Der Bischof auf Börglum und seine Sippe

von Hans Christian Andersen

~12 Min

Nun sind wir droben in Jüt­land, weit hin­ter dem Wild­moor; wir kön­nen die wogende Nord­see hören, hören, wie sie rollt; sie ist ganz in der Nähe. Aber vor uns erhebt sich ein hoher Sand­hügel, den wir schon lange gese­hen und auf den wir noch immer zufahren; langsam fahren wir durch den tiefen Sand. Oben auf dem Sand­hügel liegt ein großer alter Hof, das Kloster Bör­glum; der größte Flügel ist noch jet­zt die Kirche. Dahin­auf kom­men wir noch am heuti­gen Abend; das Wet­ter ist klar, es ist die Zeit der hellen Nächte. Man sieht gar weit, weit nach allen Seit­en über Feld und Moor bis zur Aal­borg­er Förde hinab, über Hei­de und Wiese und ger­ade aus über das dunkel­blaue Meer.

Nun sind wir droben; nun ras­seln wir zwis­chen Spe­ich­er und Scheuer hinein, und wen­den um durch das Tor auf den alten Kloster­hof hin­auf, wo die Lin­den­bäume in Rei­hen längs der Mauer ste­hen. Dort haben sie Schutz gegen Wind und Wet­ter, und deshalb wach­sen sie, daß die Zweige fast die Fen­ster verdecken.

Wir gehen die stein­erne Wen­del­treppe hin­auf; wir gehen über die lan­gen Gänge unter der Decke von Balken­werk. Der Wind saust hier so wun­der­lich, draußen und drin­nen; man weiß wirk­lich nicht, wo es ist. Und dann erzählt man – ja, man erzählt so vieles, sieht so vieles, wenn man bange ist oder andere bange machen will. Die alten, gestor­be­nen Chorher­rn, sagt man, huschen still an uns vor­bei in die Kirche, wo die Messe gesun­gen wird; man kann es hören durch das Sausen des Windes. Man wird so selt­sam davon ges­timmt, daß man an die alten Zeit­en denkt – denkt, bis man in den alten Zeit­en ist.

*

Ein Schiff ist an der Küste ges­tran­det; die Leute des Bischofs sind drun­ten; sie ver­scho­nen nicht, was das Meer ver­schonte. Die Wellen spülen das rote Blut fort, das aus den zer­schmetterten Stir­nen floß. Die ges­tran­de­ten Güter gehören dem Bischof, und es sind viele Güter. Die Wellen rollen Ton­nen und Fäss­er, mit köstlichem Wein gefüllt, für den Keller des Klosters her­an, und er liegt schon voll Bier und Met. Gefüllt ist die Küche mit erlegten Tieren, Würsten und Schinken; in den Teichen schwimmt der fette Brassen und die leckere Karausche. Der Bischof von Bör­glum ist ein mächtiger Mann; er hat Land im Besitz, und mehr noch will er gewin­nen; alles soll sich vor Oluf Glob beu­gen. In Thy ist eine der reichen Sip­pen gestor­ben, »Ver­wandtschaft ist gegen Ver­wandtschaft am schlimm­sten,« das mußte die Witwe dort unten erfahren. Ihr Haush­err herrschte dort über das ganze Land, aber nicht über die geistlichen Güter. Der Sohn ist im frem­den Lande. Schon als Kind wurde er hin­aus gesandt, um fremde Sit­ten zu ler­nen, wonach ihm der Sinn stand. Seit Jahren hörte man nichts von ihm; vielle­icht liegt er im Grabe und kommt niemals wieder heim, um zu herrschen, wo nun seine Mut­ter herrschte.

»Was, soll ein Weib herrschen?« sagte der Bischof. Er schick­te ihr einen Boten und ließ sie vor das Thing fordern. Aber was half es ihm? Sie wich niemals vom Gesetz ab, und ihre Stärke war ihre gerechte Sache.

Bischof Oluf zu Bör­glum, worauf sinnest du? Was schreib­st du nieder auf das blanke Perga­ment? Was birgt sich unter Siegel und Band? Du übergib­st es Rit­tern und Knecht­en, die damit fort aus dem Lande reit­en, weit fort, nach der Stadt des Papstes.

Es ist die Zeit des Laub­falls, die Zeit der Schiff­brüche; nun kommt der eisige Winter.

