Der Frieder und das Katherlieschen

von Brüder Grimm

~12 Min

Es war ein Mann, der hiess Frieder, und eine Frau, die hiess Kather­li­eschen, die hat­ten einan­der geheiratet und lebten zusam­men als junge Eheleute. Eines Tages sprach der Frieder: Ich will jet­zt zu Ack­er, Kather­li­eschen, wann ich wiederkomme, muss etwas Gebratenes auf dem Tisch ste­hen für den Hunger, und ein frisch­er Trunk dabei für den Durst.“ – Geh nur, Friederchen,“ antwortete Kather­li­eschen. Geh nur, will dir’s schon recht machen.“ Als nun die Essen­szeit her­beirück­te, holte sie eine Wurst aus dem Schorn­stein, tat sie in eine Bratp­fanne, legte But­ter dazu und stellte sie übers Feuer. Die Wurst fing an zu brat­en und zu brutzeln, Kather­li­eschen stand dabei, hielt den Pfan­nen­stiel und hat­te so seine Gedanken. Da fiel ihm ein: Bis die Wurst fer­tig wird, der­weil kön­ntest du ja im Keller den Trunk zapfen. Also stellte es den Pfan­nen­stiel fest, nahm eine Kanne, ging hinab in den Keller und zapfte Bier. Das Bier lief in die Kanne und Kather­li­eschen sah ihm zu. Da fiel ihm ein: Hol­la, der Hund oben ist nicht beige­tan, der kön­nte die Wurst aus der Pfanne holen, du kämst mir recht. Und im Hui war es die Kellertreppe hin­auf. Aber der Spitz hat­te die Wurst schon im Maul und schleifte sie auf der Erde mit sich fort. Doch Kather­li­eschen, nicht faul, set­zte ihm nach und jagte ihn ein gut Stück ins Feld; aber der Hund war geschwinder als Kather­li­eschen, liess auch die Wurst nicht fahren, son­dern über die Ack­er hin­hüpfen. Hin ist hin!“ sprach Kather­li­eschen, kehrte um, und weil es sich müde gelaufen hat­te, ging es hüb­sch langsam und kühlte sich ab. Während der Zeit lief das Bier aus dem Fass immerzu, denn Kather­li­eschen hat­te den Hahn nicht umge­dreht, und als die Kanne voll und son­st kein Platz da war, so lief es in den Keller und hörte nicht eher auf, als bis das ganze Fass leer war. Kather­li­eschen sah schon auf der Treppe das Unglück. Spuk,“ rief es, was fängst du jet­zt an, dass es der Frieder nicht merkt!“ Es besann sich ein Weilchen, endlich fiel ihm ein, von der let­zten Kirmes stände noch ein Sack mit schönem Weizen­mehl auf dem Boden, das wollte es her­ab­holen und in das Bier streuen. Ja,“ sprach es, wer zu recht­en Zeit was spart, der hat’s her­nach in der Not,“ stieg auf den Boden, trug den Sack herab und warf ihn ger­ade auf die Kanne voll Bier, dass sie umstürzte und der Trunk des Frieders auch im Keller schwamm. Es ist ganz recht,“ sprach Kather­li­eschen, wo eins ist, muss das andere auch sein,“ und zer­streute das Mehl im ganzen Keller. Als es fer­tig war, freute es sich gewaltig über seine Arbeit und sagte: Wie’s so rein­lich und sauber hier aussieht!“

Um Mit­tagszeit kam der Frieder heim. Nun, Frau, was hast du mir zurecht­gemacht?“ – Ach, Friederchen,“ antwortete sie, ich wollte dir ja eine Wurst brat­en, aber während ich das Bier dazu zapfte, hat sie der Hund aus der Pfanne wegge­holt, und während ich dem Hund nach­sprang, ist das Bier aus­ge­laufen, und als ich das Bier mit dem Weizen­mehl auftrock­nen wollte, hab ich die Kanne auch noch umgestossen; aber sei nur zufrieden, der Keller ist wieder ganz trock­en.“ Sprach der Frieder: Kather­li­eschen, Kather­li­eschen, das hättest du nicht tun müssen! Lässt die Wurst weg­holen und das Bier aus dem Fass laufen und ver­schüttest oben­drein unser feines Mehl!“ – Ja, Friederchen, das habe ich nicht gewusst, hättest mir’s sagen müssen.“

