Der alte Sultan

von Brüder Grimm

~5 Min

Es hat­te ein Bauer einen treuen Hund, der Sul­tan hiess, der war alt gewor­den und hat­te alle Zähne ver­loren, so dass er nichts mehr fest pack­en kon­nte. Zu ein­er Zeit stand der Bauer mit sein­er Frau vor der Haustüre und sprach: Den alten Sul­tan schiess ich mor­gen tot, der ist zu nichts mehr nütze.“ Die Frau, die Mitleid mit dem treuen Tiere hat­te, antwortete: Da er uns so lange Jahre gedi­ent hat und ehrlich bei uns gehal­ten, so kön­nten wir ihm wohl das Gnaden­brot geben.“ – Ei was,“ sagte der Mann, du bist nicht recht gescheit; er hat keinen Zahn mehr im Maul, und kein Dieb fürchtet sich vor ihm, er kann jet­zt abge­hen. Hat er uns gedi­ent, so hat er sein gutes Fressen dafür gekriegt.“

Der arme Hund, der nicht weit davon in der Sonne aus­gestreckt lag, hat­te alles mit ange­hört und war trau­rig, dass mor­gen sein let­zter Tag sein sollte. Er hat­te einen guten Fre­und, das war der Wolf, zu dem schlich er abends hin­aus in den Wald und klagte über das Schick­sal, das ihm bevorstände. Höre, Gevat­ter,“ sagte der Wolf, sei guten Mutes, ich will dir aus dein­er Not helfen. Ich habe etwas aus­gedacht. Mor­gen in aller Frühe geht dein Herr mit sein­er Frau ins Heu, und sie nehmen ihr kleines Kind mit, weil nie­mand im Hause zurück­bleibt. Sie pfle­gen das Kind während der Arbeit hin­ter die Hecke in den Schat­ten zu leg­en. Lege dich daneben, gle­ich als woll­test du es bewachen. Ich will dann aus dem Walde her­auskom­men und das Kind rauben, du musst mir eifrig nach­sprin­gen, als woll­test du mir es wieder abja­gen. Ich lasse es fall­en, und du bringst es den Eltern wieder zurück, die glauben dann, du hättest es gerettet, und sind viel zu dankbar, als dass sie dir ein Leid antun soll­ten; im Gegen­teil, du kommst in völ­lige Gnade, und sie wer­den es dir an nichts mehr fehlen lassen.“

Der Anschlag gefiel dem Hund, und wie er aus­gedacht war, so ward er auch aus­ge­führt. Der Vater schrie, als er den Wolf mit seinem Kinde durchs Feld laufen sah; als es aber der alte Sul­tan zurück­brachte, da war er froh, stre­ichelte ihn und sagte: Dir soll kein Härchen gekrümmt wer­den, du sollst das Gnaden­brot essen, solange du leb­st.“ Zu sein­er Frau aber sprach er: Geh gle­ich heim und koche dem alten Sul­tan einen Weck­brei, den braucht er nicht zu beis­sen, und bring das Kopfkissen aus meinem Bette, das schenk ich ihm zu seinem Lager.“ Von nun an hat­te es der alte Sul­tan so gut, als er sich’s nur wün­schen kon­nte. Bald her­nach besuchte ihn der Wolf und freute sich, dass alles so wohl gelun­gen war. Aber, Gevat­ter,“ sagte er, du wirst doch ein Auge zudrück­en, wenn ich bei Gele­gen­heit deinem Her­rn ein fettes Schaf weg­hole. Es wird einem heutzu­tage schw­er, sich durchzuschla­gen.“ – Darauf rechne nicht,“ antwortete der Hund, meinem Her­rn bleibe ich treu, das darf ich nicht zugeben!“ Der Wolf meinte, das wäre nicht im Ern­ste gesprochen, kam in der Nacht herangeschlichen und wollte sich das Schaf holen. Aber der Bauer, dem der treue Sul­tan das Vorhaben des Wolfes ver­rat­en hat­te, passte ihm auf und kämmte ihm mit dem Dreschflegel garstig die Haare. Der Wolf musste aus­reis­sen, schrie aber dem Hund zu: Wart, du schlechter Geselle, dafür sollst du büssen!“

Am andern Mor­gen schick­te der Wolf das Schwein und liess den Hund hin­aus in den Wald fordern, da woll­ten sie ihre Sache aus­machen. Der alte Sul­tan kon­nte keinen Bei­s­tand find­en als eine Katze, die nur drei Beine hat­te, und als sie zusam­men hin­aus­gin­gen, humpelte die arme Katze daher und streck­te zugle­ich vor Schmerz den Schwanz in die Höhe. Der Wolf und sein Bei­s­tand waren schon an Ort und Stelle, als sie aber ihren Geg­n­er daherkom­men sahen, mein­ten sie, er führte einen Säbel mit sich, weil sie den aufgerichteten Schwanz der Katze dafür ansa­hen. Und wenn das arme Tier so auf drei Beinen hüpfte, dacht­en sie nichts anders, als es höbe jedes­mal einen Stein auf, wollte damit auf sie wer­fen. Da ward ihnen bei­den angst: Das wilde Schwein verkroch sich ins Laub, und der Wolf sprang auf einen Baum. Der Hund und die Katze, als sie her­anka­men, wun­derten sich, dass sich nie­mand sehen liess. Das wilde Schwein aber hat­te sich im Laub nicht ganz ver­steck­en kön­nen, son­dern die Ohren ragten noch her­aus. Während die Katze sich bedächtig umschaute, zwin­ste das Schwein mit den Ohren; die Katze, welche meinte, es regte sich da eine Maus, sprang darauf zu und biss herzhaft hinein. Da erhob sich das Schwein mit grossem Geschrei, lief fort und rief: Dort auf dem Baum, da sitzt der Schuldige.“ Der Hund und die Katze schaut­en hin­auf und erblick­ten den Wolf, der schämte sich, dass er sich so furcht­sam gezeigt hat­te, und nahm von dem Hund den Frieden an.