Der fliegende Koffer

von Johann Wilhelm Wolf

~10 Min

Es war ein­mal ein Kauf­mann, der war so reich, dass er die ganze Straße und beina­he auch noch eine kleine Gasse mit Sil­bergeld pflastern kon­nte. Aber das tat er nicht, er wußte sein Geld anders anzule­gen. Gab er einen Schilling aus, bekam er einen Taler wieder; so ein Kauf­mann war er – und dann starb er.

Der Sohn bekam nun all dies Geld, und er lebte lustig, ging jede Nacht auf Masker­ade, machte Papier­drachen aus Reich­staler­scheinen und ließ Gold­stücke statt flache Steine über die Wasser­fläche hüpfen. Auf diese Weise kon­nte das Geld wohl zu Ende gehen, und das tat es auch. Zulet­zt besaß er nicht mehr als vier Schillinge und hat­te keine andern Klei­der als ein Paar Pantof­feln und einen alten Schlafrock. Jet­zt macht­en sich seine Fre­unde nichts mehr aus ihm, da sie ja nicht mehr miteinan­der auf die Straße gehen kon­nten. Aber ein­er von ihnen, der gut war, schick­te ihm einen alten Kof­fer und sagte: Pack ein!“ Ja, das war freilich sehr schön, aber er hat­te nichts einzu­pack­en, und so set­zte er sich selb­st in den Kof­fer.
Das war ein son­der­bar­er Kof­fer! Sobald man auf das Schloß drück­te, kon­nte der Kof­fer fliegen. Das tat er, wupp, flog er mit dem Kauf­mannssohn durch den Schorn­stein, hoch hin­auf über die Wolken, weit­er und weit­er fort. Es knack­te im Boden, und der Kauf­mannssohn hat­te große Angst davor, der Kof­fer könne in Stücke gehen, denn dann hätte er einen ordentlichen Purzel­baum geschla­gen! Gott bewahr uns! Und so kam er in das Land der Türken. Den Kof­fer ver­steck­te er im Wald unter den welken Blät­tern und ging dann in die Stadt hinein. Das kon­nte er auch recht gut tun, denn bei den Türken gin­gen ja alle so wie er in Schlafrock und Pantof­feln. Da begeg­nete er ein­er Amme mit einem kleinen Kind. Sag mal, du Türke­namme“, sprach er sie an was ist das für ein großes Schloß hier ganz in der Nähe der Stadt? Die Fen­ster sitzen so hoch!“
Da wohnt die Tochter des Königs!“ sagte sie. Es ist ihr prophezeit worden,dass sie sehr unglück­lich über einen Geliebten wer­den wird, und darum darf nie­mand zu ihr kom­men, außer wenn der König dabei sind.“
Danke!“ sagte der Kauf­mannssohn. Und darauf ging er hin­aus in den Wald, set­zte sich in seinen Kof­fer, flog hin­auf auf das Dach und kroch durch das Fen­ster zur Prinzessin hinein.
Sie lag auf dem Sofa und schlief; sie war so schön, dass der Kauf­mannssohn sie küssen musste; sie erwachte und war ganz erschrock­en. Aber er sagte, er sei der Türken­gott, der durch die Luft zu ihr her­abgekom­men sei, und das gefiel ihr gut.
Dann saßen sie nebeneinan­der, und er erzählte Geschicht­en von ihren Augen: das wären die schön­sten dun­klen Seen und die Gedanken schwäm­men darin gle­ich Meer­jungfrauen. Und er erzählte von ihrer Stirn: die wäre ein Schnee­berg mit den prächti­gen Sälen und Bildern. Und er erzählte vom Storch, der die süßen, kleinen Kinder bringt.
Ja, das waren ein paar schöne Geschicht­en! Dann fre­ite er um die Prinzessin und sie sagte gle­ich ja.
