Der Froschkönig oder der eiserne Heinrich

von Brüder Grimm

~7 Min

In den alten Zeit­en, wo das Wün­schen noch geholfen hat, lebte ein König, dessen Töchter waren alle schön; aber die jüng­ste war so schön, dass die Sonne sel­ber, die doch so vieles gese­hen hat, sich ver­wun­derte, sooft sie ihr ins Gesicht schien. Nahe bei dem Schlosse des Königs lag ein gross­er dun­kler Wald, und in dem Walde unter ein­er alten Linde war ein Brun­nen; wenn nun der Tag recht heiss war, so ging das Königskind hin­aus in den Wald und set­zte sich an den Rand des kühlen Brun­nens – und wenn sie Langeweile hat­te, so nahm sie eine gold­ene Kugel, warf sie in die Höhe und fing sie wieder; und das war ihr lieb­stes Spielwerk.

Nun trug es sich ein­mal zu, dass die gold­ene Kugel der Königstochter nicht in ihr Händ­chen fiel, das sie in die Höhe gehal­ten hat­te, son­dern vor­bei auf die Erde schlug und ger­adezu ins Wass­er hinein­rollte. Die Königstochter fol­gte ihr mit den Augen nach, aber die Kugel ver­schwand, und der Brun­nen war tief, so tief, dass man keinen Grund sah. Da fing sie an zu weinen und weinte immer lauter und kon­nte sich gar nicht trösten. Und wie sie so klagte, rief ihr jemand zu: Was hast du vor, Königstochter, du schreist ja, dass sich ein Stein erbar­men möchte.“ Sie sah sich um, woher die Stimme käme, da erblick­te sie einen Frosch, der seinen dick­en, hässlichen Kopf aus dem Wass­er streck­te. Ach, du bist’s, alter Wasser­patsch­er,“ sagte sie, ich weine über meine gold­ene Kugel, die mir in den Brun­nen hin­abge­fall­en ist.“ – Sei still und weine nicht,“ antwortete der Frosch, ich kann wohl Rat schaf­fen, aber was gib­st du mir, wenn ich dein Spiel­w­erk wieder her­auf­hole?“ – Was du haben willst, lieber Frosch,“ sagte sie; meine Klei­der, meine Perlen und Edel­steine, auch noch die gold­ene Kro­ne, die ich trage.“ Der Frosch antwortete: Deine Klei­der, deine Perlen und Edel­steine und deine gold­ene Kro­ne, die mag ich nicht: aber wenn du mich lieb­haben willst, und ich soll dein Geselle und Spielka­m­er­ad sein, an deinem Tis­chlein neben dir sitzen, von deinem gold­e­nen Teller­lein essen, aus deinem Becher­lein trinken, in deinem Bet­tlein schlafen: wenn du mir das ver­sprichst, so will ich hin­un­ter­steigen und dir die gold­ene Kugel wieder her­auf­holen.“ – Ach ja,“ sagte sie, ich ver­spreche dir alles, was du willst, wenn du mir nur die Kugel wieder bringst.“ Sie dachte aber: Was der ein­fältige Frosch schwätzt! Der sitzt im Wass­er bei seines­gle­ichen und quakt und kann keines Men­schen Geselle sein.

Der Frosch, als er die Zusage erhal­ten hat­te, tauchte seinen Kopf unter, sank hinab, und über ein Weilchen kam er wieder her­aufgerud­ert, hat­te die Kugel im Maul und warf sie ins Gras. Die Königstochter war voll Freude, als sie ihr schönes Spiel­w­erk wieder erblick­te, hob es auf und sprang damit fort. Warte, warte,“ rief der Frosch, nimm mich mit, ich kann nicht so laufen wie du!“ Aber was half es ihm, dass er ihr sein Quak, Quak so laut nach­schrie, als er kon­nte! Sie hörte nicht darauf, eilte nach Hause und hat­te bald den armen Frosch vergessen, der wieder in seinen Brun­nen hin­ab­steigen musste.

Am andern Tage, als sie mit dem König und allen Hofleuten sich zur Tafel geset­zt hat­te und von ihrem gold­e­nen Teller­lein ass, da kam, plitsch platsch, plitsch platsch, etwas die Mar­mortreppe her­aufgekrochen, und als es oben ange­langt war, klopfte es an die Tür und rief: Königstochter, jüng­ste, mach mir auf!“ Sie lief und wollte sehen, wer draussen wäre, als sie aber auf­machte, so sass der Frosch davor. Da warf sie die Tür hastig zu, set­zte sich wieder an den Tisch, und es war ihr ganz angst. Der König sah wohl, dass ihr das Herz gewaltig klopfte, und sprach: Mein Kind, was fürcht­est du dich, ste­ht etwa ein Riese vor der Tür und will dich holen?“ – Ach nein,“ antwortete sie, es ist kein Riese, son­dern ein garstiger Frosch.“ – Was will der Frosch von dir?“ – Ach, lieber Vater, als ich gestern im Wald bei dem Brun­nen sass und spielte, da fiel meine gold­ene Kugel ins Wass­er. Und weil ich so weinte, hat sie der Frosch wieder her­aufge­holt, und weil er es dur­chaus ver­langte, so ver­sprach ich ihm, er sollte mein Geselle wer­den; ich dachte aber nim­mer­mehr, dass er aus seinem Wass­er her­auskön­nte. Nun ist er draussen und will zu mir here­in.“ Und schon klopfte es zum zweit­en­mal und rief: 

