Der goldene Hirsch

von Johann Wilhelm Wolf

~11 Min

Johann Wil­helm Wolf
Der gold­ene Hirsch

Ein König hat­te seine größte Freude an großen stolzen Sol­dat­en und schö­nen weißen Schilder­häuschen und kon­nte es ums Leben nicht ausstehn, wenn Namen oder Sprüche oder Reim­chen auf die Schilder­häuschen geschrieben waren; das hat­te er bei Todesstrafe verboten.

In sein­er Leib­garde hat­te er einen Sol­dat­en, der war der größte Mann im Lande, so dass für ihn ein eigenes Schilder­häuschen gebaut wer­den musste. Als der eines Tages auf Wache vor dem Schlosse stand, wurde ihm die Zeit lang und er schrieb auf das Schilder­häuschen: Geld macht Alles aus.“ Der König lag zufäl­lig im Fen­ster und sah das, kam sogle­ich herunter in den Schlosshof und an das Schilder­häuschen. Da stellte er den Sol­dat­en scharf zur Rede, las ihm den Text und sprach: Dies­mal lass ich es dir noch ein­mal hinge­hen, aber das näch­ste Mal nicht mehr.“ Und damit der Sol­dat nicht wieder in Ver­suchung käme, an das Schilder­häuschen zu schreiben, musste er von jet­zt an im Schloss vor der Tür der Prinzessin auf Wache stehen.

Ein Sol­dat hat auch ein Herz und er stand nicht manchen Tag da, als er sich sterblich in die Prinzessin ver­liebte. Sie war aber auch so schön, wie man nur ein Mäd­chen sehen kon­nte und dazu gar fre­undlich und gut, nicht hochfahrend oder stolz. Ach“, dachte da der Sol­dat, wenn ich jet­zt Geld hätte, dann wäre Alles gut, dann käme ich mit vie­len Wagen und Bedi­en­ten und großem Hof­s­taat und bäte den König um ihre Hand, statt dass ich nun wie ein armer Sün­der daste­he und sie kaum anblick­en darf, die schöne Prinzessin.“ Und er zog sein Bleis­tift aus dem Sack und schrieb sein Sprüch­lein mit­ten auf die Tür: Geld macht Alles aus.“

Am fol­gen­den Mor­gen, als der König zu sein­er Tochter gehen wollte, stand der Spruch da. Sogle­ich wurde der Sol­dat vor ihn in sein Zim­mer geführt und der König fragte ihn, warum er sich unter­standen habe, solch­es an die Tür der Prinzessin zu schreiben. Der Sol­dat dachte: Ster­ben muss ich doch, da mag der König auch Alles wis­sen“ und er ges­tand ihm, dass er die Prinzessin liebe und ohne sie nicht leben könne, darum sei ihm der Tod am Ende ein willkommen­er Gast. Wenn du meinst, dass Geld Alles aus­mache“, sprach der König, dann sollst du dessen haben, soviel dein Herz begehrt; hast du aber bin­nen Jahres­frist die Liebe der Prinzessin nicht gewon­nen, dann lasse ich dir den Kopf abschla­gen.“ Da fiel der Sol­dat dem König zu Füssen und dank­te ihm hun­dert­tausend­mal. Der König hielt sein Wort, er ließ den Sol­dat­en aber in einen Turm sper­ren und stellte zehn Mann Schildwache davor. Nun bekam der Sol­dat jeden Tag Ton­nen voll Gold, aber was ihm fehlte war die Frei­heit. Da fiel ihm wohl das Herz in die Schuhe, meinst du, aber ein rechter Mann ver­liert nicht den Mut, dem sitzt das Herz fes­ter, als dass es so leicht zu Falle käme.

