Der gläserne Sarg

von Brüder Grimm

~11 Min

Sage nie­mand, dass ein armer Schnei­der es nicht weit brin­gen und nicht zu hohen Ehren gelan­gen könne, es ist weit­er gar nichts nötig, als dass er an die rechte Schmiede kommt und, was die Haupt­sache ist, dass es ihm glückt. Ein solch­es artiges und behen­des Schnei­der­bürschchen ging ein­mal sein­er Wan­der­schaft nach und kam in einen grossen Wald, und weil es den Weg nicht wusste, verir­rte es sich. Die Nacht brach ein, und es blieb ihm nichts übrig, als in dieser schauer­lichen Ein­samkeit ein Lager zu suchen. Auf dem weichen Moose hätte er freilich ein gutes Bett gefun­den, allein die Furcht vor den wilden Tieren liess ihm da keine Ruhe, und er musste sich endlich entschliessen, auf einem Baume zu über­nacht­en. Er suchte eine hohe Eiche, stieg bis in den Gipfel hin­auf und dank­te Gott, dass er sein Bügeleisen bei sich trug, weil ihn son­st der Wind, der über die Gipfel der Bäume wehete, wegge­führt hätte.

Nach­dem er einige Stun­den in der Fin­ster­n­is, nicht ohne Zit­tern und Zagen, zuge­bracht hat­te, erblick­te er in geringer Ent­fer­nung den Schein eines Licht­es; und weil er dachte, dass da eine men­schliche Woh­nung sein möchte, wo er sich bess­er befind­en würde als auf den Ästen eines Baums, so stieg er vor­sichtig herab und ging dem Lichte nach. Es leit­ete ihn zu einem kleinen Häuschen, das aus Rohr und Bin­sen geflocht­en war. Er klopfte mutig an, die Türe öffnete sich, und bei dem Scheine des her­aus­fal­l­en­den Licht­es sah er ein altes eis­graues Män­nchen, das ein von bunt­far­bigen Lap­pen zusam­menge­set­ztes Kleid anhat­te. Wer seid Ihr, und was wollt Ihr?‘ fragte es mit ein­er schnar­ren­den Stimme. Ich bin ein armer Schnei­der,‘ antwortete er, den die Nacht hier in der Wild­nis über­fall­en hat, und bitte Euch inständig, mich bis mor­gen in Eur­er Hütte aufzunehmen.‘ Geh dein­er Wege,‘ erwiderte der Alte mit mür­rischem Tone, mit Land­stre­ich­ern will ich nichts zu schaf­fen haben; suche dir ander­wärts ein Unterkom­men.‘ Nach diesen Worten wollte er wieder in sein Haus schlüpfen, aber der Schnei­der hielt ihn am Rockzipfel fest und bat so beweglich, dass der Alte, der so böse nicht war, als er sich anstellte, endlich erwe­icht ward und ihn mit in seine Hütte nahm, wo er ihm zu essen gab und dann in einem Winkel ein ganz gutes Nacht­lager anwies.

Der müde Schnei­der brauchte keines Ein­wiegens, son­dern schlief san­ft bis an den Mor­gen, würde auch noch nicht an das Auf­ste­hen gedacht haben, wenn er nicht von einem laut­en Lärm wäre aufgeschreckt wor­den. Ein heftiges Schreien und Brüllen drang durch die dün­nen Wände des Haus­es. Der Schnei­der, den ein uner­warteter Mut überkam, sprang auf, zog in der Hast seine Klei­der an und eilte hin­aus. Da erblick­te er nahe bei dem Häuschen einen grossen schwarzen Sti­er und einen schö­nen Hirsch, die in dem heftig­sten Kampfe begrif­f­en waren. Sie gin­gen mit so gross­er Wut aufeinan­der los, dass von ihrem Getram­pel der Boden erzit­terte, und die Luft von ihrem Geschrei erdröh­nte. Es war lange ungewiss, welch­er von bei­den den Sieg davon­tra­gen würde: endlich stiess der Hirsch seinem Geg­n­er das Geweih in den Leib, worauf der Sti­er mit entset­zlichem Brüllen zur Erde sank, und durch einige Schläge des Hirsches völ­lig getötet ward.

