Der gerechte Lohn

von Josef Haltrich

~12 Min

Ein Vater hat­te drei Söhne; von denen waren die bei­den ältern faul, aber dabei stolz und hochfahrig und böse von Herzen, der jüng­ste aber treu und fleißig und dabei beschei­den und die Geduld und Gottseligkeit selb­st; doch weil er klein und schwäch­lich war von Kör­p­er, blieb er meist daheim, und seine Brüder nan­nten ihn spot­tweise nur Aschen­put­tel, und auch Vater und Mut­ter hat­ten ihn lei­der nicht so lieb als die bei­den andern. Eines Tages sagte der älteste Sohn: »Vater, ich will in die Fremde ziehen und mir Schätze und Ruhm erwer­ben!« – »Lasse das gut sein«, sprach der Alte, »du kennst die Fremde nicht und kön­ntest mir leicht nur Spott und Schande machen!« Allein der Sohn bestand fest darauf und gab keinen Frieden, bis sein Vater ein­willigte. Da buk ihm seine Mut­ter einen Kuchen aus Sem­melmehl, und am andern Mor­gen zog er fort.

Als nach einiger Zeit der Hunger sich bei ihm ein­stellte, set­zte er sich auf einen Berg nieder, holte aus seinem Reis­e­sack den Kuchen her­vor und aß. Da kam ein armer Bet­tler hinzu und sprach: »Gott gesegn’ es!« und bat um einen Bis­sen. »Gehst du mir gle­ich aus den Augen, du alter Lump!« tobte der Junge und nahm seinen Stock und dro­hte. Der Bet­tler schleppte sich müh­sam fort und rief: »Wehe dir, das wird dir ver­golten wer­den!« Nun flo­gen kleine Vöglein her­bei und woll­ten die Brosamen, die zur Erde gefall­en waren, aufle­sen. Der Junge aber schlug mit dem Stock und warf mit Steinen nach ihnen; die Vöglein flo­gen fort und riefen: »Der liebe Gott wird dir’s vergel­ten!« Endlich brach er wieder auf, und wie er schon weit, weit gegan­gen war, begeg­nete ihm ein alter Mann, der fragte ihn, wohin er es gestellt habe. »Ich will dienen gehen und mir Schätze und Ruhm erwer­ben!« – »Das kannst du bei mir bei­des gewin­nen, wenn du mir dienen willst. Du sollst nur meine Schafe wei­den und besor­gen, und wenn du dies treu und unver­drossen tust, so wirst du nach einem Jahre einen Sack voll Geld dafür haben.« Das gefiel dem Jun­gen, und er schlug ein.

Nun zog er mit den Schafen in eine Bergge­gend, die ihm der Alte zeigte, wo gute Wei­de war, aber er war faul und schlecht; er schlief fast den ganzen Tag, rührte die Schafe nicht zur gehöri­gen Zeit zur Tränke und nie auf frische Wei­de­plätze, und wenn eins von der Herde sich zu weit ent­fer­nte und verir­rte, ging er ihm nicht nach, son­dern ließ es zugrunde gehen. Alle wur­den mager, und viele star­ben; er schlug auch die Hunde und – was noch schlim­mer war – er warf auch die kleinen unschuldigen Vöglein, die aus den Dorn­sträuchen zu ihren Nestern Wolle holten, mit Steinen tot. Das Jahr währte ihm zu lange, und als endlich das Ende da war, ging er keck vor seinen Her­rn und forderte den bedun­genen Lohn. »Den sollst du haben, wie du ihn ver­di­ent hast!« Damit führte er ihn in eine Kam­mer, und da standen drei Säcke, ein­er mit Gold‑, der andere mit Silber‑, der dritte mit Kupfer­stück­en gefüllt: »Nimm dir einen von diesen, aber hast du unredlich gedi­ent, so wird es dir nichts nützen!« Der Bursche griff gle­ich nach dem Gold­sack, nahm ihn auf seinen Rück­en und zog fröh­lich nach Hause. Als er hier ankam, rief er: »Jet­zt, Vater und Mut­ter, brauchen wir nicht mehr zu arbeit­en; mit dem, was ich ver­di­ent habe, kön­nen wir immer lustig leben; ich bringe lauter Gold!« Da set­zte er seinen Sack nieder und band ihn schnell auf, um ihnen die funkel­nden Gold­stücke zu zeigen; allein da war alles im Sack pur­er Sand. »Sagte ich’s doch«, sprach sein Vater, »daß du mir und dir nur Schande und Spott zuziehen würdest!« Der stolze Prahler wagte nichts zu sprechen, denn er dachte jet­zt der let­zten Worte des alten Mannes, des mißhan­del­ten Bet­tlers, der Vöglein und seines unredlichen Dienstes.

