Der Eisenofen

von Brüder Grimm

~11 Min

Zur Zeit, wo das Wün­schen noch geholfen hat, ward ein Königssohn von ein­er alten Hexe ver­wün­scht, dass er im Walde in einem grossen Eisenofen sitzen sollte. Da brachte er viele Jahre zu, und kon­nte ihn nie­mand erlösen. Ein­mal kam eine Königstochter in den Wald, die hat­te sich irre gegan­gen und kon­nte ihres Vaters Reich nicht wiederfind­en, neun Tage war sie so herumge­gan­gen und stand zulet­zt vor dem eis­er­nen Kas­ten. Da kam eine Stimme her­aus und fragte sie wo kommst du her‘ und wo willst du hin?‘ Sie antwortete ich habe meines Vaters Kön­i­gre­ich ver­loren und kann nicht wieder nach Haus kom­men.‘ Da sprachs aus dem Eisenofen ich will dir wieder nach Hause ver­helfen, und zwar in ein­er kurzen Zeit‘ wenn du willst unter­schreiben zu tun‘ was ich ver­lange. Ich bin ein grösser­er Königssohn als du eine Königstochter, und will dich heirat­en.‘ Da erschrak sie und dachte lieber Gott, was soll ich mit dem Eisenofen anfan­gen!‘ Weil sie aber gerne wieder zu ihrem Vater heim wollte, unter­schrieb sie sich doch zu tun, was er ver­langte. Er sprach aber du sollst wiederkom­men, ein Mess­er mit­brin­gen und ein Loch in das Eisen schrap­pen.‘ Dann gab er ihr jemand zum Gefährten, der ging neben­her und sprach nicht, er brachte sie aber; in zwei Stun­den nach Haus. Nun war grosse Freude im Schloss, als die Königstochter wiederkam, und der alte König fiel ihr um den Hals und küsste sie. Sie war aber sehr betrübt und sprach lieber Vater, wie mirs gegan­gen hat! ich wäre nicht wieder nach Haus gekom­men aus dem grossen wilden Walde, wenn ich nicht wäre bei einen eis­er­nen Ofen gekom­men, dem habe ich mich müssen dafür unter­schreiben, dass ich wollte wieder zu ihm zurück­kehren, ihn erlösen und heirat­en.‘ Da erschrak der alte König so sehr, dass er beina­he in eine Ohn­macht gefall­en wäre, denn er hat­te nur die einzige Tochter. Beratschlagten sich also, sie woll­ten die Müller­stochter, die sc hön wäre, an ihre Stelle nehmen; führten die hin­aus, gaben ihr ein Mess­er und sagten, sie sollte an dem Eisenofen sch­aben. Sie schrappte auch vierundzwanzig Stun­den lang, kon­nte aber nicht das ger­ing­ste her­ab­brin­gen. Wie nun der Tag anbrach, riefs in dem Eisenofen mich deucht, es ist Tag draussen.‘ Da antwortete sie das deucht mich auch, ich meine, ich höre meines Vaters Müh­le rap­peln.‘ So bist du eine Müller­stochter, dann geh gle­ich hin­aus und lass die Königstochter herkom­men.‘ Da ging sie hin und sagte dem alten König, der draussen wollte sie nicht, er wollte seine Tochter. Da erschrak der alte König und die Tochter weinte. Sie hat­ten aber noch eine Schweine­hir­ten­tochter, die war noch schön­er als die Müller­stochter, der woll­ten sie ein Stück Geld geben, damit sie für die Königstochter zum eis­er­nen Ofen gin­ge. Also ward sie hin­aus­ge­bracht und musste auch vierundzwanzig Stun­den lang schrap­pen; sie brachte aber nichts davon. Wie nun der Tag anbrach, riefs im Ofen mich deucht, es ist Tag draussen.‘ Da antwortete sie das deucht mich auch, ich meine, ich höre meines Vaters Hörnchen tüten.‘ So bist du eine Schweine­hir­ten­tochter, geh gle­ich fort und lass die Königstochter kom­men, und sag ihr, es sollt ihr wider­fahren, was ich ihr ver­sprochen hätte, und wenn sie nicht käme, sollte im ganzen Reich alles zer­fall­en und ein­stürzen und kein Stein auf dem andern bleiben.‘ Als die Königstochter das hörte, fing sie an zu weinen, es war aber nun nicht anders, sie musste ihr Ver­sprechen hal­ten. Da nahm sie Abschied von ihrem Vater, steck­te ein Mess­er ein und ging zu dem Eisenofen in den Wald hin­aus. Wie sie nun angekom­men war, hub sie an zu schrap­pen, und das Eisen gab nach, und wie zwei Stun­den vor­bei waren, hat­te sie schon ein kleines Loch gesch­abt. Da guck­te sie hinein und sah einen so schö­nen Jüngling, ach, der glim­merte in Gold und Edel­steinen, dass er ihr recht in der Seele gefiel. Nun, da schrappte sie noch weit­er fort und machte das Loch so gross, dass er her­aus kon­nte. Da sprach er du bist mein und ich bin dein, du bist meine Braut und hast mich erlöst.‘ Er wollte sie mit sich in sein Reich führen, aber sie bat sich aus, dass sie noch ein­mal dürfte zu ihrem Vater gehen, und der Königssohn erlaubte es ihr, doch sollte sie nicht mehr mit ihrem Vater sprechen als drei Worte, und dann sollte sie wiederkom­men. Also ging sie heim, sie sprach aber mehr als drei Worte, da ver­schwand als­bald der Eisenofen und ward weit weg gerückt über gläserne Berge und schnei­dende Schw­ert­er; doch der Königssohn war erlöst, und nicht mehr darin eingeschlossen. Danach nahm sie Abschied von ihrem Vater und nahm etwas Geld mit, aber nicht viel, ging wieder in den grossen Wald und suchte den Eisenofen, allein der war nicht zu find­en. Neun Tage suchte sie, da ward ihr Hunger so gross, dass sie sich nicht zu helfen wusste, denn sie hat­te nichts mehr zu leben. Und als es Abend ward, set­zte sie sich auf einen kleinen Baum und gedachte darauf die Nacht hinzubrin­gen, weil sie sich vor den wilden Tieren fürchtete. Als nun Mit­ter­nacht her­ankam, sah sie von fern ein kleines Lichtchen und dachte ach, da wär ich wohl erlöst,‘ stieg vom Baum und ging dem Lichtchen nach, auf dem Weg aber betete sie. Da kam sie zu einem kleinen alten Häuschen, und war viel Gras darum gewach­sen, und stand ein kleines Häufchen Holz davor. Dachte sie ach, wo kommst du hier hin!, guck­te durchs Fen­ster hinein, so sah sie nichts darin als dicke und kleine Itschen (Kröten), aber einen Tisch, schön gedeckt mit Wein und Brat­en, und Teller und Bech­er waren von Sil­ber. Da nahm sie sich das Herz und klopfte an. Als­bald rief die Dicke

