Der Federkönig

von Josef Haltrich

~6 Min

Es war ein­mal ein armes Bauern­paar, das jeden Tag auf dem Feld hart arbeit­en musste. Sie hat­ten auch ein kleines Kind, das in einem Kör­bchen am Fel­drand lag, wenn gear­beit­et wurde. Eines Tages kam eine wilde Katze aus dem nahen Wald geschlichen, nahm das Kind und trug es fort in ihre Höh­le. Sie tat ihm aber nichts und brachte ihm Kräuter, Wurzeln und Erd­beeren, sodass es keine Not litt. So wuchs das Kind in der Höh­le auf.

Als der Junge dann herangewach­sen war, sprach die Katze: Nun sollst du die Königstochter heirat­en!” Aber ich bin doch nackt”, sprach der Junge, soll ich so vor den König treten?” Mache dir keine Sor­gen”, erwiderte die Katze, ich werde dir gle­ich ein Kleid ver­schaf­fen.” Da lief die Katze mit einem sil­ber­nen Pfeifchen in den Wald. Sie blies ein­mal darauf, und zis­chte und raschelte, schon kamen viele Vögel und wilde Tiere zusam­men. Von jedem Vogel nahm die Katze eine Fed­er, machte daraus ein Kleid und brachte es dem Jun­gen. Dann führte sie ihn zu den Tieren und sprach: Gehe jet­zt mit diesen Tieren zum König und sage ihm: Herr König, der Fed­erkönig schickt euch diese Tiere als Geschenk!’ ” Da ging der Junge in die Burg und sagte es so, wie die Katze es ihm gelehrt hatte.

Als der König die vie­len Tiere sah, freute er sich und sprach: Das muss ein reich­er König sein!” Am fol­gen­den Tag schick­te die Katze den Jun­gen wieder mit vie­len Tieren hin, und er sollte sagen: Das ist wieder ein Geschenk vom Fed­erkönig”. Und wenn der König seine Tochter gerne als Gemahlin an der Seite des Fed­erkönigs sehen wollte, sollte der Junge sagen, dass der Fed­erkönig in drei Tagen sel­ber kom­men werde, um die Hochzeit hal­ten. Und so geschah es.

Als die drei Tage ver­gan­gen waren, lief die Katze in den Wald, blies dreimal auf dem sil­ber­nen Pfeifchen und zis­chelte und raschelte nach Katzenart. Da kamen viele Vögel und wilde Tiere zusam­men, und die Katze wählte jet­zt die schön­sten und far­big­sten Fed­ern aus. Daraus machte sie einen Man­tel, der so schön wie der Ster­nen­him­mel glitzerte, und gab ihn dem Jun­gen. Und dieses Mal ging auch die Katze mit zur Burg.

Als sie nicht weit vom Schlosse waren, sprach sie zum Jun­gen: Jet­zt wirf dein altes Fed­erkleid fort, denn ich bringe dir gle­ich schöne Klei­der aus dem Schlosse. Den Fed­er­man­tel sollst du aber als Schmuck gebrauchen.” Die Katze lief schnell ins Schloss und rief: Gebt mir königliche Klei­der. Der Fed­erkönig ist bei sein­er Anreise in den Sumpf gefall­en. Er braucht frische Klei­der!” Da gab der König seine besten Klei­der her, und die Katze brachte sie dem Jun­gen und klei­dete ihn ein.

So kam der Junge jet­zt zur Burg, und viele Tiere fol­gten ihm. Nun legte er auch noch den Fed­er­man­tel um. Der glitzerte und glänzte, dass man es kaum ertra­gen kon­nte. Da freute sich der König zusam­men mit sein­er Tochter über den reichen Bräutigam. Als aber die Hochzeit vorüber war, sprach der König: Ich möchte doch gerne dein Land und deinen Palast sehen. Fahren wir doch ein­fach hin!”

Wie nun der Fed­erkönig mit sein­er jun­gen Frau im Wagen saß, sah er immerzu auf seine schö­nen Klei­der und nicht auf seine Frau. Das merk­te die Katze, sprang ihm in den Nack­en, und tschak, kratzte sie ihn. Sieh doch deine Frau an”, flüsterte die Katze. Wenn man dich aber fragt, warum du immer auf deine Klei­der schaust, dann sage, du hättest daheim noch viel schönere.” Damit lief die Katze fort und war dem Wagen immer ein Stück weit voraus. Der Fed­erkönig sah bald wieder auf seine Klei­der. Da fragte ihn die junge Frau: Warum tust du das?” Er antwortete: Ich habe daheim doch viel schönere.”