Nicht lange, so kam der zweite Sohn und sprach: »Vater, ich will jet­zt auch dienen gehen und mein Glück ver­suchen!« Der Alte suchte ihn umson­st abzuhal­ten; er blieb hart­näck­ig bei seinem Vor­satz. Da buk ihm seine Mut­ter einen Reisekuchen aus Brot­mehl, und am andern Mor­gen machte er sich auf den Weg. Es ging ihm aber fast ganz wie seinem Brud­er; denn er war ja auch nicht viel anders und bess­er. Wie er auf dem Wege aß und der alte Bet­tler ihn um einen Bis­sen ansprach, hob er den Stock; er schlug und warf auch nach den Vöglein, und in seinem Dienst war er eben­so faul und bösar­tig. Kaum war das Jahr zu Ende, so lief er auch schnell zu seinem Her­rn und ver­langte den bedun­genen Lohn. Der führte ihn auch in die Kam­mer, wo die drei Säcke mit Gold‑, Sil­ber- und Kupfer­stück­en standen. »Nimm dir einen!« sprach der Alte, »warst du aber unredlich im Dien­ste, so wird es dir nichts nützen!« Er war etwas beschei­den­er als sein Brud­er und nahm nur den Sack mit den Sil­ber­stück­en; denn er wußte wohl, daß er auch den nicht ver­di­ent hat­te. Als er nun heimkam, rief er schon aus der Ferne seinen Eltern ent­ge­gen: »Jet­zt brauchen wir nichts mehr zu arbeit­en, denn ich bringe in diesem Sack lauter Sil­ber!« Wie er aber den Sack nieder­set­zte und öffnete – siehe, da war alles pur­er Sand. »Sagte ich’s doch, daß es so kom­men würde!« sprach seufzend sein Vater. Der Sohn aber wagte wie sein Brud­er nichts zu sagen; denn er gedachte auch sogle­ich an die let­zten Worte des alten Mannes, an den Bet­tler, die Vöglein und an seinen unredlichen Dienst.

Bald darauf trat der jüng­ste Sohn zum Vater und sprach: »Lieber Vater, ich will auch dienen gehen und mein Glück ver­suchen!« Ihn wollte der Alte nun dur­chaus nicht fort­lassen. »Wo denkst du hin? Deine Brüder haben mir nur Spott und Schande gebracht, was würde ich von dir erst erleben!« Der Kleine bat aber so lange, bis sein Vater sprach: »Nun, so gehe in Gottes Namen!« Wer kon­nte fro­her sein als der Aschen­put­tel! Seine Mut­ter buk ihm einen Reisekuchen aus Asche, und am andern Mor­gen, ganz früh, trat er seine Wan­derung an. Da kam er an den näm­lichen Berg, wo seine Brüder gespeist hat­ten, und weil ihn der Hunger quälte, set­zte er sich nieder und pack­te aus. Bald kam auch der alte Bet­tler und sprach: »Gott gesegn’ es!« und bat um einen Bis­sen. »Set­zet Euch her, armer Mann, neben mich!« und er teilte den Aschenkuchen mit ihm, und sie aßen und sahen um sich in die schöne Land­schaft, die im Son­nen­schein glänzte. Da hüpften auch die Vöglein hinzu und pick­ten die Brot­samen auf, und des freute sich der Junge, und er zer­bröck­elte den ganzen Rest von seinem Kuchen und streute ihn den hun­gri­gen Vöglein vor. Darauf nahm er seinen Tor­nister an die Seite, um fortzuge­hen, und sagte zum Alten: »Behuf dich Gott!« Dieser aber nahm ein Pfeifchen aus seinem Sack und schenk­te es dem Jun­gen, weil er so fre­undlich gewe­sen und ihn gespeist hat­te, und die Vöglein san­gen ihm nach: »Der liebe Gott wird dir’s vergelten!«

