Der Geist im Glas

von Brüder Grimm

~9 Min

Es war ein­mal ein armer Holzhack­er, der arbeit­ete vom Mor­gen bis in die späte Nacht. Als er sich endlich etwas Geld zusam­menges­part hat­te, sprach er zu seinem Jun­gen: Du bist mein einziges Kind, ich will das Geld, das ich mit saurem Schweiss erwor­ben habe, zu deinem Unter­richt anwen­den; lernst du etwas Rechtschaf­fenes, so kannst du mich im Alter ernähren, wenn meine Glieder steif gewor­den sind und ich daheim sitzen muss.“ Da ging der Junge auf eine hohe Schule und lernte fleis­sig, so dass ihn seine Lehrer rühmten, und blieb eine Zeit­lang dort. Als er ein paar Schulen durchgel­ernt hat­te, doch aber noch nicht in allem vol­lkom­men war, so war das biss­chen Armut, das der Vater erwor­ben hat­te, draufge­gan­gen, und er musste wieder zu ihm heimkehren. Ach,“ sprach der Vater betrübt, ich kann dir nichts mehr geben und kann in der teuren Zeit auch keinen Heller mehr ver­di­enen als das tägliche Brot.“ – Lieber Vater,“ antwortete der Sohn, macht Euch darüber keine Gedanken, wenn’s Gottes Wille also ist, so wird’s zu meinem Besten auss­chla­gen; ich will mich schon drein­schick­en.“ Als der Vater hin­aus in den Wald wollte, um etwas am Mal­ter­holz (am Zuhauen und Aufricht­en) zu ver­di­enen, so sprach der Sohn: Ich will mit Euch gehen und Euch helfen.“ – Ja, mein Sohn,“ sagte der Vater, das sollte dir beschw­er­lich ankom­men, du bist an harte Arbeit nicht gewöh­nt, und hältst das nicht aus; ich habe auch nur eine Axt und kein Geld übrig, um noch eine zu kaufen.“ – Geht nur zum Nach­bar,“ antwortete der Sohn, der lei­ht Euch seine Axt so lange, bis ich mir selb­st eine ver­di­ent habe.“

Da borgte der Vater beim Nach­bar eine Axt, und am andern Mor­gen, bei Anbruch des Tages, gin­gen sie zusam­men hin­aus in den Wald. Der Sohn half dem Vater und war ganz munter und frisch dabei. Als nun die Sonne über ihnen stand, sprach der Vater: Wir wollen ras­ten und Mit­tag hal­ten, her­nach geht’s noch ein­mal so gut.“ Der Sohn nahm sein Brot in die Hand und sprach: Ruht Euch nur aus, Vater, ich bin nicht müde, ich will in dem Wald ein wenig auf und ab gehen und Vogelnester suchen.“ – O du Geck,“ sprach der Vater, was willst du da herum­laufen, her­nach bist du müde und kannst den Arm nicht mehr aufheben; bleib hier und set­ze dich zu mir!“

