Der Fuchs und der Krebs

von Ludwig Bechstein

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Ein Krebs kroch aus seinem Bache her­vor auf das grüne Gras ein­er Wiese, all­da er sich gütlich tat. Da kam ein Fuchs daher, sah den Krebs langsam kriechen und sprach spöt­tisch zu ihm: »Herr Krebs, wie geht Ihr doch so gemäch­lich? Wer nahm Euch Eure Schnel­ligkeit? Oder wann gedenkt Ihr über die Wiese zu kom­men? Aus Euerm Gange merke ich wohl, daß Ihr bess­er hin­ter­rücks als vor­wärts gehen könnt!«

Der Krebs war nicht dumm, er antwortete alsobald dem Fuchs: »Herr Fuchs, Ihr ken­nt meine Natur nicht. Ich bin edel und wert, ich bin schneller und leichter und laufe rasch­er als Ihr und Eure Art, und wer mir das nicht gön­nt, den möge der Teufel rif­feln. Herr Fuchs, wollt Ihr mit mir eine Wette laufen? Ich set­ze gle­ich ein Pfund zum Pfande!«

»Nichts wäre mir lieber«, sprach der Fuchs. »Wollt Ihr von Bern nach Basel laufen oder von Bre­men nach Brabant?«

»O nein«, sprach der Krebs, »das Ziel wäre zu fern! Ich dächte, wir liefen eine halbe oder eine ganze Melle miteinan­der, das wird uns bei­den nicht zu viel sein!«

»Eine Meile, eine Meile!« schrie der Fuchs eifrig.

Und der Krebs begann wieder: »Ich gebe Euch auch eine hüb­sche Vor­gabe, ohne daß Ihr die annehmt, mag ich gar nicht laufen. «

»Und wie soll die Vor­gabe sein?« fragte der Fuchs.

Der Krebs antwortete: »Ger­ade eine Fuch­slänge soll sie beschaf­fen sein. Ihr tretet vor mich, und ich trete hin­ter Euch. daß Eure Hin­ter­füße an meinen Kopf stoßen, und wenn ich sage: Nun wohl hin! – so heben wir an zu laufen.«

Dem Fuchs gefiel die Rede wohl; er sagte: »Ich gehorche Euch in allen Stücken.«

Und da kehrte er dem Krebs sein Hin­terteil zu, mit dem großen und starken haari­gen Schwanze, in den schlug der Krebs seine Scheren, ohne daß der Fuchs es merk­te, und rief: »Nun wohl hin!«

Und da lief der Fuchs, wie er in seinem Leben noch nicht gelaufen war, daß ihm die Füße schmerzten, und als das Ziel erre­icht war, so drehte er sich geschwind herum und schrie: »Wo ist nun der dumme Krebs? Wo seid Ihr? Ihr säumt gar zu lange! «

Der Krebs aber, der dem Ziele jet­zt näher stand als der Fuchs, rief hin­ter ihm: »Herr Fuchs! Was will diese Rede sagen? Warum seid Ihr so langsam? Ich ste­he schon eine hüb­sche Weile hier und warte auf Euch! Warum kommt Ihr so saumselig?«

Der Fuchs erschrak ordentlich und sprach: »Euch muß der Teufel aus der Hölle herge­bracht haben!« zahlte seine Wette, zog den Schwanz ein und strich von dannen.