Daumerlings Wanderschaft

von Brüder Grimm

~8 Min

Ein Schnei­der hat­te einen Sohn, der war klein ger­at­en und nicht gröss­er als ein Dau­men, darum hiess er auch der Daumer­ling. Er hat­te aber Courage im Leibe und sagte zu seinem Vater Vater, ich soll und muss in die Welt hin­aus.‘ Recht, mein Sohn,‘ sprach der Alte, nahm eine lange Stopf­nadel und machte am Licht einen Knoten von Siegel­lack daran, da hast du auch einen Degen mit auf den Weg.‘ Nun wollte das Schnei­der­lein noch ein­mal mitessen und hüpfte in die Küche, um zu sehen, was die Frau Mut­ter zu guter Let­zt gekocht hätte. Es war aber eben angerichtet, und die Schüs­sel stand auf dem Herd. Da sprach es Frau Mut­ter, was gibts heute zu essen?‘ Sieh du selb­st zu“ sagte die Mut­ter. Da sprang Daumer­ling auf den Herd und guck­te in die Schüs­sel: weil er aber den Hals zu weit hine­in­streck­te, fasste ihn der Dampf von der Speise und trieb ihn zum Schorn­stein hin­aus. Eine Weile ritt er auf dem Dampf in der Luft herum, bis er endlich wieder auf die Erde her­ab­sank. Nun war das Schnei­der­lein draussen in der weit­en Welt, zog umher, ging auch bei einem Meis­ter in die Arbeit, aber das Essen war ihm nicht gut genug. Frau Meis­terin, wenn sie uns kein bess­er Essen gibt,‘ sagte Daumer­ling, so gehe ich fort und schreibe mor­gen früh mit Krei­de an ihre Haustüre: Kartof­fel zu viel, Fleisch zu wenig, adies, Herr Kartof­felkönig.‘ Was willst du wohl, Grashüpfer?‘ sagte die Meis­terin, ward bös, ergriff einen Lap­pen und wollte nach ihm schla­gen: mein Schnei­der­lein kroch behende unter den Fin­ger­hut, guck­te unten her­vor und streck­te der Frau Meis­terin die Zunge her­aus. Sie hob den Fin­ger­hut auf und wollte ihn pack­en, aber der kleine Daumer­ling hüpfte in die Lap­pen, und wie die Meis­terin die Lap­pen auseinan­der­warf und ihn suchte, machte er sich in den Tis­chritz. He, he, Frau Meis­terin,‘ rief er und steck­te den Kopf in die Höhe, und wenn sie zuschla­gen wollte, sprang er in die Schublade hin­unter. Endlich aber erwis­chte sie ihn doch und jagte ihn zu m Haus hinaus.

Das Schnei­der­lein wan­derte und kam in einen grossen Wald, da begeg­nete ihm ein Haufen Räu­ber, die hat­ten vor, des Königs Schatz zu bestehlen. Als sie das Schnei­der­lein sahen, dacht­en sie so ein klein­er Kerl kann durch ein Schlüs­sel­loch kriechen und uns als Diet­rich dienen.‘ Heda,‘ rief ein­er, du Riese Goliath, willst du mit zur Schatzkam­mer gehen? du kannst dich hinein­schle­ichen und das Geld her­auswer­fen.‘ Der Daumer­ling besann sich, endlich sagte er ja, und ging mit zu der Schatzkam­mer. Da besah er die Türe oben und unten, ob kein Ritz darin wäre. Nicht lange, so ent­deck­te er einen, der bre­it genug war, um ihn einzu­lassen. Er wollte auch gle­ich hin­durch, aber eine von den bei­den Schildwachen, die vor der Tür standen, bemerk­te ihn und sprach zu der andern was kriecht da für eine hässliche Spinne? ich will sie tot­treten.‘ Lass das arme Tier gehen,‘ sagte die andere, es hat dir ja nichts getan.‘ Nun kam der Daumer­ling durch den Ritz glück­lich in die Schatzkam­mer, öffnete das Fen­ster, unter welchem die Räu­ber standen, und warf ihnen einen Taler nach dem andern hin­aus. Als das Schnei­der­lein in der besten Arbeit war, hörte es den König kom­men, der seine Schatzkam­mer bese­hen wollte, und verkroch sich eilig. Der König merk­te, dass viele harte Taler fehlten, kon­nte aber nicht begreifen, wer sie sollte gestohlen haben, da Schlöss­er und Riegel in gutem Zus­tand waren, und alles wohl ver­wahrt schien. Da ging er wieder fort und sprach zu den zwei Wachen habt acht, es ist ein­er hin­ter dem Geld.‘ Als der Daumer­ling nun seine Arbeit von neuem anf­ing, hörten sie das Geld drin­nen sich regen und klin­gen klipp, klapp, klipp, klapp. Sie sprangen geschwind hinein und woll­ten den Dieb greifen. Aber das Schnei­der­lein, das sie kom­men hörte, war noch geschwinder, sprang in eine Ecke und deck­te einen Taler über sich, so dass nichts von ihm zu sehen war, dabei neck­te es noch die Wachen und rief hier bin ich.‘ Die Wach en liefen dahin, wie sie aber anka­men, war es schon in eine andere Ecke unter einen Taler gehüpft und rief he, hier bin ich.‘ Die Wachen sprangen eilends her­bei, Daumer­ling war aber längst in ein­er drit­ten Ecke und rief he, hier bin ich.‘ Und so hat­te es sie zu Nar­ren und trieb sie so lange in der Schatzkam­mer herum, bis sie müde waren und davongin­gen. Nun warf es die Taler nach und nach alle hin­aus: den let­zten schnellte es mit aller Macht‘ hüpfte dann sel­ber noch behendiglich darauf und flog mit ihm durchs Fen­ster hinab. Die Räu­ber macht­en ihm grosse Lob­sprüche, du bist ein gewaltiger Held,‘ sagten sie, willst du unser Haupt­mann wer­den?‘ Daumer­ling bedank­te sich aber und sagte, er wollte erst die Welt sehen. Sie teil­ten nun die Beute, das Schnei­der­lein aber ver­langte nur einen Kreuzer, weil es nicht mehr tra­gen konnte.

