Der gestiefelte Kater

von Brüder Grimm

~9 Min

Es war ein­mal ein Müller, der hat­te drei Söhne, seine Müh­le, einen Esel und einen Kater; die Söhne mussten mahlen, der Esel Getrei­de holen und Mehl fort­tra­gen, die Katze dage­gen die Mäuse weg­fan­gen. Als der Müller starb, teil­ten sich die drei Söhne in die Erb­schaft: der älteste bekam die Müh­le, der zweite den Esel, der dritte den Kater; weit­er blieb nichts für ihn übrig. Da war er trau­rig und sprach zu sich selb­st: Mir ist es doch recht schlimm ergan­gen, mein ältester Brud­er kann mahlen, mein zweit­er auf seinem Esel reit­en – was kann ich mit dem Kater anfan­gen? Ich lass mir ein Paar Pelzhand­schuhe aus seinem Fell machen, dann ist’s vorbei.“

Hör,“ fing der Kater an, der alles ver­standen hat­te, du brauchst mich nicht zu töten, um ein Paar schlechte Hand­schuhe aus meinem Pelz zu kriegen; lass mir nur ein Paar Stiefel machen, dass ich aus­ge­hen und mich unter den Leuten sehen lassen kann, dann soll dir bald geholfen sein.“ Der Müller­sohn ver­wun­derte sich, dass der Kater so sprach, weil aber eben der Schus­ter vor­beig­ing, rief er ihn here­in und liess ihm die Stiefel anmessen. Als sie fer­tig waren, zog sie der Kater an, nahm einen Sack, machte dessen Boden voll Korn, band aber eine Schnur drum, wom­it man ihn zuziehen kon­nte, dann warf er ihn über den Rück­en und ging auf zwei Beinen, wie ein Men­sch, zur Tür hinaus.

Damals regierte ein König im Land, der ass so gerne Reb­hüh­n­er: es war aber eine Not, dass keine zu kriegen waren. Der ganze Wald war voll, aber sie waren so scheu, dass kein Jäger sie erre­ichen kon­nte. Das wusste der Kater, und gedachte seine Sache besserzu­machen; als er in den Wald kam, machte er seinen Sack auf, bre­it­ete das Korn auseinan­der, die Schnur aber legte er ins Gras und leit­ete sie hin­ter eine Hecke. Da ver­steck­te er sich sel­ber, schlich herum und lauerte. Die Reb­hüh­n­er kamen bald gelaufen, fan­den das Korn – und eins nach dem andern hüpfte in den Sack hinein. Als eine gute Anzahl drin­nen war, zog der Kater den Strick zu, lief her­bei und drehte ihnen den Hals um; dann warf er den Sack auf den Rück­en und ging ger­adewegs zum Schloss des Königs. Die Wache rief. Halt! Wohin?“ – Zum König!“ antwortete der Kater kurzweg. Bist du toll, ein Kater und zum König?“ – Lass ihn nur gehen,“ sagte ein ander­er, der König hat doch oft Langeweile, vielle­icht macht ihm der Kater mit seinem Brum­men und Spin­nen Vergnü­gen.“ Als der Kater vor den König kam, machte er eine tiefe Ver­beu­gung und sagte: Mein Herr, der Graf“ – dabei nan­nte er einen lan­gen und vornehmen Namen – lässt sich dem Her­rn König empfehlen und schickt ihm hier Reb­hüh­n­er“; wusste der sich vor Freude nicht zu fassen und befahl dem Kater, soviel Gold aus der Schatzkam­mer in seinen Sack zu tun, wie er nur tra­gen könne: Das bringe deinem Her­rn, und danke ihm viel­mals für sein Geschenk.“