Zweimal kam er, endlich kommt er her­auf mit dem Willkom­men­gruß der Rit­ter und Knechte, die mit dem päp­stlichen Briefe von Rom heimkehrten, dem Bannbriefe über die Witib, die den from­men Bischof zu kränken wagte. »Ver­flucht sei sie und alles, was ihr ist! Aus­gestoßen sei sie aus Kirche und Gemeinde! Nie­mand leiste ihr hil­fre­iche Hand, Ver­wandte und Fre­unde, fliehet sie wie Pest und Aussatz.«

»Was sich nicht beu­gen will, soll man brechen,« sagte der Bischof von Börglum.

Alle ver­ließen sie, aber sie ver­ließ Gott nicht; er war ihr Schirm und Schild.

Eine einzige Diener­in, eine alte Magd, blieb ihr treu. Mit ihr ging sie hin­ter dem Pfluge und das Korn wuchs, obgle­ich der Ack­er von Papst und Bischof ver­flucht war.

»Du Kind der Hölle! Ich will doch meinen Willen haben,« sagte der Bischof zu Bör­glum. »Nun ziehe ich dich mit der Hand des Pap­stes zu Gericht und Urteil.«

Da span­nt sie die bei­den let­zten Ochsen, die sie besaß, vor den Wagen, set­zt sich mit ihrer Magd hin­auf und fährt fort über die Hei­de, fort aus dem dänis­chen Land. Als Fremde kommt sie zu frem­den Men­schen, wo fremde Zun­gen, fremde Sit­ten geübt wer­den; sie kommt weit fort, wo die grü­nen Höhen sich zu Bergen erheben und der Wein wächst. Dort ziehen reisende Kau­fleute; sie schauen angstvoll auf ihre waren­be­lade­nen Wagen und fürcht­en den Über­fall der Raubrit­ter. Die bei­den armen Frauen auf dem elen­den Fahrzeug, das von zwei schwarzen Ochsen gezo­gen ward, fuhren sor­g­los durch den unsicheren Hohlweg und den dicht­en Wald. Sie sind in Franken. Hier tre­f­fen sie einen stat­tlichen Rit­ter, dem zwölf bewaffnete Knechte fol­gen. Er hält und sieht auf den selt­samen Zug und fragt die bei­den Frauen nach dem Ziel ihrer Reise und aus welchem Lande sie kämen. Da nen­nt die Jüng­ste Thy in Däne­mark, meldet ihre Trauer und ihr Elend, und schnell hat es ein Ende; Gott hat es so geleit­et. Der fremde Rit­ter ist ihr Sohn. Er reicht ihr die Hand; er nimmt sie in den Arm, und die Mut­ter weint. Das tat sie seit Jahren nicht: viel lieber biß sie sich in die Lip­pen, daß das warme Blut niedertropfte.

Es ist die Zeit des Laub­falls; es ist die Zeit der Schiff­brüche. Das Meer rollt Wein­fäss­er ans Land für des Bischofs Keller und Küche. Dort brät über dem Feuer das gespick­te Wild­bret; dort ist es warm inner­halb der Türen, nun da die Win­terkälte beißt. Da ver­lautet etwas Neues: Jens Glob von Thy ist mit sein­er Mut­ter heimgekehrt; Jens Glob schickt die Ladung; er fordert den Bischof nach Lan­des Gesetz und Recht vor das geistliche Gericht.

»Das soll ihm viel helfen,« sagt der Bischof. »Laß deinen Stre­it nur fahren, Rit­ter Jens!«

Es ist im näch­sten Jahre die Zeit des Laub­falls; es ist die Zeit der Schiff­brüche. Nun kommt der eisige Win­ter; die weißen Bienen schwär­men und stechen ins Gesicht, bis sie schmelzen.

»Heute ist frische Luft,« sagen die Leute, wenn sie vor der Tür gewe­sen sind. Jens Glob ste­ht in Gedanken, daß er sein sei­den Gewand versen­gt, ja ein Loch hineinbrennt.

