Der gestohlene Heller

von Brüder Grimm

~3 Min

Es sass ein­mal ein Vater mit sein­er Frau und seinen Kindern mit­tags am Tisch, und ein guter Fre­und, der zum Besuch gekom­men war, ass mit ihnen. Und wie sie so sassen, und es zwölf Uhr schlug, da sah der Fremde die Tür aufge­hen und ein schneeweiss gek­lei­detes, ganz blass­es Kindlein hereinkom­men. Es blick­te sich nicht um und sprach auch nichts, son­dern ging ger­adezu in die Kam­mer nebe­nan. Bald darauf kam es zurück und ging eben­so still wieder zur Türe hin­aus. Am zweit­en und drit­ten Tag kam es auf ebendiese Weise. Da fragte endlich der Fremde den Vater, wem das schöne Kind gehörte, das alle Mit­tag in die Kam­mer gin­ge. Ich habe es nicht gese­hen,‘ antwortete er, und wüsste auch nicht, wem es gehören kön­nte.‘ Am andern Tage, wie es wiederkam, zeigte es der Fremde dem Vater, der sah es aber nicht, und die Mut­ter und die Kinder alle sahen auch nichts. Nun stand der Fremde auf, ging zur Kam­mertüre, öffnete sie ein wenig und schaute hinein. Da sah er das Kind auf der Erde sitzen und emsig mit den Fin­gern in den Die­len­ritzen graben und wühlen; wie es aber den Frem­den bemerk­te, ver­schwand es. Nun erzählte er, was er gese­hen hat­te, und beschrieb das Kind genau, da erkan­nte es die Mut­ter und sagte ach, das ist mein liebes Kind, das vor vier Wochen gestor­ben ist.‘ Sie brachen die Die­len auf und fan­den zwei Heller, die hat­te ein­mal das Kind von der Mut­ter erhal­ten, um sie einem armen Manne zu geben, es hat­te aber gedacht dafür kannst du dir einen Zwieback kaufen,‘ die Heller behal­ten und in die Die­len­ritzen ver­steckt; und da hat­te es im Grabe keine Ruhe gehabt, und war alle Mit­tage gekom­men, um nach den Hellern zu suchen. Die Eltern gaben darauf das Geld einem Armen, und nach­her ist das Kind nicht wieder gese­hen worden.