Daumesdick

von Brüder Grimm

~11 Min

Es war ein armer Bauers­mann, der sass Abends beim Herd und schürte das Feuer, und die Frau sass und spann. Da sprach er wie ists so trau­rig, dass wir keine Kinder haben! es ist so still bei uns, und in den andern Häusern gehts so laut und lustig her.“ – Ja,“ antwortete die Frau und seufzte, wenns nur ein einziges wäre, und wenns auch ganz klein wäre, nur Daumes gross, so wollt ich schon zufrieden sein; wir hät­tens doch von Herzen lieb.“ Nun geschah es, dass die Frau krän­klich ward und nach sieben Monat­en ein Kind gebar, das zwar an allen Gliedern vol­lkom­men, aber nicht länger als ein Dau­men war. Da sprachen sie es ist, wie wir es gewün­scht haben, und es soll unser liebes Kind sein,“ und nan­nten es nach sein­er Gestalt Daumes­dick. Sie liessens nicht an Nahrung fehlen, aber das Kind ward nicht gröss­er, son­dern blieb, wie es in der ersten Stunde gewe­sen war; doch schaute es ver­ständig aus den Augen und zeigte sich bald als ein kluges und behen­des Ding, dem alles glück­te, was es anfieng.

Der Bauer machte sich ein­mal fer­tig in den Wald zu gehen und Holz zu fällen; da sprach er so vor sich hin nun wollt ich, dass ein­er da wäre, der mir den Wagen nach brächte.“ – O Vater,“ rief Daumes­dick, den Wagen will ich schon brin­gen, ver­lasst euch drauf, er soll zur bes­timmten Zeit im Walde sein.“ Da lachte der Mann und sprach wie sollte das zuge­hen, du bist viel zu klein, um das Pferd mit dem Zügel zu leit­en.“ – Das thut nichts, Vater, wenn nur die Mut­ter anspan­nen will, ich set­ze mich dem Pferd ins Ohr und rufe ihm zu, wie es gehen soll.“ – Nun,“ antwortete der Vater, ein­mal wollen wirs ver­suchen.“ Als die Stunde kam, span­nte die Mut­ter an und set­zte den Daumes­dick dem Pferd ins Ohr: da rief der Kleine, wie das Pferd gehen sollte, jüh und joh! hott und har!“ Da ging es ganz ordentlich als wie bei einem Meis­ter, und der Wagen fuhr den recht­en Weg nach dem Walde. Es trug sich zu, als er eben um eine Ecke bog, und der Kleine har, har!“ rief, dass zwei fremde Män­ner daher kamen. Mein,“ sprach der eine, was ist das? da fährt ein Wagen, und ein Fuhrmann ruft dem Pferde zu und ist doch nicht zu sehen.“ – Das geht nicht mit recht­en Din­gen zu,“ sagte der andere, wir wollen dem Kar­ren fol­gen und sehen, wo er anhält.“ Der Wagen aber fuhr vol­lends in den Wald hinein und richtig zu dem Platze, wo das Holz gehauen ward. Als Daumes­dick seinen Vater erblick­te, rief er ihm zu siehst du, Vater, da bin ich mit dem Wagen, nun hol mich herunter.“ Der Vater fasste das Pferd mit der linken und holte mit der recht­en sein Söhn­lein aus dem Ohr, das sich ganz lustig auf einen Stro­hhalm nieder­set­zte. Als die bei­den frem­den Män­ner den Daumes­dick erblick­ten, wussten sie nicht, was sie vor Ver­wun­derung sagen soll­ten. Da nahm der eine den andern bei­seit und sprach hör, der kleine Kerl kön­nte unser Glück machen, wenn wir ihn in ein­er grossen Stadt für Geld sehen liessen: wir wollen ihn kaufen.“ Sie gien­gen zu dem Bauer und sprachen verkauft uns den kleinen Mann, er solls gut bei uns haben.“ – Nein,“ antwortete der Vater, es ist mein Herzblatt und ist mir für alles Gold in der Welt nicht feil.“ Daumes­dick aber, als er von dem Han­del hörte, kroch an den Rock­fal­ten seines Vaters hin­auf, stellte sich ihm auf die Schul­ter und sagte ihm ins Ohr Vater, gib mich nur hin, ich will schon wieder zu dir kom­men.“ Da gab ihn der Vater für ein schones Stück Geld den bei­den Män­nern hin. Wo willst du sitzen?“ sprachen sie zu ihm. Ach, set­zt mich nur auf den Rand von eurem Hut, da kann ich auf und ab spazieren und die Gegend betra­cht­en und falle doch nicht herunter.“ Sie that­en ihm den Willen, und als Daumes­dick Abschied von seinem Vater genom­men hat­te, macht­en sie sich mit ihm fort. So gien­gen sie, bis es däm­merig ward, da sprach der Kleine hebt mich ein­mal herunter, es ist nöthig.“ – Bleib nur droben,“ sprach der Mann, auf dessen Kopf er sass, ich will mir nichts draus machen, die Vögel lassen mir auch manch­mal was drauf fall­en.“ – Nein,“ sprach Daumes­dick, ich weiss auch, was sich schickt: hebt mich nur geschwind herab.“ Der Mann nahm den Hut ab und set­zte den Kleinen auf einen Ack­er am Weg, da sprang und kroch er ein wenig zwis­chen den Schollen hin und her und schlüpfte dann auf ein­mal in ein Maus­loch das er sich aus­ge­sucht hat­te. Guten Abend ihr Her­ren, geht nur ohne mich heim,“ rief er ihnen zu und lachte sie aus. Sie liefen her­bei und stachen mit Stöck­en in das Maus­loch, aber das war verge­bliche Mühe, Daumes­dick kroch immer weit­er zurück; und da es bald ganz dunkel ward, so mussten sie mit Aerg­er und mit leerem Beu­tel wieder heim wandern.

