Der Garten des Paradieses

von Hans Christian Andersen

~27 Min

Es war ein­mal ein Königssohn; Nie­mand hat­te so viele und schöne Büch­er wie er; Alles, was in dieser Welt geschehen, kon­nte, er darin lesen und die Abbil­dun­gen in prächti­gen Kupfer­stichen erblick­en. Von jedem Volke und jedem Lande kon­nte er Auskun­ft erhal­ten; aber wo der Garten des Paradieses zu find­en sei, davon stand kein Wort darin; und der, ger­ade der war es, an den er am meis­ten dachte.

Seine Groß­mut­ter hat­te ihm erzählt, als er noch ganz klein war, aber anfan­gen sollte, in die Schule zu gehen, daß jede Blume im Garten des Paradieses der süßeste Kuchen und die Staubfä­den der fein­ste Wein wären; auf der einen stän­den Geschichte, auf der andern Geo­gra­phie oder Tabellen; man brauche nur Kuchen zu essen, so könne man seine Lec­tion; je mehr man speise, um so mehr Geschichte, Geo­gra­phie und Tabellen habe man inne.

Das glaubte er damals. Aber schon, als er ein größer­er Knabe wurde, mehr lernte und klüger war, begriff er wohl, daß eine ganz andere Her­rlichkeit im Garten des Paradieses vorhan­den sein müsse.

O, weshalb pflück­te doch Eva vom Baume der Erken­nt­nis? Weshalb speiste Adam von der ver­bote­nen Frucht? Das sollte ich gewe­sen sein, so wäre es nicht geschehen! Nie würde die Sünde in die Welt gekom­men sein!”

Das sagte er damals, und das sagte er noch, als er sieben­zehn Jahr alt war. Der Garten des Paradieses erfüllte alle seine Sinne.

Eines Tages ging er im Walde; er ging allein, denn das war sein größtes Vergnügen.

Der Abend brach an, die Wolken zogen sich zusam­men; es ent­stand ein Regen­wet­ter, als ob der ganze Him­mel eine einzige Schleuse sei, aus der Wass­er stürze; es war so dunkel, wie es son­st des Nachts nur im tief­sten Brun­nen ist. Bald glitt er in dem nassen Grase aus, bald fiel er über die nack­ten Steine, welche aus dem Felsen­grunde her­vor­ragten. Alles triefte von Wass­er; es war nicht ein trock­en­er Faden an dem armen Prinzen. Er mußte über große Stein­blöcke klet­tern, wo das Wass­er aus dem hohen Moose quoll. Er war nahe daran, ohn­mächtig zu wer­den. Da hörte er ein son­der­bares Sausen, und vor sich sah er eine große erleuchtete Höh­le. Mit­ten in der­sel­ben bran­nte ein Feuer, sodaß man einen Hirsch daran brat­en kon­nte. Und das geschah auch. Der prächtig­ste Hirsch mit seinem hohen Gewei­he war auf einen Spieß gesteckt und wurde langsam zwis­chen zwei abge­haue­nen Ficht­en­stäm­men herumge­dreht. Eine ältliche Frau, groß und stark, als wäre sie eine verklei­dete Mannsper­son, saß am Feuer und warf ein Stück Holz nach dem andern hinein.

Komm nur näher!” sagte sie; set­ze Dich an das Feuer, damit Deine Klei­der trock­nen.” Hier zieht es sehr!” sagte der Prinz und set­zte sich auf den Fuß­bo­den nieder. Das wird noch ärg­er wer­den, wenn meine Söhne nach Hause kom­men!” erwiederte die Frau. Du bist hier in der Höh­le der Winde; meine Söhne sind die vier Winde der Welt; kannst Du das ver­ste­hen?” Wo sind Deine Söhne?” fragte der Prinz. Ja, es ist schw­er zu antworten, wenn man dumm fragt,” sagte die Frau. Meine Söhne treiben es auf eigene Hand; sie spie­len Feder­ball mit den Wolken dort oben im Königssaal!” Und dabei zeigte sie in die Höhe hin­auf. Ach so!” sagte der Prinz. Ihr sprecht übri­gens ziem­lich barsch und seid nicht so mild, wie die Frauen­z­im­mer, die ich son­st um mich habe!” Ja, die haben wohl nichts Anderes zu thun! Ich muß hart sein, wenn ich meine Knaben in Respect erhal­ten will; aber das kann ich, obgle­ich sie Trotzköpfe sind. Siehst Du die vier Säcke, die an der Wand hän­gen? Vor denen fürcht­en sie sich eben­so, wie Du früher vor der Ruthe hin­term Spiegel. Ich kann die Knaben zusam­men biegen, sag’ ich Dir, und dann stecke ich sie in den Sack; da machen wir keine Umstände! Da sitzen sie und dür­fen nicht eher wieder herum­streifen, bis ich es für gut erachte. Aber da haben wir den Einen!”

