Der Bärenhäuter

von Brüder Grimm

~10 Min

Es war ein­mal ein junger Kerl, der liess sich als Sol­dat anwer­ben, hielt sich tapfer und war immer der vorder­ste, wenn es blaue Bohnen reg­nete. So lange der Krieg dauerte, ging alles gut, aber als Friede geschlossen war, erhielt er seinen Abschied, und der Haupt­mann sagte, er kön­nte gehen, wohin er wollte. Seine Eltern waren tot, und er hat­te keine Heimat mehr, da ging er zu seinen Brüdern und bat, sie möcht­en ihm so lange Unter­halt geben, bis der Krieg wieder anfin­ge. Die Brüder aber waren hartherzig und sagten was sollen wir mit dir? wir kön­nen dich nicht brauchen, sieh zu, wie du dich durch­schlägst.‘ Der Sol­dat hat­te nichts übrig als sein Gewehr, das nahm er auf die Schul­ter und wollte in die Welt gehen. Er kam auf eine grosse Hei­de, auf der nichts zu sehen war als ein Ring von Bäu­men, darunter set­zte er sich ganz trau­rig nieder und sann über sein Schick­sal nach. Ich habe kein Geld,‘ dachte er, ich habe nichts gel­ernt als das Kriegshandw­erk, und jet­zt, weil Friede geschlossen ist, brauchen sie mich nicht mehr; ich sehe voraus, ich muss ver­hungern.‘ Auf ein­mal hörte er ein Brausen, und wie er sich umblick­te, stand ein unbekan­nter Mann vor ihm, der einen grü­nen Rock trug, recht stat­tlich aus­sah, aber einen garsti­gen Pfer­de­fuss hat­te. Ich weiss schon, was dir fehlt,‘ sagte der Mann, Geld und Gut sollst du haben, soviel du mit aller Gewalt durch­brin­gen kannst, aber ich muss zuvor wis­sen, ob du dich nicht fürcht­est, damit ich mein Geld nicht umson­st aus­gebe.‘ Ein Sol­dat und Furcht, wie passt das zusam­men?‘ antwortete er, du kannst mich auf die Probe stellen.‘ Wohlan‘ antwortete der Mann, schau hin­ter dich.‘ Der Sol­dat kehrte sich um und sah einen grossen Bär, der brum­mend auf ihn zutra­bte. Oho,‘ rief der Sol­dat. dich will ich an der Nase kitzeln, dass dir die Lust zum Brum­men verge­hen soll,‘ legte an und schoss dem Bär auf die Schnau­ze, dass er zusam­men­fiel und sich nicht mehr reg te. Ich sehe wohl,‘ sagte der Fremde, dass dirs an Mut nicht fehlt, aber es ist noch eine Bedin­gung dabei, die musst du erfüllen.‘ Wenn mirs an mein­er Seligkeit nicht schadet,‘ antwortete der Sol­dat, der wohl merk­te, wen er vor sich hat­te, son­st lass ich mich auf nichts ein.‘ Das wirst du sel­ber sehen‘ antwortete der Grün­rock, du darf­st in den näch­sten sieben Jahren dich nicht waschen, dir Bart und Haare nicht käm­men, die Nägel nicht schnei­den und kein Vaterunser beten. Dann will ich dir einen Rock und Man­tel geben, den musst du in dieser Zeit tra­gen. Stirb­st du in diesen sieben Jahren, so bist du mein, bleib­st du aber leben, so bist du frei und bist reich dazu für dein Leb­tag.‘ Der Sol­dat dachte an die grosse Not, in der er sich befand, und da er so oft in den Tod gegan­gen war, wollte er es auch jet­zt wagen und willigte ein. Der Teufel zog den grü­nen Rock aus, reichte ihn dem Sol­dat­en hin und sagte wenn du den Rock an deinem Leibe hast und in die Tasche greif­st, so wirst du die Hand immer voll Geld haben.‘ Dann zog er dem Bären die Haut ab und sagte das soll dein Man­tel sein und auch dein Bett, denn darauf musst du schlafen und darf­st in kein anderes Bett kom­men. Und dieser Tra­cht wegen sollst du Bären­häuter heis­sen.‘ Hier­auf ver­schwand der Teufel.

