Der Gevatter Tod

von Brüder Grimm

~6 Min

Es hat­te ein armer Mann zwölf Kinder und musste Tag und Nacht arbeit­en, damit er ihnen nur Brot geben kon­nte. Als nun das dreizehnte zur Welt kam, wusste er sich in sein­er Not nicht zu helfen, lief hin­aus auf die grosse Land­strasse und wollte den ersten, der ihm begeg­nete, zu Gevat­ter bit­ten. Der erste, der ihm begeg­nete, das war der liebe Gott. Der wusste schon, was er auf dem Herzen hat­te, und sprach zu ihm: Armer Mann, du dauerst mich, ich will dein Kind aus der Taufe heben, will für es sor­gen und es glück­lich machen auf Erden.“ Der Mann sprach: Wer bist du?“ – Ich bin der liebe Gott.“ – So begehr‘ ich dich nicht zu Gevat­ter,“ sagte der Mann, du gib­st dem Reichen und läss­est den Armen hungern.“ Das sprach der Mann, weil er nicht wusste, wie weis­lich Gott Reich­tum und Armut verteilt. Also wen­dete er sich von dem Her­rn und ging weit­er. Da trat der Teufel zu ihm und sprach: Was suchst du? Willst du mich zum Pat­en deines Kindes nehmen, so will ich ihm Gold die Hülle und Fülle und alle Lust der Welt dazu geben.“ Der Mann fragte: Wer bist du?“ – Ich bin der Teufel.“ – So begehr‘ ich dich nicht zu Gevat­ter,“ sprach der Mann, du betrügst und ver­führst die Men­schen.“ Er ging weit­er; da kam der dür­rbeinige Tod auf ihn zugeschrit­ten und sprach: Nimm mich zu Gevat­ter.“ Der Mann fragte: Wer bist du?“ – Ich bin der Tod, der alle gle­ich­macht.“ Da sprach der Mann: Du bist der Rechte, du holst den Reichen wie den Armen ohne Unter­schied, du sollst mein Gevat­ters­mann sein.“ Der Tod antwortete: Ich will dein Kind reich und berühmt machen; denn wer mich zum Fre­unde hat, dem kann’s nicht fehlen.“ Der Mann sprach: Kün­fti­gen Son­ntag ist die Taufe, da stelle dich zu rechter Zeit ein.“ Der Tod erschien, wie er ver­sprochen hat­te, und stand ganz ordentlich Gevatter.

Als der Knabe zu Jahren gekom­men war, trat zu ein­er Zeit der Pâté ein und hiess ihn mit­ge­hen. Er führte ihn hin­aus in den Wald, zeigte ihm ein Kraut, das da wuchs, und sprach: Jet­zt sollst du dein Patengeschenk emp­fan­gen. Ich mache dich zu einem berühmten Arzt. Wenn du zu einem Kranken gerufen wirst, so will ich dir jedes­mal erscheinen: steh ich zu Häupten des Kranken, so kannst du keck sprechen, du woll­test ihn wieder gesund machen, und gib­st du ihm dann von jen­em Kraut ein, so wird er gene­sen; steh ich aber zu Füssen des Kranken, so ist er mein, und du musst sagen, alle Hil­fe sei umson­st und kein Arzt in der Welt könne ihn ret­ten. Aber hüte dich, dass du das Kraut nicht gegen meinen Willen gebrauchst, es kön­nte dir schlimm ergehen!“