Es war der Nord­wind, der mit ein­er eisi­gen Kälte here­in­trat; große Hagelkörn­er hüpften auf dem Fuß­bo­den hin, und Schneeflock­en stöberten umher. Er war in Bären­fell­bein­klei­dern und Jacke; eine Mütze von See­hunds­fell ging über die Ohren herab; lange Eiszapfen hin­gen ihm am Barte; und ein Hagelko­rn nach dem andern glitt ihm vom Jack­enkra­gen herunter. Gehen Sie nicht gle­ich an das Feuer!” sagte der Prinz; Sie kön­nten son­st leicht Gesicht und Hände erfrieren!” Erfrieren?” sagte der Nord­wind und lachte laut auf. Kälte? Das ist ger­ade mein größtes Vergnü­gen! Was bist Du übri­gens für ein Schnei­der­lein! Wie kommst Du in die Höh­le der Winde?” Er ist mein Gast,” sagte die Alte; und bist Du mit dieser Erk­lärung nicht zufrieden, so kannst Du in den Sack kom­men! — Ver­stehst Du mich nun?” Sieh, das half; und der Nord­wind erzählte, von wan­nen er kam und wo er fast einen ganzen Monat gewesen.

Vom Polarmeere komme ich,” sagte er; ich bin auf dem Bärenei­lande mit den rus­sis­chen Wall­roßjägern gewe­sen. Ich saß und schlief auf dem Steuer, als sie vom Nord­cap wegsegel­ten; weil ich mitunter erwachte, flog mir der Stur­mvo­gel um die Beine. Das ist ein komis­ch­er Vogel! Der macht einen raschen Schlag mit den Flügeln, hält sie darauf unbe­weglich aus­gestreckt und hat dann Fahrt genug.”

Mache es nur nicht so weitläu­fig!” sagte die Mut­ter der Winde. Und so kamst Du dann nach dem Bärenei­lande?” Dort ist es schön! Da ist ein Fuß­bo­den zum Tanzen, flach, wie ein Teller! Halb aufgeth­auter Schnee mit ein wenig Moos, scharfe Steine und Gerippe von Wall­rossen und Eis­bären lagen da umher, sowie auch Riese­n­arme und Beine mit ver­schim­meltem Grün. Man möchte glauben, daß die Sonne nie darauf geschienen hätte. Ich blies ein wenig in den Nebel, damit man den Schup­pen sehen kon­nte; das war ein Haus, von Wrack­holz erbaut und mit Wall­roßhäuten über­zo­gen; die Fleis­ch­seite war nach außen gekehrt; sie war voller Roth und Grün; auf dem Dache saß ein lebendi­ger Eis­bär und brummte. Ich ging nach dem Strande, sah nach den Vogelnestern, erblick­te die nack­ten Jun­gen, die schrieen und den Schn­abel auf­sper­rten; da blies ich in die tausend Kehlen hinab, und sie lern­ten den Schn­abel schließen. Weit­er­hin wälzten sich die Wall­rosse, wie lebendi­ge Eingewei­de oder Riesen­maden mit Schweineköpfen und ellen­lan­gen Zäh­nen!” -
Du erzählst gut, mein Sohn!” sagte die Mut­ter. Das Wass­er läuft mir im Munde zusam­men, wenn ich Dich anhöre!”
Dann ging das Jagen an! Die Harpune wurde in die Brust des Wall­ross­es gewor­fen, sodaß der dampfende Blut­strahl, einem Spring­brun­nen gle­ich, über das Eis spritzte. Da gedachte ich auch meines Spieles! Ich blies auf und ließ meine Segler, die thurmho­hen Eis­berge, die Boote ein­klem­men. Hui! wie man pfiff und wie man schrie; aber ich pfiff lauter! Die todten Wall­roßkör­p­er, Kisten und Tauw­erk mußten sie auf das Eis aus­pack­en; ich schüt­telte die Schneeflock­en über sie und ließ sie in den eingek­lemmten Fahrzeu­gen mit ihrem Fang nach Süden treiben, um dort Salzwass­er zu kosten. Sie kom­men nie mehr nach dem Bärenei­land!”
So hast Du ja Bös­es geth­an!” sagte die Mut­ter der Winde.
Was ich Gutes geth­an habe, mögen die Andern erzählen!” sagte er. Aber da haben wir meinen Brud­er aus West­en; ihn mag ich von Allen am besten lei­den; er schmeckt nach der See und führt eine her­rliche Kälte mit sich!”
Ist das der kleine Zephyr?” fragte der Prinz.
Ja wohl ist das Zephyr!” sagte die Alte. Aber er ist doch nicht so klein. Vor Jahren war es ein hüb­sch­er Knabe, aber das ist nun vor­bei!“
Er sah aus wie ein wilder Mann, aber er hat­te einen Fall­hut auf, um nicht zu Schaden zu kom­men. In der Hand hielt er eine Mahag­o­nikeule, in den amerikanis­chen Mahag­o­ni­wäldern gehauen. Das war nichts Geringes!
