Der gelernte Jäger

von Brüder Grimm

~11 Min

Es war ein­mal ein junger Bursch, der hat­te die Schlosser­hantierung gel­ernt und sprach zu seinem Vater, er wollte jet­zt in die Welt gehen und sich ver­suchen. Ja,‘ sagte der Vater, das bin ich zufrieden,‘ und gab ihm etwas Geld auf die Reise. Also zog er herum und suchte Arbeit. Auf eine Zeit, da wollt ihm das Schlosser­w­erk nicht mehr fol­gen und stand ihm auch nicht mehr an, aber er kriegte Lust zur Jägerei. Da begeg­nete ihm auf der Wan­der­schaft ein Jäger in grünem Klei­de, der fragte, wo er herkäme und wo er hin wollte. Er wär ein Schlosserge­sell, sagte der Bursch, aber das Handw­erk gefiele ihm nicht mehr, und hätte Lust zur Jägerei, ob er ihn als Lehrling annehmen wollte. O ja, wenn du mit mir gehen willst.‘ Da ging der junge Bursch mit, ver­mi­etete sich etliche Jahre bei ihm und lernte die Jägerei. Danach wollte er sich weit­er ver­suchen, und der Jäger gab ihm nichts zum Lohn als eine Wind­büchse, die hat­te aber die Eigen­schaft, wenn er damit einen Schuss tat, so traf er ohn­fehlbar. Da ging er fort und kam in einen sehr grossen Wald, von dem kon­nte er in einem Tag das Ende nicht find­en. Wies Abend war, set­zte er sich auf einen hohen Baum, damit er aus den wilden Tieren käme. Gegen Mit­ter­nacht zu, deuchte ihn, schim­merte ein kleines Lichtchen von weit­em, da sah er durch die Äste darauf hin und behielt in acht, wo es war. Doch nahm er erst noch seinen Hut und warf ihn nach dem Licht zu herunter, dass er danach gehen wollte, wann er her­abgestiegen wäre, als nach einem Zeichen. Nun klet­terte er herunter, ging auf seinen Hut los, set­zte ihn wieder auf und zog ger­adewegs fort. Je weit­er er ging, je gröss­er ward das Licht, und wie er nahe dabeikam, sah er, dass es ein gewaltiges Feuer war, und sassen drei Riesen dabei und hat­ten einen Ochsen am Spiess und liessen ihn brat­en. Nun sprach der eine ich muss doch schmeck­en, ob das Fleisch bald zu essen ist,‘ riss ein Stück herab und wollt es in den M und steck­en, aber der Jäger schoss es ihm aus der Hand. Nun ja,‘ sprach der Riese, da weht mir der Wind das Stück aus der Hand,‘ und nahm sich ein anderes. Wie er eben anbeis­sen wollte, schoss es ihm der Jäger aber­mals weg; da gab der Riese dem, der neben ihm sass, eine Ohrfeige und rief zornig was reisst du mir mein Stück weg?‘ Ich habe es nicht weg­geris­sen,‘ sprach der andere, es wird dirs ein Scharf­schütz weggeschossen haben.‘ Der Riese nahm sich das dritte Stück, kon­nte es aber nicht in der Hand behal­ten, der Jäger schoss es ihm her­aus. Da sprachen die Riesen das muss ein guter Schütze sein, der den Bis­sen vor dem Maul wegschiesst, so ein­er wäre uns nüt­zlich,‘ und riefen laut komm her­bei, du Scharf­schütze, set­ze dich zu uns ans Feuer und iss dich satt, wir wollen dir nichts tun; aber kommst du nicht, und wir holen dich mit Gewalt, so bist du ver­loren.‘ Da trat der Bursch herzu und sagte, er wäre ein gel­ern­ter Jäger, und wonach er mit sein­er Büchse ziele, das tre­ffe er auch sich­er und gewiss. Da sprachen sie, wenn er mit ihnen gehen wollte, sollte ers gut haben, und erzählten ihm, vor dem Wald sei ein gross­es Wass­er, dahin­ter ständ ein Turm, und in dem Turm säss eine schöne Königstochter, die woll­ten sie gern rauben. Ja,‘ sprach er, die will ich bald geschafft haben.‘ Sagten sie weit­er es ist aber noch etwas dabei‘ es liegt ein kleines Hünd­chen dort, das fängt gle­ich an zu bellen, wann sich jemand nähert, und sobald das bellt, wacht auch alles am königlichen Hofe auf und deshalb kön­nen wir nicht hineinkom­men; unter­stehst du dich, das Hünd­chen totzuschiessen?‘ Ja,‘ sprach er, das ist mir ein klein­er Spass.