Der Mann dachte: Geht das so mit dein­er Frau, so musst du dich bess­er vorse­hen. Nun hat­te er eine hüb­sche Summe Taler zusam­menge­bracht, die wech­selte er in Gold ein und sprach zum Kather­li­eschen: Siehst du, das sind gelbe Gic­k­elinge, die will ich in einen Topf tun und im Stall unter der Kuhkrippe ver­graben, aber dass du mir ja davon­bleib­st, son­st geht dir’s schlimm.“ Sprach sie: Nein, Friederchen, will’s gewiss nicht tun!“ Nun, als der Frieder fort war, da kamen Krämer, die irdne Näpfe und Töpfe feil hat­ten, ins Dorf und fragten bei der jun­gen Frau an, ob sie nichts zu han­deln hätte. Oh, ihr lieben Leute,“ sprach Kather­li­eschen, ich habe kein Geld und kann nichts kaufen; aber kön­nt ihr gelbe Gic­k­elinge brauchen, so will ich wohl kaufen.“ – Gelbe Gic­k­elinge, warum nicht? Lasst sie ein­mal sehen.“ – So geht in den Stall und grabt unter der Kuhkrippe, so werdet ihr die gel­ben Gic­k­elinge find­en, ich darf nicht dabeige­hen.“ Die Spitzbuben gin­gen hin, gruben und fan­den eit­el Gold. Da pack­ten sie auf damit, liefen fort und liessen die Töpfe und Näpfe im Hause ste­hen. Kather­li­eschen meinte, sie müsste das neue Geschirr auch brauchen; weil nun in der Küche ohne­hin kein Man­gel daran war, schlug sie jedem Topf den Boden aus und steck­te sie ins­ge­samt zum Zier­at auf die Zaunpfäh­le rings ums Haus herum. Wie der Frieder kam und den neuen Zier­at sah, sprach er: Kather­li­eschen, was hast du gemacht?“ – Hab’s gekauft, Friederchen, für die gel­ben Gic­k­elinge, die unter der Kuhkrippe steck­ten, bin sel­ber nicht dabeige­gan­gen, die Krämer haben sich’s her­aus­graben müssen.“ – Ach, Frau,“ sprach der Frieder, was hast du gemacht! Das waren keine Gic­k­elinge, es war eit­el Gold und war all unser Ver­mö­gen; das hättest du nicht tun sollen!“ – Ja, Friederchen,“ antwortete sie, das hab‘ ich nicht gewusst, hättest mir’s vorher sagen sollen.“

Kather­li­eschen stand ein Weilchen und besann sich, da sprach sie: Hör, Friederchen, das Gold wollen wir schon wiederkriegen, wollen hin­ter den Dieben her­laufen.“ – So komm,“ sprach der Frieder, wir wollen’s ver­suchen; nimm aber Brot und Käse mit, dass wir auf dem Weg was zu essen haben.“ – Ja, Friederchen, will’s mit­nehmen.“ Sie macht­en sich fort, und weil der Frieder bess­er zu Fuss war, ging Kather­li­eschen hin­ten nach. Ist mein Vorteil, dachte es, wenn wir umkehren, hab ich ja ein Stück voraus. Nun kam es an einen Berg, wo auf bei­den Seit­en des Wegs tiefe Fahrgleise waren. Da sehe ein­er,“ sprach Kather­li­eschen, was sie das arme Erdre­ich zer­ris­sen, geschun­den und gedrückt haben! Das wird sein Leb­tag nicht wieder heil.“ Und aus mitlei­di­gem Herzen nahm es seine But­ter und bestrich die Gleise, rechts und links, damit sie von den Rädern nicht so gedrückt wür­den. Und wie es sich bei sein­er Barmherzigkeit so bück­te, rollte ihm ein Käse aus der Tasche den Berg hinab. Sprach das Kather­li­eschen: Ich habe den Weg schon ein­mal her­aufgemacht, ich gehe nicht wieder hinab, es mag ein ander­er hin­laufen und ihn wieder­holen.“ Also nahm es einen andern Käs und rollte ihn hinab. Die Käse aber kamen nicht wieder, da liess es noch einen drit­ten hin­ablaufen und dachte: Vielle­icht warten sie auf Gesellschaft und gehen nicht gern allein. Als sie alle drei aus­blieben, sprach es: Ich weiss nicht, was das vorstellen soll! Doch kann’s ja sein, der dritte hat den Weg nicht gefun­den und sich verir­rt, ich will nur den vierten schick­en, dass er sie her­beiruft.“ Der vierte machte es aber nicht bess­er als der dritte. Da ward das Kather­li­eschen ärg­er­lich und warf noch den fün­ften und sech­sten hinab, und das waren die let­zten. Eine Zeit­lang blieb es ste­hen und lauerte, dass sie kämen, als sie aber immer nicht kamen, sprach es: Oh, ihr seid gut nach dem Tod schick­en, ihr bleibt fein lange aus! Meint ihr, ich wollt noch länger auf euch warten? Ich gehe mein­er Wege, ihr kön­nt mir nach­laufen, ihr habt jün­gere Beine als ich.“ Kather­li­eschen ging fort und fand den Frieder, der war ste­hen geblieben und hat­te gewartet, weil er gerne was essen wollte. Nun gib ein­mal her, was du mitgenom­men hast.“ Sie reichte ihm das trock­ene Brot. Wo ist But­ter und Käse?“ fragte der Mann. Ach, Friederchen,“ sagte Kather­li­eschen, mit der But­ter hab ich die Fahrgleise geschmiert, und die Käse wer­den bald kom­men; ein­er lief mir fort, da hab ich die andern nachgeschickt, sie soll­ten ihn rufen.“ Sprach der Frieder: Das hättest du nicht tun sollen, Kather­li­eschen, die But­ter an den Weg schmieren und die Käse den Berg hinabrollen.“ – Ja, Friederchen, hättest mir’s sagen müssen!“