Der Sohn aber ging in den Wald, ass sein Brot, war ganz fröh­lich und sah in die grü­nen Zweige hinein, ob er etwa ein Nest ent­deck­te. So ging er hin und her, bis er endlich zu ein­er grossen, gefährlichen Eiche kam, die gewiss schon viele hun­dert Jahre alt war und die keine fünf Men­schen umspan­nt hät­ten. Er blieb ste­hen und sah sie an und dachte: Es muss doch manch­er Vogel sein Nest hineinge­baut haben. Da war ihm auf ein­mal, als hörte er eine Stimme. Er horchte und ver­nahm, wie es mit so einem recht dumpfen Ton rief: Lass mich her­aus, lass mich her­aus!“ Er sah sich ring­sum, kon­nte aber nichts ent­deck­en, doch es war ihm, als ob die Stimme unten aus der Erde her­vorkäme. Da rief er: Wo bist du?“ Die Stimme antwortete: Ich stecke da unten bei den Eich­wurzeln. Lass mich her­aus, lass mich her­aus!“ Der Schüler fing an, unter dem Baum aufzuräu­men und bei den Wurzeln zu suchen, bis er endlich in ein­er kleinen Höh­lung eine Glas­flasche ent­deck­te. Er hob sie in die Höhe und hielt sie gegen das Licht, da sah er ein Ding, gle­ich einem Frosch gestal­tet, das sprang darin auf und nieder. Lass mich her­aus, lass mich her­aus!“ rief’s von neuem, und der Schüler, der an nichts Bös­es dachte, nahm den Pfropfen von der Flasche ab. Als­bald stieg ein Geist her­aus und fing an zu wach­sen und wuchs so schnell, dass er in weni­gen Augen­blick­en als entset­zlich­er Kerl, so gross wie der halbe Baum, vor dem Schüler stand. Weiss du,“ rief er mit ein­er fürchter­lichen Stimme, was dein Lohn dafür ist, dass du mich her­aus­ge­lassen hast?“ – Nein,“ antwortete der Schüler ohne Furcht, wie soll ich das wis­sen?“ – So will ich dir’s sagen,“ rief der Geist, den Hals muss ich dir dafür brechen.“ – Das hättest du mir früher sagen sollen,“ antwortete der Schüler, so hätte ich dich stekken lassen; mein Kopf aber soll vor dir wohl fest­ste­hen, da müssen mehr Leute gefragt wer­den.“ – Mehr Leute hin, mehr Leute her,“ rief der Geist, deinen ver­di­en­ten Lohn, den sollst du haben. Denkst du, ich wäre aus Gnade da so lange Zeit eingeschlossen wor­den, nein, es war zu mein­er Strafe; ich bin der gross­mächtige Merkurius. Wer mich loslässt, dem muss ich den Hals brechen.“ – Sachte,“ antwortete der Schüler, so geschwind geht das nicht, erst muss ich auch wis­sen, dass du wirk­lich in der kleinen Flasche gesessen hast und dass du der rechte Geist bist; kannst du auch wieder hinein, so will ich’s glauben, und dann magst du mit mir anfan­gen, was du willst.“ Der Geist sprach voll Hochmut: Das ist eine geringe Kun­st,“ zog sich zusam­men und machte sich so dünn und klein, wie er anfangs gewe­sen war, also dass er durch dieselbe Öff­nung und durch den Hals der Flasche wieder hineinkroch. Kaum aber war er darin, so drück­te der Schüler den abge­zo­ge­nen Pfropfen wieder auf und warf die Flasche unter die Eich­wurzeln an ihren alten Platz, und der Geist war betrogen.

Nun wollte der Schüler zu seinem Vater zurück­ge­hen, aber der Geist rief ganz kläglich: Ach, lass mich doch her­aus, lass mich doch her­aus!“ -„Nein,“ antwortete der Schüler, zum zweit­en Male nicht: Wer mir ein­mal nach dem Leben gestrebt hat, den lass ich nicht los, wenn ich ihn wieder einge­fan­gen habe.“ – Wenn du mich freimachst,“ rief der Geist, so will ich dir soviel geben, dass du dein Leb­tag genug hast.“ – Nein,“ antwortete der Schüler, du würdest mich betrü­gen, wie das erste Mal.“ – Du ver­scherzest dein Glück,“ sprach der Geist, ich will dir nichts tun, son­dern dich reich­lich belohnen!“ Der Schüler dachte: Ich will’s wagen, vielle­icht hält er Wort, und anhab­en soll er mir doch nichts. Da nahm er den Pfropfen ab und der Geist stieg wie das vorige Mal her­aus, dehnte sich auseinan­der und ward gross wie ein Riese. Nun sollst du deinen Lohn haben,“ sprach er und reichte dem Schüler einen kleinen Lap­pen, ganz wie ein Pflaster, und sagte: Wenn du mit dem einen Ende eine Wunde bestre­ichst, so heilt sie; und wenn du mit dem andern Ende Stahl und Eisen bestre­ichst, so wird es in Sil­ber ver­wan­delt.“ – Das muss ich erst ver­suchen,“ sprach der Schüler, ging an einen Baum, ritzte die Rinde mit sein­er Axt und bestrich sie mit dem einen Ende des Pflasters; als­bald schloss sie sich wieder zusam­men und war geheilt. Nun, es hat seine Richtigkeit,“ sprach er zum Geist, jet­zt kön­nen wir uns tren­nen.“ Der Geist dank­te ihm für seine Erlö­sung, und der Schüler dank­te dem Geist für sein Geschenk und ging zurück zu seinem Vater.