Aber Sie müssen am Sonnabend herkom­men“, sagte sie, da sind der König bei mir zum Tee. Sie wer­den sehr stolz darauf sein, dass ich den Türken­gott bekomme. Aber sehen Sie zu, dass Sie ein recht schönes Märchen wis­sen, denn das haben meine Eltern ganz beson­ders gern; meine Mut­ter will es moralisch und vornehm haben, und mein Vater lustig, so dass man lachen kann.“
Ich bringe kein anderes Braut­geschenk als ein Märchen“, sagte er, und dann schieden sie. Aber die Prinzessin gab ihm einen Säbel, der mit Gold­stück­en beset­zt war, und die kon­nte er beson­ders gut gebrauchen.
Nun flog er fort, kaufte sich einen neuen Schlafrock und saß dann draussen im Wald und dichtete an einem Märchen. Es sollte bis zum Sonnabend fer­tig sein, und das ist gar nicht so leicht.
Dann war er fer­tig, und dann war es Sonnabend.
Der König, die Köni­gin und der ganze Hof wartete bei der Prinzessin mit dem Tee­wass­er. Er wurde so reizend emp­fan­gen.
Wollen Sie nun ein Märchen erzählen!“ sagte die Köni­gin. Eines, das tief­sin­nig und belehrend ist!“
Aber über das man doch lachen kann!“ sagte der König.
Jawohl!“ sagte er und erzählte. Da muss man nun gut zuhören.
Es war ein­mal ein Bund Schwe­fel­hölz­er, die waren so ausseror­dentlich stolz, weil sie von hoher Herkun­ft waren. Ihr Stamm­baum, das heißt, die große Fichte, von der jedes ein kleines Stäbchen war, sollte ein großer, alter Baum im Wald gewe­sen sein. Die Schwe­fel­hölz­er lagen nun auf einem Brett zwis­chen einem Feuerzeug und einem alten Eisen­topf, und denen erzählten sie nun von ihrer Jugend. Ja, als wir auf dem grü­nen Zweig waren´, sagten sie, da waren wir wahrlich auf dem grü­nen Zweig. Jeden Mor­gen und Abend Dia­mant­tee, das war der Tau. Den ganzen Tag hat­ten wir Son­nen­schein, wenn die Sonne schien und alle kleinen Vögel mußten uns Geschicht­en erzählen. Wir kon­nten sehr wohl merken, dass wir auch reich waren, denn die Laub­bäume, die waren nur im Som­mer bek­lei­det, aber unsere Fam­i­lie kon­nte sich im Som­mer und im Win­ter grüne Klei­der leis­ten. Aber dann kamen die Holzhauer, das war die große Rev­o­lu­tion, und unsere Fam­i­lie wurde zer­split­tert; der Stammherr bekam eine Stelle als Groß­mast auf einem prächti­gen Schiff, das die Welt umsegeln kon­nte, wenn es wollte. Die andern Äste kamen nach andern Orten, und wir haben nun die Auf­gabe, der niedri­gen Menge das Licht anzuzün­den; deshalb sind wir vornehmen Leute hier­her in die Küche gekom­men.´
Ja, mit mir ver­hält es sich nun ganz anders!´sagte der eis­erne Topf, neben dem die Schwe­fel­hölz­er lagen. Von Anfang an, seit ich in die Welt hin­auskam, bin ich viele Male gescheuert und gekocht wor­den! Ich sorge für das Solide und bin im Grunde genom­men der Erste hier im Haus. Meine einzige Freude ist, so nach Tisch rein und nett an meinem Platz zu liegen und mit den Kam­er­aden eine vernün­ftige Unter­hal­tung zu führen. Aber wenn ich vom Wassereimer abse­he, der hin und wieder ein­mal in den Hof hin­un­terkommt, so leben wir immer in unseren vier Wän­den. Unser einziger Neuigkeits­bote ist der Mark­tko­rb, aber der redet so unruhig über die Regierung und das Volk. Ja, neulich war da ein alter Topf, der vor Schreck darüber her­ab­fiel und sich in Stücke schlug! Er ist freisin­nig, müssen Sie wis­sen!´
Jet­zt schwatzt du zu viel!´sagte das Feuerzeug, und der Stahl schlug gegen den Feuer­stein, dass er sprühte. Wollen wir uns nun nicht einen lusti­gen Abend machen?´
Ja, lasst uns davon sprechen, wer der Vornehm­ste ist!´sagten die Schwe­fel­hölz­er.