Der Sol­dat zog den Rock an, griff gle­ich in die Tasche und fand, dass die Sache ihre Richtigkeit hat­te. Dann hing er die Bären­haut um, ging in die Welt, war guter Dinge und unter­liess nichts, was ihm wohl und dem Gelde wehe tat. Im ersten Jahr ging es noch lei­dlich, aber in dem zweit­en sah er schon aus wie ein Unge­heuer. Das Haar bedeck­te ihm fast das ganze Gesicht, sein Bart glich einem Stück grobem Filz­tuch, seine Fin­ger hat­ten Krallen, und sein Gesicht war so mit Schmutz bedeckt, dass wenn man Kresse hineingesät hätte, sie aufge­gan­gen wäre. Wer ihn sah, lief fort, weil er aber allerorten den Armen Geld gab, damit sie für ihn beteten, dass er in den sieben Jahren nicht stürbe, und weil er alles gut bezahlte, so erhielt er doch immer noch Her­berge. Im vierten Jahr kam er in ein Wirtshaus, da wollte ihn der Wirt nicht aufnehmen und wollte ihm nicht ein­mal einen Platz im Stall anweisen, weil er fürchtete, seine Pferde wür­den scheu wer­den. Doch als der Bären­häuter in die Tasche griff und eine Hand­voll Dukat­en her­ausholte, so liess der Wirt sich erwe­ichen und gab ihm eine Stube im Hin­terge­bäude; doch musste er ver­sprechen, sich nicht sehen zu lassen, damit sein Haus nicht in bösen Ruf käme.

Als der Bären­häuter abends allein sass und von Herzen wün­schte, dass die sieben Jahre herum wären, so hörte er in einem Neben­z­im­mer ein lautes Jam­mern. Er hat­te ein mitlei­di­ges Herz, öffnete die Türe und erblick­te einen alten Mann, der heftig weinte und die Hände über dem Kopf zusam­men­schlug. Der Bären­häuter trat näher, aber der Mann sprang auf und wollte ent­fliehen. Endlich, als er eine men­schliche Stimme ver­nahm, liess er sich bewe­gen, und durch fre­undlich­es Zure­den brachte es der Bären­häuter dahin, dass er ihm die Ursache seines Kum­mers offen­barte. Sein Ver­mö­gen war nach und nach geschwun­den, er und seine Töchter mussten dar­ben, und er war so arm, dass er den Wirt nicht ein­mal bezahlen kon­nte und ins Gefäng­nis sollte geset­zt wer­den. Wenn Ihr weit­er keine Sor­gen habt,‘ sagte der Bären­häuter, Geld habe ich genug.‘ Er liess den Wirt her­beikom­men, bezahlte ihn und steck­te dem Unglück­lichen noch einen Beu­tel voll Gold in die Tasche.

Als der alte Mann sich aus seinen Sor­gen erlöst sah, wusste er nicht, wom­it er sich dankbar beweisen sollte. Komm mit mir,‘ sprach er zu ihm, meine Töchter sind Wun­der von Schön­heit, wäh­le dir eine davon zur Frau. Wenn sie hört, was du für mich getan hast, so wird sie sich nicht weigern. Du siehst freilich ein wenig selt­sam aus, aber sie wird dich schon wieder in Ord­nung brin­gen.‘ Dem Bären­häuter gefiel das wohl, und er ging mit. Als ihn die älteste erblick­te, entset­zte sie sich so gewaltig vor seinem Antlitz, dass sie auf­schrie und fortlief. Die zweite blieb zwar ste­hen und betra­chtete ihn von Kopf bis zu Füssen, dann aber sprach sie wie kann ich einen Mann nehmen, der keine men­schliche Gestalt mehr hat? Da gefiel mir der rasierte Bär noch bess­er, der ein­mal hier zu sehen war und sich für einen Men­schen aus­gab, der hat­te doch einen Husaren­pelz an und weisse Hand­schuhe. Wenn er nur hässlich wäre, so kön­nte ich mich an ihn gewöh­nen.‘ Die jüng­ste aber sprach lieber Vater, das muss ein guter Mann sein, der Euch aus der Not geholfen hat, habt Ihr ihm dafür eine Braut ver­sprochen, so muss Euer Wort gehal­ten wer­den.‘ Es war schade, dass das Gesicht des Bären­häuters von Schmutz und Haaren bedeckt war, son­st hätte man sehen kön­nen, wie ihm das Herz im Leibe lachte, als er diese Worte hörte. Er nahm einen Ring von seinem Fin­ger, brach ihn entzwei und gab ihr die eine Hälfte, die andere behielt er für sich. In ihre Hälfte aber schrieb er seinen Namen, und in seine Hälfte schrieb er ihren Namen und bat sie, ihr Stück gut aufzuheben. Hier­auf nahm er Abschied und sprach ich muss noch drei Jahre wan­dern: komm ich aber nicht wieder, so bist du frei, weil ich dann tot bin. Bitte aber Gott, dass er mir das Leben erhält.‘