»Bischof von Bör­glum! Ich kriege dich doch! Unter dem Man­tel des Pap­stes kann dich das Gesetz nicht erre­ichen; aber Jens Glob erre­icht dich doch!«

Und er schreibt einen Brief an seinen Schwa­ger, Her­rn Oluf Hase in Salling, fordert ihn auf, am Wei­h­nacht­stage zur Frühmesse in die Kirche zu Hvid­berg zu kom­men. Dort oben muß der Bischof Messe lesen; deshalb reist er von Bör­glum nach Thyland; das ken­nt und weiß Jens Glob. Wiese und Moor liegen unter Eis und Schnee. Sie tra­gen Pferd und Reit­er, den ganzen Zug, den Bischof mit Priestern und Knecht­en. Sie reit­en den kürzesten Weg durch das trockne Röhricht, durch das der Wind so trau­rig saust.

»Stoße in deine Mess­ingtrompete, du Spiel­mann im Fuch­spelz! Es klingt gut in der klaren Luft.« So reit­en sie südlich über Hei­de und Moor, den Gras­garten der Fata Mor­gana an war­men Som­merta­gen; sie wollen zur Kirche von Hvidberg.

Stärk­er stößt der Wind in seine Trompete; es weht ein Sturm, ein Wet­ter Gottes, das zu gewaltiger Kraft anwächst. Zum Haus Gottes geht es fort in diesem Wet­ter. Gottes Haus ste­ht fest; aber die Wet­ter Gottes fahren hin über Feld und Moor, über Haff und Meer. Der Bischof von Bör­glum erre­icht die Kirche; das ver­mag schw­er­lich Herr Oluf Hase, wie scharf er auch reit­et. Er kommt mit seinen Man­nen jen­seits des Haffs Jens Glob zu Hil­fe. Nun Bischof, wirst du vor den Richter­stuhl des Höch­sten geladen!

Gottes Haus ist der Gerichtssaal, der Altar­tisch der Gericht­stisch. Die Lichter sind in den schw­eren Mess­in­gleuchtern angezün­det. Der Sturm liest Klage und Urteil. Es saust in den Lüften über Moor und Hei­de und das rol­lende Wass­er. Kein Fährmann set­zt in solchem Wet­ter über das Haff.

Oluf Hase ste­ht am Otte­sund; er ver­ab­schiedet seine Man­nen, schenkt ihnen Pferd und Rüs­tung, gibt ihnen Urlaub heimzuziehen und trägt ihnen Grüße an seine Haus­frau auf. Allein will er sein Leben in dem brausenden Wass­er wagen; aber sie sollen ihm bezeu­gen, daß es nicht seine Schuld ist, wenn Jens Glob ohne Hil­fe in der Kirche zu Hvid­berg ste­ht. Die treuen Knechte ver­lassen ihn nicht; sie fol­gen ihm durch das tiefe Wass­er. Zehn wer­den fort­ge­spült; Oluf Hase und zwei sein­er Knap­pen erre­ichen das andere Ufer; noch haben sie vier Meilen zu reiten.

Mit­ter­nacht ist vorüber; es ist Wei­h­nacht. Der Wind hat sich gelegt, die Kirche ist erleuchtet; der strahlende Glanz fällt durch die Scheiben hin­aus über Wiese und Hei­de. Die Frühmesse ist längst zu Ende; im Gotte­shaus ist es still; man kann das Wachs von den Lichtern auf den stein­er­nen Estrich tropfen hören. Da kommt Oluf Hase.

In der Vorhalle bietet Jens Glob ihm »Guten Tag. Nun habe ich mich mit dem Bischof verglichen.«

»Das hast du getan?« sagt Oluf, »Da sollst wed­er du noch der Bischof lebendig aus der Kirche kom­men.« Und das Schw­ert fuhr aus der Schei­de, und Oluf Hase schlug zu, daß die Bohlen der Kirchen­tür zer­split­terten, die Jens Glob zwis­chen sich und seinen Schwa­ger warf.

»Halt ein, lieber Schwa­ger, sieh erst den Ver­gle­ich an! Ich habe den Bischof von Bör­glum und alle seine Man­nen erschla­gen. Sie sagen keine Silbe mehr in der Sache, und ich auch nichts mehr von all dem Unrecht, das mein­er Mut­ter geschehen ist.«

Die Dochte der Lichter am Altar leuchteten so rot; aber rot­er leuchtete es vom Estrich; dort lag in seinem Blute der Bischof mit zerspal­tenem Schädel, und erschla­gen lagen alle seine Knechte; laut­los und still ist es in der heili­gen Weihnacht.

