Der Grabhügel

von Brüder Grimm

~7 Min

Ein reich­er Bauer stand eines Tages in seinem Hof und schaute nach seinen Feldern und Gärten: das Korn wuchs kräftig her­an und die Obst­bäume hin­gen voll Früchte. Das Getrei­de des vorigen Jahrs lag noch in so mächti­gen Haufen auf dem Boden, dass es kaum die Balken tra­gen kon­nten. Dann ging er in den Stall, da standen die gemästeten Ochsen, die fet­ten Kühe und die spiegel­glat­ten Pferde. Endlich ging er in seine Stube zurück und warf seine Blicke auf die eis­er­nen Kas­ten, in welchen sein Geld lag. Als er so stand und seinen Reich­tum über­sah, klopfte es auf ein­mal heftig bei ihm an. Es klopfte aber nicht an die Türe sein­er Stube, son­dern an die Türe seines Herzens. Sie tat sich auf und er hörte eine Stimme, die zu ihm sprach hast du den Deini­gen damit wohlge­tan? hast du die Not der Armen ange­se­hen? hast du mit den Hun­gri­gen dein Brot geteilt? war dir genug, was du besass­est, oder hast du noch immer mehr ver­langt?‘ Das Herz zögerte nicht mit der Antwort ich bin hart und uner­bit­tlich gewe­sen und habe den Meini­gen niemals etwas Gutes erzeigt. Ist ein Armer gekom­men, so habe ich mein Auge weggewen­det. Ich habe mich um Gott nicht beküm­mert, son­dern nur an die Mehrung meines Reich­tums gedacht. Wäre alles mein eigen gewe­sen, was der Him­mel bedeck­te, den­noch hätte ich nicht genug gehabt.‘ Als er diese Antwort ver­nahm, erschrak er heftig: die Knie fin­gen an ihm zu zit­tern und er musste sich nieder­set­zen. Da klopfte es aber­mals an, aber es klopfte an die Türe sein­er Stube. Es war sein Nach­bar, ein armer Mann, der ein Häufchen Kinder hat­te, die er nicht mehr sät­ti­gen kon­nte. Ich weiss,‘ dachte der Arme, mein Nach­bar ist reich, aber er ist eben­so hart: ich glaube nicht, dass er mir hil­ft, aber meine Kinder schreien nach Brot, da will ich es wagen.‘ Er sprach zu dem Reichen Ihr gebt nicht leicht etwas von dem Euri­gen weg, aber ich ste­he da wie ein­er, dem das Wass­er bis an den Kopf geht: meine Kinder hungern , lei­ht mir vier Mal­ter Korn.‘ Der Reiche sah ihn lange an, da begann der erste Son­nen­strahl der Milde einen Tropfen von dem Eis der Hab­sucht abzuschmelzen. Vier Mal­ter will ich dir nicht lei­hen,‘ antwortete er, son­dern achte will ich dir schenken, aber eine Bedin­gung musst du erfüllen.‘ Was soll ich tun?, sprach der Arme. Wenn ich tot bin, sollst du drei Nächte an meinem Grabe wachen.‘ Dem Bauer ward bei dem Antrag unheim­lich zumut, doch in der Not, in der er sich befand, hätte er alles bewil­ligt: er sagte also zu und trug das Korn heim.

Es war, als hätte der Reiche voraus­ge­se­hen, was geschehen würde, nach drei Tagen fiel er plöt­zlich tot zur Erde; man wusste nicht recht, wie es zuge­gan­gen war, aber nie­mand trauerte um ihn. Als er bestat­tet war, fiel dem Armen sein Ver­sprechen ein: gerne wäre er davon ent­bun­den gewe­sen, aber er dachte er hat sich gegen dich doch mildtätig erwiesen, du hast mit seinem Korn deine hun­gri­gen Kinder gesät­tigt, und wäre das auch nicht, du hast ein­mal das Ver­sprechen gegeben und musst du es hal­ten.‘ Bei ein­brechen­der Nacht ging er auf den Kirch­hof und set­zte sich auf den Grab­hügel. Es war alles still, nur der Mond schien über die Grab­hügel, und manch­mal flog eine Eule vor­bei und liess ihre kläglichen Töne hören. Als die Sonne aufging, begab sich der Arme unge­fährdet heim, und eben­so ging die zweite Nacht ruhig vorüber. Den Abend des drit­ten Tags emp­fand er eine beson­dere Angst, es war ihm, als stände noch etwas bevor. Als er hin­auskam, erblick­te er an der Mauer des Kirch­hofs einen Mann, den er noch nie gese­hen hat­te. Er war nicht mehr jung, hat­te Nar­ben im Gesicht, und seine Augen blick­ten scharf und feurig umher. Er war ganz von einem alten Man­tel bedeckt, und nur grosse Reit­er­stiefeln waren sicht­bar. Was sucht Ihr hier?‘ redete ihn der Bauer an, gruselt Euch nicht auf dem ein­samen Kirch­hof?, Ich suche nichts,‘ antwortete er, aber ich fürchte auch nichts. Ich bin wie der Junge, der aus­ging, das Gruseln zu ler­nen, und sich verge­blich bemühte, der aber bekam die Königstochter zur Frau und mit ihr grosse Reichtümer, und ich bin immer arm geblieben. Ich bin nichts als ein abgedank­ter Sol­dat und will hier die Nacht zubrin­gen, weil ich son­st kein Obdach habe.‘ Wenn Ihr keine Furcht habt,‘ sprach der Bauer, so bleibt bei mir und helft mir dort den Grab­hügel bewachen.‘ Wacht hal­ten ist Sache des Sol­dat­en,‘ antwortete er, was uns hier begeg­net, Gutes oder Bös­es, das wollen wir gemein­sc haftlich tra­gen.‘ Der Bauer schlug ein, und sie set­zten sich zusam­men auf das Grab.