Jungfer grün und klein,

Hutzelbein,

Hutzel­beins Hündchen,

hutzel hin und her,

lass geschwind sehen‘ wer draussen wär.‘

Da kam eine kleine Itsche her­beige­gan­gen und machte ihr auf. Wie sie ein­trat, hiessen alle sie willkom­men, und sie musste sich set­zen. Sie fragten wo kommt Ihr her? wo wollt Ihr hin?‘ Da erzählte sie alles, wie es ihr gegan­gen wäre, und weil sie das Gebot übertreten hätte, nicht mehr als drei Worte zu sprechen, wäre der Ofen weg samt dem Königssohn, nun wollte sie so lange suchen und über Berg und Tal wan­dern, bis sie ihn fände. Da sprach die alte Dicke

Jungfer grün und klein,

Hutzelbein,

Hutzel­beins Hündchen,

hutzel hin und her,

bring mir die grosse Schachtel her.‘

Da ging die kleine hin und brachte die Schachtel her­beige­tra­gen. Her­nach gaben sie ihr Essen und Trinken, und bracht­en sie zu einem schö­nen gemacht­en Bett, das war wie Sei­de und Sam­met, da legte sie sich hinein und schlief in Gottes Namen. Als der Tag kam, stieg sie auf, und gab ihr die alte Itsche drei Nadeln aus der grossen Schachtel, die sollte sie mit­nehmen; sie wür­den ihr nötig tun, denn sie müsste über einen hohen gläser­nen Berg und über drei schnei­dende Schw­ert­er und über ein gross­es Wass­er, wenn sie das durch­set­zte, würde sie ihren Lieb­sten wiederkriegen. Nun gab sie hier­mit drei Teile (Stücke), die sollte sie recht in acht nehmen, näm­lich drei grosse Nadeln, ein Pflu­grad und drei Nüsse. Hier­mit reiste sie ab, und wie sie vor den gläser­nen Berg kam, der so glatt war, steck­te sie die drei Nadeln als hin­ter die Füsse und dann wieder vor­wärts, und gelangte so hinüber, und als sie hinüber war, steck­te sie sie an einen Ort, den sie wohl in acht nahm. Danach kam sie vor die drei schnei­den­den Schw­ert­er, da stellte sie sich auf ihr Pflu­grad und rollte hinüber. Endlich kam sie vor ein gross­es Wass­er, und wie sie überge­fahren war, in ein gross­es schönes Schloss. Sie ging hinein und hielt um einen Dienst an, sie wär eine arme Magd und wollte sich gerne ver­mi­eten; sie wusste aber, dass der Königssohn drinne war, den sie erlöst hat­te aus dem eis­er­nen Ofen im grossen Wald. Also ward sie angenom­men zum Küchen­mäd­chen für gerin­gen Lohn. Nun hat­te der Königssohn schon wieder eine andere an der Seite, die wollte er heirat­en, denn er dachte, sie wäre längst gestor­ben. Abends, wie sie aufge­waschen hat­te und fer­tig war, fühlte sie in die Tasche und fand die drei Nüsse, welche ihr die alte Itsche gegeben hat­te. Biss eine auf und wollte den Kern essen, siehe, da war ein stolzes königlich­es Kleid drin. Wies nun d ie Braut hörte, kam sie und hielt um das Kleid an und wollte es kaufen und sagte, es wäre kein Kleid für eine Dien­st­magd. Da sprach sie nein, sie wollts nicht verkaufen, doch wann sie ihr ein­er­lei (ein Ding) wollte erlauben, so sollte sies haben, näm­lich eine Nacht in der Kam­mer ihres Bräutigams zu schlafen. Die Braue erlaubt es ihr, weil das Kleid so schön war und sie noch keins so hat­te. Wies nun Abend war, sagte sie zu ihrem Bräutigam das när­rische Mäd­chen will in dein­er Kam­mer schlafen.