Der Schnei­der, welch­er dem Kampfe mit Erstaunen zuge­se­hen hat­te, stand noch unbe­weglich da, als der Hirsch in vollen Sprün­gen auf ihn zueilte und ihn, ehe er ent­fliehen kon­nte, mit seinem grossen Gewei­he ger­adezu auf­ga­belte. Er kon­nte sich nicht lange besin­nen, denn es ging schnellen Laufes fort über Stock und Stein, Berg und Tal, Wiese und Wald. Er hielt sich mit bei­den Hän­den an den Enden des Gewei­h­es fest und über­liess sich seinem Schick­sal. Es kam ihm aber nicht anders vor, als flöge er davon. Endlich hielt der Hirsch vor ein­er Felsen­wand still und liess den Schnei­der san­ft her­ab­fall­en. Der Schnei­der, mehr tot als lebendig, bedurfte län­ger­er Zeit, um wieder zur Besin­nung zu kom­men. Als er sich einiger­massen erholt hat­te, stiess der Hirsch, der neben ihm ste­hen geblieben war, sein Geweih mit solch­er Gewalt gegen eine in dem Felsen befind­liche Türe, dass sie auf­sprang. Feuer­flam­men schlu­gen her­aus, auf welche ein gross­er Dampf fol­gte, der den Hirsch seinen Augen ent­zog. Der Schnei­der wusste nicht, was er tun und wohin er sich wen­den sollte, um aus dieser Einöde wieder unter Men­schen zu gelan­gen. Indem er also unschlüs­sig stand, tönte eine Stimme aus dem Felsen, die ihm zurief tritt ohne Furcht here­in, dir soll kein Leid wider­fahren.‘ Er zaud­erte zwar, doch, von ein­er heim­lichen Gewalt angetrieben, gehorchte er der Stimme und gelangte durch die eis­erne Tür in einen grossen geräu­mi­gen Saal, dessen Decke, Wände und Boden aus glänzend geschlif­f­e­nen Quadrat­steinen bestanden, auf deren jedem ihm unbekan­nte Zeichen einge­hauen waren. Er betra­chtete alles voll Bewun­derung und war eben im Begriff, wieder hin­auszuge­hen, als er aber­mals die Stimme ver­nahm, welche ihm sagte tritt auf den Stein, der in der Mitte des Saales liegt, und dein wartet gross­es Glück.‘

Sein Mut war schon so weit gewach­sen, dass er dem Befehle Folge leis­tete. Der Stein begann unter seinen Füssen nachzugeben und sank langsam in die Tiefe hinab. Als er wieder fest­stand und der Schnei­der sich umsah, befand er sich in einem Saale, der an Umfang dem vorigen gle­ich war. Hier aber gab es mehr zu betra­cht­en und zu bewun­dern. In die Wände waren Ver­tiefun­gen einge­hauen, in welchen Gefässe von durch­sichtigem Glase standen, die mit far­bigem Spir­i­tus oder mit einem bläulichen Rauche ange­füllt waren. Auf dem Boden des Saales standen, einan­der gegenüber, zwei grosse gläserne Kas­ten, die sogle­ich seine Neugierde reizten. Indem er zu dem einen trat, erblick­te er darin ein schönes Gebäude, einem Schlosse ähn­lich, von Wirtschafts­ge­bäu­den, Ställen und Scheuern und ein­er Menge ander­er arti­gen Sachen umgeben. Alles war klein, aber über­aus sorgfältig und zier­lich gear­beit­et, und schien von ein­er kun­stre­ichen Hand mit der höch­sten Genauigkeit aus­geschnitzt zu sein.