Alles blieb still bis Mit­ter­nacht, da ertönte auf ein­mal ein schnei­den­des Pfeifen in der Luft, und die bei­den Wächter erblick­ten den Bösen, der leib­haftig vor ihnen stand. Fort, ihr Halunken,‘ rief er ihnen zu, der in dem Grab liegt, ist mein: ich will ihn holen, und wo ihr nicht wegge­ht, dreh ich euch die Hälse um.‘ Herr mit der roten Fed­er,‘ sprach der Sol­dat, Ihr seid mein Haupt­mann nicht, ich brauch Euch nicht zu gehorchen, und das Fürcht­en hab ich noch nicht gel­ernt. Geht Eur­er Wege, wir bleiben hier sitzen.‘ Der Teufel dachte mit Gold fängst du die zwei Hader­lumpen am besten,‘ zog gelin­dere Sait­en auf und fragte ganz zutraulich, ob sie nicht einen Beu­tel mit Gold annehmen und damit heimge­hen woll­ten. Das lässt sich hören,‘ antwortete der Sol­dat, aber mit einem Beu­tel voll Gold ist uns nicht gedi­ent: wenn Ihr so viel Gold geben wollt, als da in einen von meinen Stiefeln geht, so wollen wir Euch das Feld räu­men und abziehen.‘ So viel habe ich nicht bei mir,‘ sagte der Teufel, aber ich will es holen: in der benach­barten Stadt wohnt ein Wech­sler, der mein guter Fre­und ist, der streckt mir gerne so viel vor.‘ Als der Teufel ver­schwun­den war, zog der Sol­dat seinen linken Stiefel aus und sprach dem Kohlen­bren­ner wollen wir schon eine Nase drehen: gebt mir nur Euer Mess­er, Gevat­ter.‘ Er schnitt von dem Stiefel die Sohle ab und stellte ihn neben den Hügel in das hohe Gras an den Rand ein­er halb überwach­se­nen Grube. So ist alles gut‘ sprach er, nun kann der Schorn­ste­in­feger kommen.‘

Bei­de set­zten sich und warteten, es dauerte nicht lange, so kam der Teufel und hat­te ein Säckchen Gold in der Hand. Schüt­tet es nur hinein,‘ sprach der Sol­dat und hob den Stiefel ein wenig in die Höhe, das wird aber nicht genug sein.‘ Der Schwarze leerte das Säckchen, das Gold fiel durch und der Stiefel blieb leer. Dum­mer Teufel,‘ rief der Sol­dat, es schickt nicht: habe ich es nicht gle­ich gesagt? kehrt nur wieder um und holt mehr.‘ Der Teufel schüt­telte den Kopf, ging und kam nach ein­er Stunde mit einem viel grösseren Sack unter dem Arm. Nur einge­füllt,‘ rief der Sol­dat, aber ich zwei­fle, dass der Stiefel voll wird.‘ Das Gold klin­gelte, als es hin­ab­fiel, und der Stiefel blieb leer. Der Teufel blick­te mit seinen glühen­den Augen selb­st hinein und überzeugte sich von der Wahrheit. Ihr habt unver­schämt starke Waden,‘ rief er und ver­zog den Mund. Meint Ihr,‘ erwiderte der Sol­dat, ich hätte einen Pfer­de­fuss wie Ihr? seit wann seid Ihr so knau­serig? macht, dass Ihr mehr Gold her­beis­chafft, son­st wird aus unserm Han­del nichts.‘ Der Unhold trollte sich aber­mals fort. Dies­mal blieb er länger aus, und als er endlich erschien, keuchte er unter der Last eines Sack­es, der auf sein­er Schul­ter lag. Er schüt­tete ihn in den Stiefel, der sich aber so wenig füllte als vorher. Er ward wütend und wollte dem Sol­dat den Stiefel aus der Hand reis­sen, aber in dem Augen­blick drang der erste Strahl der aufge­hen­den Sonne am Him­mel her­auf, und der böse Geist ent­floh mit lautem Geschrei. Die arme Seele war gerettet.

Der Bauer wollte das Gold teilen, aber der Sol­dat sprach gib den Armen, was mir zufällt: ich ziehe zu dir in deine Hütte, und wir wollen mit dem übri­gen in Ruhe und Frieden zusam­men leben, solange es Gott gefällt.‘