Der faule Heinz

von Brüder Grimm

~5 Min

Heinz war faul, und obgle­ich er weit­er nichts zu tun hat­te, als seine Ziege täglich auf die Wei­de zu treiben, so seufzte er den­noch, wenn er nach voll­brachtem Tagew­erk abends nach Hause kam. Es ist in Wahrheit eine schwere Last,‘ sagte er, und ein müh­seliges Geschäft, so eine Ziege Jahr aus Jahr ein bis in den späten Herb­st ins Feld zu treiben. Und wenn man sich noch dabei hin­le­gen und schlafen kön­nte! aber nein, da muss man die Augen aufhaben, damit sie die jun­gen Bäume nicht beschädigt, durch die Hecke in einen Garten dringt oder gar davon­läuft. Wie soll da ein­er zur Ruhe kom­men und seines Lebens froh wer­den!‘ Er set­zte sich, sam­melte seine Gedanken und über­legte, wie er seine Schul­tern von dieser Bürde frei machen kön­nte. Lange war alles Nachsin­nen verge­blich, plöt­zlich fiels ihm wie Schup­pen von den Augen. Ich weiss, was ich tue,‘ rief er aus, ich heirate die dicke Trine, die hat auch eine Ziege und kann meine mit aus­treiben, so brauche ich mich nicht länger zu quälen.‘

Heinz erhob sich also, set­zte seine müden Glieder in Bewe­gung, ging quer über die Strasse, denn weit­er war der Weg nicht, wo die Eltern der dick­en Trine wohn­ten, und hielt um ihre arbeit­same und tugen­dre­iche Tochter an. Die Eltern besan­nen sich nicht lange, gle­ich und gle­ich gesellt sich gern,‘ mein­ten sie und willigten ein. Nun ward die dicke Trine Heinzens Frau und trieb die bei­den Ziegen aus. Heinz hat­te gute Tage und brauchte sich von kein­er andern Arbeit zu erholen als von sein­er eige­nen Faul­heit. Nur dann und wann ging er mit hin­aus und sagte es geschieht bloss, damit mir die Ruhe her­nach desto bess­er schmeckt: man ver­liert son­st alles Gefühl dafür.‘

Aber die dicke Trine war nicht min­der faul. Lieber Heinz,‘ sprach sie eines Tages, warum sollen wir uns das Leben ohne Not sauer machen und unsere beste Jugendzeit verküm­mern? Ist es nicht bess­er, wir geben die bei­den Ziegen, die jeden Mor­gen einen mit ihrem Meck­ern im besten Schlafe stören, unserm Nach­bar, und der gibt uns einen Bienen­stock dafür? den Bienen­stock stellen wir an einen son­ni­gen Platz hin­ter das Haus und beküm­mern uns weit­er nicht darum. Die Bienen brauchen nicht gehütet und nicht ins Feld getrieben zu wer­den: sie fliegen aus, find­en den Weg nach Haus von selb­st wieder und sam­meln Honig, ohne dass es uns die ger­ing­ste Mühe macht.‘ Du hast wie eine ver­ständi­ge Frau gesprochen,‘ antwortete Heinz, deinen Vorschlag wollen wir ohne Zaud­ern aus­führen: ausser­dem schmeckt und nährt der Honig bess­er als die Ziegen­milch und lässt sich auch länger aufbewahren.‘

Der Nach­bar gab für die bei­den Ziegen gerne einen Bienen­stock. Die Bienen flo­gen uner­müdlich vom frühen Mor­gen bis zum späten Abend aus und ein, und füll­ten den Stock mit dem schön­sten Honig, so dass Heinz im Herb­st einen ganzen Krug voll her­aus­nehmen konnte.

Sie stell­ten den Krug auf ein Brett, das oben an der Wand in ihrer Schlafkam­mer befes­tigt war, und weil sie fürchteten, er kön­nte ihnen gestohlen wer­den oder die Mäuse kön­nten darüber ger­at­en, so holte Trine einen starken Hasel­stock her­bei und legte ihn neben ihr Bett, damit sie ihn, ohne unnötiger­weise aufzuste­hen, mit der Hand erre­ichen und die unge­bete­nen Gäste von dem Bette aus ver­ja­gen könnte.

Der faule Heinz ver­liess das Bett nicht gerne vor Mit­tag: wer früh auf­ste­ht,‘ sprach er, sein Gut verzehrt.‘ Eines Mor­gens, als er so am hellen Tage noch in den Fed­ern lag und von dem lan­gen Schlaf aus­ruhte, sprach er zu sein­er Frau die Weiber lieben die Süs­sigkeit,‘ und du naschest von dem Honig, es ist bess­er, ehe er von dir allein aus­gegessen wird, dass wir dafür eine Gans mit einem jun­gen Gänslein erhan­deln.‘ Aber nicht eher,‘ erwiderte Trine, als bis wir ein Kind haben, das sie hütet. Soll ich mich etwa mit den jun­gen Gänsen pla­gen und meine Kräfte dabei unnötiger­weise zuset­zen?‘ Meinst du,‘ sagte Heinz, der Junge werde Gänse hüten? heutzu­tage gehorchen die Kinder nicht mehr: sie tun nach ihrem eige­nen Willen, weil sie sich klüger dünken als die Eltern, ger­ade wie jen­er Knecht, der die Kuh suchen sollte und drei Amseln nach­jagte.‘ O,‘ antwortete Trine, dem soll es schlecht bekom­men, wenn er nicht tut, was ich sage. Einen Stock will ich nehmen und mit ungezählten Schlä­gen ihm die Haut ger­ben. Siehst du, Heinz,‘ rief sie in ihrem Eifer und fasste den Stock, mit dem sie die Mäuse ver­ja­gen wollte, siehst du, so will ich auf ihn loss­chla­gen.‘ Sie holte aus, traf aber unglück­licher­weise den Honigkrug über dem Bette. Der Krug sprang wider die Wand und fiel in Scher­ben herab, und der schöne Honig floss auf den Boden. Da liegt nun die Gans mit dem jun­gen Gänslein,‘ sagte Heinz, und braucht nicht gehütet zu wer­den. Aber ein Glück ist es, dass mir der Krug nicht auf den Kopf gefall­en ist, wir haben alle Ursache, mit unserm Schick­sal zufrieden zu sein.‘ Und da er in ein­er Scherbe noch etwas Honig bemerk­te, so langte er danach und sprach ganz vergnügt das Restchen, Frau, wollen wir uns noch schmeck­en lassen und dann nach dem gehabten Schreck­en ein wenig aus­ruhen, was tuts, wenn wir etwas später als gewöhn­lich auf­ste­hen, der Tag ist doch noch lang genug.‘ Ja,‘ antwortete Trine, man kommt immer noch zu rechter Zeit. Weisst du, die Sch­necke war ein­mal zur Hochzeit ein­ge­laden, machte sich auf den Weg, kam aber zur Kind­taufe an. Vor dem Hause stürzte sie noch über den Zaun und sagte eilen tut nicht gut,.‘