bin das nicht gewohnt!” Zier­liese!”, rief der Hal­skra­gen, dann wur­den sie aus der Wäsche genom­men. Sie wur­den gestärkt und hin­gen auf dem Stuhl im Son­nen­schein. Danach wur­den sie auf das Bügel­brett gelegt, und es kam das warme Plätteisen.

Liebe Frau”, sagte der Hal­skra­gen, liebe Frau Witwe. Mir wird ganz warm! Mir wird gar anders, und ich komme völ­lig aus den Fal­ten. Uh, ich muss um Ihre Hand anhalten!”

Laps” sprach das Plät­teisen und fuhr stolz über den Hal­skra­gen, denn es bildete sich ein, eine Dampfwalze zu sein, die unaufhör­lich weit­er rollte. Laps”, sagte das Plätteisen.

Der Hal­skra­gen faserte an den Kan­ten ein wenig aus, deshalb kam die Papier­schere und sollte die Fasern wegschnei­den. Oh”, sagte der Hal­skra­gen, Sie sind wohl eine Tänz­erin? Wie Sie die Beine ausstreck­en kön­nen! Das ist das Reizend­ste, was ich je gese­hen habe. Das kann Ihnen kein­er nachmachen!”

Das weiß ich”, sagte die Schere. Sie ver­di­enen, eine Gräfin zu sein”, erwiderte der Hal­skra­gen. Alles, was ich besitze, ist ein fein­er Herr, ein Stiefelknecht und eine Haar­bürste. Wenn ich doch nur eine Graf­schaft hätte!” Er ist wohl gar auf Brautschau”, sagte die Schere. Sie wurde böse und gab ihm einen tüchti­gen Schnitt.

Ich muss wohl um die Haar­bürste wer­ben”, dachte der Hal­skra­gen. Was für schönes Haar Sie doch haben, liebes Fräulein”, sagte er. Haben Sie nie daran gedacht, sich zu ver­loben?” Aber ja doch, das kön­nen Sie sich wohl denken”, sagte die Bürste. Ich bin mit dem Stiefelknecht verlobt!”

Ver­lobt!”, rief der Hal­skra­gen. Nun gab es nie­mand mehr, um die er hätte wer­ben kön­nen, und darum ließ er es am Ende.

Es verg­ing eine lange Zeit, und dann kam der Hal­skra­gen in den Kas­ten des Papier­müllers. Da gab es große Lumpenge­sellschaft, die feinen für sich, die groben für sich, so wie sich das gehört. Sie hat­ten alle viel zu erzählen, aber der Hal­skra­gen am meis­ten. Er war ein gewaltiger Prahlhans.

Ich habe unge­heuer viele Geliebte gehabt”, sagte der Hal­skra­gen. Man ließ mir gar keine Ruhe! Ich war aber auch ein fein­er Herr mit Stärke! Ich besaß sowohl einen Stiefelknecht wie eine Haar­bürste, die ich nie gebrauchte! — Damals hät­ten Sie mich nur sehen sollen, wenn ich auf der Seite lag. Nie vergesse ich meine erste Geliebte! Sie war ein Gür­tel, fein, zart und niedlich. Sie stürzte sich meinetwe­gen in eine Waschwanne. — Da war aber auch eine Witwe, die für mich erglühte, doch ich ließ sie ste­hen und schwarz wer­den. Und da war die erste Tänz­erin, die mir die Wunde ver­set­zte, mit der ich gehe. Sie war schreck­lich bis­sig! Meine eigene Bürste war in mich ver­liebt, und sie ver­lor alle Haare aus Liebesgram. Ja, ich habe viel der­gle­ichen erlebt. Aber am meis­ten tut es mir um das Strumpf­band leid — ich meine den Gür­tel, der sich in die Waschwanne stürzte. Ich habe sehr viel auf meinem Gewis­sen. Es wird mir wohl tun, weißes Papi­er zu werden!”

Und das wurde er! Alle Lumpen wur­den weißes Papi­er. Aber der Hal­skra­gen wurde ger­ade das Stück Papi­er, worauf seine Geschichte abge­druckt ist. Und das geschah, weil er so gewaltig mit Din­gen prahlte, die gar nicht wahr waren. Daran sollen wir denken, damit wir uns nicht eben­so betra­gen. Denn wir kön­nen wahrlich nicht wis­sen, ob wir nicht auch ein­mal in den Lumpenkas­ten kom­men und zu weißem Papi­er wer­den, und dann unsere ganze Geschichte aufge­druckt bekom­men, wom­it wir dann selb­st herum­laufen und sie erzählen müssen. So wie der Halskragen!