Der graue Wackenstein.

von Johann Wilhelm Wolf

~9 Min

Ein armer Bauers­mann hat­te nur einen einzi­gen Sohn, den erzog er christlich und ehrlich, wie es sich gebührt. Als der Knabe aber größer und größer wurde, da wurde ihm seines Vaters Haus zu enge und er wollte in die weite Welt. Sein Vater war ganz trost­los darüber und gab ihm die him­mels­besten Worte, er solle im Lande bleiben und sich redlich nähren, aber das half alles nichts, er blieb dabei, er wolle sich die Welt beschauen. Da erzürnte sein Vater zulet­zt und sprach: Ei so wollte ich, dass du drei Tage und drei Nächte in einem fort laufen müßtest und kön­ntest nicht aufhören.‘

Wie der Vater gesagt hat­te, so geschah es. Der Bursche mußte laufen und immer­fort laufen drei Tage und drei Nächte hin­durch. Die Sonne stach am Tage heiß und Nachts taute es kühl und naß, der Hunger und der Durst plagten ihn, aber Alles half nichts, denn Eltern­fluch fährt nicht in den Wind: er mußte laufen bis zum Ende des drit­ten Tages. Zulet­zt sank er müde und matt nieder und war zum Ster­ben schwach; wo er Essen hernehmen sollte, das wußte er nicht, denn er lag in einem dicht­en Walde. Da kam plöt­zlich ein kleines graues Män­nchen daher gegan­gen, das blieb bei ihm ste­hen und frug ihn, was ihm denn fehle: Ach,‘ sprach er, ich habe so argen Hunger und Durst, dass ich es nicht länger aushal­ten kann.‘ Wenn das Alles ist, dann ist dir leicht geholfen,‘ sprach das Män­nchen; geh nur mit mir und du sollst vol­lauf haben, so viel du willst.‘ Da raffte er seine let­zten Kräfte zusam­men und hink­te hin­ter dem Män­nchen drein. Sie waren kaum fun­fzig Schritt weit gegan­gen, da kamen sie an ein unge­heuer großes, kohlraben­schwarzes Schloss; da gin­gen sie hinein, die bre­it­en Trep­pen hin­auf und durch eine unge­heure Tür in einen hohen Saal. In dem ganzen Schloss war kein Men­sch zu hören noch zu sehen, alles war toten­still, in dem Saal aber stand trotz­dem ein köstlich­es Mahl auf einem hohen, hohen Tis­che und um densel­ben drei hohe, hohe Stüh­le. Nun laß uns nach Herzenslust essen und trinken,‘ sprach das Män­nchen, aber rasch, denn allzu­lange dür­fen wir uns nicht aufhal­ten.‘ Da klet­terten sie so schnell sie kon­nten an den Stuhlbeinen in die Höhe, marschirten auf der Tafel zwis­chen den Tellern und Schüs­seln umher und aßen sich rund­satt. Dann rutscht­en sie an den Stuhlbeinen wieder herab, liefen die Trep­pen hin­unter und zur Tür hin­aus. Es war aber auch die höch­ste Zeit, denn die Tür fuhr so hart hin­ter ihnen zu, dass sie den Schuhab­satz des Jünglings abschlug. Der war jet­zt wieder munter und guter Dinge und hat­te alles Ungemach der drei Tage rein vergessen. Er sprang mit dem Män­nchen in den Wald hinein, immer weit­er bis an ein recht dicht­es Plätzchen. Da gab das Män­nchen dem Jüngling ein Stöckchen und sprach: In dem Schlosse wohnen drei Riesen, das sind Men­schen­fress­er. Wenn die nach Hause kom­men und sehen, dass Jemand aus ihrer Schüs­sel gegessen und aus ihren Bech­ern getrunk­en hat, dann kom­men sie in den Wald und suchen. Wenn nun ein­er kommt und dich find­et, dann muß er sich bück­en, um dich aufzuheben und zu fressen. Sei aber dann bei der Hand und schlage ihn mit dem Stöckchen auf den Kopf, sogle­ich fällt er hin und regt kein Glied mehr.‘ Da wäre dem Jüngling fast das Herz in die Schuhe gefall­en, er bat das Män­nchen: Ach bleibe doch bei mir, dann fürchte ich mich weniger.‘ Aber das Män­nchen sprach: Du brauchst dich nicht zu fürcht­en, sie tun dir nichts, wenn du es machst, wie ich dir gesagt habe. Ich darf nicht dabei sein, son­st wäre Alles umson­st.‘ Da schlupfte das Män­nchen in eine Höh­le, welche nahe­bei war und wartete dort ab, was geschehe. Bald drauf rauschte es im Wald und knack­te und krachte, das war ein­er der Riesen, wohin der ging, mußte er sich zuvor Luft machen und strich so mit seinen Hän­den die Aeste zur Seite, dass sie und mit ihnen ganze Baumwipfel brachen. Als er dem Jüngling nahe kam und ihn sah, schrie er: Ach hab ich dich nun, hast du aus mein­er Schüs­sel gefressen, so will ich jet­zt dich sel­ber fressen.‘ Er bück­te sich um ihn zu fassen, doch da schlug der Jüngling ihn mit dem Stöckchen vor die Stirn und plumps, da lag er und streck­te alle viere von sich. In einem Satze war das Män­nchen da und rief: Schnell, dass wir ihn ver­steck­en, bevor die andern kom­men!‘ Sie zogen ihn bei den Haaren tiefer ins Gebüsch und bedeck­ten den ganzen Kerl mit dür­rem Laub.