Als Daumes­dick merk­te, dass sie fort waren, kroch er aus dem unterirdis­chen Gang wieder her­vor. Es ist hier auf dem Ack­er in der Fin­stern­iss so gefährlich gehen,“ sprach er, wie leicht bricht ein­er Hals und Bein!“ Zum Glück stiess er an ein leeres Sch­neck­en­haus. Got­t­lob,“ sagte er, da kann ich die Nacht sich­er zubrin­gen,“ und set­zte sich hinein. Nicht lang, als er eben ein­schlafen wollte, so hörte er zwei Män­ner vorüber gehen, davon sprach der eine wie wirs nur anfan­gen, um dem reichen Pfar­rer sein Geld und sein Sil­ber zu holen?“ – Das kön­nt ich dir sagen,“ rief Daumes­dick dazwis­chen. Was war das?“ sprach der eine Dieb erschrock­en, ich hörte jemand sprechen.“ Sie blieben ste­hen und horcht­en, da sprach Daumes­dick wieder nehmt mich mit, so will ich euch helfen.“ – Wo bist du denn?“ – Suchet nur hier auf der Erde und merkt, wo die Stimme herkommt,“ antwortete er. Da fan­den ihn endlich die Diebe und hoben ihn in die Höhe. Du klein­er Wicht, was willst du uns helfen!“ sprachen sie. Seht,“ antwortete er, ich krieche zwis­chen den Eisen­stäben in die Kam­mer des Pfar­rers hinein und reiche euch her­aus, was ihr haben wollt.“ – Wohlan,“ sagten sie, wir wollen sehen, was du kannst.“ Als sie bei dem Pfar­rhaus kamen, kroch Daumes­dick in die Kam­mer, schrie aber gle­ich aus Leibeskräften wollt ihr alles haben, was hier ist?“ Die Diebe erschrak­en und sagten so sprich doch leise, damit nie­mand aufwacht.“ Aber Daumes­dick that, als hätte er sie nicht ver­standen und schrie von neuem was wollt ihr? wollt ihr alles haben, was hier ist?“ Das hörte die Köchin, die in der Stube daran schlief, richtete sich im Bette auf und horchte. Die Diebe aber waren vor Schreck­en ein Stück Wegs zurück­ge­laufen, endlich fassten sie wieder Muth, dacht­en der kleine Kerl will uns neck­en,“ kamen zurück und flüsterten ihm hinein nun mach Ernst und reich uns etwas her­aus.“ Da schrie Daumes­dick noch ein­mal, so laut er kon­nte, ich will euch ja alles geben, reicht nur die Hände here­in.“ Das hörte die horchende Magd ganz deut­lich, sprang aus dem Bett und stolperte zur Thür here­in. Die Diebe liefen fort und ran­nten, als wäre der wilde Jäger hin­ter ihnen: die Magd aber, als sie nichts bemerken kon­nte, gieng ein Licht anzuzün­den. Wie sie damit her­bei kam, machte sich Daumes­dick, ohne dass er gese­hen wurde, hin­aus in die Sche­une: die Magd aber, nach­dem sie alle Winkel durchge­sucht und nichts gefun­den hat­te, legte sich endlich wieder zu Bett und glaubte, sie hätte mit offe­nen Augen und Ohren doch nur geträumt.