Er würde seine Augen von der Betra­ch­tung dieser Sel­tenheit­en noch nicht abgewen­det haben, wenn sich nicht die Stimme aber­mals hätte hören lassen. Sie forderte ihn auf, sich umzukehren und den gegenüber­ste­hen­den Glaskas­ten zu beschauen. Wie stieg seine Ver­wun­derung, als er darin ein Mäd­chen von grösster Schön­heit erblick­te. Es lag wie im Schlafe, und war in lange blonde Haare wie in einen kost­baren Man­tel einge­hüllt. Die Augen waren fest geschlossen, doch die leb­hafte Gesichts­farbe und ein Band, das der Atem hin und her bewegte, liessen keinen Zweifel an ihrem Leben. Der Schnei­der betra­chtete die Schöne mit klopfen­d­em Herzen, als sie plöt­zlich die Augen auf­schlug und bei seinem Anblick in freudi­gem Schreck­en zusam­men­fuhr. Gerechter Him­mel,‘ rief sie, meine Befreiung naht! geschwind, geschwind, hilf mir aus meinem Gefäng­nis: wenn du den Riegel an diesem gläser­nen Sarg wegschieb­st, so bin ich erlöst.‘ Der Schnei­der gehorchte ohne Zaud­ern, als­bald hob sie den Glas­deck­el in die Höhe, stieg her­aus und eilte in die Ecke des Saals, wo sie sich in einen weit­en Man­tel ver­hüllte. Dann set­zte sie sich auf einen Stein nieder, hiess den jun­gen Mann herange­hen, und nach­dem sie einen fre­undlichen Kuss auf seinen Mund gedrückt hat­te, sprach sie mein lang ersehn­ter Befreier, der gütige Him­mel hat mich zu dir geführt und meinen Lei­den ein Ziel geset­zt. An dem­sel­ben Tage, wo sie endi­gen, soll dein Glück begin­nen. Du bist der vom Him­mel bes­timmte Gemahl, und sollst, von mir geliebt und mit allen irdis­chen Gütern über­häuft, in ungestörter Freud dein Leben zubrin­gen. Sitz nieder und höre die Erzäh­lung meines Schicksals.

Ich bin die Tochter eines reichen Grafen. Meine Eltern star­ben, als ich noch in zarter Jugend war, und emp­fahlen mich in ihrem let­zten Willen meinem älteren Brud­er, bei dem ich aufer­zo­gen wurde. Wir liebten uns so zärtlich und waren so übere­in­stim­mend in unser­er Denkungsart und unsern Nei­gun­gen, dass wir bei­de den Entschluss fassten, uns niemals zu ver­heirat­en, son­dern bis an das Ende unseres Lebens beisam­men zu bleiben. In unserm Hause war an Gesellschaft nie Man­gel: Nach­barn und Fre­unde besucht­en uns häu­fig, und wir übten gegen alle die Gast­fre­und­schaft in vollem Masse. So geschah es auch eines Abends, dass ein Fremder in unser Schloss gerit­ten kam und unter dem Vorgeben, den näch­sten Ort nicht mehr erre­ichen zu kön­nen, um ein Nacht­lager bat. Wir gewährten seine Bitte mit zuvork­om­mender Höflichkeit, und er unter­hielt uns während des Aben­dessens mit seinem Gespräche und eingemis­cht­en Erzäh­lun­gen auf das anmutig­ste. Mein Brud­er hat­te ein so gross­es Wohlge­fall­en an ihm, dass er ihn bat, ein paar Tage bei uns zu ver­weilen, wozu er nach einigem Weigern ein­willigte. Wir standen erst spät in der Nacht vom Tis­che auf, dem Frem­den wurde ein Zim­mer angewiesen, und ich eilte, ermüdet, wie ich war, meine Glieder in die weichen Fed­ern zu senken. Kaum war ich ein wenig eingeschlum­mert, so weck­ten mich die Töne ein­er zarten und lieblichen Musik. Da ich nicht begreifen kon­nte, woher sie kamen, so wollte ich mein im Neben­z­im­mer schlafend­es Kam­mer­mäd­chen rufen, allein zu meinem Erstaunen fand ich, dass mir, als lastete ein Alp auf mein­er Brust, von ein­er unbekan­nten Gewalt die Sprache benom­men und ich unver­mö­gend war, den ger­ing­sten Laut von mir zu geben. Indem sah ich bei dem Schein der Nacht­lampe den Frem­den in mein durch zwei Türen fest ver­schlossenes Zim­mer ein­treten. Er näherte sich mir und sagte, dass er durch Zauberkräfte, die ihm zu Gebote stän­den, die liebliche Musik habe ertö­nen lassen, um mich aufzuweck­en, und dringe jet­zt selb­st durch alle Schlöss­er in der Absicht, mir Herz und Hand anzu­bi­eten. Mein Wider­wille aber gegen seine Zauberkün­ste war so gross, dass ich ihn kein­er Antwort würdigte. Er blieb eine Zeit­lang unbe­weglich ste­hen, wahrschein­lich in der Absicht, einen gün­sti­gen Entschluss zu erwarten, als ich aber fort­fuhr zu schweigen, erk­lärte er zornig, dass er sich rächen und Mit­tel find­en werde, meinen Hochmut zu bestrafen, worauf er das Zim­mer wieder ver­liess. Ich brachte die Nacht in höch­ster Unruhe zu und schlum­merte erst gegen Mor­gen ein. Als ich erwacht war, eilte ich zu meinem Brud­er, um ihn von dem, was vorge­fall­en war, zu benachrichti­gen, allein ich fand ihn nicht auf seinem Zim­mer, und der Bedi­ente sagte mir, dass er bei anbrechen­dem Tage mit dem Frem­den auf die Jagd gerit­ten sei.