Eine Weile drauf tobte und tappte es wiederum durch den Wald als ob der Sturm hin­durch fahre. Das war der zweite Riese, der kam mit großen Schrit­ten her­an, denn er war nicht wenig böse. Als er den Jüngling fand, schrie er: Ach du hast aus mein­er Schüs­sel gefressen, so will ich jet­zt dich sel­ber fressen.‘ Damit bück­te er sich, aber der Jüngling traf ihn so wohl an die Stirn, dass er hin­stürzte und keinen Laut mehr von sich gab. Husch war das Män­nchen wieder bei der Hand und rief: Schnell weg mit ihm, ehe der dritte kommt!‘ Da zogen sie ihn bei den Haaren zu seinem Kam­er­aden und war­fen dür­res Laub drauf, so dass man keine Fin­ger­spitze von den zwei Kerlen sah.

Das graue Män­nchen hat­te Recht, wenn es eilte, dass der Riese auf die Seite kam. Kaum lag er unter dem Laube, als es durch den Wald schrie und lärmte. Das war der dritte Riese und der hat­te einen Tritt, dass die Erde davon erbebte. Als er den Jüngling fand, rief er wüthend: Du hast aus mein­er Schüs­sel gefressen, so will ich dich jet­zt sel­ber fressen.‘ Als er sich aber bück­te, den Jüngling zu pack­en, traf dieser ihn so gut mit seinem Stöckchen an die Stirn, dass er hin­fiel und keinen Pieps mehr tat.