Wo kommst Du her?” fragte die Mut­ter.
Aus den Wald­wüsten,” sagte er, wo die dorni­gen Lia­nen eine Hecke zwis­chen jedem Baum bilden, wo die Wasser­schlange in dem nassen Grase liegt und die Men­schen unnöthig zu sein scheinen!”
Was trieb­st Du dort?”
Ich sah in den tiefen Fluß, sah, wie er von den Felsen her­ab­stürzte, Staub wurde und gegen die Wolken flog, um den Regen­bo­gen zu tra­gen. Ich sah den wilden Büf­fel im Flusse schwim­men, aber der Strom riß ihn mit sich fort. Er trieb mit dem Schwarm der wilden Enten, welche in die Höhe flo­gen, wo das Wass­er stürzte. Der Büf­fel mußte hin­unter; das gefiel mir, und ich blies einen Sturm, sodaß uralte Bäume segel­ten und zu Späh­nen wur­den.”
Und weit­er hast Du nichts geth­an?” fragte die Alte.
Ich habe in den Savan­nen Purzel­bäume geschossen; ich habe die wilden Pferde gestre­ichelt und Kokos­nüsse geschüt­telt. Ja, ja, ich habe Geschicht­en zu erzählen! Aber man muß nicht Alles sagen, was man weiß. Das weißt Du wohl, Alte!” und er küßte seine Mut­ter, sodaß sie fast hin­tenüber gefall­en wäre. Es war ein schreck­lich wilder Bube!
Nun kam der Süd­wind mit einem Tur­ban und einem fliegen­den Beduinen­man­tel.
Hier ist es recht kalt, hier draußen!” sagte er und warf Holz zum Feuer. Man kann merken, daß der Nord­wind zuerst gekom­men ist!”
Es ist hier so heiß, daß man einen Eis­bär brat­en kann!” sagte der Nord­wind.
Du bist selb­st ein Eis­bär!” antwortete der Süd­wind.
Wollt Ihr in den Sack gesteckt wer­den?” fragte die Alte. — Set­ze Dich auf den Stein dort und erzäh­le, wo Du gewe­sen bist.”
In Afri­ka, Mut­ter!” erwiederte er. Ich war mit den Hot­ten­tot­ten auf der Löwen­jagd im Lande der Kaf­fern. Da wächst Gras in den Ebe­nen, grün wie eine Olive! Da lief der Straus mit mir um die Wette, aber ich bin doch noch schneller. Ich kam nach der Wüste zu dem gel­ben Sande; da sieht es aus, wie auf dem Grunde des Meeres. Ich traf eine Kar­a­vane; sie schlachteten ihr let­ztes Kameel, um Trinkwass­er zu erhal­ten; aber es war nur wenig, was sie beka­men. Die Sonne bran­nte von oben und der Sand von unten. Die aus­gedehnte Wüste hat­te keine Gren­ze. Da wälzte ich mich in dem feinen, losen Sand und wirbelte ihn in große Säulen auf. Das war ein Tanz! Du hättest sehen sollen, wie muth­los das Drom­e­dar das­tand, und der Kauf­mann zog den Kaf­tan über den Kopf. Er warf sich vor mir nieder wie vor Allah, seinem Gott. Nun sind sie begraben; es ste­ht eine Pyra­mide von Sand über ihnen Allen. Wenn ich die ein­mal fort­blase, dann wird die Sonne die weißen Knochen ble­ichen; da kön­nen die Reisenden sehen, daß dort früher Men­schen gewe­sen sind. Son­st wird man das in der Wüste nicht glauben!”
Du hast also nur Bös­es geth­an!” sagte die Mut­ter. Marsch in den Sack!” und ehe er es merk­te, hat­te sie den Süd­wind um den Leib gefaßt und in den Sack gesteckt. Er wälzte sich rings umher auf dem Fuß­bo­den, aber sie set­zte sich darauf und da mußte er stille liegen.
Das sind muntere Knaben, die sie hat!” sagte der Prinz.
Ja wohl,” antwortete sie; und ich weiß sie zu züchti­gen. Da haben wir den vierten!“
Das war der Ost­wind, der war wie ein Chi­nese gek­lei­det.
Ach! kommst Du von jen­er Gegend?” sagte die Mut­ter. Ich glaubte, Du wärest im Garten des Paradieses gewe­sen.”
Dahin fliege ich erst mor­gen!” sagte der Ost­wind. Mor­gen sind es hun­dert Jahre, seit­dem ich dort war! Ich komme jet­zt aus Chi­na, wo ich um den Porzel­lan­thurm tanzte, daß alle Glock­en klin­gel­ten. Auf der Straße beka­men die Beamten Prügel; das Bam­bus­rohr wurde auf ihren Schul­tern zer­schla­gen, und das waren Leute vom ersten bis zum neun­ten Grade. Sie schrieen: ““Vie­len Dank, mein väter­lich­er Wohlthäter!”” Aber es kam ihnen nicht von Herzen, und ich klin­gelte mit den Glock­en und sang: Tsing, tsang, tsu!”