Der arme Müller­sohn aber sass zu Haus am Fen­ster, stützte den Kopf auf die Hand und dachte, dass er nun sein let­ztes Geld für die Stiefel des Katers weggegeben habe, und der ihm wohl nichts besseres dafür brin­gen könne. Da trat der Kater here­in, warf den Sack vom Rück­en, schnürte ihn auf und schüt­tete das Gold vor den Müller hin: Da hast du etwas Gold vom König, der dich grüssen lässt und sich für die Reb­hüh­n­er bei dir bedankt.“ Der Müller war froh über den Reich­tum, ohne dass er noch recht begreifen kon­nte, wie es zuge­gan­gen war. Der Kater aber, während er seine Stiefel aus­zog, erzählte ihm alles; dann sagte er: Du hast jet­zt zwar Geld genug, aber dabei soll es nicht bleiben; mor­gen ziehe ich meine Stiefel wieder an, dann sollst du noch reich­er wer­den; dem König habe ich näm­lich gesagt, dass du ein Graf bist.“ Am andern Tag ging der Kater, wie er gesagt hat­te, wohl gestiefelt, wieder auf die Jagd, und brachte dem König einen reichen Fang. So ging es alle Tage, und der Kater brachte alle Tage Gold heim und ward so beliebt beim König, dass er im Schlosse ein- und aus­ge­hen durfte. Ein­mal stand der Kater in der Küche des Schloss­es beim Herd und wärmte sich, da kam der Kutsch­er und fluchte: Ich wün­sche, der König mit der Prinzessin wäre beim Henker! Ich wollte ins Wirtshaus gehen, ein­mal einen trinken und Karten spie­len, da sollt ich sie spazieren­fahren an den See.“ Wie der Kater das hörte, schlich er nach Haus und sagte zu seinem Her­rn: Wenn du ein Graf und reich wer­den willst, so komm mit mir hin­aus an den See und bade darin.“ Der Müller wusste nicht, was er dazu sagen sollte, doch fol­gte er dem Kater, ging mit ihm, zog sich split­ter­nackt aus und sprang ins Wass­er. Der Kater aber nahm seine Klei­der, trug sie fort und ver­steck­te sie. Kaum war er damit fer­tig, da kam der König daherge­fahren; der Kater fing sogle­ich an, erbärm­lich zu lamen­tieren: Ach! Allergnädig­ster König! Mein Herr, der hat sich hier im See zum Baden begeben, da ist ein Dieb gekom­men und hat ihm die Klei­der gestohlen, die am Ufer lagen; nun ist der Herr Graf im Wass­er und kann nicht her­aus, und wenn er sich noch länger darin aufhält, wird er sich erkäl­ten und ster­ben.“ Wie der König das hörte, liess er anhal­ten und ein­er sein­er Leute musste zurück­ja­gen und von des Königs Klei­der holen. Der Herr Graf zog dann auch die prächti­gen Klei­der an, und weil ihm ohne­hin der König wegen der Reb­hüh­n­er, die er meinte, von ihm emp­fan­gen zu haben, gewogen war, so musste er sich zu ihm in die Kutsche set­zen. Die Prinzessin war auch nicht bös darüber, denn der Graf war jung und schön, und er gefiel ihr recht gut.

