Der arme Junge im Grab

von  Brüder Grimm

~6 Min

Es war ein­mal ein armer Hirten­junge‘ dem war Vater und Mut­ter gestor­ben, und er war von der Obrigkeit einem reichen Mann in das Haus gegeben, der sollte ihn ernähren und erziehen. Der Mann aber und seine Frau hat­ten ein bös­es Herz, waren bei allem Reich­tum geizig und miss­gün­stig, und ärg­erten sich, wenn jemand einen Bis­sen von ihrem Brot in den Mund steck­te. Der arme Junge mochte tun, was er wollte, er erhielt wenig zu essen, aber desto mehr Schläge.

Eines Tages sollte er die Glucke mit ihren Küch­lein hüten. Sie ver­lief sich aber mit ihren Jun­gen durch einen Hecken­za­un: gle­ich schoss der Habicht herab und ent­führte sie durch die Lüfte. Der Junge schrie aus Leibeskräften ​‚Dieb, Dieb, Spitzbub.‘ Aber was half das? der Habicht brachte seinen Raub nicht wieder zurück. Der Mann hörte den Lärm, lief her­bei, und als er ver­nahm, dass seine Henne weg war, so geri­et er in Wut und gab dem Jun­gen eine solche Tra­cht Schläge, dass er sich ein paar Tage lang nicht regen kon­nte. Nun musste er die Küch­lein ohne die Henne hüten, aber da war die Not noch gröss­er, das eine lief dahin, das andere dor­thin. Da meinte er es klug zu machen, wenn er sie alle zusam­men an eine Schnur bände, weil ihm dann der Habicht keins weg­stehlen kön­nte. Aber weit gefehlt. Nach ein paar Tagen, als er von dem Herum­laufen und vom Hunger ermüdet ein­schlief, kam der Raub­vo­gel und pack­te eins von den Küch­lein, und da die andern daran fes­thin­gen, so trug er sie alle mit fort, set­zte sich auf einen Baum und schluck­te sie hin­unter. Der Bauer kam eben nach Haus, und als er das Unglück sah, erboste er sich und schlug den Jun­gen so unbarmherzig, dass er mehrere Tage im Bette liegen musste.

Als er wieder auf den Beinen war, sprach der Bauer zu ihm ​‚du bist mir zu dumm, ich kann dich zum Hüter nicht brauchen, du sollst als Bote gehen.‘ Da schick­te er ihn zum Richter, dem er einen Korb voll Trauben brin­gen sollte, und gab ihm noch einen Brief mit. Unter­wegs plagte Hunger und Durst den armen Jun­gen so heftig, dass er zwei von den Trauben ass. Er brachte dem Richter den Korb, als dieser aber den Brief gele­sen und die Trauben gezählt hat­te, so sagte er ​‚es fehlen zwei Stück.‘ Der Junge ges­tand ganz ehrlich, dass er, von Hunger und Durst getrieben, die fehlen­den verzehrt habe. Der Richter schrieb einen Brief an den Bauer und ver­langte noch ein­mal soviel Trauben. Auch diese musste der Junge mit einem Brief hin­tra­gen. Als ihn wieder so gewaltig hungerte und durstete, so kon­nte er sich nicht anders helfen, er verzehrte aber­mals zwei Trauben. Doch nahm er vorher den Brief aus dem Korb, legte ihn unter einen Stein und set­zte sich darauf, damit der Brief nicht zuse­hen und ihn ver­rat­en kön­nte. Der Richter aber stellte ihn doch der fehlen­den Stücke wegen zur Rede. ​‚Ach,‘ sagte der Junge, ​‚wie habt Ihr das erfahren? der Brief kon­nte es nicht wis­sen, denn ich hat­te ihn zuvor unter einen Stein gelegt.‘ Der Richter musste über die Ein­falt lachen, und schick­te dem Mann einen Brief, worin er ihn ermah­nte, den armen Jun­gen bess­er zu hal­ten und es ihm an Speis und Trank nicht fehlen zu lassen; auch möchte er ihn lehren, was recht und unrecht sei.

