Der alte Koffer

von Richard von Volkmann-Leander

~5 Min

Ein alter Herr, der viel reiste, besaß einen Kof­fer. Schön war der Kof­fer nicht, son­dern grund­häßlich; denn er war mit strup­pigem See­hunds­fell über­zo­gen und hat­te eis­erne Bän­er und Eck­en. In dem Fell aber waren schon oft die Mot­ten gewe­sen, und das eis­erne Beschläge war stark ver­rostet, hat­te auch mit der Zeit manchen Buck­el und manche Schmarre bekom­men. Der kann was ver­tra­gen“, sagten die Kof­fer­träger, wenn sie ihn aus dem Wagen hoben. Bums! war­fen sie ihn hin, daß es krachte. Das war nun ger­ade nicht dazu ange­tan, die ohnedies schon üble Laune des alten Kof­fers zu mildern. Mit seinen eis­er­nen Eck­en stieß und knuffte er jeden, der ihm in den Weg kam. Ihr braucht mir ja nicht zu nahe kom­men“, brummte er, wenn die andern Kof­fer, mit denen er zusam­men reiste, sich darüber beklagten. Ihr wollt euch doch bloß ansehn, wie strup­pig ich bin.“ 

Aber der Herr, dem der Kof­fer gehörte, war ein Son­der­ling. Wenn er zu Haus war, mußte der Kof­fer stets in sein­er Stube unter dem ver­gold­e­ten Spiegel ste­hen, obgle­ich es recht komisch aus­sah: der alte, häßliche Kof­fer in der son­st ganz hüb­schen, gemütlichen Stube. Und wenn er reiste und irgend­wo einkehrte, war es stets das erste, daß er sich den Kof­fer brin­gen und neben sein Bett stellen ließ. Es wird wohl Geld im Kof­fer sein!“ mein­ten die Leute, weil er ihn gar nicht aus den Augen läßt.“ Doch in diesem Punk­te waren sie völ­lig auf dem Holzwege. Etwas darin war schon; aber Geld? Nein, Geld am allerwenigsten! 

War nun der alte Herr ganz allein in der Stube, so drück­te er auf eine geheime Fed­er. Schwupp! sprang der Kof­fer auf, und was war darin? Ein voll­ständig ver­schlossen­er, prachtvoller Kas­ten mit rotem Samt beschla­gen und mit gold­e­nen Tressen und Schnüren beset­zt. Sobald jemand anderes in die Stube ein­trat, schnapp! schlug der Deck­el zu. Doch das Dien­st­mäd­chen des alten Her­rn war sehr schlau. Ein­mal ließ sie die Schuhe vor der Türe ste­hen und schlich ganz leise in Strümpfen bis an den Kof­fer hin, der ger­ade offen stand. Sie war schon ganz dicht daneben, und als sie es so rot und gold­en im Kof­fer blinken sah, ver­gaß sie sich und rief: Her­rgott, der alte Kof­fer ist ja wohl inwendig ganz hüb­sch!“ Da merk­te der Kof­fer, daß jemand Fremdes da sei. Schnapp! schlug er mit Gewalt zu und hätte ihr beina­he den Fin­ger abgek­lemmt; denn sie wollte eben hine­in­greifen, um sich zu überzeu­gen, ob es wirk­lich Samt und weich wäre. Pfui!“ sagte sie erschrock­en, was ist das für ein alter, garstiger Kof­fer; mit dem darf man sich gar nicht einlassen!“ 

Wenn sie später jemand nach dem Kof­fer fragte, mit dem der Herr so geheim tue, und ob nicht irgend etwas Beson­deres daran sei, erwiderte sie, es sei gar nichts an dem alten Kof­fer und darin noch weniger. Jed­er Men­sch habe seine Eigen­heit­en, beson­ders was alte, unver­heiratete Leute seien. Ihr Herr habe nun ein­mal sein Herz an den alten strup­pi­gen Kof­fer gehängt; weit­er sei es nichts. Aber es war doch etwas Beson­deres in dem Kof­fer. Denn zuweilen riegelte der alte Herr vor­sichtig sämtliche Zim­mertüren zu, drück­te auf die geheime Fed­er, so daß der Deck­el auf­sprang, horchte dann noch ein­mal, ob alles draußen still wäre, und wenn er nie­man­den hörte, hob er den roten Samtkas­ten aus dem Kof­fer her­aus und set­zte ihn vor sich auf den Tisch. Darauf drück­te er auf eine zweite ver­bor­gene Fed­er am Kas­ten, und der rote Samt­deck­el sprang auch auf. Und was war darin? Unglaublich, aber wahr! Eine ganz niedliche kleine Märchen­prinzessin mit zwei lan­gen Zöpfen hin­ten herunter und roten Hack­en­schuhen. Sie sprang auch sofort mit gle­ichen Beinen aus dem Kas­ten her­aus, set­zte sich darauf und ließ die Beine baumeln – und das machte sie so reizend – und fing dann an, die aller­hüb­schesten Märchen zu erzählen. Und der alte Herr saß im Lehn­stuhl und hörte ihr aufmerk­sam zu.

Eines Tages, als sie eben mit Erzählen fer­tig war, sagte sie: Ich habe dir nun schon so viele hüb­sche Märchen erzählt; ich glaube, du vergißt sie immer wieder. Kannst du sie nicht auf­schreiben?“ O ja“, antwortete der alte Herr, auf­schreiben kön­nte ich sie schon, wenig­stens so einiger­maßen und freilich bei weit­em nicht so hüb­sch, als du sie erzählst; aber es darf nie­mand wis­sen, woher ich sie weiß, und beson­ders nicht, daß du in dem alten Kof­fer steckst. Denn ich muß dich ganz allein haben. Son­st kom­men gle­ich alle Leute und wollen dich bese­hen und tapsen dich mit ihren ungeschick­ten Fin­gern an. Der Samt am Kas­ten würde auch bald schlecht wer­den.“ Nein, um Gottes willen!“ ent­geg­nete die kleine Märchen­prinzessin. Aber wun­dern wür­den sich die Leute doch, wenn sie wüßten, wer in dem alten Kof­fer steckt.“ Und dann lachte sie. Still!“ sagte auf ein­mal der alte Herr, es klopft jemand an der Türe. Kriech rasch wieder in den Kasten.“ 

Sodann trug er eilig den Kas­ten in den Kof­fer. Schnapp! schlug der Deck­el mit See­hunds­fell zu, und als das Dien­st­mäd­chen – denn sie war es – hereinkam und den Tee brachte, stand der alte Kof­fer wieder ganz mür­risch und strup­pig unter dem Spiegel. Als sie an ihm vor­beig­ing, gab sie ihm heim­lich, und ohne daß der alte Herr es merk­te, einen Fußtritt und murmelte: Alter garstiger Kof­fer, gestern hast du mir beina­he den Fin­ger abgeklemmt.“