‘ Danach set­zte er sich auf ein Schiff und fuhr über das Wass­er, und wie er bald beim Land war, kam das Hündlein gelaufen und wollte bellen, aber er kriegte seine Wind­büchse und schoss es tot. Wie die Riesen das sahen, freuten sie sich und mein­ten, sie hät­ten die Königstochter schon gewiss, aber der Jäger wollte erst sehen‘ wie die Sache beschaf­fen war, und sprach, sie soll­ten haussen bleiben, bis er sie riefe. Da ging er in das Schloss, und es war mäuschen­still darin, und schlief alles. Wie er das erste Zim­mer auf­machte, hing da ein Säbel an der Wand, der war von purem Sil­ber, und war ein gold­en­er Stern darauf und des Königs Name; daneben aber lag auf einem Tisch ein ver­siegel­ter Brief, den brach er auf, und es stand darin, wer den Säbel hätte, kön­nte alles ums Leben brin­gen, was ihm vorkäme. Da nahm er den Säbel von der Wand, hing ihn um und ging weit­er: da kam er in das Zim­mer, wo die Königstochter lag und schlief: und sie war so schön, dass er still stand und sie betra­chtete und den Atem anhielt. Er dachte bei sich selb­st wie darf ich eine unschuldige Jungfrau in die Gewalt der wilden Riesen brin­gen, die haben Bös­es im Sinn.‘ Er schaute sich weit­er um, da standen unter dem Bett ein paar Pantof­feln, auf dem recht­en stand ihres Vaters Name mit einem Stern und auf dem linken ihr eigen­er Name mit einem Stern. Sie hat­te auch ein gross­es Hal­stuch um, von Sei­de, mit Gold aus­ge­stickt, auf der recht­en Seite ihres Vaters Name, auf der linken ihr Name, alles mit gold­e­nen Buch­staben. Da nahm der Jäger eine Schere und schnitt den recht­en Schlip­pen ab und tat ihn in seinen Ranzen, und dann nahm er auch den recht­en Pantof­fel mit des Königs Namen und steck­te ihn hinein. Nun lag die Jungfrau noch immer und schlief, und sie war ganz in ihr Hemd ein­genäht: da schnitt er auch ein Stückchen von dem Hemd ab und steck­te es zu dem andern, doch tat er das alles, ohne sie anzurühren. Dann ging er fort und liess sie ungestört schlafen, und als er wieder ans Tor kam, standen die Riesen noch draussen, warteten auf ihn und dacht­en, er würde die Königstochter brin­gen. Er rief ihnen aber zu, sie soll­ten hereinkom­men, die Jungfrau wäre schon in sein­er Gewalt: die Türe kön­nte er ihnen aber nicht auf­machen, aber da wäre ein Loch, durch welch­es sie kriechen müssten. Nun kam der erste näher, da wick­elte der Jäger des Riesen Haar um seine Hand, zog den Kopf here­in und hieb ihn mit seinem Säbel in einem Stre­ich ab, und duns (zog) ihn dann vol­lends hinein. Dann rief er den zweit­en und hieb ihm gle­ich­falls das Haupt ab, und endlich auch dem drit­ten, und war froh, dass er die schöne Jungfrau von ihren Fein­den befre­it hat­te, und schnitt ihnen die Zun­gen aus und steck­te sie in seinen Ranzen. Da dachte er ich will heim gehen zu meinem Vater und ihm zeigen, was ich schon getan habe, dann will ich in der Welt herumziehen; das Glück, das mir Gott bescheren will, wird mich schon erreichen.‘

Der König in dem Schloss aber, als er aufwachte, erblick­te er die drei Riesen, die da tot lagen. Dann ging er in die Schlafkam­mer sein­er Tochter, weck­te sie auf und fragte, wer das wohl gewe­sen wäre, der die Riesen ums Leben gebracht hätte. Da sagte sie lieber Vater, ich weiss es nicht, ich habe geschlafen.‘ Wie sie nun auf­s­tand und ihre Pantof­feln anziehen wollte, da war der rechte weg, und wie sie ihr Hal­stuch betra­chtete, war es durch­schnit­ten und fehlte der rechte Schlip­pen, und wie sie ihr Hemd ansah, war ein Stückchen her­aus. Der König liess den ganzen Hof zusam­menkom­men, Sol­dat­en und alles, was da war, und fragte, wer seine Tochter befre­it und die Riesen ums Leben gebracht hätte. Nun hat­te er einen Haupt­mann, der war einäugig und ein hässlich­er Men­sch, der sagte, er hätte es getan. Da sprach der alte König, so er das voll­bracht hätte, sollte er seine Tochter auch heirat­en. Die Jungfrau aber sagte lieber Vater, dafür, dass ich den heirat­en soll, will ich lieber in die Welt gehen, so weit als mich meine Beine tra­gen.