Der Sol­dat sann vor Allem nach, wie er seine Frei­heit wiedergewin­nen kön­nte. Er mochte die Schildwachen nicht bestechen, denn wie leicht hätte das her­auskom­men kön­nen und die armen Ker­le wären unglück­lich gewe­sen; das litt sein gutes Herz nicht. Sein Weg musste viel sicher­er und kürz­er sein und er fand ihn bald. Er hat­te näm­lich einen Zwill­ings­brud­er, der ihm ganz ähn­lich sah; den ließ er kom­men, ver­traute ihm die ganze Sache und ver­sprach ihm fest und heilig, wenn sein Plan und Vorhaben nicht gelinge, vor Jahres­frist wieder im Kerk­er zu sein. Da wech­sel­ten sie die Klei­der, der Sol­dat ging frei aus dem Turme und damit war schon viel gewon­nen. Als er aber nach der Königstochter fragte, hieß es, sie sei auf Reisen, Nie­mand wisse wohin und sie komme vor Monats­frist nicht zurück. Er beschloss ihr nachzureisen; wenn er sie auch nicht finde, so sei es doch ander­swo bess­er und sicher­er für ihn, als in der Haupt­stadt, und er könne unter­dessen auf Mit­tel denken, ihre Liebe zu gewinnen.

Also zog er aus der Haupt­stadt weg und kam in eine andere große Stadt, wo er in einem vornehmen Wirtshaus einkehrte. Da dachte er Tag und Nacht nach, was er machen solle, aber was er auch her­aus­brachte, nichts schien ihm so recht sich­er, und er dachte so viel, dass er von lauter Denken ganz mager wurde, denn er war gar nicht daran gewohnt und ver­stand viel bess­er zu kom­mandieren: Gewehr an! Schultert’s Gewehr und wie das Alles heißt.

Der Wirt war ein gar fre­undlich­er und guter, dabei auch ein grundgescheit­er Mann und er sah mit Schmerzen, wie sein Gast immer kränker und ble­ich­er wurde. Oft ver­suchte er es, den Sol­dat­en zum Beken­nt­niss zu brin­gen, was ihn drücke, aber der war nicht so leicht zum Sprechen zu bewe­gen. Endlich aber platzte er den­noch los und ver­traute dem Wirt seine ganze Geschichte. Wenn’s nichts weit­er ist“, sprach der Wirt, dann ist dir leicht zu helfen; schaffe mir nur zwei Tönnlein Gold; ich ver­lange für mich keinen Deut davon, denn ich bin reich genug, ich muss sie aber haben, um die nötig­sten Aus­la­gen für dich bestre­it­en zu kön­nen.“ Da war dem Sol­dat­en leicht ums Herz; er schrieb seinem Brud­er ins Gefäng­nis, dass er ihm sogle­ich die zwei Tönnlein Gold in das Wirtshaus sende und es währte keine acht Tage, da kamen sie schon an.

Nun ließ der Wirt zwei sehr geschick­te Gold­schmiede kom­men, die mussten einen großen, großen Hirsch von Gold machen, der bekam Augen von dun­klem Glas, fein zum Horchen aufgerichtete Ohren und war innen hohl; auf dem Rück­en war aber zwis­chen den dicht­en gold­nen Haaren eine Türe so fein ange­bracht, dass man sie unmöglich sehen kon­nte. Dann musste auch ein Glock­en­meis­ter her­bei; der machte aus lauter kleinen und großen sil­ber­nen Glöckchen ein Glock­en­spiel, welch­es so wun­der­bar schöne Lieder spielte, dass es das größte Meis­ter­stück war, welch­es man noch gehört hat­te. Das wurde in dem Kopf des gold­nen Hirsches ange­bracht und war ein Schnürchen daran, welch­es in das Innere lief; zog man ein­mal daran, so fing das Werk an zu spie­len, zog man aber zweimal dran, so hörte es auf. Als der Hirsch fer­tig war, lief die ganze Stadt her­bei ihn zu sehn. Der Wirt steck­te den Sol­dat­en aber in den Hirsch hinein und schloss das Türchen. Wenn nun der Wirt sagte: Gold­hirsch, spiel dein Stück­lein“, so zog der Sol­dat ein­mal am Schnürchen, sagte der Wirt aber: Gold­hirsch, es ist genug“, dann zog er zweimal daran. So spielte der Hirsch, so oft der Wirt es befahl, und kein­er kon­nte begreifen wie das zuging.