Du bist muth­willig!” sagte die Alte. Es ist gut, daß Du mor­gen in den Garten des Paradieses kommst; das trägt immer zu Dein­er Bil­dung bei. Trinke dann tüchtig aus der Weisheit­squelle und nimm eine kleine Flasche voll für mich mit nach Hause!”
Das werde ich thun!” sagte der Ost­wind. Aber weshalb hast Du meinen Brud­er vom Süden in den Sack gesteckt? Her­aus mit ihm! Er soll mir vom Vogel Phönix erzählen; davon will die Prinzessin im Garten des Paradieses stets hören, wenn ich jedes hun­dert­ste Jahr meinen Besuch abstat­te. Mache den Sack auf, dann bist Du meine süßeste Mut­ter, und ich schenke Dir zwei Taschen voll Tee, so grün und frisch, wie ich ihn an Ort und Stelle gepflückt habe!”
Nun, des Thees hal­ber und weil Du mein Herzen­sjunge bist, will ich den Sack öff­nen!” Das that sie, und der Süd­wind kroch her­aus; aber er sah ganz niedergeschla­gen aus, weil der fremde Prinz es gese­hen hat­te.
Da hast Du ein Palm­blatt für die Prinzessin!” sagte der Süd­wind. Dieses Blatt hat der alte Vogel Phönix, der einzige, der in der Welt war, mir gegeben! Er hat mit seinem Schn­abel seine ganze Lebens­beschrei­bung, die hun­dert Jahre, die er lebte, hinein­ger­itzt. Nun kann sie es selb­st lesen, wie der Vogel Phönix sein Nest in Brand steck­te und darin saß und ver­bran­nte, gle­ich der Frau eines Hin­du. Wie knis­terten doch die trock­e­nen Zweige! Es war ein Rauch und ein Dampf! Zulet­zt schlug Alles in Flam­men auf; der alte Vogel Phönix wurde zu Asche; aber sein Ei lag glühend roth im Feuer; es barst mit einem großen Knall, und das Junge flog her­aus; nun ist dieses Regent über alle Vögel und der einzige Vogel Phönix in der Welt. Er hat in das Palm­blatt, welch­es ich Dir gab, ein Loch gebis­sen: das ist sein Gruß an die Prinzessin!”
Laßt uns nun etwas essen!” sagte die Mut­ter der Winde. Und so set­zten sie sich Alle her­an, um von dem gebrate­nen Hirsche zu speisen; der Prinz saß zur Seite des Ost­windes; deshalb wur­den sie bald gute Fre­unde.
Höre, sage mir ein­mal,” sagte der Prinz, was ist das für eine Prinzessin, von der hier so viel die Rede ist, und wo liegt der Garten des Paradieses?”
Ho, ho!” sagte der Ost­wind; willst Du dahin? Ja, dann fliege mor­gen mit mir! Aber das muß ich Dir übri­gens sagen: dort ist kein Men­sch seit Adam’s und Eva’s Zeit gewe­sen. Die kennst Du ja wohl aus Dein­er Bibelgeschichte?”
Ja wohl!” sagte der Prinz.
Damals, als sie ver­jagt wur­den, ver­sank der Garten des Paradieses in die Erde; aber er behielt seinen war­men Son­nen­schein, seine milde Luft und all’ seine Her­rlichkeit. Die Feenköni­gin wohnt darin; da liegt die Insel der Glück­seligkeit, wohin der Tod nie kommt, wo es her­rlich ist! Set­ze Dich mor­gen auf meinen Rück­en, dann werde ich Dich mit­nehmen; ich denke, es wird sich wohl tun lassen. Aber nun mußt Du nicht mehr sprechen, denn ich will schlafen!“
Und dann schliefen sie alle­sammt.
In der frühen Mor­gen­stunde erwachte der Prinz und war nicht wenig erstaunt, sich schon hoch über den Wolken zu find­en. Er saß auf dem Rück­en des Ost­windes, der ihn noch treulich hielt; sie waren so hoch in der Luft, daß Wälder und Felder, Flüsse und Seen sich wie auf ein­er illu­minirten Land­karte darstell­ten.
Guten Mor­gen!” sagte der Ost­wind. Du kön­ntest übri­gens füglich noch ein bis­chen schlafen, denn es ist nicht viel auf dem flachen Lande unter uns zu sehen, ausgenom­men Du hättest Lust, die Kirchen zu zählen! Die ste­hen gle­ich Krei­depunk­ten auf dem grü­nen Brett.” Das waren Felder und Wiesen, was er das grüne Brett nan­nte.
Es war unar­tig, daß ich Dein­er Mut­ter und Deinen Brüdern nicht Lebe­wohl gesagt habe!” meinte der Prinz.