Wo bist du herumge­laufen?“ sprach der Vater; warum hast du die Arbeit vergessen? Ich habe es ja gle­ich gesagt, dass du nichts zus­tande brin­gen würdest.“ – Gebt Euch zufrieden, Vater, ich will’s nach­holen.“ – Ja, nach­holen,“ sprach der Vater zornig, das hat keine Art.“ – Habt acht, Vater, den Baum da will ich gle­ich umhauen, dass er krachen soll.“ Da nahm er sein Pflaster, bestrich die Axt damit und tat einen gewalti­gen Hieb; aber weil das Eisen in Sil­ber ver­wan­delt war, so legte sich die Schnei­de um. Ei, Vater, seht ein­mal, was habt Ihr mir für eine schlechte Axt gegeben, die ist ganz schief gewor­den.“ Da erschrak der Vater und sprach: Ach, was hast du gemacht! Nun muss ich die Axt bezahlen und weiss nicht wom­it; das ist der Nutzen, den ich von dein­er Arbeit habe.“ – Werdet nicht bös,“ antwortete der Sohn, die Axt will ich schon bezahlen.“ – O du Dumm­bart,“ rief der Vater, wovon willst du sie bezahlen? Du hast nichts, als was ich dir gebe; das sind Stu­den­tenkniffe, die dir im Kopf steck­en, aber vom Holzhack­en hast du keinen Verstand.“

Über ein Weilchen sprach der Schüler: Vater, ich kann doch nichts mehr arbeit­en, wir wollen lieber Feier­abend machen.“ – Ei was,“ antwortete er, meinst du, ich wollte die Hände in den Schoss leg­en wie du? Ich muss noch schaf­fen, du kannst dich aber heim­pack­en.“ – Vater, ich bin zum ersten­mal hier in dem Wald, ich weiss den Weg nicht allein, geht doch mit mir!“ Weil sich der Zorn gelegt hat­te, so liess der Vater sich endlich bere­den und ging mit ihm heim. Da sprach er zum Sohn: Geh und verkauf die ver­schän­dete Axt und sieh zu, was du dafür kriegst; das übrige muss ich ver­di­enen, um sie dem Nach­bar zu bezahlen.“ Der Sohn nahm die Axt und trug sie in die Stadt zu einem Gold­schmied, der pro­bierte sie, legte sie auf die Waage und sprach: Sie ist vier­hun­dert Taler wert, soviel habe ich nicht bar.“ Der Schüler sprach: Gebt mir, was Ihr habt, das übrige will ich Euch bor­gen.“ Der Gold­schmied gab ihm drei­hun­dert Taler und blieb ein­hun­dert schuldig. Darauf ging der Schüler heim und sprach: Vater, ich habe Geld, geht und fragt, was der Nach­bar für die Axt haben will.“ – Das weiss ich schon,“ antwortete der Alte, einen Taler sechs Groschen.“ – So gebt ihm zwei Taler zwölf Groschen, das ist das Dop­pelte und ist genug; seht Ihr, ich habe Geld im Über­fluss,“ und gab dem Vater ein­hun­dert Taler und sprach: Es soll Euch niemals fehlen, lebt nach Eur­er Bequem­lichkeit.“ – Mein Gott,“ sprach der Alte, wie bist du zu dem Reich­tum gekom­men?“ Da erzählte er ihm, wie alles zuge­gan­gen wäre und wie er im Ver­trauen auf sein Glück einen so reichen Fang getan hätte. Mit dem übri­gen Geld aber zog er wieder hin auf die hohe Schule und lernte weit­er, und weil er mit seinem Pflaster alle Wun­den heilen kon­nte, ward er der berühmteste Dok­tor auf der ganzen Welt.