Der Fischerssohn, der Rappe und der Schimmel

von Johann Wilhelm Wolf

~11 Min

In einem großen Walde lag ein großer See, daran wohnte ein Fis­ch­er mit sein­er Frau. Gott hat­te ihnen fünf Söhne geschenkt, ein­er schön­er als der andere. Jeden Tag, sobald der Mor­gen anbrach, zog der Fis­ch­er zu dem See und warf seine Net­ze aus und Abends zog er sie ein und stets hat­te er sie voll guter, schön­er Fis­che. Es war als ob ein beson­der­er Segen auf sein­er Arbeit ruhe; der schien von einem kleinen grauen Män­nchen herzukom­men, welch­es sich jeden Tag an dem See sehen ließ und in dem Kahne und an den Net­zen herum­sprang, als ob es den Fis­chen locke.

Als die Söhne größer wur­den, mussten sie mit auf den Fis­chfang ausziehen und das ging der Rei­he nach, jeden Tag ein andr­er; die übri­gen vier tru­gen der­weil die Fis­che in die Stadt und verkauften sie um ein schön Stück Geld. Der Jüng­ste, welch­er eben zwanzig Jahre alt war, zog auch eines Tages wieder mit zum See, aber das graue Män­nchen ließ sich an dem Mor­gen nicht blick­en und Abends war kein Fisch im Netz. Schon woll­ten die Bei­den heimge­hen, da kam es daher gesprun­gen und fragte: Nun ihr Leutchen, ihr Leutchen, wie geht es heut?“ Schlecht, sehr schlecht“, sprach der Fis­ch­er, wir haben nicht einen Fisch gefan­gen.“ Fis­ch­er, willst du mir dort deinen jüng­sten Sohn verkaufen?“ Um keinen Preis verkaufe ich mein eigen Fleisch und Blut“ rief der Mann. Ich fülle dir deinen Nachen mit purem gelbem Gold, so dass du ein reich­er Mann bist auf ewige Zeit“ sprach das Män­nchen, tust du es aber nicht, dann hast du keinen Vor­sput mehr und hast gestern deinen let­zten Fisch gefan­gen.“ Da fing der Fis­ch­er doch an sich die Sache zu über­legen und sprach: Ja wenn ich wüsste, wo er bleibt und wie es ihm geht.“ Es geschieht ihm gar nichts zu Lei­de, er hat mir nur zu fol­gen und zwei Pferde zu füt­tern, einen Schim­mel und einen Rap­pen. Übri­gens mag er spazieren gehen oder reit­en und kann tun was er will, darf dich auch alle drei Monate besuchen.“ Dann bin ich es zufrieden“ sprach der Fis­ch­er, wenn nur mein Sohn will.“ Der war aber ein herzensguter Men­sch und sagte: Vater, da ich euch glück­lich machen kann, so gehe ich mit dem grauen Män­nchen.“ Der Fis­ch­er nahm Abschied von ihm und dem Män­nchen; als er wieder zu seinem Nachen kam, da glänzten ihm helle Haufen Gold ent­ge­gen, so dass er ein stein­re­ich­er Mann war.

Der Jüngling fol­gte dem Män­nchen, welch­es ihn immer weit­er im Walde führte bis in ein schönes Schloss. Dort zeigte es ihm alle Zim­mer und die waren so prächtig, dass es nicht zu sagen ist. In einem der­sel­ben stand eine Menge von Büch­ern: die darf­st du alle lesen“, sprach das Män­nchen, nur das eine dort in der Ecke nicht, es wäre dein Unglück.“ Zulet­zt führte es ihn in den Stall, da standen zwei Pferde, ein Schim­mel und ein Rappe: Diese hast du zu füt­tern“, sprach das Män­nchen, und das ist deine einzige Arbeit. Den Schim­mel darf­st du nie reit­en; du musst ihm alle Tage zwei Maas Wein geben, viel gutes Brod, ihn hart striegeln und sauber putzen, denn ich halte große Stücke auf ihn. Der Rappe bekommt Hafer und Heu und Wass­er; auf ihm darf­st du nach Hause und in den Wald reit­en, so viel du willst. Alle Arbeit muss aber bei Tage getan sein und du darf­st nie mit Licht in den Stall gehen. Tust du das treu und fleißig und befol­gst nie die Ratschläge dein­er Mut­ter, dann hast du es gut und dein Glück ist gemacht.“

Der Jüngling ver­sprach es und hielt auch sein Wort. Wenn er mit sein­er Arbeit fer­tig war, las er in den Büch­ern und lernte viele Dinge, die nicht grade jed­er weiß. Aber es hat­te doch eine eigene Bewandt­nis mit dem Schloss und es ging dort nicht mit recht­en Din­gen zu. Gewöhn­lich sah er nur das Män­nchen, welch­es jeden Tag kam und ihn oft wegen seines Fleißes lobte und ermunterte nur so fort zu fahren, es werde sein Glück sein. Wenn er aber oft Abends im Garten saß und so über aller­hand nach­dachte, dann sah er zwei Gestal­ten herumwe­bern, von denen er nicht recht zu sagen wusste, was sie eigentlich waren. Die eine schien groß und wie ein Riese und war doch kein­er, die andre schien klein­er und wie ein Weib, aber sie war doch keins. Die fuhren da herum, erschienen und ver­schwan­den und er kon­nte weit­er nichts bemerken, als dass die zweite immer betrübt und zu weinen schien. Er zer­brach sich oft den Kopf über sie, wurde aber darum kein Haar­bre­it klüger als er gewe­sen war.