Wenn man schläft, ist man entschuldigt!” sagte der Ost­wind. Und darauf flo­gen sie noch rasch­er von dan­nen. Man kon­nte es in den Gipfeln der Bäume hören, denn wenn sie darüber hin­fuhren, ras­sel­ten alle Zweige und Blät­ter; man kon­nte es auf dem Meere und auf den Seen hören, denn wo sie flo­gen, stiegen die Wogen höher, und die großen Schiffe neigten sich tief in das Wass­er, gle­ich schwim­menden Schwä­nen.
Gegen Abend, als es dunkel wurde, sahen die großen Städte ergöt­zlich aus; die Lichter bran­nten dort unten, bald hier, bald da; es war ger­ade, als wenn man ein Stück Papi­er ange­bran­nt hat und alle die kleinen Feuer­funken sieht, wie ein­er nach dem andern ver­schwindet. Und der Prinz klatschte in die Hände; aber der Ost­wind bat ihn, das sein zu lassen und sich lieber fest zu hal­ten; son­st kön­nte er leicht hin­unter fall­en und an ein­er Kirchthurm­spitze hän­gen bleiben.
Der Adler in den schwarzen Wäldern flog zwar leicht, doch der Ost­wind flog noch leichter. Der Kosak auf seinem kleinen Pferde jagte über die Ebe­nen davon, doch der Prinz jagte noch schneller.
Nun kannst Du den Himalaya sehen!” sagte de Ost­wind. Das ist der höch­ste Berg in Asien; nun wer­den wir bald nach dem Garten des Paradieses gelan­gen!” Dann wen­de­ten sie sich mehr südlich, und bald duftete es dort von Gewürzen und Blu­men. Feigen und Granatäpfel wuch­sen wild, und die wilde Wein­ranke hat­te blaue und rothe Trauben. Hier ließen sich Bei­de nieder und streck­ten sich in das weiche Gras, wo die Blu­men dem Winde zunick­ten, als woll­ten sie sagen: Willkom­men!”
Sind wir nun im Garten des Paradieses?” fragte der Prinz
Nein, bewahre!” erwiederte der Ost­wind. Aber wir wer­den bald dor­thin kom­men. Siehst Du die Felsen­mauer dort und die weite Höh­le, wo die Wein­ranken gle­ich ein­er großen, grü­nen Gar­dine hän­gen? Da hin­durch wer­den wir hinein­ge­lan­gen! Wick­le Dich in Deinen Man­tel; hier bren­nt die Sonne, aber einen­Schritt weit­er, und es ist eisig kalt. Der Vogel, welch­er an der Höh­le vor­beistreift, hat den einen Flügel hier draußen in dem war­men Som­mer und den andern drin­nen in dem kalten Win­ter!”
So, das ist also der Weg zum Garten des Paradieses?” fragte der Prinz.
Nun gin­gen sie in die Höh­le hinein. Hu, wie war es dort eisig kalt! Aber es währte doch nicht lange. Der Ost­wind bre­it­ete seine Flügel aus, und sie leuchteten gle­ich dem hell­sten Feuer. Nein, welche Höh­le! Die großen Stein­blöcke, von denen das Wass­er träufelte, hin­gen über ihnen in den wun­der­barsten Gestal­ten; bald war es da so enge, daß sie auf Hän­den und Füßen kriechen mußten, bald so hoch und aus­gedehnt, wie in der freien Luft. Es sah aus, wie Grabkapellen mit stum­men Orgelpfeifen und ver­stein­erten Orgeln.
Wir gehen wohl den Weg des Todes zum Garten des Paradieses?” fragte der Prinz. Aber der Ost­wind antwortete keine Sylbe, zeigte vor­wärts, und das schön­ste blaue Licht strahlte ihnen ent­ge­gen. Die Stein­blöcke über ihnen wur­den mehr und mehr ein Nebel, der zulet­zt wie eine weiße Wolke im Mond­schein aus­sah. Nun waren sie in der her­rlich­sten milden Luft; so frisch wie auf den Bergen, so duf­tend wie bei den Rosen des Thales. Da strömte ein Fluß so klar wie die Luft selb­st; und die Fis­che waren wie Sil­ber und Gold; pur­purrothe Aale, die bei jed­er Bewe­gung blaue Feuer­funken sprüht­en, spiel­ten unten im Wass­er; und die bre­it­en Nix­en­blu­men­blät­ter hat­ten des Regen­bo­gens Far­ben; die Blume selb­st war eine rothgelbe, bren­nende Flamme, der das Wass­er Nahrung gab, gle­ich­wie das Oel die Lampe beständig im Bren­nen erhält; eine feste Brücke von Mar­mor, aber so kün­stlich und fein aus­geschnit­ten, als wäre sie von Spitzen und Glasperlen gemacht, führte über das Wass­er zur Insel der Glück­seligkeit, wo der Garten des Paradieses blühte.
Der Ost­wind nahm den Prinzen auf seine Arme und trug ihn hinüber. Da san­gen die Blu­men und Blät­ter die schön­sten Lieder aus sein­er Kind­heit, aber so schwellend lieblich, wie keine men­schliche Stimme hier sin­gen kann.