Wer war jet­zt glück­lich­er als der Sol­dat. Schnell ließ er seinen Vater kom­men, gab ihm die nöti­gen Weisun­gen und nach­dem er dem guten Wirte noch von Herzen gedankt hat­te, zogen sie ab ger­aden Weges zur Haupt­stadt, wo die Prinzessin unter­dessen wieder angekom­men war. Dort war der Ruf von dem wun­der­baren Gold­hirsch schon weit ver­bre­it­et und jed­er wollte das große Kunst­werk sehen. Des Sol­dat­en Vater aber – denn der Sol­dat selb­st war in dem Hirsch ver­steckt – sprach, es dürfe kein­er den Gold­hirsch sehen, bevor der König ihn gese­hen habe und er fuhr mit dem prächti­gen Tier in den Schlosshof hinein. Dort nahm er die Deck­en ab, welche es ver­hüll­ten und da leuchtete der Hirsch so her­rlich in der Sonne, dass man den Glanz kaum aushal­ten kon­nte. Der König kam mit sein­er Tochter her­bei und Bei­de hat­ten nicht Worte genug, ihre Ver­wun­derung auszus­prechen über das stolze Tier und wie Alles daran so fein gear­beit­et war. Als der Vater des Sol­dat­en aber erst rief: Gold­hirsch, spiel dein Stück­lein“ und die schö­nen Lieder erk­lan­gen, da kon­nte sich die Königstochter vor Entzück­en nicht länger hal­ten und rief: Vater, ich will den Hirsch haben, koste er was es wolle.“ Der König hat­te seine Tochter allzu lieb, als dass er ihr etwas hätte abschla­gen kön­nen, darum fragte er den Vater des Sol­dat­en, was der Hirsch koste und ließ die Summe gle­ich bezahlen und noch mehr dazu, denn auch er hat­te große Freude an dem prächti­gen Gold­hirsch. Der wurde jet­zt ins Schloss getra­gen und zwar in das Schlafz­im­mer der Königstochter. Dort musste der Hirsch den ganzen Abend spie­len bis spät in die Nacht hinein, und die Königstochter wurde gar nicht müde zuzuhören.

Als alles im Schlosse zur Ruhe war und die Königstochter auch, da öffnete der Sol­dat das Türchen, stieg aus dem Hirsch und trat vor das Lager der schö­nen Königstochter. Der Mond schien hell in das Zim­mer here­in und da lag sie so schön und hold­seel­ig da; leise beugte er sich über sie und gab ihr einen Kuss. Sie schrak vom Schlafe auf und schaute empor; als sie den schö­nen frem­den Mann an ihrem Lager sah, stieß sie einen laut­en Angstschrei aus und hüllte den Kopf in die Decke. Rasch sprang der Sol­dat in den Hirsch und schloss leise das Türchen hin­ter sich zu. Kaum war er wieder in seinem Ver­steck, als die Kam­mer­frauen und endlich selb­st der König here­in­stürzten und fragten, was der Prinzessin fehle? Da erzählte sie zit­ternd und bebend Alles, man durch­suchte das Zim­mer in allen Eck­en, durch­suchte die Gänge und das ganze Schloss, aber Nie­mand war zu find­en und das ist leicht begrei­flich. Sprach der König zu der Prinzessin, sie habe gewiss geträumt und solle sich nur beruhi­gen; es könne Nie­mand in ihr Zim­mer hinein. Das tat sie auch und schlief bald wieder fest wie vorher.