Nun kam die Katze zu ein­er großen Schafherde. Die Katze lief zum Hirten, sprang ihm in den Nack­en, und tschack, kratzte sie ihn, dass ihm das Blut floss. Sie sagte: Wenn man dich fragt, wem diese Herde gehört, so sprich: Dem Fed­erkönig!’ Tust du es nicht, komme ich wieder und zerkratze dich in tausend Stücke!” Als nun der König und das junge Paar zur Schafwei­de kamen, fragte der König den Hirten: Wem gehört denn diese schöne Herde?” Der Hirt sprach: Die gehört dem Fed­erkönig”, denn er wollte nicht mehr gekratzt wer­den. Ja, die gehört mir”, sagte gle­ich der Junge, denn er merk­te, das die Katze es angezettelt hatte.

Bald darauf kamen sie zu ein­er großen Büf­fel­herde. Die Katze war aber schon da gewe­sen und hat­te den Hirten gekratzt. Als nun der König fragte: Wem gehört denn die schöne Herde?”, sprach der Hirte: Na, die gehört dem Fed­erkönig”, denn er wollte die Katze nicht wieder­se­hen. Ja, die ist mein”, sagte der Fed­erkönig, und der König wun­derte sich sehr und sprach: Ich hätte nie geglaubt, dass du so reich bist!”

Kurz darauf kamen sie auch zu ein­er Rossh­erde. Die Katze war schon da gewe­sen und hat­te den Hirten gekratzt. Und als der König fragte: Wem gehört denn die große Rossh­erde?”, antwortete er: Na, dem Fed­erkönig! Ja, die ist auch mein!”, sagte der Junge im Wagen. Jet­zt glaube ich, dass du viel reich­er bist als ich”, sprach der König, und was wirst du uns erst daheim alles zeigen!”

Endlich gelangten sie zum Schloss eines Zauber­ers. Da war alles aus Gold und Sil­ber, Kristall und Edel­steinen, und der Tisch war reich­lich gedeckt. Sie set­zten sich gle­ich und aßen. Die Katze aber blieb vor der Türe und hielt Wache. Auf ein­mal kam der Zauber­er und polterte zornig: Räu­ber in meinem Schloss, an meinem Tisch! Wehe euch!” Die Katze aber stand in der Türe und ließ ihn nicht durch. Sie sprach: Sage mir, bist du wirk­lich der große Zauber­er, für den man dich hält? Man erzählt, du kön­ntest dich in große und kleine Tiere ver­wan­deln!” Ha, das ist für mich eine Kleinigkeit!”, rief der Zauber­er und ver­wan­delte sich gle­ich in einen mächti­gen Löwen. Da fürchtete sich die Katze und sprang auf einen hohen Schrank. Das ist dir wohl gelun­gen”, sagte die Katze, nun aber möchte ich sehen, ob du dich auch in eine Maus ver­wan­deln kannst. Das ist gewiss viel schw­er­er!” Sogle­ich ver­wan­delte sich der Zauber­er in eine Maus. Im Nu sprang die Katze herunter, pack­te die Maus mit ihren Krallen und zer­riss sie.

Nun rief sie den Jun­gen aus dem Saal her­aus und sprach: Das Schloss und alles, was dazu gehört, sind nun wirk­lich dein. Ich habe den Zauber­er, dem alles gehörte, ver­nichtet! Jet­zt aber ver­lange ich von dir einen Dienst. Nimm ein Schw­ert und schlage mir das Haupt ab.” Der Junge wollte nicht und sprach: Wie kön­nte ich so undankbar sein!” Wenn du es nicht tust, kratze ich dir die Augen aus!”, dro­hte die Katze. Da nahm der Junge ein Schw­ert von der Wand, und tschak, mit einem Hieb fiel das Haupt der Katze zu Boden.

Aber siehe, plöt­zlich war da eine wun­der­schöne Frau. Der Junge führte sie zum König und sprach: Das ist meine Mut­ter!” Die Frau aber gefiel dem alten König sehr, und weil seine erste Gemahlin gestor­ben war, bat er um ihre Hand und sprach: Sollen wir nicht auch die Hochzeit feiern?” Sie war nicht abgeneigt, und so dauerte das Fest noch ganze acht Tage. Darauf zog der alte König mit sein­er neuen Frau heim. Der Junge aber blieb mit der Königstochter im Zauber­schloss und war reich­er als sieben Könige.