Als er jet­zt ein gutes Stück weit­erge­gan­gen war, begeg­nete ihm der näm­liche alte Mann, der auch seine Brüder in den Dienst genom­men hat­te. »Wo gehst du hin, lieber Junge?« – »Ich möchte gerne dienen und etwas erwer­ben, um meinen armen Eltern zu vergel­ten, was sie an mir getan haben.« – »Das kannst du bei mir in einem Jahr ver­di­enen, wenn du treu und unver­drossen bist.« Der Junge ver­sprach dieses, und so nahm ihn der Alte an und führte ihn zu sein­er Herde und sprach: »Wei­de meine Schafe und besorge sie, daß es ihnen wohlge­ht und kein Schade geschieht.«

Der Junge war, so wie er’s ver­sprochen hat­te, willig und unver­drossen in seinem Dienst; er trieb die Herde immer auf die besten Wei­de­plätze und zur gehöri­gen Zeit zur Tränke, und wenn sich eines zu sehr ent­fer­nte und verir­rte, so ging er ihm nach und brachte es mit seinen Hun­den wieder zur Herde. Wenn nun alle Schafe satt waren und im Son­nen­schein dala­gen, so set­zte er sich auch nieder, und die treuen Hunde lagerten sich neben ihm. Dann nahm er sein Pfeifchen und spielte darauf so lieblich, daß die Vöglein, die von den Dorn­sträuchen Wolle zu ihren Nestern sam­melten, ihre Arbeit ließen, eine Zeit­lang horcht­en und zulet­zt selb­st drein­san­gen. Das gefiel dem Jun­gen so gut, daß er nun oft und oft spielte, und auch die Schafe waren ruhig, und die Hunde sahen ihn mit ihren treuen Augen an und bell­ten nicht, wie andere Hunde bei der Musik tun, son­dern lagen ruhig und horcht­en. Wenn nun ein Wei­de­platz keine Nahrung mehr bot, so zog er weit­er und durch­streifte so fast das ganze Gebirge.

Eines Tages erblick­te er nur ein­mal auf ein­er Anhöhe zwis­chen schat­tigem Gebüsch eine große Kirche, die hat­te er noch nie gese­hen. Er trat näher und sah, daß alle Türen offen standen. Die Kirche war drin­nen so rein gekehrt und so schön, daß er in Ver­wun­derung lange vor der Tür ste­hen blieb; er ging dann langsam und leise hinein; aber in der Kirche war kein Priester und son­st keine irdis­che Seele; still war alles ganz und gar. Wie er vor den Altar trat, sah er über dem Kreuz des Erlösers ein Vöglein schweben. Das flog jet­zt herunter, ließ sich auf seine rechte Schul­ter und sang: »Gott ist mit dir!« Darauf flog es wieder hin­auf an seine Stelle; der liebliche Sang aber tönte fort in seinem Herzen. Er kehrte darauf zur Herde zurück und wei­dete die Schafe. Da kam sein Herr zu ihm und sprach mit fre­undlich­er Stimme: »Das Jahr ist um; du hast mir treu gedi­ent, das sehe ich an mein­er Herde; komme nun und emp­fange den ver­di­en­ten Lohn!« Es war dem Jun­gen sehr leid, daß er sich von der lieben Herde und der schö­nen Gegend tren­nen sollte, und es schien ihm fast unmöglich, daß schon ein Jahr ver­gan­gen. Er hätte gern ein zweites Jahr und noch länger dem guten Manne gedi­ent; allein da dachte er an seine armen Eltern, und so wün­schte er, diese bald zu sehen und zu erfreuen. Sein Herr führte ihn nun auch in die Kam­mer, wo die Geld­säcke standen, und hieß ihn einen Sack sich auswählen. Das Gold und Sil­ber blendete den Jun­gen nicht; er sagte gle­ich: »Den Sack mit dem Kupfer­geld möcht’ ich wohl nehmen, obgle­ich ich ihn auch nicht ver­di­ent habe, nur um meinen armen Eltern helfen zu kön­nen!« – »Du sollst ihn haben, mein lieber Junge, und oben­drein auch die bei­den andern Säcke; kehre nur heim; ich schicke dir bald einen Wagen mit den Schätzen nach!« Da nahm der Junge seinen Wan­der­stab und zog heimwärts. Als er auf dem Berge ange­langt war, wo er mit dem alten Bet­tler und den Vöglein seinen Aschenkuchen verzehrt hat­te, ruhte er wieder ein wenig aus; aber jet­zt hat­te er keinen Hunger. Er nahm sein Pfeifchen und spielte so lieblich, daß die Vöglein, die er früher gespeist hat­te, her­bei­flo­gen, horcht­en und laut mit dareinsangen.