‘ Wenn dus zufrieden bist, bin ichs auch,‘ sprach er. Sie gab aber dem Mann ein Glas Wein, in das sie einen Schlaftrunk getan hat­te. Also gin­gen bei­de in die Kam­mer schlafen‘ und er schlief so fest, dass sie ihn nicht erweck­en kon­nte. Sie weinte die ganze Nacht und rief ich habe dich erlöst aus dem wilden Wald und aus einem eis­er­nen Ofen, ich habe dich gesucht und bin gegan­gen über einen gläser­nen Berg, über drei schnei­dende Schw­ert­er und über ein gross­es Wass­er, ehe ich dich gefun­den habe, und willst mich doch nicht hören.‘ Die Bedi­en­ten sassen vor der Stuben­türe und hörten, wie sie so die ganze Nacht weinte, und sagtens am Mor­gen ihrem Her­rn. Und wie sie im andern Abend aufge­waschen hat­te, biss sie die zweite Nuss auf, da war noch ein weit schöneres Kleid drin; wie das die Braut sah, wollte sie es kaufen. Aber Geld wollte das Mäd­chen nicht und bat sich aus, dass es noch ein­mal in der Kam­mer des Bräutigams schlafen dürfte. Die Braut gab ihm aber einen Schlaftrunk, und er schlief so fest, dass er nichts hören kon­nte. Das Küchen­mäd­chen weinte aber die ganze Nacht und rief ich habe dich erlöst aus einem Walde und aus einem eis­er­nen Ofen, ich habe dich gesucht und bin gegan­gen über einen gläser­nen Berg, über drei schnei­dende Schw­ert­er und über ein gross­es Wass­er, ehe ich dich gefun­den habe, und du willst mich doch nicht hören.‘ Die Bedi­ent en sassen vor der Stuben­türe und hörten, wie sie so die ganze Nacht weinte, und sagtens am Mor­gen ihrem Her­rn. Und als sie am drit­ten Abend aufge­waschen hat­te, biss sie die dritte Nuss auf, da war ein noch schöneres Kleid drin, das star­rte von purem Gold. Wie die Braut das sah, wollte sie es haben, das Mäd­chen aber gab es nur hin, wenn es zum drit­ten­mal dürfte in der Kam­mer des Bräutigams schlafen. Der Königssohn aber hütete sich und liess den Schlaftrunk vor­beilaufen. Wie sie nun anf­ing zu weinen und zu rufen lieb­ster Schatz, ich habe dich erlöst aus dem grausamen wilden Walde und aus einem eis­er­nen Ofen,‘ so sprang der Königssohn auf und sprach du bist die rechte, du bist mein, und ich bin dein.‘ Darauf set­zte er sich noch in der Nacht mit ihr in einen Wagen, und der falschen Braut nah­men sie die Klei­der weg, dass sie nicht auf­ste­hen kon­nte. Als sie zu dem grossen Wass­er kamen, da schifften sie hinüber, und vor den drei schnei­den­den Schw­ert­ern, da set­zten sie sich aufs Pflu­grad, und vor dem gläser­nen Berg, da steck­ten sie die drei Nadeln hinein. So gelangten sie endlich zu dem alten kleinen Häuschen, aber wie sie hinein­trat­en, wars ein gross­es Schloss, die Itschen waren alle erlöst und lauter Königskinder und waren in voller Freude. Da ward Ver­mäh­lung gehal­ten, und sie blieben in dem Schloss, das war viel gröss­er als ihres Vaters Schloss. Weil aber der Alte jam­merte, dass er allein bleiben sollte, so fuhren sie weg und holten ihn zu sich, und hat­ten zwei Kön­i­gre­iche und lebten in gutem Ehestand.

Da kam eine Maus, Das Märchen war aus.