Der Kater aber war voraus­ge­gan­gen und zu ein­er grossen Wiese gekom­men, wo über hun­dert Leute waren und Heu macht­en. Wem ist die Wiese, ihr Leute?“ fragte der Kater. Dem grossen Zauber­er.“ – Hört, jet­zt wird gle­ich der König vor­beifahren, wenn er wis­sen will, wem die Wiese gehört, so antwortet: dem Grafen; und wenn ihr das nicht tut, so werdet ihr alle erschla­gen.“ Darauf ging der Kater weit­er und kam an ein Korn­feld, so gross, dass es nie­mand überse­hen kon­nte; da standen mehr als zwei­hun­dert Leute und schnit­ten das Korn. Wem gehört das Korn, ihr Leute?“ – Dem Zauber­er.“ – Hört, jet­zt wird gle­ich der König vor­beifahren, wenn er wis­sen will, wem das Korn gehört, so antwortet: dem Grafen; und wenn ihr das nicht tut, so werdet ihr alle erschla­gen.“ Endlich kam der Kater an einen prächti­gen Wald, da standen mehr als drei­hun­dert Leute, fäll­ten die grossen Eichen und macht­en Holz. Wem ist der Wald, ihr Leute?“ – Dem Zauber­er.“ – Hört, jet­zt wird gle­ich der König vor­beifahren, wenn er wis­sen will, wem der Wald gehört, so antwortet: dem Grafen; und wenn ihr das nicht tut, so werdet ihr alle erschla­gen.“ Der Kater ging noch weit­er, die Leute sahen ihm alle nach, und weil er so wun­der­lich aus­sah, und wie ein Men­sch in Stiefeln daherg­ing, fürchteten sie sich vor ihm. Er kam bald an des Zauber­ers Schloss, trat keck hinein und vor diesen hin. Der Zauber­er sah ihn verächtlich an, dann fragte er ihn, was er wolle. Der Kater ver­beugte sich tief und sagte: Ich habe gehört, dass du dich in jedes Tier ganz nach deinem Belieben ver­wan­deln kön­ntest; was einen Hund, Fuchs oder auch Wolf bet­rifft, da will ich es wohl glauben, aber von einem Ele­fant, das scheint mir ganz unmöglich, und deshalb bin ich gekom­men, um mich selb­st zu überzeu­gen.“ Der Zauber­er sagte stolz: Das ist für mich eine Kleinigkeit,“ und war in dem Augen­blick in einen Ele­fant ver­wan­delt. Das ist viel,“ sagte der Kater, aber auch in einen Löwen?“ – Das ist auch nichts,“ sagte der Zauber­er, dann stand er als Löwe vor dem Kater. Der Kater stellte sich erschrock­en und rief: Das ist unglaublich und uner­hört, der­gle­ichen hätt ich mir nicht im Traume in die Gedanken kom­men lassen; aber noch mehr, als alles andere, wär es, wenn du dich auch in ein so kleines Tier, wie eine Maus ist, ver­wan­deln kön­ntest. Du kannst gewiss mehr, als irgen­dein Zauber­er auf der Welt, aber das wird dir doch zu hoch sein.“ Der Zauber­er ward ganz fre­undlich von den süssen Worten und sagte: O ja, liebes Kätzchen, das kann ich auch,“ und sprang als eine Maus im Zim­mer herum. Der Kater war hin­ter ihm her, fing die Maus mit einem Satz und frass sie auf.

Der König aber war mit dem Grafen und der Prinzessin weit­er spazierenge­fahren, und kam zu der grossen Wiese. Wem gehört das Heu?“ fragte der König. Dem Her­rn Grafen,“ riefen alle, wie der Kater ihnen befohlen hat­te. Ihr habt da ein schön Stück Land, Herr Graf,“ sagte der König. Danach kamen sie an das grosse Korn­feld. Wem gehört das Korn, ihr Leute?“ – Dem Her­rn Grafen.“ – Ei! Herr Graf! Grosse, schöne Län­dereien!“ – Darauf zu dem Wald: Wem gehört das Holz, ihr Leute?“ – Dem Her­rn Grafen.“ Der König ver­wun­derte sich noch mehr und sagte: Ihr müsst ein reich­er Mann sein, Herr Graf, ich glaube nicht, dass ich einen so prächti­gen Wald habe.“ Endlich kamen sie an das Schloss, der Kater stand oben an der Treppe, und als der Wagen unten hielt, sprang er herab, machte die Türe auf und sagte: Herr König, Ihr gelangt hier in das Schloss meines Her­rn, des Grafen, den diese Ehre für sein Leb­tag glück­lich machen wird.“ Der König stieg aus und ver­wun­derte sich über das prächtige Gebäude, das fast gröss­er und schön­er war als sein Schloss; der Graf aber führte die Prinzessin die Treppe hin­auf in den Saal, der ganz von Gold und Edel­steinen flimmerte.

Da ward die Prinzessin mit dem Grafen ver­sprochen, und als der König starb, ward er König, der gestiefelte Kater aber erster Minister.