Nach­dem ein Viertel­jahr herum war, bat der Jüngling das Män­nchen um Urlaub, er wolle ein­mal seine Ältern wieder­se­hen. Das Män­nchen bewil­ligte es ihm gern, nur riet es ihm aber­mals, den Ratschlä­gen sein­er Mut­ter kein Gehör zu geben. Der Jüngling ritt auf seinem Rap­pen weg und stand ehe er sich’s ver­sah am See. Als er aber nach seines Vaters Haus suchte, war davon nichts mehr zu sehn und an sein­er Stelle stand ein prächtiges Schloss. Man kann sich denken mit welch­er Freude seine Ältern ihn empfin­gen. Seine Brüder waren alle ver­heiratet und reiche Kau­fleute in großen Städten. Das hielt ihm seine Mut­ter vor und sprach: Diese sind ver­sorgt, du weißt aber noch nicht, was du hast; du musst jet­zt bald an deine Zukun­ft denken.“ Nach­dem er ihr aber erst erzählt hat­te, wie Alles im Schlosse war und zug­ing, da ließ sie ihm keine Ruhe mehr und sagte: Sei kein Tor und überzeuge dich von Allem. Das graue Män­nchen miss­gön­nt dir dein Glück. Ich an dein­er Stelle müsste vor Allem wis­sen, was in dem Buche ste­ht, eher kön­nte ich die Nacht kein Auge zutun und schmeck­te mir wed­er Essen noch Trinken. Das graue Män­nchen erfährt ja nichts davon, du musst es nur recht heim­lich tun.“ Also redete sie ihm so viel und so lange zu, bis er ihr ver­sprach, er wolle das Buch lesen und ihr, wenn er wiederkomme sagen, was darin stehe.

Nach eini­gen Tagen nahm er Abschied von seinen Ältern und ritt wieder nach dem Schloss zurück. Dort besiegte er wohl Anfangs die Ver­suchung nach dem Buche zu greifen; nach und nach aber, als sie immer wiederkehrte meinte er, es sei ihm ja nur ver­boten, darin zu lesen, sehen könne er es immer. Als er es eine Zeit­lang gese­hen und immer wieder gese­hen hat­te, meinte er, ein wenig könne er immer­hin darin lesen, aber als er ein­mal am Lesen war, da ruhte er nicht, bis er es ganz aus­ge­le­sen hat­te. Jet­zt wusste er wohl, dass der Schim­mel eine ver­wün­schte Prinzessin und der Riese ihr Vater sei, dass das Schloss ihr gehöre und sie jede Nacht Men­schengestalt annäh­men, auch wusste er, wie sie erlöst wer­den kon­nten, aber im sel­ben Augen­blick stand auch das graue Män­nchen vor ihm und fragte zornig: Was hast du gemacht?“ Leug­nen half da nicht, das Män­nchen fasste ihn beim Kra­gen und warf ihn vor die Tür des Schloss­es, indem es sprach: Hättest du nur ein Jahr lang meinen Ratschlä­gen gefol­gt, dann warst du glück­lich auf Leben­szeit, jet­zt magst du die Säue hüten. Das hast du davon“ und da flog das Tor hin­ter ihm zu.

Da stand er nun im wilden Walde und ganz mut­tersee­le­nallein. Er fasste aber bald Mut, dachte, es sei ja nicht Alles ver­loren und er wisse doch, wie er die Prinzessin erlösen könne, schnitt sich einen Stock und arbeit­ete sich durch das Gebüsch. Viele Tage ging er also weit­er und nährte sich von Wurzeln und Kräutern. Endlich wurde es lichter und er kam an ein Dorf. Da fragte er die Bauern, ob es keinen Dienst für ihn gebe? Ja wohl“, sprach ein­er von ihnen, wenn du mir die Säue hüten willst, dann kannst du bei mir ankom­men.“ Das war allerd­ings hart und beson­ders jet­zt, nach­dem er es lange Zeit so gut gehabt hat­te, aber was wollte er machen? Er wurde mit dem Bauern um einen gerin­gen Lohn einig, bekam ein Eckchen neben dem Schweinestall als Schlaf­stelle und trieb am fol­gen­den Mor­gen mit seinen Schweinen aus. Wie er nun so auf dem Felde saß und über sein Schick­sal nach­dachte, rauschte es gewaltig über ihm in der Luft und da flog der Vogel Greif daher und ließ sich in der Ferne auf einen Berg nieder. Er rieb sich vergnügt die Hände und lachte so recht froh in sich hinein, denn von dem Vogel Greif hat­te er in dem Buche gele­sen. Als der Vogel am fol­gen­den Tage wieder kam und des­sel­ben Weges flog, erzählte er Abends dem Bauern davon. Ich kenne ihn nur allzu­wohl“, sprach der Bauer, er hat mir mehr als ein Schwein gefressen, darum nimm dich nur in Acht, dass du dem Berge nicht zu nahe kommst.“ Ei was, mir holt er kein Schwein“ rief der Jüngling und jet­zt treibe ich ger­aden Wegs nach dem Berge hin.“ Das magst du tun“, sprach der Bauer, fehlt aber am Abend ein Schwein, dann bekommst du Prügel und ich jage dich weg.“