‚Ich will dir den Unter­schied schon zeigen,‘ sagte der harte Mann; ​‚willst du aber essen‘ so musst du auch arbeit­en, und tust du etwas Unrecht­es, so sollst du durch Schläge hin­länglich belehrt wer­den.‘ Am fol­gen­den Tag stellte er ihn an eine schwere Arbeit. Er sollte ein paar Bund Stroh zum Fut­ter für die Pferde schnei­den; dabei dro­hte der Mann: ​‚in fünf Stun­den,‘ sprach er, ​‚bin ich wieder zurück, wenn dann das Stroh nicht zu Häck­sel geschnit­ten ist, so schlage ich dich so lange, bis du kein Glied mehr regen kannst.‘ Der Bauer ging mit sein­er Frau, dem Knecht und der Magd auf den Jahrmarkt und liess dem Jun­gen nichts zurück als ein kleines Stück Brot. Der Junge stellte sich an den Strohstuhl und fing an, aus allen Leibeskräften zu arbeit­en. Da ihm dabei heiss ward, so zog er sein Röck­lein aus und warfs auf das Stroh. In der Angst, nicht fer­tig zu wer­den, schnitt er immerzu, und in seinem Eifer zer­schnitt er unver­merkt mit dem Stroh auch sein Röck­lein. Zu spät ward er das Unglück gewahr, das sich nicht wieder gut­machen liess. ​‚Ach,‘ rief er, ​‚jet­zt ist es aus mit mir. Der böse Mann hat mir nicht umson­st gedro­ht, kommt er zurück und sieht, was ich getan habe, so schlägt er mich tot. Lieber will ich mir selb­st das Leben nehmen.‘

Der Junge hat­te ein­mal gehört, wie die Bäuerin sprach ​‚unter dem Bett habe ich einen Topf mit Gift ste­hen.‘ Sie hat­te es aber nur gesagt, um die Näsch­er zurück­zuhal­ten, denn es war Honig darin. Der Junge kroch unter das Bett, holte den Topf her­vor und ass ihn ganz aus. ​‚Ich weiss nicht,‘ sprach er, ​‚die Leute sagen‘ der Tod sei bit­ter, mir schmeckt er süss. Kein Wun­der, dass die Bäuerin sich so oft den Tod wün­scht.‘ Er set­zte sich auf ein Stühlchen und war gefasst zu ster­ben. Aber statt dass er schwäch­er wer­den sollte, fühlte er sich von der nahrhaften Speise gestärkt. ​‚Es muss kein Gift gewe­sen sein,‘ sagte er, ​‚aber der Bauer hat ein­mal gesagt‘ in seinem Klei­derkas­ten läge ein Fläschchen mit Fliegengift, das wird wohl das wahre Gift sein und mir den Tod brin­gen.‘ Es war aber kein Fliegengift‘ son­dern Ungar­wein. Der Junge holte die Flasche her­aus und trank sie aus. ​‚Auch dieser Tod schmeckt süss,‘ sagte er, doch als bald her­nach der Wein anf­ing ihm ins Gehirn zu steigen und ihn zu betäuben, so meinte er, sein Ende nahte sich her­an. ​‚Ich füh­le, dass ich ster­ben muss,‘ sprach er, ​‚ich will hin­aus auf den Kirch­hof gehen und ein Grab suchen.‘ Er taumelte fort, erre­ichte den Kirch­hof und legte sich in ein frisch geöffnetes Grab. Die Sinne ver­schwan­den ihm immer mehr. In der Nähe stand ein Wirtshaus, wo eine Hochzeit gefeiert wurde: als er die Musik hörte, deuchte er sich schon im Paradies zu sein, bis er endlich alle Besin­nung ver­lor. Der arme Junge erwachte nicht wieder, die Glut des heis­sen Weines und der kalte Tau der Nacht nah­men ihm das Leben, und er verblieb in dem Grab, in das er sich selb­st gelegt hatte.

Als der Bauer die Nachricht von dem Tod des Jun­gen erhielt, erschrak er und fürchtete, vor das Gericht geführt zu wer­den: ja die Angst fasste ihn so gewaltig, dass er ohn­mächtig zur Erde sank. Die Frau, die mit ein­er Pfanne voll Schmalz am Herde stand, lief herzu, um ihm Bei­s­tand zu leis­ten. Aber das Feuer schlug in die Pfanne, ergriff das ganze Haus, und nach weni­gen Stun­den lag es schon in Asche. Die Jahre, die sie noch zu leben hat­ten, bracht­en sie, von Gewis­sens­bis­sen geplagt, in Armut und Elend zu.

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