Der Arme und der Reiche

von Brüder Grimm

~8 Min

Vor alten Zeit­en, als der liebe Gott noch sel­ber auf Erden unter den Men­schen wan­delte, trug es sich zu, dass er eines Abends müde war und ihn die Nacht über­fiel, bevor er zu ein­er Her­berge kom­men konnte. 

Nun standen auf dem Weg vor ihm zwei Häuser einan­der gegenüber, das eine gross und schön, das andere klein und ärm­lich anzuse­hen, und gehörte das grosse einem reichen, das kleine einem armen Manne. Da dachte unser Her­rgott dem Reichen werde ich nicht beschw­er­lich fall­en: bei ihm will ich über­nacht­en.‘ Der Reiche, als er an seine Türe klopfen hörte, machte das Fen­ster auf und fragte den Fremdling, was er suche. Der Herr antwortete ich bitte um ein Nacht­lager.‘ Der Reiche guck­te den Wan­der­s­mann von Haupt bis zu den Füssen an, und weil der liebe Gott schlichte Klei­der trug und nicht aus­sah wie ein­er, der viel Geld in der Tasche hat, schüt­telte er mit dem Kopf und sprach ich kann Euch nicht aufnehmen, meine Kam­mern liegen voll Kräuter und Samen, und sollte ich einen jeden beherber­gen, der an meine Tür klopft, so kön­nte ich sel­ber den Bet­tel­stab in die Hand nehmen. Sucht Euch ander­swo ein Auskom­men.‘ Schlug damit sein Fen­ster zu und liess den lieben Gott stehen. 

Also kehrte ihm der liebe Gott den Rück­en und ging hinüber zu dem kleinen Haus. Kaum hat­te er angek­lopft, so klink­te der Arme schon sein Türchen auf und bat den Wan­der­s­mann einzutreten. Bleibt die Nacht über bei mir,‘ sagte er es ist schon fin­ster, und heute kön­nt Ihr doch nicht weit­erkom­men.‘ Das gefiel dem lieben Gott, und er trat zu ihm ein. Die Frau des Armen reichte ihm die Hand, hiess ihn willkom­men und sagte, er möchte sich’s bequem machen und vor­lieb nehmen, sie hät­ten nicht viel, aber was es wäre, gäben sie von Herzen gerne. Dann set­zte sie Kartof­feln ans Feuer, und der­weil sie kocht­en, melk­te sie ihre Ziege, damit sie ein wenig Milch dazu hät­ten. Und als der Tisch gedeckt war, set­zte sich der liebe Gott nieder und ass mit ihnen, und schmeck­te ihm die schlechte Kost gut, denn es waren vergnügte Gesichter dabei. 

Nach­dem sie gegessen hat­ten und Schlafen­szeit war, rief die Frau heim­lich ihren Mann und sprach hör, lieber Mann, wir wollen uns heute nacht eine Streu machen, damit der arme Wan­der­er sich in unser Bett leg­en und aus­ruhen kann: er ist den ganzen Tag über gegan­gen, da wird ein­er müde.‘ Von Herzen gern,‘ antwortete er, ich wills ihm anbi­eten,‘ ging zu dem lieben Gott und bat ihn, wenns ihm recht wäre, möchte er sich in ihr Bett leg­en und seine Glieder ordentlich aus­ruhen. Der liebe Gott wollte den bei­den Alten ihr Lager nicht nehmen, aber sie liessen nicht ab, bis er es endlich tat und sich in ihr Bett legte: sich selb­st aber macht­en sie eine Streu auf die Erde. 

Am andern Mor­gen standen sie vor Tag schon auf und kocht­en dem Gast ein Früh­stück, so gut sie es hat­ten. Als nun die Sonne durchs Fen­ster­lein schien und der liebe Gott aufge­s­tanden war, ass er wieder mit ihnen und wollte dann seines Weges ziehen. Als er in der Türe stand, kehrte er sich um und sprach weil ihr so mitlei­dig und fromm seid, so wün­scht euch dreier­lei, das will ich euch erfüllen.‘ Da sagte der Arme was soll ich mir son­st wün­schen als die ewige Seligkeit, und dass wir zwei, solang wir leben, gesund dabei bleiben und unser not­dürftiges täglich­es Brot haben; fürs dritte weiss ich mir nichts zu wün­schen.‘ Der liebe Gott sprach willst du dir nicht ein neues Haus für das alte wün­schen?, O ja,‘ sagte der Mann, wenn ich das auch noch erhal­ten kann, so wär mir’s wohl lieb.‘ Da erfüllte der Herr ihre Wün­sche, ver­wan­delte ihr altes Haus in ein neues, gab ihnen nochmals seinen Segen und zog weiter.

Es war schon voller Tag, als der Reiche auf­s­tand. Er legte sich ins Fen­ster und sah gegenüber ein neues rein­lich­es Haus mit roten Ziegeln, wo son­st eine alte Hütte ges­tanden hat­te. Da machte er grosse Augen, rief seine Frau her­bei und sprach sag mir, was ist geschehen? Gestern Abend stand noch die alte elende Hütte, und heute ste­ht da ein schönes neues Haus. Lauf hinüber und höre, wie das gekom­men ist.‘ Die Frau ging und fragte den Armen aus: er erzählte ihr gestern Abend kam ein Wan­der­er, der suchte Nachther­berge, und heute mor­gen beim Abschied hat er uns drei Wün­sche gewährt, die ewige Seligkeit, Gesund­heit in diesem Leben und das not­dürftige tägliche Brot dazu, und zulet­zt noch statt unser­er alten Hütte ein schönes neues Haus.‘ Die Frau des Reichen lief eilig zurück und erzählte ihrem Manne, wie alles gekom­men war. Der Mann sprach ich möchte mich zer­reis­sen und zer­schla­gen: hätte ich das nur gewusst! der Fremde ist zuvor hier gewe­sen und hat bei uns über­nacht­en wollen, ich habe ihn aber abgewiesen.‘ Eil dich,‘ sprach die Frau, und set­ze dich auf dein Pferd, so kannst du den Mann noch ein­holen, und dann musst du dir auch drei Wün­sche gewähren lassen.‘