Daumes­dick war in den Heuhälm­chen herumgek­let­tert und hat­te einen schö­nen Platz zum Schlafen gefun­den: da wollte er sich aus­ruhen, bis es Tag wäre, und dann zu seinen Eltern wieder heim gehen. Aber er musste andere Dinge erfahren! ja, es gibt viel Trüb­sal und Noth auf der Welt! Die Magd stieg, wie gewöhn­lich, als der Tag graute, schon aus dem Bett und wollte das Vieh füt­tern. Ihr erster Gang war in die Sche­une, wo sie einen Arm voll Heu pack­te und ger­ade das­jenige, worin der arme Daumes­dick lag und schlief. Er schlief aber so fest, dass er nichts gewahr ward, auch nicht eher aufwachte als bis er in dem Maul der Kuh war, die ihn mit dem Heu aufger­afft hat­te. Ach Gott,“ rief er, wie bin ich in die Walk­müh­le gera­then!“ merk­te aber bald, wo er war. Da hiess es auf­passen, dass er nicht zwis­chen die Zähne kam und zer­malmt ward, aber er musste doch mit in den Magen hinabrutschen. In dem Stübchen sind die Fen­ster vergessen,“ sprach er, und scheint keine Sonne hinein: ein Licht wird gar nicht zu haben sein!“ Ueber­haupt gefiel ihm das Quarti­er schlecht, und was das schlimm­ste war, es kam immer mehr neues Heu zur Thür here­in und der Platz ward immer enger. Da rief er endlich in der Angst, so laut er kon­nte, bringt mir kein frisch Fut­ter mehr, bringt mir kein frisch Fut­ter mehr.“ Die Magd melk­te ger­ade die Kuh, und als sie sprechen hörte, ohne jemand zu sehen, und es dieselbe Stimme war, die sie auch in der Nacht gehört hat­te, erschrak sie so, dass sie von ihrem Stühlchen herab glitschte und die Milch ver­schüt­tete. Sie lief in der grössten Hast zu ihrem Her­rn und rief ach Gott, Herr Pfar­rer, die Kuh hat gere­det.“ – Du bist ver­rückt,“ antwortete der Pfar­rer, gieng aber doch selb­st in den Stall nachzuse­hen, was vor wäre. Aber kaum hat­te er den Fuss hineinge­set­zt, so rief Daumes­dick eben aufs neue bringt mir kein frisch Fut­ter mehr, bringt mir kein frisch Fut­ter mehr.“ Da erschrak der Pfar­rer selb­st, meinte, es wäre ein bös­er Geist und hiess die Kuh tödten. Nun ward sie geschlachtet, der Magen aber worin Daumes­dick steck­te, ward auf den Mist gewor­fen. Daumes­dick suchte sich hin­durch zu arbeit­en, und hat­te grosse Mühe damit, doch endlich brachte er es so weit, dass er Platz bekam, aber, als er eben sein Haupt her­ausstreck­en wollte, kam ein neues Unglück. Ein hun­griger Wolf sprang vor­bei und ver­schlang den ganzen Magen mit einem Schluck. Daumes­dick ver­lor den Muth nicht, vielle­icht,“ dachte er, lässt der Wolf mit sich reden,“ und rief ihm aus dem Wanste zu lieber Wolf, ich weiss dir einen her­rlichen Frass.“ – Wo ist der zu holen?“ sprach der Wolf. In dem und dem Haus, da musst du durch die Gosse hinein kriechen und wirst Kuchen, Speck und Wurst find­en, so viel du essen willst,“ und beschrieb ihm genau seines Vaters Haus. Der Wolf liess sich das nicht zweimal sagen, drängte sich in der Nacht zur Gosse hinein und frass in der Vor­rath­skam­mer nach Herzenslust. Als er satt war, wollte er wieder fort, aber er war so dick gewor­den, dass er densel­ben Weg nicht wieder hin­aus kon­nte. Darauf hat­te Daumes­dick gerech­net und fieng nun an in dem Leib des Wolfs einen gewalti­gen Lär­men zu machen, tobte und schrie, was er kon­nte. Willst du stille sein,“ sprach der Wolf, du weckst die Leute auf.“ – Ei was,“ antwortete der Kleine, du hast dich satt gefressen, ich will mich auch lustig machen,“ und fieng von neuem an aus allen Kräften zu schreien. Davon erwachte endlich sein Vater und seine Mut­ter, liefen an die Kam­mer und schaut­en durch die Spalte hinein. Wie sie sahen, dass ein Wolf darin hauste, liefen sie davon, und der Mann holte die Axt, und die Frau die Sense. Bleib dahin­ten,“ sprach der Mann, als sie in die Kam­mer trat­en, wenn ich ihm einen Schlag gegeben habe und er davon noch nicht todt ist, so musst du auf ihn ein­hauen und ihm den Leib zer­schnei­den.“ Da hörte Daumes­dick die Stimme seines Vaters und rief lieber Vater, ich bin hier, ich stecke im Leibe des Wolfs.“ Sprach der Vater voll Freuden got­t­lob, unser liebes Kind hat sich wieder gefun­den,“ und hiess der Frau die Sense wegth­un, damit Daumes­dick nicht beschädigt würde. Danach holte er aus und schlug dem Wolf einen Schlag auf den Kopf, dass er todt nieder­stürzte: dann sucht­en sie Mess­er und Scheere, schnit­ten ihm den Leib auf und zogen den Kleinen wieder her­vor. Ach,“ sprach der Vater, was haben wir für Sorge um dich aus­ge­s­tanden!“ – Ja, Vater, ich bin viel in der Welt herumgekom­men; got­t­lob, dass ich wieder frische Luft schöpfe.“ – Wo bist du denn all gewe­sen?“ – Ach Vater, ich war in einem Mause­loch, in ein­er Kuh Bauch und in eines Wolfes Wanst: nun bleib ich bei euch.“ – Und wir verkaufen dich um alle Reichthümer der Welt nicht wieder.“ Da herzten und küssten sie ihren lieben Daumes­dick, gaben ihm zu essen und trinken und liessen ihm neue Klei­der machen, denn die seini­gen waren ihm auf der Reise verdorben.