Waren es Palm­bäume oder riesen­große Wasserpflanzen, die hier wuch­sen? So saftige und große Bäume hat­te der Prinz früher nie gese­hen; in lan­gen Guir­lan­den hin­gen da die wun­der­lich­sten Schlingpflanzen, wie man sie nur mit Far­ben und Gold auf dem Rande alter Heili­gen­büch­er, oder durch die Anfangs­buch­staben geschlun­gen, abge­bildet find­et. Das waren die selt­sam­sten Zusam­menset­zun­gen von Vögeln, Blu­men und Schnörkeln. Dicht daneben im Grase stand ein Schwarm Pfaue mit ent­fal­teten, strahlen­den Schweifen. Ja, das war wirk­lich so! Als aber der Prinz daran rührte, merk­te er, daß es keine Thiere, son­dern Pflanzen waren; es waren die großen Klet­ten, die hier gle­ich des Pfaues her­rlichem Schweife strahlten. Der Löwe und der Tiger sprangen gle­ich geschmei­di­gen Katzen zwis­chen den grü­nen Heck­en hin, die wie die Blu­men des Oliven­baumes dufteten; und der Löwe und der Tiger waren zahm. Die wilde Wald­taube glänzte wie die schön­ste Per­le und schlug mit ihren Flügeln den Löwen an die Mähne; und die Anti­lope, die son­st so scheu ist, stand daneben und nick­te mit dem Kopfe, als ob sie auch mit­spie­len wollte.
Nun kam die Fee des Paradieses; ihre Klei­der strahlten wie die Sonne, und ihr Antlitz war heit­er, wie das ein­er fro­hen Mut­ter, wenn sie recht glück­lich über ihr Kind ist. Sie war so jung und schön, und die hüb­schesten Mäd­chen, jede mit einem leuch­t­en­den Stern im Haar, fol­gten ihr. Der Ost­wind gab ihr das beschriebene Blatt vom Vogel Phönix und ihre Augen funkel­ten vor Freude. Sie nahm den Prinzen bei der Hand und führte ihn in ihr Schloß hinein, wo die Wände Far­ben hat­ten wie das prächtig­ste Tulpen­blatt, wenn es gegen die Sonne gehal­ten wird. Die Decke selb­st war eine große strahlende Blume, und je mehr man zu der­sel­ben hin­auf­sah, desto tiefer erschien ihr Kelch. Der Prinz trat an das Fen­ster und blick­te durch eine der Scheiben: da sah er den Baum der Erken­nt­niß mit der Schlange, und Adam und Eva standen dicht dabei. Sind die nicht ver­jagt?” fragte er. Und die Fee lächelte und erk­lärte ihm, daß die Zeit auf jed­er Scheibe ihr Bild einge­bran­nt habe; aber nicht, wie man es zu sehen gewohnt: nein, es war Leben darin; die Blät­ter der Bäume bewegten sich; die Men­schen kamen und gin­gen, wie in einem Spiegel­bilde. Und er sah durch eine andere Scheibe, und da war Jacob’s Traum, wo die Leit­er ger­ade bis in den Him­mel ging; und die Engel mit großen Schwin­gen schwebten auf und nieder. Ja, Alles, was in dieser Welt geschehen war, lebte und bewegte sich in den Glass­cheiben; solche kün­stliche Gemälde kon­nte nur die Zeit ein­bren­nen.
Die Fee lächelte und führte ihn in einen großen, hohen Saal, dessen Wände trans­par­ent erschienen. Hier waren Por­traits, das eine Gesicht immer schön­er als das andere. Man sah Mil­lio­nen Glück­lich­er, die lächel­ten und san­gen, sodaß es in eine Melodie zusam­men­floß; die Aller­ober­sten waren so klein, daß sie klein­er erschienen als die kle­in­ste Rosen­knospe, wenn sie wie ein Punkt auf das Papi­er geze­ich­net wird. Und mit­ten im Saale stand ein großer Baum mit hän­gen­den, üppi­gen Zweigen; gold­ene Aepfel, große und kleine, hin­gen wie Apfelsi­nen zwis­chen den grü­nen Blät­tern. Das war der Baum der Erken­nt­niß, von dessen Frucht Adam und Eva gegessen hat­ten. Von jedem Blat­te tröpfelte ein glänzen­der, rother Thautropfen; es war als ob der Baum blutige Trä­nen weinte.