Mir ahnete gle­ich nichts Gutes. Ich klei­dete mich schnell an, liess meinen Leibzel­ter sat­teln und ritt, nur von einem Diener begleit­et, in vollem Jagen nach dem Walde. Der Diener stürzte mit dem Pferde und kon­nte mir, da das Pferd den Fuss gebrochen hat­te, nicht fol­gen. Ich set­zte, ohne mich aufzuhal­ten, meinen Weg fort, und in weni­gen Minuten sah ich den Frem­den mit einem schö­nen Hirsch, den er an der Leine führte, auf mich zukom­men. Ich fragte ihn, wo er meinen Brud­er gelassen habe und wie er zu diesem Hirsche gelangt sei, aus dessen grossen Augen ich Trä­nen fliessen sah. Anstatt mir zu antworten, fing er an laut aufzu­lachen. Ich geri­et darüber in höch­sten Zorn, zog eine Pis­tole und drück­te sie gegen das Unge­heuer ab, aber die Kugel prallte von sein­er Brust zurück und fuhr in den Kopf meines Pfer­des. Ich stürzte zur Erde, und der Fremde murmelte einige Worte, die mir das Bewusst­sein raubten.

Als ich wieder zur Besin­nung kam, fand ich mich in dieser unterirdis­chen Gruft in einem gläser­nen Sarge. Der Schwarzkün­stler erschien nochmals, sagte, dass er meinen Brud­er in einen Hirsch ver­wan­delt, mein Schloss mit allem Zube­hör verklein­ert in den andern Glaskas­ten eingeschlossen und meine in Rauch ver­wan­del­ten Leute in Glas­flaschen geban­nt hätte. Wolle ich mich jet­zt seinem Wun­sche fügen, so sei ihm ein leicht­es, alles wieder in den vorigen Stand zu set­zen: er brauche nur die Gefässe zu öff­nen, so werde alles wieder in die natür­liche Gestalt zurück­kehren. Ich antwortete ihm so wenig als das erstemal. Er ver­schwand und liess mich in meinem Gefäng­nisse liegen, in welchem mich ein tiefer Schlaf befiel. Unter den Bildern, welche an mein­er Seele vorübergin­gen, war auch das tröstliche, dass ein junger Mann kam und mich befre­ite, und als ich heute die Augen öffne, so erblicke ich dich und sehe meinen Traum erfüllt. Hilf mir voll­brin­gen, was in jen­em Gesichte noch weit­er geschah. Das erste ist, dass wir den Glaskas­ten, in welchem mein Schloss sich befind­et, auf jenen bre­it­en Stein heben.‘

Der Stein, sobald er beschw­ert war, hob sich mit dem Fräulein und dem Jüngling in die Höhe und stieg durch die Öff­nung der Decke in den obern Saal, wo sie dann leicht ins Freie gelan­gen kon­nten. Hier öffnete das Fräulein den Deck­el, und es war wun­der­bar anzuse­hen, wie Schloss, Häuser und Gehöfte sich aus­dehn­ten und in grösster Schnel­ligkeit zu natür­lich­er Grösse her­an­wuch­sen. Sie kehrten darauf in die unterirdis­che Höh­le zurück und liessen die mit Rauch gefüll­ten Gläs­er von dem Steine her­auf­tra­gen. Kaum hat­te das Fräulein die Flaschen geöffnet, so drang der blaue Rauch her­aus und ver­wan­delte sich in lebendi­ge Men­schen, in welchen das Fräulein ihre Diener und Leute erkan­nte. Ihre Freude ward noch ver­mehrt, als ihr Brud­er, der den Zauber­er in dem Sti­er getötet hat­te, in men­schlich­er Gestalt aus dem Walde her­ankam, und noch densel­ben Tag reichte das Fräulein, ihrem Ver­sprechen gemäss, dem glück­lichen Schnei­der die Hand am Altare.