Darauf zog er weit­er und war in kurzem zu Hause und erzählte nun seinen Eltern von den Wun­derdin­gen, die er gese­hen und erlebt, und von den Schätzen, die ihm der alte Mann bald nach­schick­en werde. Seine bei­den Brüder, die in der let­zten Zeit ihren armen Vater durch ihre Faul­heit und Bosheit in große Not gebracht hat­ten, hörten das alles mit an, fin­gen darauf an zu lachen und zu spot­ten: »Wir haben wenig­stens jed­er nur einen Sack voll Sand heimge­bracht; du aber wirst nun gewiß eine ganze Fuhre Asche erhal­ten; es ist auch ganz recht, warum wärest du son­st der Aschen­put­tel!« Er aber kehrte sich nicht an den Spott und war in seinem Herzen überzeugt, daß sein Glück wahr sei. Nur ein­mal hörte man, daß ein Wagen vor dem Hause halte; sie gin­gen gle­ich alle hin­aus; kein Men­sch war beim Wagen; an der Seite des Wagens stand aber mit großen Gold­buch­staben: »Wagen und Ges­pann und die drei Säcke mit dem Gold, Sil­ber und Kupfer schickt der alte Mann seinem treuen Hirten, der ihn zuerst als Bet­tler so fre­undlich gespeist, der ihm dann seine Schafe wohl gewei­det und besorgt und auch sein­er lieben Vöglein sich erbarmt hat!« Der Junge trieb nun den Wagen in den Hof und lud die Säcke ab; da war die Freude des Aschen­put­tels und seines Vaters und sein­er Mut­ter uner­meßlich. Diese bereuten es nun und schämten sich, daß sie ihren Jüng­sten nicht so wie die altern Söhne geliebt hat­ten und bat­en ihn um Verzei­hung. Er aber sprach: »Höret auf; ich habe ja doch alles Euch zu ver­danken!« Aber die bei­den ältern Brüder kon­nten das große Glück ihres jungem Brud­ers nicht ertra­gen, sie liefen fort wie wahnsin­nig, und kein Men­sch hat sie weit­er gese­hen noch gehört, was aus ihnen geworden.

Der Aschen­put­tel aber war nun ein reich­er Mann und lebte noch viele Jahre mit seinen Eltern glück­lich und zufrieden und stiftete mit seinem Reich­tum viel Gutes. An schö­nen Tagen nahm er oft sein Pfeifchen und ging auf einen Berg und spielte und horchte auf den Gesang der Vögel. Da zogen die alten Erin­nerun­gen aus seinem Hirten­jahr vor sein­er Seele vorüber, und wenn er am selig­sten war, so schien es ihm, als wäre er in jen­er großen Kirche und sehe die stille Pracht um sich und das Gold­vö­glein flöge hernieder auf seine Schul­ter und singe den wun­der­lieblichen Gesang: »Mit dir ist Gott!«