Laßt uns nun in das Boot steigen!” sagte die Fee; da wollen wir Erfrischun­gen auf dem schwellen­den Wass­er genießen! Das Boot schaukelt und kommt nicht von der Stelle, aber alle Län­der der Welt gleit­en an unsern Augen vorüber.” Und es war wun­der­bar anzuse­hen, wie sich die ganze Küste bewegte. Da kamen die hohen schneebe­deck­ten Alpen mit Wolken und schwarzen Tan­nen; das Horn erk­lang so tief wehmüthig, und der Hirte jodelte so hüb­sch im Thale. Dann bogen die Bana­nen­bäume ihre lan­gen, hän­gen­den Zweige über das Boot nieder; kohlschwarze Schwäne schwammen auf dem Wass­er, und die selt­sam­sten Tiere und Blu­men zeigten sich am Ufer: das war Neuhol­land, der fün­fte Welt­theil, der mit ein­er Aus­sicht auf die blauen Berge vor­bei­glitt. Man hörte den Gesang der Priester und sah den Tanz der Wilden zum Schall der Trom­meln und der knöch­er­nen Trompe­ten. Aegyptens Pyra­mi­den, die bis in die Wolken ragten, umgestürzte Säulen und Sphin­xe, halb im Sande begraben, segel­ten eben­falls vor­bei. Die Nordlichter leuchteten über aus­ge­bran­nte Vulka­ne des Nor­dens: das war ein Feuer­w­erk, was Nie­mand nach­machen kon­nte. Der Prinz war so glück­selig; ja, er sah noch hun­dert Mal mehr, als was wir hier erzählen.
Und ich kann immer hier bleiben?” fragte er.
Das kommt auf Dich selb­st an!” erwiederte die Fee. Wenn Du nicht, wie Adam, Dich gelüsten läßt, das Ver­botene zu thun, so kannst Du immer hier bleiben!”
Ich werde die Aepfel auf dem Erken­nt­nißbaume nicht anrühren!” sagte der Prinz. Hier sind ja Tausende von Frücht­en, eben­so schön wie die!”
Prüfe Dich selb­st, und bist Du nicht stark genug, so gehe mit dem Ost­winde, der Dich her­brachte. Er fliegt nun zurück und läßt sich vor hun­dert Jahren hier nicht wieder blick­en; die Zeit wird an diesem Ort für Dich verge­hen, als wären es nur hun­dert Stun­den; aber es ist eine lange Zeit für die Ver­suchung und Sünde. Jeden Abend, wenn ich von Dir gehe, muß ich Dir zurufen: Komm mit! Ich muß Dir mit der Hand winken, aber bleibe zurück. Gehe nicht mit, denn son­st wird mit jedem Schritte Deine Sehn­sucht größer wer­den. Du kommst dann in den Saal, wo der Baum der Erken­nt­niß wächst; ich schlafe unter seinen duf­ten­den, hän­gen­den Zweigen; Du wirst Dich über mich beu­gen, und ich muß lächeln; drückst Du aber einen Kuß auf meinen Mund, so sinkt das Paradies tief in die Erde, und es ist für Dich ver­loren. Der Wüste schar­fer Wind wird Dich umsausen, der kalte Regen von Deinem Haupte träufeln. Kum­mer und Drangsal wird Dein Erbtheil.”
Ich bleibe hier!” sagte der Prinz. Und der Ost­wind küßte ihn auf die Stirn und sagte: Sei stark, dann tre­f­fen wir uns nach hun­dert Jahren wieder! Lebe wohl! Lebe wohl!” Und der Ost­wind bre­it­ete seine großen Flügel aus; sie glänzten wie das Wet­ter­leucht­en in der Ern­tezeit oder wie das Nordlicht im kalten Win­ter.
Lebe wohl! Lebe wohl!” ertönte es von Blu­men und Bäu­men. Störche und Pelikane flo­gen wie flat­ternde Bän­der in Rei­hen und geleit­eten ihn bis zur Gren­ze des Gartens.
Nun begin­nen wir unsere Tänze!” sagte die Fee. Zum Schlusse, wo ich mit Dir tanze, wirst Du, indem die Sonne sinkt, sehen, daß ich Dir winke; Du wirst mich Dir zurufen hören: Komm mit! Aber thue es nicht! Hun­dert Jahre lang muß ich es jeden Abend wieder­holen; jedes­mal, wenn die Zeit vor­bei ist, gewinnst Du mehr Kraft; zulet­zt denkst Du gar nicht mehr daran. Heute Abend ist es zum ersten Mal; nun hab’ ich Dich gewarnt.
Und die Fee führte ihn in einen großen Saal von weißen durch­sichti­gen Lilien; die gel­ben Staubfä­den in jed­er Blume bilde­ten eine kleine Gold­harfe, die mit Sait­en­laut und Flö­ten­ton erk­lang. Die schön­sten Mäd­chen, schwebend und schlank, in wogen­den Flor gek­lei­det, sodaß man die reizen­den Glieder sah, schwebten im Tanze und san­gen, wie her­rlich es sei, zu leben, und daß sie nie ster­ben wür­den, und daß der Garten des Paradieses ewig blühen würde.
