Der Erbsenfinder

von Josef Haltrich

~5 Min

Es war ein­mal ein Junge, der fand eine Erb­se und war über alle Maßen froh. Was für ein glück­lich­er Men­sch du doch bist!”, sprach er zu sich selb­st. Nun wirst du keine Not mehr lei­den, denn jet­zt kannst du die Erb­se säen. In einem Jahr bekommst du davon eine Hand voll Erb­sen, in zwei Jahren einen Kübel, in drei Jahren hun­dert Kübel, in vier Jahren tausend Kübel, also immer mehr!”

Da fiel dem Jun­gen aber ein, dass er nichts hat­te, wo er die vie­len Erb­sen hinein­schüt­ten kon­nte. Du gehst gle­ich zum König”, sprach er zu sich, und leihst dir tausend Säcke.” Wie er nun den König darum bat, fragte dieser: Wozu brauchst du denn so viele Säcke?” Für meine Erb­sen!”, sprach der Junge. Ich habe aber nicht so viele Säcke”, erwiderte der König, aber bleibe doch bis mor­gen hier!”

Der König hat­te eine schöne Tochter, die er gerne einem reichen Jüngling zum Weibe geben wollte. Der wäre mir ger­ade recht”, dachte der König, denn wenn er so viele Erb­sen hat, hat er auch noch andere Reichtümer!” Der König ließ ihm aber nur ein Strohlager für die Nacht machen, um zu prüfen, ob er wirk­lich reich sei. Denn reiche Leute sind das Rauschen im Stroh nicht gewöh­nt und kön­nen darin nicht schlafen. Würde es also die Nacht über rascheln, wäre es ein Zeichen, dass der Jüngling nicht arm sei.

Da mussten einige Mägde nun an der Türe horchen. Kaum hat­te sich der Junge niedergelegt, ver­lor er seine Erb­se im Stroh. Er war voller Sorge und warf das Stroh auseinan­der, dass es nur so rauschte. Nun liefen die Mägde gle­ich zum König und bracht­en ihm die erwün­schte Botschaft. Der war sehr froh. Am frühen Mor­gen kam er gle­ich zu dem Jun­gen und sagte, wenn er nichts dage­gen hätte, könne er die Königstochter zur Frau bekom­men. Es sei ja offen­sichtlich, dass er ein reich­er Herr sei.

Dage­gen habe ich ganz und gar nichts einzuwen­den”, sagte der Junge und dachte: Eine Königstochter, die auch noch schön ist, wird nicht alle Tage ange­boten.” Und so feierte er an dem­sel­ben Tage die Hochzeit mit ihr und war ganz vergnügt und glücklich.

Am fol­gen­den Mor­gen ließ der König aber die Pferde anspan­nen und sprach: Wohlan, ich möchte gerne dein Schloss sehen, ziehen wir gle­ich los!” Da musste sich der Junge mit sein­er Gemahlin und dem alten König in den Wagen set­zen und zeigen, wohin es gehen sollte.

Er zeigte aber ein­fach in eine Rich­tung, ohne es recht zu wis­sen. Als sie dann in einen Wald kamen, stieg er vom Wagen, als wollte er sich die Beine vertreten. Doch er wollte ent­laufen und hat­te Angst, dass der König ihn suchen und find­en werde.

Plöt­zlich stand der Teufel vor ihm und fragte, warum er denn so ein Narr sei und die Königstochter im Stiche ließe. Ja”, sprach der Junge, wie sollt’ ich das nicht! Der König will zu meinem Schlosse fahren, und ich habe doch keines!” Da sagte der Teufel: Ein Schloss sollst du haben, und neun Schweine im Stall, doch nur unter ein­er Bedin­gung: Nach sieben Jahren sollst du mir neun Fra­gen passend beant­worten. Bleib­st du mir auch nur eine schuldig, so sollst du mir gehören.” Der Junge über­legte nicht lange und willigte ein. Der Teufel führte ihn sofort auf eine Waldlich­tung und zeigte ihm in der Ferne ein Schloss. Er sprach: Ziehe nur dahin, es ist dein!”

Der Junge lief jet­zt schnell wieder zum Wagen zurück. Der König und seine Tochter waren schon ungeduldig gewor­den, weil sie so lange warten mussten. Schnell wur­den die Pferde angetrieben, und schon bald sahen sie das schöne Schloss. Das gefiel dem alten König sehr, denn es war alles da, was man sich nur wün­schen kon­nte. Nach eini­gen Tagen zog er heim und ließ das junge Paar froh und vergnügt zurück.

So verg­ing ein Jahr nach dem anderen, bis die sieben Jahre fast ver­gan­gen waren. Da wurde der Junge ganz unruhig und dachte mit Grauen an die neun Fra­gen. Als er so auf dem Felde herumging und nach­dachte, kam ein alter Mann zu ihm und fragte, was ihm denn fehle. Der Junge erzählte ihm von sein­er Not. Küm­mere dich nicht weit­er darum”, sagte der alte Mann, ich werde dir bei Zeit­en eingeben, was du antworten musst.”

Kaum war die Zeit gekom­men, da stellte sich der Teufel wieder ein und fing an zu fra­gen: Was ist eins und ist viel wert?” Der Junge sprach: Ein guter Brun­nen auf dem Hof ist dem Gast­wirt viel wert!” Der Teufel war mit der Antwort zufrieden und fragte weit­er: Was ist zwei und lässt sich schw­er ent­behren?” Der Junge antwortete: Wer zwei gesunde Augen hat, dem ste­ht die Welt und der Him­mel offen. Wer sie ver­liert, dem wer­den bei­de verschlossen!”

Der Teufel ärg­erte sich nun, dass auch diese Antwort passend war und fragte: Was ist drei und lässt sich gut brauchen?” Wenn jemand eine gute Gabel mir drei Zinken hat, so kann er gut essen und Heu machen!” Auch diese Antwort passte. Der Teufel kochte vor Zorn und fragte weit­er: Was ist vier und ist sehr nüt­zlich?” Wer vier starke Räder am Wagen und vier gute Pferde hat, kann weit fahren!”

Was ist fünf und ist ein nüt­zlich Ding?”, fragte der Teufel hastig weit­er. Wer fünf starke Ochsen hat, kann eine große Last aufladen, denn wenn der vierte fällt, span­nt er den fün­ften ein!” Was ist sechs und kann schon glück­lich machen?” Wer sechs Joch Ack­er besitzt, der hat ein gutes Einkom­men und braucht nicht zu betteln!”

Jet­zt fragte der Teufel immer schneller: Was ist sieben und ist was Gutes?” Wer sieben tüchtige Söhne hat, kann alle Arbeit im Jahr ver­richt­en und sich freuen!” Was ist acht und macht was recht­es aus?” Acht Mäd­chen geben eine rechte Gesellschaft!”

Der Teufel ballte die Fäuste und schrie: Warte nur, du bist den­noch mein, wenn du mir die neunte Frage schuldig bleib­st. — Was ist neun und ist was Gutes?” Die neun Schweine im Stall sind was Gutes — nicht wahr? Und die gehören jet­zt mir!”

Der Teufel zog fluchend davon. So hat­te sich der Junge nun ein Schloss und neun Schweine ver­schafft und lebte mit der schö­nen Königstochter bis an sein Ende in Frieden und Glück.