Nein, ich schätze es nicht, von mir selb­st zu sprechen!´sagte der ird­ene Topf . Lasst uns eine Aben­dun­ter­hal­tung ver­anstal­ten! Ich werde etwas erzählen, was jed­er erlebt hat; in das kann man sich so angenehm hinein­ver­set­zen, und es ist so vergnüglich. An der Ost­see bei den dänis­chen Buchen…´
Das ist ein schön­er Anfang!´sagten alle Teller. Das wird bes­timmt eine Geschichte, die uns gefällt!´
Ja, dort ver­brachte ich meine Jugend bei ein­er ruhi­gen Fam­i­lie! Die Möbel wur­den poliert, der Fuß­bo­den gewaschen, und alle vierzehn Tage wur­den reine Gar­di­nen aufge­hängt!´
Wie inter­es­sant Sie erzählen!´sagte der Staubbe­sen. Man hört gle­ich, dass es ein Frauen­z­im­mer ist, das erzählt; es geht so etwas Rein­lich­es durch die ganze Geschichte!“
Ja, das fühlt man!´sagte der Wassereimer, und dann machte er vor Freude einen kleinen Hopser, so dass es auf den Fuß­bo­den platschte.
Und der Topf erzählte weit­er, und das Ende war eben­so gut wie der Anfang.
Alle Teller klap­perten vor Freude, und der Staubbe­sen nahm grüne Peter­silie aus dem Sand­loch und bekränzte den Topf, denn er wusste, dass dies die andern ärg­ern würde. Bekränze ich heute ihn, so bekränzt er mor­gen mich.
Nun will ich tanzen!´sagte die Feuerzange und tanzte. Ja, Gott bewahr uns, wie sie das eine Bein in die Höhe streck­en kon­nte! Der alte Stuh­lüberzug drüben in der Ecke platzte, als er es sah.‘Werde i c h jet­zt bekränzt?‘ fragte die Feuerzange, und das wurde sie.
Es ist doch nur Pöbel, dacht­en die Schwe­fel­hölz­er.
Nun sollte die Teemas­chine sin­gen; aber sie sagte, sie sei erkäl­tet. Sie könne nicht, auss­er wenn sie koche, aber das war nur aus Vornehmheit. Sie wollte nicht, auss­er wenn sie drin­nen bei der Herrschaft auf dem Tisch stand.
Drüben am Fen­ster saß eine alte Schreibfed­er, mit der das Mäd­chen immer schrieb. Es war nichts Merk­würdi­ges an ihr, auss­er dass sie allzu tief ins Tin­ten­fass getaucht war, aber darauf war sie nun stolz. Wenn die Teemas­chine nicht sin­gen will´, sagte die Fed­er, ´dann kann sie es bleiben­lassen! Draussen hängt in einem Bauer eine Nachti­gall, die kann sin­gen. Sie hat zwar nichts gel­ernt, aber darüber wollen wir heute abend nicht schlecht sprechen!´
Ich finde es höchst unpassend´, sagte der Teekessel, der Küchen­sänger und ein Halb­brud­er der Teemas­chine war, dass so ein fremder Vogel ange­hört wer­den soll! Ist das patri­o­tisch? Ich will den Mark­tko­rb darüber urteilen lassen!´
Ich ärg­ere mich nur´, sagte der Marktkorb.‘Ich ärg­ere mich so gründlich, wie man es sich bloß denken kann! Ist das eine passende Art, einen Abend zu ver­brin­gen? Wäre es nicht richtiger, das Haus in Ord­nung zu brin­gen? Ein jed­er sollte dann an seinen Platz kom­men, und ich würde das ganze Spiel leit­en. Das würde etwas anderes wer­den.!´
Ja, lasst uns Krach machen!´sagten sie alle zusam­men. Im sel­ben Augen­blick ging die Tür auf. Es war das Dien­st­mäd­chen, und da standen sie still, nie­mand sagte einen Mucks. Aber es gab nicht einen Topf, der nicht gewusst hätte, was er tun kon­nte, und wie vornehm er war. Ja, wenn ich gewollt hätte, dacht­en sie, dann wäre es wahrlich ein lustiger Abend gewor­den!
