Der goldne Rehbock

von Ludwig Bechstein

~6 Min

Es waren ein­mal zwei arme Geschwis­ter, ein Knabe und ein Mäd­chen, das Mäd­chen hieß Mar­garete, der Knabe hieß Hans. Ihre Eltern waren gestor­ben, hat­ten ihnen auch gar kein Eigen­tum hin­ter­lassen, daher sie aus­ge­hen mußten, um durch Bet­teln sich fortzubrin­gen. Zur Arbeit waren bei­de noch zu schwach und klein; denn Hän­schen zählte erst zwölf Jahre und Gretchen war noch jünger. Des Abends gin­gen sie vors erste beste Haus, klopften an und bat­en um ein Nachtquarti­er, und viel­mal waren sie schon von guten mildtäti­gen Men­schen aufgenom­men, gespeiset und geträn­ket wor­den; auch hat­te manch­er Barmherzige ihnen ein KIei­dungsstückchen zugeworfen.

So kamen sie ein­mal des Abends vor ein Häuschen, welch­es einzeln stand; da klopften sie ans Fen­ster, und als gle­ich darauf eine alte Frau her­aus­sah, fragten sie diese, ob sie hier nicht über Nacht bleiben dürften? Die Antwort war: »Meinetwe­gen, kommt nur here­in!« Aber wie sie ein­trat­en, sprach die Frau: »Ich will euch wohl über Nacht behal­ten, aber wenn es mein Mann gewahr wird, so seid ihr ver­loren; denn er isset gern einen jun­gen Men­schen­brat­en, daher er alle Kinder schlachtet, die ihm vor die Hand kommen!«

Da wurde den Kindern sehr angst; doch kon­nten sie nun­mehr nicht weit­er, es war schon ganz dun­kle Nacht gewor­den. So ließen sie sich gutwillig von der Frau in einem Faß ver­steck­en und ver­hiel­ten sich ruhig. Ein­schlafen kon­nten sie aber lange nicht, zumal da sie nach ein­er Stunde die schw­eren Tritte eines Mannes ver­nah­men, der wahrschein­lich der Men­schen­fress­er war. Des wur­den sie bald gewiß, denn jet­zt fing er an mit brül­len­der Stimme auf seine Frau zu zanken, daß sie keinen Men­schen­brat­en für ihn zugerichtet. Am Mor­gen ver­ließ er das Haus wieder und tappte so laut, daß die Kinder, die endlich doch eingeschlum­mert waren, darüber erwachten.

Als sie von der Frau etwas zu früh­stück­en bekom­men hat­ten, sagte diese: »Ihr Kinder müßt nun auch etwas tun, da habt ihr zwei Besen, geht oben hin­auf und kehrt mir meine Stuben aus, deren sind zwölf, aber ihr kehret davon nur ell, die zwölfte dürit ihr um Him­meiswillen nicht auf­machen. Ich will derzeit einen Aus­gang tun. Seid fleißig, daß ihr fer­tig seid, wenn ich wieder komme.«

Die Kinder kehrten sehr emsig, und bald waren sie fer­tig. Nun mochte Gretchen doch gar zu gerne wis­sen, was in der zwölften Stube wäre, das sie nicht sehen soll­ten, weil ihnen ver­boten war, die Stube zu öff­nen. Sie guck­te ein wenig durchs Schlüs­sel­loch und sah da einen her­rlichen, kleinen, gold­e­nen Wagen, mit einem gold­e­nen Rehbock bespan­nt. Geschwind rief sie Hän­schen her­bei, daß er auch hinein­guck­en sollte. Und als sie sich erst tüchtig umge­se­hen, ob die Frau nicht heimkehre, und da von dieser nichts zu sehen war, schlossen sie schnell die Türe auf, zogen den Wagen samt Rehbock her­aus, set­zten drun­ten sich hinein in den Wagen und fuhren auf und davon. Aber nicht lange, so sahen sie von weit­em die alte Frau und auch den Men­schen­fress­er sich ent­ge­gen kom­men, ger­ade des Wegs, den sie mit dem ger­aubten Wagen eingeschla­gen hat­ten. Hänslein sprach: »Ach, Schwest­er, was machen wir? Wenn uns die bei­den Alten ent­deck­en, sind wir verloren.«

»Still!« sprach Gretchen, »ich weiß ein kräftiges Zauber­sprüch­lein, welch­es ich noch von unser­er Groß­mut­ter gel­ernt habe:

Rosen­rote Rose sticht; Siehst du mich, so sieh mich nicht!«

Und als­bald waren sie ver­wan­delt in einen Rosen­strauch. Gretchen wurde zur Rose, Hänslein zu Dor­nen, der Rehbock zum Stiele, der Wagen zu Blättern.