Frisch gewagt ist halb gewon­nen“ sprach der Jüngling, als er am fol­gen­den Mor­gen die Herde aus­trieb und fuhr auf den Berg zu, denn auch von dem Berge stand in dem Buche geschrieben. Gegen Mit­tag kam der Vogel Greif herange­flo­gen wie eine große dun­kle Wolke. Als er nahe bei dem Berge die Schweine­herde erblick­te, schoss er nieder und pack­te eins mit seinen großen grausi­gen Klauen, aber der Jüngling hat­te nicht vergessen, was er weit­er in dem Buch gele­sen hat­te; er riss ihm schnell drei Fed­ern aus, steck­te zwei hin­ter die Ohren und nahm eine in den Mund: da war er so stark und kon­nte fliegen trotz dem Vogel Greif. Jet­zt riss er ihm das Schwein weg, griff ihn am Halse und drück­te ihm die Kehle, bis der mächtige Vogel tot dahin sank. Als­dann schnitt er ihm mit seinem Mess­er den Leib auf und holte ein großes weißes Ei daraus: damit kon­nte er die Prinzessin erlösen. Heisa, jet­zt war er wieder oben und hätte mit keinem König und Kaiser getauscht. Jubel­nd und sin­gend trieb er seine Herde heim. Der Bauer erstaunte, dass er schon so frühe zurück­kam, aber ehe er noch fra­gen kon­nte, was die Ursache davon sei, erhob sich der Jüngling durch die Kraft der Greifen­fed­ern in die Luft und der Bauer hat­te das Nachgucken.

Er flog aber hoch, hoch empor und schaute sich um bis er das Schloss erblick­te; in der Nähe des­sel­ben ließ er sich auf einem Baume nieder und wartete den Abend ab. Dann flog er auf einen hohen Lin­den­baum, welch­er in dem Garten stand und worunter er die bei­den Gestal­ten jeden Abend hat­te sitzen sehen. In den Ästen ver­bor­gen hielt er sich ganz still. Als er eine Weile da gesessen hat­te, öffnete sich die Stalltür: zuerst schlupfte das graue Män­nchen her­aus, dann kam die weinende Frauengestalt und zulet­zt die Riesen­gestalt. Das Män­nchen lief ins Schloss, die bei­den andern aber kamen auf den Lin­den­baum zu und set­zten sich unter ihm nieder. Ach wie klopfte ihm jet­zt das Herz! Er griff leise in den Sack, fasste das Ei, zielte gut und patsch! flog es gegen des Riesen Stirn. Zugle­ich aber tat es einen Don­ner­schlag, als breche das ganze Schloss zusam­men, so dass der Jüngling sich an den Ästen der Linde hal­ten musste und die Augen zudrück­te. Als er wieder auf­schaute, waren die bei­den Gestal­ten ver­schwun­den und stand da ein König mit gold­ner Kro­ne auf dem Haupte und eine Prinzessin so wun­der­schön, dass es ihres Gle­ichen nicht mehr gibt. Aus dem Schloss kamen die Hofher­rn und Diener ger­an­nt, alle begrüßten und küssten sich und war da eine Freude son­der Gle­ichen. Der König wandte sich aber um und rief dem Jüngling, er möge nieder­steigen und als er das getan, legte er des Jünglings Hand und die der Prinzessin zusam­men und sprach: Du hast es um uns ver­di­ent, dass du mein Sohn wirst; wahre dir dein gutes Herz, dann wird das Glück dich auch bewahren.“ Also wurde der Fis­ch­erssohn zu einem königlichen Prinzen; wer weiß, was aus dir noch Alles wer­den kann? – Wo ist denn das graue Män­nchen geblieben? Das hat­te der alte Taglöh­n­er Hans vergessen, als er mir’s erzählte, kommst du nach Jugen­heim, so frage ihn, es wird ihm wieder einge­fall­en sein.