Der Reiche befol­gte den guten Rat, jagte mit seinem Pferd davon und holte den lieben Gott noch ein. Er redete fein und lieblich und bat‘ er möcht’s nicht übel­nehmen, dass er nicht gle­ich wäre ein­ge­lassen wor­den, er hätte den Schlüs­sel zur Haustüre gesucht, der­weil wäre er wegge­gan­gen: wenn er des Weges zurück­käme, müsste er bei ihm einkehren. Ja,‘ sprach der liebe Gott, wenn ich ein­mal zurück­komme, will ich es tun.‘ Da fragte der Reiche, ob er nicht auch drei Wün­sche tun dürfte wie sein Nach­bar. Ja, sagte der liebe Gott, das dürfte er wohl, es wäre aber nicht gut für ihn, und er sollte sich lieber nichts wün­schen. Der Reiche meinte, er wollte sich schon etwas aus­suchen, das zu seinem Glück gere­iche, wenn er nur wüsste, dass es erfüllt würde. Sprach der liebe Gott reit heim, und drei Wün­sche, die du tust, die sollen in Erfül­lung gehen.‘

Nun hat­te der Reiche, was er ver­langte, ritt heimwärts und fing an nachzusin­nen, was er sich wün­schen sollte. Wie er sich so bedachte und die Zügel fall­en liess, fing das Pferd an zu sprin­gen, so dass er immer­fort in seinen Gedanken gestört wurde und sie gar nicht zusam­men­brin­gen kon­nte. Er klopfte ihm an den Hals und sagte sei ruhig, Liese,‘ aber das Pferd machte aufs neue Män­nerchen. Da ward er zulet­zt ärg­er­lich und rief ganz ungeduldig so wollt ich, dass du den Hals zer­brächst!‘ Wie er das Wort aus­ge­sprochen hat­te, plump, fiel er auf die Erde, und lag das Pferd tot und regte sich nicht mehr; damit war der erste Wun­sch erfüllt. Weil er aber von Natur geizig war, wollte er das Sat­telzeug nicht im Stich lassen, schnitt’s ab, hing’s auf seinen Rück­en, und musste nun zu Fuss gehen. Du hast noch zwei Wün­sche übrig,‘ dachte er und tröstete sich damit. 

Wie er nun langsam durch den Sand dahing­ing und zu Mit­tag die Sonne heiss bran­nte, wards ihm so warm und ver­driesslich zumut, der Sat­tel drück­te ihn auf den Rück­en, auch war ihm noch immer nicht einge­fall­en, was er sich wün­schen sollte. Wenn ich mir auch alle Reiche und Schätze der Welt wün­sche,‘ sprach er zu sich selb­st, so fällt mir her­nach noch aller­lei ein, dieses und jenes, das weiss ich im voraus, ich wills aber so ein­richt­en, dass mir gar nichts mehr übrig zu wün­schen bleibt.‘ Dann seufzte er und sprach ja, wenn ich der bay­erische Bauer wäre, der auch drei Wün­sche frei hat­te, der wusste sich zu helfen, der wün­schte sich zuerst recht viel Bier, und zweit­ens so viel Bier, als er trinken kön­nte, und drit­tens noch ein Fass Bier dazu.‘ Manch­mal meinte er, jet­zt hätte er es gefun­den, aber her­nach schien’s ihm doch noch zu wenig. 

Da kam ihm so in die Gedanken, was es seine Frau jet­zt gut hätte, die sässe daheim in ein­er kühlen Stube und liesse sich’s wohl schmeck­en. Das ärg­erte ihn ordentlich, und ohne dass er’s wusste, sprach er so hin ich wollte, die sässe daheim auf dem Sat­tel und kön­nte nicht herunter, statt dass ich ihn da auf meinem Rück­en schleppe.‘ Und wie das let­zte Wort aus seinem Munde kam, so war der Sat­tel von seinem Rück­en ver­schwun­den, und er merk­te, dass sein zweit­er Wun­sch auch in Erfül­lung gegan­gen war. Da ward ihm erst recht heiss, er fing an zu laufen und wollte sich daheim ganz ein­sam in seine Kam­mer hin­set­zen und auf etwas Gross­es für den let­zten Wun­sch sinnen. 

Wie er aber ankommt und die Stuben­tür auf­macht, sitzt da seine Frau mit­ten­drin auf dem Sat­tel und kann nicht herunter, jam­mert und schre­it. Da sprach er gib dich zufrieden, ich will dir alle Reichtümer der Welt her­bei­wün­schen, nur bleib da sitzen.‘ Sie schalt ihn aber einen Schaf­skopf und sprach was helfen mir alle Reichtümer der Welt, wenn ich auf dem Sat­tel sitze; du hast mich daraufgewün­scht, du musst mir auch wieder herun­ter­helfen.‘ Er mochte wollen oder nicht, er musste den drit­ten Wun­sch tun, dass sie vom Sat­tel ledig wäre und herun­ter­steigen kön­nte; und der Wun­sch ward als­bald erfüllt. Also hat­te er nichts davon als Ärg­er, Mühe, Schelt­worte und ein ver­lornes Pferd: die Armen aber lebten vergnügt, still und fromm bis an ihr seliges Ende.