‘ Da sprach der König, wenn sie den nicht heirat­en wollte, sollte sie die königlichen Klei­der ausziehen und Bauern­klei­der antun und fort­ge­hen; und sie sollte zu einem Töpfer gehen und einen Han­del mit ird­en­em Geschirr anfan­gen. Da tat sie ihre königlichen Klei­der aus und ging zu einem Töpfer, und borgte sich einen Kram ird­en Werk; sie ver­sprach ihm auch, wenn sies am Abend verkauft hätte, wollte sie es bezahlen. Nun sagte der König, sie sollte sich an eine Ecke damit set­zen und es verkaufen. Dann bestellte er etliche Bauer­wa­gen, die soll­ten mit­ten durch­fahren, dass alles in tausend Stücke gin­ge. Wie nun die Königstochter ihren Kram auf die Strasse hingestellt hat­te, kamen die Wagen und zer­brachen ihn zu lauter Scher­ben. Sie fing an zu weinen und sprach ach Gott, wie will ich nun dem Töpfer bezahlen.‘ Der König aber hat­te sie damit zwin­gen wollen , den Haupt­mann zu heirat­en, statt dessen ging sie wieder zum Töpfer und fragte ihn, ob er ihr noch ein­mal bor­gen wollte. Er antwortete nein, sie sollte erst das vorige bezahlen. Da ging sie zu ihrem Vater, schrie und jam­merte und sagte, sie wollte in die Welt hineinge­hen. Da sprach er ich will dir draussen in dem Wald ein Häuschen bauen lassen, darin sollst du dein Leb­tag sitzen und für jed­er­mann kochen, du darf­st aber kein Geld nehmen.‘ Als das Häuschen fer­tig war, ward vor die Türe ein Schild gehängt, darauf stand geschrieben heute umson­st, mor­gen für Geld.‘ Da sass sie lange Zeit, und sprach es sich in der Welt herum, da sässe eine Jungfrau, die kochte umson­st, und das stände vor der Türe an einem Schild. Das hörte auch der Jäger und dachte das wär etwas für dich, du bist doch arm und hast kein Geld.‘ Er nahm also seine Wind­büchse und seinen Ranzen, worin noch alles steck­te, was er damals im Schloss als Wahrze­ichen mitgenom­men hat­te, ging in den Wald und fand auch das Häuschen mit dem Schild heute umson­st, mor­gen für Geld.‘ Er hat­te aber den Degen umhän­gen, wom­it er den drei Riesen den Kopf abge­hauen hat­te, trat so in das Häuschen hinein und liess sich etwas zu essen geben. Er freute sich über das schöne Mäd­chen, es war aber auch bild­schön. Sie fragte, wo er herkäme und hin wollte, da sagte er ich reise in der Welt herum.‘ Da fragte sie ihn, wo er den Degen her hätte, da stände ja ihres Vaters Name darauf. Fragte er, ob sie des Königs Tochter wäre. Ja,‘ antwortete sie. Mit diesem Säbel,‘ sprach er, habe ich drei Riesen den Kopf abge­hauen,‘ und holte zum Zeichen ihre Zun­gen aus dem Ranzen, dann zeigte er ihr auch den Pantof­fel, den Schlip­pen vom Hal­stuch und das Stück vom Hemd. Da war sie voll Freude und sagte, er wäre der­jenige, der sie erlöst hätte. Darauf gin­gen sie zusam­men zum alten König und holten ihn h erbei, und sie führte ihn in ihre Kam­mer und sagte ihm, der Jäger wäre der rechte, der sie von den Riesen erlöst hätte. Und wie der alte König die Wahrze­ichen alle sah, da kon­nte er nicht mehr zweifeln und sagte, es wäre ihm lieb, dass er wüsste, wie alles zuge­gan­gen wäre, und er sollte sie nun auch zur Gemahlin haben; darüber freute sich die Jungfrau von Herzen. Darauf klei­de­ten sie ihn, als wenn er ein fremder Herr wäre, und der König liess ein Gastmahl anstellen. Als sie nun zu Tisch gin­gen, kam der Haupt­mann auf die linke Seite der Königstochter zu sitzen, der Jäger aber auf die rechte: und der Haupt­mann meinte, das wäre ein fremder Herr und wäre zum Besuch gekom­men. Wie sie gegessen und getrunk­en hat­ten, sprach der alte König zum Haupt­mann, er wollte ihm etwas aufgeben, das sollte er errat­en: wenn ein­er spräche, er hätte drei Riesen ums Leben gebracht, und er gefragt würde, wo die Zun­gen der Riesen wären, und er müsste zuse­hen, und wären keine in ihren Köpfen, wie das zug­in­ge? Da sagte der Haupt­mann sie wer­den keine gehabt haben.‘ Nicht so,‘ sagte der König jedes Geti­er hat eine Zunge,‘ und fragte weit­er, was der wert wäre, dass ihm wider­führe. Antwortete der Haupt­mann der gehört in Stück­en zer­ris­sen zu wer­den.‘ Da sagte der König, er hätte sich sel­ber sein Urteil gesprochen, und ward der Haupt­mann gefänglich geset­zt und dann in vier Stücke zer­ris­sen, die Königstochter aber mit dem Jäger ver­mählt. Danach holte er seinen Vater und seine Mut­ter her­bei, und die lebten in Freude bei ihrem Sohn, und nach des alten Königs Tod bekam er das Reich.