Da assen sie das trock­ene Brot zusam­men, und der Frieder sagte: Kather­li­eschen, hast du auch unser Haus ver­wahrt, wie du fort­ge­gan­gen bist?“ -„Nein, Friederchen, hättest mir’s vorher sagen sollen.“ – So geh wieder heim und bewahr erst das Haus, ehe wir weit­erge­hen; bring auch etwas anderes zu essen mit, ich will hier auf dich warten.“ Kather­li­eschen ging zurück und dachte: Friederchen will etwas anderes zu essen, But­ter und Käse schmeckt ihm wohl nicht, so will ich ein Tuch voll Hutzeln und einen Krug Essig zum Trunk mit­nehmen. Danach riegelte es die Obertüre zu, aber die Untertüre hob es aus, nahm sie auf die Schul­ter und glaubte, wenn es die Türe in Sicher­heit gebracht hätte, müsste das Haus wohl bewahrt sein. Kather­li­eschen nahm sich Zeit zum Weg und dachte: Desto länger ruht sich Friederchen aus. Als es ihn wieder erre­icht hat­te, sprach es: Da, Friederchen, hast du die Haustüre, da kannst du das Haus sel­ber ver­wahren.“ – Ach, Gott!“ sprach er, was hab ich für eine kluge Frau! Hebt die Türe unten aus, dass alles hinein­laufen kann, und riegelt sie oben zu. Jet­zt ist’s zu spät, noch ein­mal nach Haus zu gehen, aber hast du die Türe hier­herge­bracht, so sollst du sie auch fern­er tra­gen.“ – Die Türe will ich tra­gen, Friederchen, aber die Hutzeln und der Essigkrug wer­den mir zu schw­er, ich hänge sie an die Türe, die mag sie tragen.“

Nun gin­gen sie in den Wald und sucht­en die Spitzbuben, aber sie fan­den sie nicht. Weil’s endlich dunkel ward, stiegen sie auf einen Baum und woll­ten da über­nacht­en. Kaum aber sassen sie oben, so kamen die Ker­le daher, die fort­tra­gen, was nicht mit­ge­hen will, und die Dinge find­en, ehe sie ver­loren sind. Sie liessen sich ger­ade unter dem Baum nieder, auf dem Frieder und Kather­li­eschen sassen, macht­en sich ein Feuer an und woll­ten ihre Beute teilen. Der Frieder stieg von der andern Seite herab und sam­melte Steine, stieg damit wieder hin­auf und wollte die Diebe totwer­fen. Die Steine aber trafen nicht, und die Spitzbuben riefen: Es ist bald Mor­gen, der Wind schüt­telt die Tan­näpfel herunter.“ Kather­li­eschen hat­te die Tür noch immer auf der Schul­ter, und weil sie so schw­er drück­te, dachte es, die Hutzeln wären schuld, und sprach: Friederchen, ich muss die Hutzeln hin­ab­w­er­fen.“ – Nein, Kather­li­eschen, jet­zt nicht,“ antwortete er, sie kön­nten uns ver­rat­en.“ – Ach, Friederchen, ich muss, sie drück­en mich gar zu sehr.“ – Nun so tu’s, ins Henkers Namen!“ Da roll­ten die Hutzeln zwis­chen den Ästen herab, und die Ker­le unten sprachen: Die Vögel mis­ten.“ Eine Weile danach, weil die Türe noch immer drück­te, sprach Kather­li­eschen: Ach, Friederchen, ich muss den Essig auss­chüt­ten.“ – Nein, Kather­li­eschen, das darf­st du nicht, es kön­nte uns ver­rat­en.“ – Ach, Friederchen, ich muss, es drückt mich gar zu sehr.“ – Nun so tu’s, ins Henkers Namen!“ Da schüt­tete es den Essig aus, dass es die Ker­le bespritzte. Sie sprachen untere­inan­der: Der Tau tröpfelt schon herunter.“ Endlich dachte Kather­li­eschen: Sollte es wohl die Türe sein, was mich so drückt? und sprach: Friederchen, ich muss die Türe hin­ab­w­er­fen.“ – Nein, Kather­li­eschen, jet­zt nicht, sie kön­nte uns ver­rat­en.“ – Ach, Friederchen, ich muss, sie drückt mich gar zu sehr.“ – Nein, Kather­li­eschen, halt sie ja fest!“ – Ach, Friederchen, ich lass sie fall­en.“ – Ei,“ antwortete Frieder ärg­er­lich, so lass sie fall­en ins Teufels Namen!“ Da fiel sie herunter mit starkem Gepolter, und die Ker­le unten riefen: Der Teufel kommt vom Baum herab,“ ris­sen aus und liessen alles im Stich. Früh­mor­gens, wie die zwei herun­terka­men, fan­den sie all ihr Gold wieder und trugen’s heim.

