Der Garten im Brunnen

von Ludwig Bechstein

~5 Min

Ein Bauer hat­te nach dem Tod sein­er ersten Frau, die ihm ein Mäd­chen und einen Knaben geboren hat­te, eine zweite geheiratet. Von dieser bekam er noch einen Sohn, der hieß Kasper­le. Die zweite Frau aber war eine böse Stief­mut­ter, und behan­delte ihre bei­den Stiefkinder sehr übel. So ließ sie die Kinder zer­lumpt umherge­hen und gab ihnen kaum genug zu essen. Für Kasper­le tat sie dage­gen alles. Er bekam nur die besten Klei­der, und seine Mut­ter gab ihm in allen Stück­en den Vorzug. Der Vater mis­chte sich jedoch nicht ein, so oft auch die bei­den armen Kinder ihm ihr Leid klagten. Denn er war schon krän­klich und musste selb­st so manch­es von sein­er Frau erdulden.

Eines Tages kam die böse Stief­mut­ter auf den Gedanken, die bei­den Stiefkinder aus dem Wege zu räu­men. Dadurch wollte sie ihren eige­nen Sprössling zum alleini­gen Erben machen. Also nahm sie die bei­den Kinder mit in den tiefen Wald, um Erd­beeren zu suchen. Die Kinder waren sehr fleißig, doch als der Abend kam, war die Mut­ter plöt­zlich verschwunden.

Das Mäd­chen weinte sehr, denn sie glaubte schon, im Walde umkom­men zu müssen. Aber der Knabe tröstete sie und sprach: Wir kom­men schon nach Hause, denn ich habe auf dem Hin­weg aller­lei Zweige aus Langeweile an den Bäu­men geknickt.” So fan­den die Kinder denn auch wirk­lich nach Hause zurück, was die Stief­mut­ter erst richtig verärgerte.

Sie wollte es nun klüger anfan­gen und führte die Kinder noch tiefer in den Wald. Der Knabe streute aber heim­lich Erb­sen auf den Weg, sodass die Kinder erneut aus der fin­stren Wild­nis nach Hause kamen. Da ergrimmte die böse Stief­mut­ter vor Zorn, weil ihr Plan ein­fach nicht gelin­gen wollte.

Einige Tage später schöpfte der Knabe ger­ade Wass­er aus dem Ziehbrun­nen im Garten seines Vaters, da warf die Stief­mut­ter ihn hinein. Statt in das Wass­er zu fall­en, kam der Knabe aber in einen wun­der­schö­nen Garten, der voll mit Blu­men und Bäu­men war. Der Knabe kon­nte sich nicht satt sehen und lief immer weit­er. Doch dann erkan­nte er, dass er allein vom Schauen nicht satt wer­den kon­nte, denn es hungerte ihn sehr. Nun sah er ein Bäum­chen voll schön­er rot­er Äpfel und sprach:

Liebes Bäum­chen, schüt­tle dich und rüt­tle dich,
und wirf deine Äpfel über mich.”

Das Bäum­chen schüt­telte sich, und viele schöne rote Äpfel lagen im Gras. Der Knabe aß sich satt und ging weit­er. Da sah er ein Bäum­chen ste­hen, das über und über voll Gold hing. Das funkelte dem Knaben gar sehr in die Augen, und er sprach:

Liebes Bäum­chen, schüt­tle dich und rüt­tle dich,
und wirf Gold­blät­tlein über mich.”

Kaum hat­te er das aus­ge­sprochen, flim­merten seine Klei­der von fein­stem Golde. Nach so viel Glück kam aber auch die Sehn­sucht in sein Herz, und der Knabe seufzte: Ach, wenn ich doch bei meinem Vater wäre!” Und siehe, da stand ein graues Männlein vor ihm, zeigte ihm einen Weg und sprach: Gehe nur immer ger­adeaus bis zu der Stelle, wo du hergekom­men bist. Du wirst deine Schwest­er beim Wass­er schöpfen find­en. Hänge dich an ihren Eimer.”

Der Knabe machte es so, und es geschah alles, wie das Män­nchen gesagt hat­te. Die Schwest­er wun­derte sich sehr, als sie den goldbe­deck­ten Brud­er am Eimer hän­gen sah. Sie freute sich gar sehr, und ihr Brud­er musste gle­ich alles erzählen. Dann ließ sie sich vom Brud­er in den Brun­nen stoßen, und es wider­fuhr ihr das­selbe, bevor sie vom Brud­er wieder her­aus­ge­zo­gen wurde. Nun gin­gen die bei­den Kinder zum Vater und sagten: Freue dich, nun sind wir reich genug, um glück­lich zu sein!”

Die böse Stief­mut­ter ärg­erte sich darüber gewaltig. Sie ließ sich aber nichts anmerken, und die Kinder mussten ihr alles haarklein erzählen. Dann sagte die Stief­mut­ter es ihrem Sohn Kasper­le und warf ihn in den Brun­nen hinein. Auch er kam wieder in den schö­nen Garten. Und als es ihn hungerte, sah er auch ein Bäum­chen voll mit Äpfeln. Da sprach er:

Liebes Bäum­chen, schüt­tle dich und rüt­tle dich,
und wirf feine Äpfel über mich!”

Das Bäum­chen schüt­telte sich, und die Äpfel fie­len dem Kasper­le gar hart auf den Kopf! Er griff hastig nach dem erst­besten Apfel und biss hinein. Da ver­zog es ihm gar schauer­lich den Mund. Der Apfel schmeck­te ja so sauer, und ein garstiger Wurm war auch noch darin. Bald darauf sah er ein Bäum­chen, das wie Gold glänzte. Kasper­le rief:

Liebes Bäum­chen, schüt­tle dich und rüt­tle dich,
und wirf deine Blät­tlein über mich!”

Da tropfte es dick und schwarz von dem Bäum­chen herab, und er war als­bald mit ein­er graus­lichen Pechkruste über­zo­gen. Kasper­le musste jet­zt weinen und ver­langte nach sein­er Mut­ter, damit sie ihn aus der zähen Haut erlöse. Aber plöt­zlich stand das graue Män­nchen vor ihm und sagte: Gehe dahin, wo du herkommst, und hänge dich an den Eimer, mit dem deine Mut­ter Wass­er schöpfen wird.”

Die Stief­mut­ter hat­te am Brun­nen gewartet und zog hastig den Eimer her­auf, als sie eine schwere Last daran hän­gen fühlte. Sie hoffte schon, dass Kasper­le mit Gold über­häuft zurück­kehren werde. Doch welch ein Entset­zen fuhr ihr in die Glieder, als sie den armen Jun­gen in solchem Zus­tande fand. Das Pech ließ sich beim besten Willen nicht ablösen, was die Mut­ter ger­adezu rasend machte. Wütend schimpfte sie den kleinen Pechvo­gel aus und ver­set­zte ihm ein Sack voller Hiebe.

Als sie wieder bei Sin­nen war, kam ihr schließlich der Gedanke, den kleinen Pechvo­gel in den war­men Back­ofen zu steck­en, da sie ohne­hin Brot back­en musste. Sie tat es, ver­gaß aber, den Jun­gen rechtzeit­ig wieder her­auszuziehen. Als sie den Ofen endlich öffnete, floss ihr das Pech in Strö­men ent­ge­gen, doch Kasper­le war von oben bis unten geröstet.

Aus lauter Gram über ihre Mis­se­tat­en lief die Stief­mut­ter schließlich davon und kam nie mehr wieder. Der Vater aber erholte sich auf wun­der­same Weise und lebte mit seinen glück­lichen Kindern her­rlich und in Freuden.