Das Dien­st­mäd­chen nahm die Schwe­fel­hölz­er und machte mit ihnen Feuer an. Gott, bewahr uns, wie sie sprüht­en und in Flam­men geri­eten!
Nun kann doch jed­er sehen, dacht­en sie, dass wir die Ersten sind! Welchen Glanz wir haben, welch­es Licht! – Und dann waren sie ver­bran­nt.“
Das war ein schönes Märchen!“ sagte die Köni­gin. Ich fühlte mich so ganz in der Küche bei den Schwe­fel­hölz­ern; ja, nun sollst du unsere Tochter haben!“
Ja, gewiss“, sagte der König, am Mon­tag sollst du unsere Tochter haben!“ Denn nun sagten sie du zu ihm, da er ja zur Fam­i­lie gehören sollte.
Die Hochzeit war somit bes­timmt, und am Abend vorher wurde die ganze Stadt fes­tlich erleuchtet. Zwiebäcke und Brezeln flo­gen unter das Volk. Die Gassen­buben standen auf den Zehen, riefen hur­ra und pfif­f­en durch die Fin­ger; es war ausseror­dentlich prachtvoll.
Ja, ich werde wohl auch etwas zum besten geben müssen, dachte der Kauf­mannssohn, und dann kaufte er Raketen, Knallerb­sen und all das Feuer­w­erk, was man sich nur denken kann, legte es in seinen Kof­fer und flog damit in die Luft.
Rutsch, wie das zis­chte und wie das puffte!
Alle Türken hüpften dabei in die Höhe, dass ihre Pantof­feln ihnen um die Ohren flo­gen; so eine Lufter­schei­n­ung hat­ten sie zuvor noch nie gese­hen. Nun ver­standen sie bess­er, dass es der Türken­gott selb­st war, der die Prinzessin haben sollte.
Sobald der Kauf­mannssohn mit seinem Kof­fer wieder in den Wald hin­un­terkam, dachte er: Ich will doch in die Stadt gehen, um zu hören, wie es sich ausgenom­men hat! Und es war ja ganz natür­lich, dass er dazu Lust hat­te.
Nein, wie doch die Leute erzählten! Ein jed­er, den er danach fragte, hat­te das Feuer­w­erk auf seine Weise gese­hen; aber schön war es für sie alle gewe­sen.
Ich sah den Türken­gott selbt“, sagte der eine, er hat­te Augen wie glänzende Sterne und einen Bart wie schäu­mende Wass­er!“
Er flog in einem Feuer­man­tel daher“, sagte ein ander­er, die schön­sten Engel­skinder guck­ten aus den Fal­ten her­vor!“
Ja, das waren her­rliche Dinge, die er da hörte. Und am fol­gen­den Tag sollte er Hochzeit hal­ten.
Nun ging er in den Wald zurück, um sich in seinen Kof­fer zu set­zen. Aber wo war er? Der Kof­fer war ver­bran­nt! Ein Funken des Feuer­w­erks war zurück­ge­blieben, der Kof­fer hat­te Feuer gefan­gen, und nun lag er in Asche. Der Kauf­manssohn kon­nte nicht mehr fliegen, nicht mehr zu sein­er Braut gelan­gen.
Sie stand den ganzen Tag auf dem Dach und wartete; sie wartet noch. Er aber durch­wan­dert die Welt und erzählt Märchen,
doch sie sind nicht mehr so lustig wie das, welch­es er von den Schwe­fel­hölz­ern erzählte.

Über­tra­gen aus: Ander­sens Märchen, Sig­bert Mohn Ver­lag 1959