Es dauerte nicht lange, so war der Jüngling der berühmteste Arzt auf der ganzen Welt. Er braucht nur den Kranken anzuse­hen, so weiss er schon, wie es ste­ht, ob er wieder gesund wird oder ob er ster­ben muss,“ so hiess es von ihm, und weit und bre­it kamen die Leute her­bei, holten ihn zu den Kranken und gaben ihm so viel Gold, dass er bald ein reich­er Mann war. Nun trug es sich zu, dass der König erkrank­te. Der Arzt ward berufen und sollte sagen, ob Gene­sung möglich wäre. Wie er aber zu dem Bette trat, so stand der Tod zu den Füssen des Kranken, und da war für ihn kein Kraut mehr gewach­sen. Wenn ich doch ein­mal den Tod überlis­ten kön­nte,“ dachte der Arzt, er wird’s freilich übel­nehmen, aber da ich sein Pâté bin, so drückt er wohl ein Auge zu, ich will’s wagen.“ Er fasste also den Kranken und legte ihn verkehrt, so dass der Tod zu Haupten des­sel­ben zu ste­hen kam. Dann gab er ihm von dem Kraute ein, und der König erholte sich und ward wieder gesund. Der Tod aber kam zu dem Arzte, machte ein bös­es und fin­steres Gesicht, dro­hte mit dem Fin­ger und sagte: Du hast mich hin­ter das Licht geführt, dies­mal will ich dir’s nach­se­hen, weil du mein Pâté bist, aber wagst du das noch ein­mal, so geht dir’s an den Kra­gen, und ich nehme dich selb­st mit fort.“

Bald her­nach ver­fiel die Tochter des Königs in eine schwere Krankheit. Sie war sein einziges Kind, er weinte Tag und Nacht, dass ihm die Augen erblind­e­ten, und liess bekan­nt­machen, wer sie vom Tode errette, der sollte ihr Gemahl wer­den und die Kro­ne erben. Der Arzt, als er zu dem Bette der Kranken kam, erblick­te den Tod zu ihren Füssen. Er hätte sich der War­nung seines Pat­en erin­nern sollen, aber die grosse Schön­heit der Königstochter und das Glück, ihr Gemahl zu wer­den, betörten ihn so, dass er alle Gedanken in den Wind schlug. Er sah nicht, dass der Tod ihm zornige Blicke zuwarf, die Hand in die Höhe hob und mit der dür­ren Faust dro­hte; er hob die Kranke auf und legte ihr Haupt dahin, wo die Füsse gele­gen hat­ten. Dann gab er ihr das Kraut ein, und als­bald regte sich das Leben von neuem.

Der Tod, als er sich zum zweit­en­mal um sein Eigen­tum bet­ro­gen sah, ging mit lan­gen Schrit­ten auf den Arzt zu und sprach: Es ist aus mit dir, und die Rei­he kommt nun an dich,“ pack­te ihn mit sein­er eiskalten Hand so hart, dass er nicht wider­ste­hen kon­nte, und führte ihn in eine unterirdis­che Höh­le. Da sah er, wie tausend und tausend Lichter in unüberse­hbaren Rei­hen bran­nten, einige gross, andere hal­b­gross, andere klein. Jeden Augen­blick ver­loschen einige, und andere bran­nten wieder auf, also dass die Flämm­chen in beständi­gem Wech­sel zu sein schienen. Siehst du,“ sprach der Tod, das sind die Lebenslichter der Men­schen. Die grossen gehören Kindern, die hal­b­grossen Eheleuten in ihren besten Jahren, die kleinen gehören Greisen. Doch auch Kinder und junge Leute haben oft nur ein kleines Lichtchen.“ – Zeige mir mein Lebenslicht,“ sagte der Arzt und meinte, es wäre noch recht gross. Der Tod deutete auf ein kleines End­chen, das eben auszuge­hen dro­hte, und sagte: Siehst du, da ist es.“ – Ach, lieber Pâté,“ sagte der erschrock­ene Arzt, zün­det mir ein neues an, tut mir’s zuliebe, damit ich König werde und Gemahl der schö­nen Königstochter.“ – Ich kann nicht,“ antwortete der Tod, erst muss eins ver­löschen, eh‘ ein neues anbren­nt.“ – So set­zt das alte auf ein neues, das gle­ich fort­bren­nt, wenn jenes zu Ende ist,“ bat der Arzt. Der Tod stellte sich, als ob er seinen Wun­sch erfüllen wollte, langte ein frisches, gross­es Licht her­bei, aber weil er sich rächen wollte, ver­sah er’s beim Umsteck­en absichtlich, und das Stöckchen fiel um und ver­losch. Als­bald sank der Arzt zu Boden und war nun selb­st in die Hand des Todes geraten.