Der Gaudieb und sein Meister

von Brüder Grimm

~4 Min

Jan wollte seinen Sohn ein Handw­erk lehren lassen; da ging Jan in die Kirche und betete zu unserem Her­rgott, was ihm wohl zuträglich wäre. Da ste­ht der Küster hin­ter dem Altar und sagt: Das Gaudieben, das Gaudieben.“ Da geht Jan wieder zu seinem Sohn, er müsste das Gaudieben ler­nen, das hätte ihm unser Her­rgott gesagt. Geht er mit seinem Sohn und sucht sich einen Mann, der das Gaudieben kann. Da gehen sie dann eine ganze Zeit und kom­men in einen grossen Wald, da ste­ht so ein kleines Häuschen mit so ein­er alten Frau darin. Sagt Jan zu ihr: Wisst Ihr nicht einen Mann, der das Gaudieben kann?“ – Das kön­nt ihr hier wohl ler­nen,“ sagt die Frau, mein Sohn ist ein Meis­ter darin.“ Da spricht er mit dem Sohn, ob er auch richtig gaudieben könne. Der Gaudieb­smeis­ter sagt: Ich will’s Euren Sohn schon richtig lehren. Kommt nur übers Jahr wieder, wenn Ihr dann Euren Sohn noch ken­nt, dann will ich gar kein Lehrgeld haben, und ken­nt Ihr ihn nicht, dann müsst Ihr mir zwei­hun­dert Taler geben.“

Der Vater geht wieder nach Hause, und der Sohn lernt gut hex­en und gaudieben. Als das Jahr um ist, geht der Vater und denkt trau­rig darüber nach, wie er das anfan­gen will, dass er seinen Sohn erken­nt. Wie er nun so geht und vor sich hinsin­nt, da kommt ihm ein kleines Män­nchen ent­ge­gen, das sagt: Mann, was ist Euch? Ihr seid ja so betrübt?“ – Oh,“ sagt Jan, ich habe meinen Sohn vor einem Jahr bei einem Gaudieb­smeis­ter ver­mi­etet, der sagte mir, ich solle übers Jahr wiederkom­men, und wenn ich dann meinen Sohn nicht kenne, dann sollte ich ihm zwei­hun­dert Taler geben; wenn ich ihn aber erken­nen würde, dann hätt ich ihm nichts zu geben. Nun bin ich aber so bange, dass ich ihn nicht erkenne, und ich weiss nicht, wo ich das Geld herkriegen soll.“

Da sagt das Män­nchen, er solle ein Krüstchen Brot mit­nehmen und sich damit unter den Kamin stellen: Da auf der Stange ste­ht ein Kör­bchen, da guckt ein Vögelchen her­aus, das ist Euer Sohn.“

Da geht Jan hin und wirft ein Krüstchen Schwarzbrot vor den Korb; da kommt das Vögelchen her­aus und blickt darauf: Hol­la, mein Sohn, bist du hier?“ sagt der Vater. Da freute sich der Sohn, dass er seinen Vater sah, aber der Lehrmeis­ter sagte: Das hat dir der Teufel eingegeben; wie kön­nt Ihr son­st Euren Sohn erken­nen?“ – Vater, lass uns gehen,“ sagte der Junge.

Da will der Vater mit seinem Sohn nach Hause gehen; unter­wegs kommt da eine Kutsche ange­fahren. Da sagt der Sohn zu seinem Vater: Ich will mich in einen grossen Wind­hund ver­wan­deln, dann kön­nt Ihr viel Geld mit mir ver­di­enen.“ Da ruft der Herr aus der Kutsche: Mann, wollt Ihr den Hund verkaufen?“ – Ja,“ sagte der Vater. Wieviel Geld wollt Ihr denn dafür haben?“ – Dreis­sig Taler.“ – Ja, Mann, das ist viel, aber meinetwe­gen, da er so ein gewaltig schön­er Rüde ist, so will ich ihn behal­ten.“ Der Herr nimmt ihn in seine Kutsche, aber kaum ist er ein Stück gefahren, da springt der Hund durch das Glas aus dem Wagen, und da war er kein Wind­hund mehr und war wieder bei seinem Vater.

Da gehen sie nun zusam­men nach Hause. Am andern Tag ist Markt im näch­sten Dorf; da sagt der Junge zu seinem Vater: Ich will mich nun in ein schönes Pferd ver­wan­deln, dann verkauft mich; aber wenn Ihr mich verkauft habt, dann müsst Ihr mir den Zaum abnehmen, son­st kann ich kein Men­sch wieder wer­den.“ Da zieht der Vater nun mit dem Pferd zum Markt; da kommt der Gaudieb­smeis­ter und kauft das Pferd für hun­dert Taler, und der Vater vergisst’s und nimmt ihm den Zaum nicht ab. Da nimmt nun der Mann das Pferd mit nach Hause und stellt es in den Stall. Als die Magd über die Diele geht, da sagt das Pferd: Nimm mir den Zaum, nimm mir den Zaum ab!“ Da bleibt die Magd ste­hen und lauscht: Ja, kannst du reden?“ Geht hin und nimmt den Zaum ab. Da wird das Pferd ein Sper­ling und fliegt über die Türe, aber der Hex­en­meis­ter wird auch ein Sper­ling und fliegt ihm nach. Da kom­men sie miteinan­der zusam­men und beis­sen sich, aber der Meis­ter ver­spielt und macht sich ins Wass­er und ist ein Fisch. Da wird der Junge auch ein Fisch, und sie beis­sen sich wieder, dass der Meis­ter ver­spie­len muss. Da ver­wan­delt sich der Meis­ter in ein Huhn, und der Junge wird ein Fuchs und beisst dem Meis­ter den Kopf ab; da ist er gestor­ben und liegt tot bis auf den heuti­gen Tag.