Königstochter, jüng­ste,
Mach mir auf,
Weisst du nicht, was gestern
Du zu mir gesagt
Bei dem kühlen Wasserbrunnen?
Königstochter, jüngste,
Mach mir auf!“

Da sagte der König: Was du ver­sprochen hast, das musst du auch hal­ten; geh nur und mach ihm auf.“ Sie ging und öffnete die Türe, da hüpfte der Frosch here­in, ihr immer auf dem Fusse nach, bis zu ihrem Stuhl. Da sass er und rief: Heb mich her­auf zu dir.“ Sie zaud­erte, bis es endlich der König befahl. Als der Frosch erst auf dem Stuhl war, wollte er auf den Tisch, und als er da sass, sprach er: Nun schieb mir dein gold­enes Teller­lein näher, damit wir zusam­men essen.“ Das tat sie zwar, aber man sah wohl, dass sie’s nicht gerne tat. Der Frosch liess sich’s gut schmeck­en, aber ihr blieb fast jedes Bisslein im Halse. Endlich sprach er: Ich habe mich sattgegessen und bin müde; nun trag mich in dein Käm­mer­lein und mach dein sei­den Bet­tlein zurecht, da wollen wir uns schlafen leg­en.“ Die Königstochter fing an zu weinen und fürchtete sich vor dem kalten Frosch, den sie nicht anzurühren getraute und der nun in ihrem schö­nen, reinen Bet­tlein schlafen sollte. Der König aber ward zornig und sprach: Wer dir geholfen hat, als du in der Not warst, den sollst du her­nach nicht ver­acht­en.“ Da pack­te sie ihn mit zwei Fin­gern, trug ihn hin­auf und set­zte ihn in eine Ecke. Als sie aber im Bett lag, kam er gekrochen und sprach: Ich bin müde, ich will schlafen so gut wie du: heb mich her­auf, oder ich sag’s deinem Vater.“ Da ward sie erst bit­ter­böse, holte ihn her­auf und warf ihn aus allen Kräften wider die Wand: Nun wirst du Ruhe haben, du garstiger Frosch.“

Als er aber her­ab­fiel, war er kein Frosch, son­dern ein Königssohn mit schö­nen und fre­undlichen Augen. Der war nun nach ihres Vaters Willen ihr lieber Geselle und Gemahl. Da erzählte er ihr, er wäre von ein­er bösen Hexe ver­wün­scht wor­den, und nie­mand hätte ihn aus dem Brun­nen erlösen kön­nen als sie allein, und mor­gen woll­ten sie zusam­men in sein Reich gehen. Dann schliefen sie ein, und am andern Mor­gen, als die Sonne sie aufweck­te, kam ein Wagen herange­fahren, mit acht weis­sen Pfer­den bespan­nt, die hat­ten weisse Strauss­fed­ern auf dem Kopf und gin­gen in gold­e­nen Ket­ten, und hin­ten stand der Diener des jun­gen Königs, das war der treue Hein­rich. Der treue Hein­rich hat­te sich so betrübt, als sein Herr war in einen Frosch ver­wan­delt wor­den, dass er drei eis­erne Bande hat­te um sein Herz leg­en lassen, damit es ihm nicht vor Weh und Trau­rigkeit zer­spränge. Der Wagen aber sollte den jun­gen König in sein Reich abholen; der treue Hein­rich hob bei­de hinein, stellte sich wieder hin­ten auf und war voller Freude über die Erlösung.

Und als sie ein Stück Wegs gefahren waren, hörte der Königssohn, dass es hin­ter ihm krachte, als wäre etwas zer­brochen. Da drehte er sich um und rief: 

Hein­rich, der Wagen bricht!“
Nein, Herr, der Wagen nicht,
Es ist ein Band von meinem Herzen,
Das da lag in grossen Schmerzen,
Als Ihr in dem Brun­nen sasst,
Als Ihr eine Fretsche (Frosch) wast (wart).“

Noch ein­mal und noch ein­mal krachte es auf dem Weg, und der Königssohn meinte immer, der Wagen bräche, und es waren doch nur die Bande, die vom Herzen des treuen Hein­rich absprangen, weil sein Herr erlöst und glück­lich war.