Darauf schnallte es seinen Degen wieder um den Leib, sagte den Räu­bern guten Tag und nahm den Weg zwis­chen die Beine. Es ging bei eini­gen Meis­tern in Arbeit, aber sie wollte ihm nicht schmeck­en, endlich verd­ingte es sich als Hausknecht in einem Gasthof. Die Mägde aber kon­nten es nicht lei­den, denn ohne dass sie ihn sehen kon­nten, sah er alles, was sie heim­lich tat­en, und gab bei der Herrschaft an, was sie sich von den Tellern genom­men und aus dem Keller für sich wegge­holt hat­ten. Da sprachen sie wart, wir wollen dirs ein­tränken,‘ und verabre­de­ten untere­inan­der, ihm einen Sch­aber­nack anzu­tun. Als die eine Magd bald her­nach im Garten mähte, und den Daumer­ling da herum­sprin­gen und an den Kräutern auf- und abkriechen sah, mähte sie ihn mit dem Gras schnell zusam­men, band alles in ein gross­es Tuch und warf es heim­lich den Kühen vor. Nun war eine grosse schwarze darunter, die schluck­te ihn mit hinab, ohne ihm weh zu tun. Unten gefiels ihm aber schlecht, denn es war da ganz fin­ster und bran­nte auch kein Licht. Als die Kuh gemelkt wurde, da rief er strip, strap, stroll, ist der Eimer bald voll?‘

Doch bei dem Geräusch des Melkens wurde er nicht ver­standen. Her­nach trat der Haush­err in den Stall und sprach mor­gen soll die Kuh da geschlachtet wer­den.‘ Da war dem Daumer­ling angst, dass er mit heller Stimme rief lasst mich erst her­aus, ich sitze ja drin.‘ Der Herr hörte das wohl, wusste aber nicht, wo die Stimme herkam. Wo bist du?‘ fragte er. In der schwarzen,‘ antwortete er, aber der Herr ver­stand nicht, was das heis­sen sollte, und ging fort.

Am andern Mor­gen ward die Kuh geschlachtet. Glück­licher­weise traf bei dem Zer­hack­en und Zer­legen den Daumer­ling kein Hieb, aber er geri­et unter das Wurst­fleisch. Wie nun der Met­zger her­beitrat und seine Arbeit anf­ing, schrie er aus Leibeskräften hackt nicht zu tief, hackt nicht zu tief, ich stecke ja drunter.‘ Von dem Lär­men der Hackmess­er hörte das kein Men­sch. Nun hat­te der arme Daumer­ling seine Not‘ aber die Not macht Beine, und da sprang er so behend zwis­chen den Hackmessern durch, dass ihn keins anrührte und er mit heil­er Haut davonkam. Aber entsprin­gen kon­nte er auch nicht: es war keine andere Auskun­ft, er musste sich mit den Speck­brock­en in eine Blutwurst hin­un­ter­stopfen lassen. Da war das Quarti­er etwas enge, und dazu ward er noch in den Schorn­stein zum Räuch­ern aufge­hängt, wo ihm Zeit und Weile gewaltig lang wurde. Endlich im Win­ter wurde er herun­terge­holt. weil die Wurst einem Gast sollte vorge­set­zt wer­den. Als nun die Frau Wirtin die Wurst in Scheiben schnitt, nahm er sich in acht, dass er den Kopf nicht zu weit vorstreck­te, damit ihm nicht etwa der Hals mit abgeschnit­ten würde: endlich ersah er seinen Vorteil, machte sich Luft und sprang heraus.

In dem Hause aber, wo es ihm so übel ergan­gen war, wollte das Schnei­der­lein nicht Iänger mehr bleiben, son­dern begab sich gle­ich wieder auf die Wan­derung. Doch seine Frei­heit dauerte nicht lange. Auf dem offe­nen Feld kam es einem Fuchs in den Weg, der schnappte es in Gedanken auf. Ei, Herr Fuchs,‘ riefs Schnei­der­lein, ich bins ja, der in Eurem Hals steckt, lasst mich wieder frei.‘ Du hast recht,‘ antwortete der Fuchs‘ an dir habe ich doch so viel als nichts; ver­sprichst du mir die Hüh­n­er in deines Vaters Hof, so will ich dich loslassen.‘ Von Herzen gern,‘ antwortete der Daumer­ling, die Hüh­n­er sollst du alle haben, das gelobe ich dir.‘ Da liess ihn der Fuchs wieder los und trug ihn sel­ber heim. Als der Vater sein liebes Söhn­lein wieder­sah, gab er dem Fuchs gern alle die Hüh­n­er, die er hat­te. Dafür bring ich dir auch ein schön Stück Geld mit,‘ sprach der Daumer­ling und reichte ihm den Kreuzer, den er auf sein­er Wan­der­schaft erwor­ben hatte.

Warum hat aber der Fuchs die armen Piephüh­n­er zu fressen kriegt?‘ Ei, du Narr, deinem Vater wird ja wohl sein Kind lieber sein als die Hüh­n­er auf dem Hof.‘