Die arme Braut klei­dete sich ganz schwarz, und wenn sie an ihren Bräutigam dachte, so kamen ihr die Trä­nen in die Augen. Von ihren Schwest­ern ward ihr nichts als Hohn und Spott zuteil. Nimm dich in acht‘ sprach die älteste, wenn du ihm die Hand reichst, so schlägt er dir mit der Tatze darauf.‘ Hüte dich,‘ sagte die zweite, die Bären lieben die Süs­sigkeit, und wenn du ihm gefällst, so frisst er dich auf.‘ Du musst nur immer seinen Willen tun,‘ hub die älteste wieder an, son­st fängt er an zu brum­men.‘ Und die zweite fuhr fort aber die Hochzeit wird lustig sein, Bären, die tanzen gut.‘ Die Braut schwieg still und liess sich nicht irre machen. Der Bären­häuter aber zog in der Welt herum, von einem Ort zum andern, tat Gutes, wo er kon­nte, und gab den Armen reich­lich, damit sie für ihn beteten. Endlich, als der let­zte Tag von den sieben Jahren anbrach, ging er wieder hin­aus auf die Hei­de und set­zte sich unter den Ring von Bäu­men. Nicht lange, so sauste der Wind, und der Teufel stand vor ihm und blick­te ihn ver­driesslich an; dann warf er ihm den alten Rock hin und ver­langte seinen grü­nen zurück. So weit sind wir noch nicht‘ antwortete der Bären­häuter, erst sollst du mich reini­gen.‘ Der Teufel mochte wollen oder nicht, er musste Wass­er holen‘ den Bären­häuter abwaschen, ihm die Haare käm­men und die Nägel schnei­den. Hier­auf sah er wie ein tapfer­er Kriegs­mann aus und war viel schön­er als je vorher.

Als der Teufel glück­lich abge­zo­gen war, so war es dem Bären­häuter ganz leicht ums Herz. Er ging in die Stadt, tat einen prächti­gen Sam­metrock an, set­zte sich in einen Wagen mit vier Schim­meln bespan­nt und fuhr zu dem Haus sein­er Braut. Nie­mand erkan­nte ihn, der Vater hielt ihn für einen vornehmen Fel­do­brist und führte ihn in das Zim­mer, wo seine Töchter sassen. Er musste sich zwis­chen den bei­den ältesten nieder­lassen: sie schenk­ten ihm Wein ein, legten ihm die besten Bis­sen vor und mein­ten, sie hät­ten keinen schön­ern Mann auf der Welt gese­hen. Die Braut aber sass in schwarzem Klei­de ihm gegenüber, schlug die Augen nicht auf und sprach kein Wort. Als er endlich den Vater fragte, ob er ihm eine sein­er Töchter zur Frau geben wollte, so sprangen die bei­den ältesten auf, liefen in ihre Kam­mer und woll­ten prächtige Klei­der anziehen, denn eine jede bildete sich ein, sie wäre die Auser­wählte. Der Fremde, sobald er mit sein­er Braut allein war, holte den hal­ben Ring her­vor und warf ihn in einen Bech­er mit Wein, den er ihr über den Tisch reichte. Sie nahm ihn an, aber als sie getrunk­en hat­te und den hal­ben Ring auf dem Grund liegen fand, so schlug ihr das Herz. Sie holte die andere Hälfte, die sie an einem Band um den Hals trug, hielt sie daran, und es zeigte sich, dass bei­de Teile vol­lkom­men zueinan­der passten. Da sprach er ich bin dein ver­lobter Bräutigam, den du als Bären­häuter gese­hen hast, aber durch Gottes Gnade habe ich meine men­schliche Gestalt wieder­erhal­ten, und bin wieder rein gewor­den.‘ Er ging auf sie zu, umarmte sie und gab ihr einen Kuss. Indem kamen die bei­den Schwest­ern in vollem Putz here­in, und als sie sahen, dass der schöne Mann der jüng­sten zuteil gewor­den war, und hörten, dass das der Bären­häuter war, liefen sie voll Zorn und Wut hin­aus. Die eine ersäufte sich im Brun­nen, die andere erhängte sich an einem Baum. Am Abend klo pfte jemand an der Türe, und als der Bräutigam öffnete, so wars der Teufel im grü­nen Rock, der sprach siehst du, nun habe ich zwei See­len für deine eine.