Als sie wieder zu Haus waren, sprach der Frieder: Kather­li­eschen, nun musst du aber auch fleis­sig sein und arbeit­en.“ – Ja, Friederchen, will’s schon tun, will ins Feld gehen, Frucht schnei­den.“ Als Kather­li­eschen im Feld war, sprach’s mit sich sel­ber: Ess ich, ehe ich schneid, oder schlaf ich, ehe ich schneid? Hei, ich will ehr essen!“ Da ass Kather­li­eschen und ward überm Essen schläfrig und fing an zu schnei­den und schnitt halb träu­mend alle seine Klei­der entzwei: Schürze, Rock und Hemd. Wie Kather­li­eschen nach langem Schlaf wieder erwachte, stand es halb nack­ig da und sprach zu sich sel­ber: Bin ich’s oder bin ich’s nicht? Ach, ich bin’s nicht!“ Unter­dessen ward’s Nacht, da lief Kather­li­eschen ins Dorf hinein, klopfte an ihres Mannes Fen­ster und rief: Friederchen!“ – Was ist denn?“ – Möcht gern wis­sen, ob Kather­li­eschen drin­nen ist.“ – Ja, ja,“ antwortete der Frieder, es wird wohl drin­nen liegen und schlafen.“ Sprach sie: Gut, dann bin ich gewiss schon zu Haus,“ und lief fort.

Draussen fand Kather­li­eschen Spitzbuben, die woll­ten stehlen. Da ging es zu ihnen und sprach: Ich will euch helfen stehlen.“ Die Spitzbuben mein­ten, es wüsste die Gele­gen­heit des Orts und waren’s zufrieden. Kather­li­eschen ging vor die Häuser und rief: Leute, habt ihr was? Wir wollen stehlen.“ Dacht­en die Spitzbuben: Das wird gut und wün­scht­en, sie wären Kather­li­eschen wieder los. Da sprachen sie zu ihm: Vorm Dorfe hat der Pfar­rer Rüben auf dem Feld, geh hin und rupf uns Rüben!“ Kather­li­eschen ging hin aufs Land und fing an zu rupfen, war aber so faul und hob sich nicht in die Höhe. Da kam ein Mann vor­bei, sah’s und stand still und dachte, das wäre der Teufel, der so in den Rüben wühlte. Lief fort ins Dorf zum Pfar­rer und sprach: Herr Pfar­rer, in Eurem Rüben­land ist der Teufel und rupft!“ – Ach Gott,“ antwortete der Pfar­rer, ich habe einen lah­men Fuss, ich kann nicht hin­aus und ihn weg­ban­nen.“ Sprach der Mann: So will ich Euch hock­eln,“ und hock­elte ihn hin­aus. Und als sie auf das Land kamen, machte sich das Kather­li­eschen auf und reck­te sich in die Höhe. Ach, der Teufel!“ rief der Pfar­rer, und bei­de eil­ten fort, und der Pfar­rer kon­nte vor gross­er Angst mit seinem lah­men Fuss ger­ad­er laufen als der Mann, der ihn gehockt hat­te, mit seinen gesun­den Beinen.