Nun kamen bei­de, der Men­schen­fress­er und seine Frau, daher gegan­gen und let­ztere wollte sich die schöne Rose abbrechen, aber sie stach sich so sehr, daß ihre Fin­ger bluteten und sie ärg­er­lich davon ging. Wie die Alten fort waren, macht­en sich die Kinder eilig auf und fuhren weit­er und kamen bald an einen Back­ofen, der voll Brot stund. Da hörten sie aus dem­sel­ben eine hohle Stimme rufen: »Rückt mir mein Brot, rückt mir mein Brot.« Schnell rück­te Gretchen das Brot und tat es in ihren Wagen, worauf sie weit­er fuhren. Da kamen sie an einen großen Bim­baum, der voll reifer schön­er Früchte hing, aus diesem tönte es wieder: »Schüt­telt mir meine Bir­nen, schüt­telt mir meine Bir­nen!« Gretchen schüt­telte sogle­ich, und Hän­schen half gar fleißig aufle­sen und die Bir­nen in den gold­e­nen Wagen schüt­ten. Und wieder kamen sie an einen Wein­stock, der rief mit angenehmer Stimme: »Pflückt mir meine Trauben, pflückt mir meine Trauben!« Gretchen pflück­te auch diese und pack­te sie in ihren Wagen.

Unter­dessen aber waren der Men­schen­fress­er und seine Frau daheim ange­langt und hat­ten mit Ingrimm wahrgenom­men, daß die Kinder ihren gold­e­nen Wagen samt Rehbock gestohlen, ger­ade wie diese bei­den eben­falls vor lan­gen Jahren Wagen und Rehbock gestohlen und noch dazu bei dem Dieb­stahl auch einen Mord began­gen hat­ten, näm­lich den recht­mäßi­gen Eigen­tümer erschla­gen. Der mit dem Rehbock bespan­nte Wagen war nicht nur an und für sich von großem Wert, son­dern er besaß auch noch die vortr­e­f­fliche Eigen­schaft, daß, wo er hinkam, von allen Seit­en Gaben gespendet wur­den, von Baum und Beer­strauch, von Back­ofen und Wein­stock. So hat­ten denn die Leute, der Men­schen­fress­er und seine Frau, lange Jahre den Wagen, wenn auch auf unrecht­mäßige Weise, besessen, hat­ten sich gute Eßwaren spenden lassen und dabei her­rlich und in Freuden gelebt. Da sie nun sahen, daß sie ihres Wagens beraubt waren, macht­en sie sich flugs auf, den Kindern nachzueilen und ihnen die köstliche Beute wieder abzu­ja­gen. Dabei wässerte dem Men­schfress­er schon der Mund nach Men­schen­brat­en; denn die Kinder wollte er sogle­ich fan­gen und schlacht­en. Mit weit­en Schrit­ten eil­ten die bei­den Alten den Kindern nach und wur­den diesel­ben bald von ferne ansichtig, weil sie voraus­fuhren. Die Kinder kamen jet­zt an einen großen Teich und kon­nten nicht weit­er, auch war wed­er eine Fähre noch eine Brücke da, daß sie hinüber hät­ten flücht­en kön­nen. Nur viele Enten waren darauf zu sehen, die lustig umher­schwammen. Gretchen lock­te diese ans Ufer, warf ihnen Fut­ter hin und sprach:

»Ihr Entchen, ihr Entchen, schwimmt zusam­men, Macht mir ein Brückchen, daß ich hinüber kann kommen!«

Da schwammen die Enten ein­trächtiglich zusam­men, bilde­ten eine Brücke, und die Kinder samt Rehbock und Wagen kamen glück­lich ans andere Ufer. Aber flugs hin­ter­drein kam auch der Men­schen­fress­er und brummte mit häßlich­er Stimme:

»Ihr Entchen, ihr Entchen, schwimmt zusam­men, Macht mir ein Brückchen, daß ich hinüber kann kommen!«

Schnell schwammen die Entchen zusam­men und tru­gen die bei­den Alten hinüber – meint ihr? nein! in der Mitte des Teich­es, da das Wass­er am tief­sten war, schwammen die Entchen auseinan­der, und der böse Men­schen­fress­er neb­st sein­er Alten plump­sten in die Tiefe und kamen um. Und Hän­schen und Gretchen wur­den sehr wohlhabende Leute, aber sie spende­ten auch von ihrem Segen den Armen viel und tat­en viel Gutes, weil sie immer daran dacht­en, wie bit­ter es gewe­sen, da sie noch arm waren und bet­teln gehen mußten.