Als der Sol­dat dies merk­te, öffnete er wiederum das Türchen, trat zu ihrem Lager und küsste sie von neuem auf ihre schöne weiße Stirn. Erschrock­en fuhr sie auf und da stand der stolze schöne Mann wieder vor ihr und hat­te die Hände fle­hend zu ihr gefal­ten; sie schrie noch lauter, wie das Erstemal und ver­barg sich wieder unter der Decke. Ehe man eine Hand umdreht war der Sol­dat ver­schwun­den. Das ganze Schloss lief zusam­men, der König kam hinzu, man fragte, man suchte, aber da war keine Spur von einem frem­den Manne zu find­en. Nun wurde der König böse, denn er war nicht gern im Schlafe gestört; er ver­wies der Prinzessin mit harten Worten ihr grund­los­es Geschrei und dro­hte, ihr den Hirsch wegzunehmen, wenn sie noch ein­mal schreie. Da musste sie sich wohl zufrieden geben.

Sie beschloss nun, nicht mehr einzuschlafen, denn sie wollte wis­sen, woher der schöne Mann komme, und stellte sich nur, als ob sie schliefe. Es dauerte nicht lange, so hörte sie ein leis­es Knar­ren an dem Gold­hirsch und gle­ich darauf stand der Sol­dat vor ihr und küsste sie auf die Stirn. Sie schaute ihn groß an, aber da stürzte er zu ihren Füssen und sprach ihr so viel von sein­er Liebe und wie er sein Leben für sie gewagt habe, dass die Prinzessin ihm hold wurde und ver­sprach ihn nicht zu verraten.

Seit­dem lebte er her­rlich und in Freuden in dem Zim­mer der Königstochter; nur wenn manch­mal der alte König kam, um den Gold­hirsch spie­len zu hören, musste er wieder in sein Ver­steck hinein. So ging es fort bis zum Ende des Jahres, welch­es der König ihm fest­ge­set­zt hat­te, die Liebe der Prinzessin zu erwer­ben. Da sprach er, jet­zt müsse er in sein Gefäng­nis zurück und nahm von der Königstochter Abschied. Als diese ihn um seinen Namen fragte, sagte er: Ich heiße Gold-macht-Alles-aus.“ Das ist ein son­der­bar­er Name“, sprach die Königstochter, aber wenn du ihn ein­mal hast, ist es nicht zu ändern.“

Also ging er in den Turm und erlöste seinen Brud­er. Kaum war er acht Tage dahin zurück­gekehrt, als die Königstochter eines schö­nen Knäbleins genas; dies hielt sie aber gar heim­lich, so dass kein Men­sch im Schloss davon wusste außer ihrer Kam­mer­frau. Es wurde auch heim­lich getauft und bekam den Namen Goldhirsch.

Am Tage nach­dem das Jahr abge­laufen war, ließ der König den Sol­dat­en kom­men und sprach: Ich habe dir nun ein ganzes Jahr lang Gold gegeben, so viel du gewollt hast; weißt du, dass du jet­zt ster­ben musst, weil du die Liebe der Prinzessin nicht gewon­nen hast?“ Ach das weiß ich wohl, aber ich möchte sie doch vorher noch ein­mal sehen“, sprach der Sol­dat. Schen­ket mir die Gnade Herr König und führet mich zu ihr.“ Das will ich dir gewähren“ sprach der König.

Als sie die Türe des Zim­mers der Prinzessin öffneten, stand sie da und trug ihr wun­der­schönes Kind auf dem Arm. Frateg der König erstaunt: Wem gehört das Kind?“ Antwortete sie: es ist mein Kind und dem Geld-macht-Alles-aus seins“ und damit fie­len Bei­de dem König zu Füssen und bat­en ihn um Verzei­hung und das Kind erhob seine Händ­chen, als bäte es auch um Gnade.

Da stand der König starr und stumm, aber er musste wohl gute Miene zum bösen Spiel machen, denn er kon­nte doch sein Wort nicht brechen. So bekam der Sol­dat die Hand der Königstochter und nach dem Tode ihres Vaters auch das Königreich.