Nun sprang das Män­nchen gar fröh­lich aus sein­er Höh­le her­aus und sprach: Der mag liegen bleiben, denn das ist der let­zte; jet­zt laß uns wieder in das Schloss gehen, da sind wir Her­ren und Meis­ter. Du mußt mir jedoch vorher ver­sprechen, dass du mir in Allem getreulich fol­gen willst, was ich dir sage oder auf­trage. Du hast gese­hen, dass es nur zu deinem Besten auss­chlägt.‘ Der Jüngling ver­sprach dieß mit Freuden und fol­gte dem Män­nchen zu dem kohlraben­schwarzen Riesen­Schloss. Sie trat­en hinein und kamen durch viele Zim­mer endlich in eine Kam­mer, da hing ein großes, blankes, schar­fes Schw­ert an der Wand. Das Män­nchen sprach: Nimm dieß Schw­ert herunter‘ und als der Jüngling es geth­an, sprach es weit­er: Nun haue mir den Kopf ab.‘ Ach wie kön­nte ich das! Du hast mir ja nichts zu Lei­de getan,‘ rief der Jüngling, doch das Män­nchen erzürnte und rief: Willst du mir den Kopf abhauen oder soll ich ihn dir abhauen?‘ Da kon­nte der Jüngling wohl nicht anders, er nahm das Schw­ert in bei­de Hände und schlug dem Män­nchen den Hals durch und durch. Als aber der alte Kopf des Män­nchens herunter fiel, fie­len die grauen Klei­der mit ab, wie einem Schmetter­ling die garsti­gen Pup­pen­klei­der und da stand eine Jungfrau vor dem Jüngling, die war so wun­der­schön, dass er vor lauter Staunen und Entzück­en kein Wort sprechen kon­nte. Er glaubte nicht anders, als es sei ein Traum, aber da reichte sie ihm die Hand und sprach: Siehst du nun, dass du Recht daran tat­est, mir zu fol­gen?‘ Dann erzählte sie ihm ihre ganze Geschichte, die war sehr trau­rig. Vor vie­len Jahren waren die drei Riesen in die Gegend gekom­men, wo ihr Vater als Graf auf dem Schlosse wohnte. Sie hat­ten das Schloss über­fall­en und alles gefressen, was sie da fan­den, die ganze Fam­i­lie der schö­nen Jungfrau, den ganzen Hof­s­taat und alles Gesinde, nur sie selb­st hat­ten die Unge­heuer ver­schont, weil sie so schön war. Sie woll­ten ihren Willen mit ihr haben, als sie aber mit Gottes Hülfe den Riesen stets ent­floh, da ver­wün­scht­en sie die Jungfrau in ein graues Män­nchen; seit­dem wurde das Schloss kohlraben­schwarz. Als­dann fuhr sie fort: Du hast mich erst halb erlöst, da das Schloss noch nicht erlöst ist, darum sollst du jet­zt dein Werk ganz vol­len­den. Im Walde ste­ht die große Riesene­iche, diese mußt du auf­suchen. Sie hat sieben Löch­er über einan­der in ihrem Stamm und in dem sieben­ten sitzt eine Taube auf zwei Eiern. Die Eier mußt du nehmen und mir an dem Kopf entzwei werfen.‘

Der Jüngling tat wie sie ihm geheißen. Er fand die Eiche und an der Eiche die sieben Löch­er und in dem ober­sten Loch die Taube und unter der Taube die Eier. Diese brachte er mit und warf sie der Jungfrau an den Kopf. Im sel­ben Augen­blick krachte es in dem ganzen Schloss, als sollte die Welt versinken und es war wieder weiß, wie Schnee, als ob es eben erst gebaut wor­den wäre.

Der Jüngling feierte nun rasch seine Hochzeit mit der schö­nen Gräfin, er nahm viele Diener an und ein neues schönes Leben kehrte in dem Schlosse ein. Nach einem Jahre sollte der Bei­den Glück voll­ständig wer­den, denn die Gräfin fühlte, dass sie bald eines Kindes gene­sen werde. Als aber der Augen­blick da war und sie gebären sollte, da brachte sie statt eines Kindes einen grauen Wack­en­stein zur Welt. Ihr Mann war außer sich vor Jam­mer als er den Stein sah, doch sie tröstete ihn und sprach: Dieß ist noch eine Folge der Ver­wün­schung, welche die Riesen über mich aus­ge­sprochen haben, aber sei zufrieden, denn du kannst uns leichtlich helfen. Trage den Stein in den Keller und zer­haue ihn dort mit dem Schw­erte, wom­it du mir den Kopf abgeschla­gen hast, als ich noch ein graues Män­nchen war.‘ Er tat nach ihrem Willen, und als das Schw­ert durch den Stein fuhr, da sprang das helle rote Blut her­aus, worüber er sich so entset­zte, dass er den Stein liegen ließ und wieder zu sein­er Frau eilte, um ihr das zu sagen. Sie sprach: Du hast ganz recht getan, nun gehe nach sieben Tagen wiederum in den Keller und schau ein­mal nach.‘

Das Herz klopfte ihm nicht wenig, als er nach sieben Tagen die Kellertür öffnete, doch was war das für eine Freude, als er an der Stelle des bluti­gen Steines ein wun­der­schönes kleines Mägdlein liegen sah, das blick­te ihn mit klu­gen Augen an und streck­te ihm die Ärm­chen ent­ge­gen. Er hob es auf und trug es voller Freude zu sein­er Frau. Sobald diese wieder gesund war, reiste er aber nach Hause und holte seinen Vater und das ganze Dorf ab, welch­es sehr arm war. Er schenk­te jedem Bauern ein groß Stück Wald, was er sich aus­ro­den und anbauen kon­nte und lebte als Graf mit sein­er lieben Frau noch lange und glücklich.