Und die Sonne ging unter; der ganze Him­mel wurde ein Gold, welch­es den Lilien den Schein der her­rlich­sten Rosen gab; und der Prinz trank von dem schäu­menden Wein, welchen die Mäd­chen ihm reicht­en, und fühlte eine Glück­seligkeit, wie nie zuvor. Er sah, wie der Hin­ter­grund des Saales sich öffnete, und der Baum der Erken­nt­niß stand in einem Glanze, der seine Augen blendete; der Gesang dort war weich und lieblich, wie sein­er Mut­ter Stimme, und es war, als ob sie sänge: Mein Kind! mein geliebtes Kind!“
Da wink­te die Fee und rief so liebevoll: Komm mit! Komm mit!” Und er stürzte ihr ent­ge­gen, ver­gaß sein Ver­sprechen, ver­gaß es schon den ersten Abend, und sie wink­te und lächelte. Der Duft, der gewürzige Duft rings umher wurde stärk­er; die Har­fen ertön­ten weit lieblich­er, und es war, als ob die Mil­lio­nen lächel­nder Köpfe im Saale, wo der Baum wuchs, nick­ten und sän­gen: Alles muß man ken­nen! Der Men­sch ist der Herr der Erde!” Und es waren keine bluti­gen Thrä­nen mehr, welche von den Blät­tern des Erken­nt­nißbaumes fie­len: es waren rothe, funkel­nde Sterne, die er zu erblick­en glaubte. Komm mit! Komm mit!” lauteten die beben­den Töne, und bei jedem Schritte bran­nten des Prinzen Wan­gen heißer, bewegte sein Blut sich rasch­er. Ich muß!” sagte er. Es ist ja keine Sünde, kann keine sein! Weshalb nicht der Schön­heit und der Freude fol­gen? Sie schlafen sehen will ich; es ist ja nichts ver­loren, wenn ich es nur unter­lasse, sie zu küssen; und küssen werde ich sie nicht; ich bin stark; ich habe einen fes­ten Willen!“
Und die Fee warf ihren strahlen­den Anzug ab, bog die Zweige zurück, und nach einem Augen­blick war sie darin ver­bor­gen.
Noch habe ich nicht gesündigt,” sagte der Prinz, und will es auch nicht!” Und dann bog er die Zweige zur Seite: da schlief sie bere­its; schön, wie nur die Fee im Garten des Paradieses es sein kann. Sie lächelte im Traume, er bog sich über sie nieder und sah zwis­chen ihren Augen­lid­ern Thrä­nen beben!
Weinst Du über mich?” flüsterte er. Weine nicht, Du her­rlich­es Weib! Nun begreife ich erst des Paradieses Glück! Es durch­strömt mein Blut, meine Gedanken; die Kraft des Cherubs und des ewigen Lebens füh­le ich in meinem irdis­chen Kör­p­er! Möge es ewig Nacht für mich wer­den: eine Minute, wie diese, ist Reichthum genug!” Und er küßte die Thrä­nen aus ihren Augen; sein Mund berührte den ihri­gen. -
Da krachte ein Don­ner­schlag, so tief und schreck­lich, wie Nie­mand ihn je gehört. Und Alles stürzte zusam­men; die schöne Fee, das blühende Paradies sank, sank tiefer und tiefer. Der Prinz sah es in die schwarze Nacht versinken; wie ein klein­er leuch­t­en­der Stern strahlte es aus weit­er Ferne; Todeskälte durch­schauerte seinen Kör­p­er; er schloß seine Augen und lag lange wie todt.
Der kalte Regen fiel ihm in das Gesicht, der scharfe Wind blies um sein Haupt: da kehrten seine Sinne zurück. Was habe ich geth­an!” seufzte er. Ich habe gesündigt, wie Adam — gesündigt, sodaß das Paradies tief ver­sunken ist!” Und er öffnete seine Augen; den Stern in der Ferne, den Stern, der wie das gesunkene Paradies funkelte, sah er noch — es war der Mor­gen­stern am Him­mel.
Er erhob sich und war in dem großen Walde dicht bei der Höh­le der Winde; und die Mut­ter der Winde saß an sein­er Seite; sie sah böse aus und erhob ihren Arm in die Luft.
Schon den ersten Abend!” sagte sie. Das dachte ich wohl! Ja, wärest Du mein Sohn, so müßtest Du in den Sack!”
Da soll er hinein!” sagte der Tod. Das war ein stark­er, alter Mann mit ein­er Sense in der Hand und mit großen schwarzen Schwin­gen. In den Sarg soll er gelegt wer­den; aber jet­zt noch nicht; ich zeichne ihn nur, lasse ihn dann noch eine Weile in der Welt herumwan­dern, seine Sünde süh­nen, gut und bess­er wer­den. — Ich komme aber ein­mal. Wenn er es ger­ade am wenig­sten erwartet, stecke ich ihn in den schwarzen Sarg, set­ze ihn auf meinen Kopf und fliege gegen den Stern empor. Auch dort blüht des Paradieses Garten, und ist er gut und fromm, so wird er hinein­treten; sind aber seine Gedanken böse und das Herz noch voller Sünde, so sinkt er mit dem Sarge tiefer als das Paradies gesunken, und nur jedes tausend­ste Jahr hole ich ihn wieder, damit er noch tiefer sinke oder auf den Stern gelange, den funkel­nden Stern dort oben!”