Aber am Abend des drit­ten Wei­h­nacht­stages klan­gen im Kloster zu Bör­glum die Glock­en zur Leichen­feier. Der Bischof und seine Knechte wer­den zur Schau unter einem schwarzen Bal­dachin mit schwarz ver­hüll­ten Kan­de­labern aus­gestellt. In einem Man­tel von Sil­ber­brokat und den Krumm­stab in den macht­losen Hän­den liegt der Tote, der einst so mächtige Herr. Der Weihrauch duftet, die Mönche sin­gen. Es klingt wie eine Klage, es klingt wie ein Urteil des Zornes und der Ver­damm­nis, das von dem Winde getra­gen, von dem Winde mit­ge­sun­gen, weit im Lande gehört wird. Es legt sich wohl zur Ruhe; aber niemals stirbt es; immer erhebt es sich wieder und singt seine Lieder, singt in unsere Zeit hinein, singt es hier oben von dem Bischof von Bör­glum und sein­er Sippe. Es wird in der dun­klen Nacht von dem furcht­samen Bauer ver­nom­men, welch­er auf dem tiefen Sandwege an dem Kloster vorüber­fährt, ver­nom­men von den lauschen­den Schlaflosen in den Kloster­stuben mit den dick­en Wän­den. Und deshalb geht es um in den lan­gen, wieder­hal­len­den Gän­gen, die zur Kirche führen, dessen zuge­mauert­er Ein­gang längst ver­schlossen ist, aber nicht für die Augen des Aber­glaubens. Die sehen dort noch die Tür, und sie öffnet sich, die Lichter in dem Mess­ingkro­n­leuchter der Kirche strahlen; der Weihrauch duftet, die Kirche glänzt in der früheren Pracht; die Mönche sin­gen die Messe über den getöteten Bischof, der im Man­tel von Sil­ber­brokat liegt mit dem Bischof­sstab in der macht­losen Hand, und auf sein­er ble­ichen, stolzen Stirn bren­nt die blutige Wunde. Sie bren­nt wie Feuer; es sind die Sünde und die bösen Lüste der Welt, die aus ihr hervorbrennen.

Versinkt ins Grab, versinkt in Nacht und Vergessen­heit, unselige Erin­nerun­gen aus alten Tagen.

*

Höre den Wind­stoß; er übertäubt das rol­lende Meer. Draußen geht ein Sturm, der viele Men­schen­leben kostet. Das Meer hat nicht mit der Zeit seinen Sinn verän­dert. Heut nacht ist es nur ein Mund zum Ver­schlin­gen, mor­gen vielle­icht ein klares Auge, um sich darin zu spiegeln: es ist wie in der alten Zeit, die wir nun begraben haben. Schlafe san­ft, wenn du kannst!

Nun ist es Morgen.

Die neue Zeit leuchtet voll Son­nen­schein in die Stube. Der Wind faßt noch derb zu. Von einem Schiff­bruch wird gemeldet, wie in alter Zeit.

In der Nacht ist drun­ten bei Lück­en, dem kleinen Fis­cher­dorfe mit den roten Däch­ern, die wir von den Fen­stern hier oben sehen, ein Schiff ges­tran­det. In geringer Ent­fer­nung stieß es auf; aber die Ret­tungsraketen schlu­gen eine Brücke zwis­chen dem Wrack und dem fes­ten Lande; alle an Bord wur­den gerettet; sie kamen ans Land und ins Bett. Heute sind sie auf das Kloster Bör­glum ein­ge­laden. In den behaglichen Räu­men wer­den sie Gast­fre­und­schaft find­en, fre­undlichen Augen begeg­nen und in ihrer Mut­ter­sprache begrüßt wer­den. Vom Klavier erklin­gen die Lieder ihrer Heimat, und ehe diese geen­det find, ertönt eine andere Saite, laut­los und doch so klangvoll und sich­er. Die Gedanken­botschaft erre­icht der Schiff­brüchi­gen Haus im fer­nen Lande und meldet von ihrer Ret­tung. Da fühlt das Herz sich leicht, da kann es am Abend nach dem Schmause zum Tanze antreten in den Kloster­stuben zu Bör­glum. Walz­er und Kon­ter wollen wir tanzen und Lieder sin­gen von Däne­mark und »Dem tapfer­en Land­sol­dat­en« der neuen Zeit.