Das Zauberhorn

von Josef Haltrich

~6 Min

Es war ein­mal ein reich­er Mann, dem starb seine Frau. Sie hin­ter­ließ ihm aber eine kleine Tochter mit dem Namen Gretchen, und der Vater hat­te sie über alle Maßen lieb.

Nun wohnte in der Nach­barschaft eine Witwe. Die hat­te auch eine Tochter, und zwar mit drei Augen. Eines Tages lock­te die Witwe Gretchen zu sich und sagte: Höre, wenn dein Vater mich zur Frau nimmt, so will ich dir eine gute Mut­ter sein. Ich will deine Haare mit einem gold­e­nen Kamm glät­ten, dein Antlitz mit Milch waschen und dir Wein zu trinken geben. Meine eigene Tochter soll dir die Fliegen jagen, wenn du schläf­st, und mit dir spie­len, wenn du wach bist!” Das gefiel dem kleinen Gretchen, und sie redete auf den Vater ein, bis er die Nach­barin tat­säch­lich zur Frau nahm.

Einige Tage hat­te Gretchen es ganz gut, aber schon bald zeigte sich die neue Mut­ter als eine rechte Stief­mut­ter. Sie zank­te tagtäglich mit ihr und gab ihr auch Schläge. Das arme Mäd­chen durfte beim Vater auch nicht kla­gen, wenn er nach Hause kam, son­st hätte es noch viel Ärg­eres gegeben. Für die dreiäugige Schwest­er musste Gretchen jet­zt die Hem­den und Klei­der waschen, bis die Fin­ger bluteten, oder gar die Ochsen auf dem Feld hüten und dabei Flachs spin­nen. Wenn sie dann so alleine auf dem Felde war, weinte sie oft und klagte im Kum­mer so vor sich hin.

Eines Tages kam ein schön­er Sti­er aus der Herde zu Gretchen und fragte mitlei­dig: Warum weinst du so, du armes Kind?” Wie sollt’ ich nicht weinen”, antwortete es. Wenn ich den Flachs nicht bis heute Abend spinne, bekomme ich harte Schläge von mein­er Stief­mut­ter!” Da sprach der Sti­er: Wohlan, ich will dir helfen. Reiche mir den Flachs!” Gretchen tat es, und der Sti­er schluck­te den Flachs ein­fach herunter. Da erschrak sie nicht wenig, aber der Sti­er sagte gle­ich: Fürchte dich nicht, mein Kind, und schlafe nur ein wenig. Sobald du erwachst, wird dein Flachs gespon­nen sein!” Da schlief Gretchen ein wenig, und als sie erwachte, lag neben ihr das schön­ste Garn.

Von nun an brauchte sie sich nicht mehr zu ängsti­gen. Egal, wie viel Flachs auch die Stief­mut­ter zum Spin­nen mit­gab, er wurde immer fer­tig. Denn jedes Mal kam der Sti­er hinzu und tat die Arbeit für das kleine Mäd­chen. Doch dann merk­te die Stief­mut­ter, dass es nicht mit recht­en Din­gen zug­ing. Darum schick­te sie ihre dreiäugige Tochter mit auf die Wei­de, um Wache zu halten.

Gretchen aber wusste sich zu helfen. Sie spann anfangs sehr fleißig und sang dabei, bis ihre Schwest­er ein­schlief. Sobald dies geschehen war, gab sie dem Sti­er den Flachs zum Kauen. Als die Schwest­er wieder erwachte, war alles schon gespon­nen. So wusste diese am Abend ihrer Mut­ter nur zu sagen, dass Gretchen fleißig gespon­nen hätte.

Ein­mal aber, als Gretchen mit der Schwest­er wieder auf dem Felde war, war diese vom Gesang nicht ganz eingeschlafen. Da kon­nte sie heim­lich sehen, wie Gretchen dem Sti­er den Flachs gab und wie er ihn zu Garn kaute. Als die bei­den dann am Abend nach Hause kamen, sagte Dreiäu­glein ihrer Mut­ter, was sie gese­hen hat­te. Die Stief­mut­ter dro­hte damit, den Sti­er zu töten, schimpfte Gretchen aus und schlug sie mit den Fäusten. Da lief sie weinend fort und erzählte alles dem Sti­er. Mit mir ist es aus?”, sprach der Sti­er, aber siehe zu, dass du die Spitze von meinem recht­en Horn bekommst, wenn ich tot bin!”

Als am anderen Mor­gen Gretchen im Felde die Ochsen hütete, brummte plöt­zlich eine große Bremse um das Haupt des Stieres. Das war die Stief­mut­ter, denn sie war eine böse Zauberin und hat­te sich ver­wan­delt. Der Sti­er wurde wild und ran­nte blin­d­lings fort. Als er an eine Brücke kam, die über einen Abgrund führte, stach die Bremse ihn in die bei­den Augen. Der Sti­er sah nichts mehr, ver­fehlte die Brücke und stürzte in den Abgrund. Gretchen ahnte schon das Schlimm­ste und war ihm gefol­gt. Da fand sie ihren Fre­und und Beschützer nun tot im Abgrund liegen. Er hat­te sich beim Fall­en die Spitze vom recht­en Horn abgestoßen. Gretchen nahm es weinend auf und steck­te es ein.

Bei der Stief­mut­ter daheim hat­te Gretchen wieder eine böse Zeit. Die Stief­mut­ter gab ihr schwere Arbeit­en auf, zank­te immer­fort und ließ es auch an Schlä­gen nicht fehlen. Die dreiäugige Tochter musste dage­gen gar nichts tun, son­dern putzte sich immerzu her­aus und ging ihrem Vergnü­gen nach. Den­noch war Gretchen hüb­sch­er anzuse­hen. Das ärg­erte die Stief­mut­ter, und sie beschloss, ihre Stieftochter für immer fortzuschaf­fen. Gretchen musste der Stief­mut­ter tief in den Wald fol­gen und sollte schließlich Wass­er an ein­er Quelle holen. Das nutzte die Stief­mut­ter, ver­wan­delte sich in einen schwarzen Käfer und set­zte sich unter einen Strauch. Von dort aus wollte sie sehen, wie Gretchen sich alleine verirrte.

Als Gretchen zurück­kehrte, sah sie keine Spur von der Stief­mut­ter. Voller Angst lief sie hin und her, denn der Abend rück­te schon her­an. Da fiel ihr die Horn­spitze wieder ein, die sie bei sich trug. Gretchen holte sie her­vor und schwenk­te sie hin und her. Und siehe, da kamen auf ein­mal unzäh­lige Ochsen her­vor, sodass der ganze Wald weiß erschien. Der let­zte Ochse aber, der aus dem Horn stieg, hat­te gold­ene Hörn­er und war weiß wie Schnee. Dieser kam ganz traulich zu Gretchen.

Doch plöt­zlich schüt­telte der Sti­er unruhig den Kopf, schar­rte mit den Füßen auf dem Boden und stürmte auf das Ver­steck los, wo die Stief­mut­ter saß. Diese hat­te sich aus dem Käfer schnell in einen Bären ver­wan­delt und war eben im Begriff, auf den Sti­er loszuge­hen. So kam es zu einem hefti­gen Kampf. Der Sti­er mit seinen gold­e­nen Hörn­ern ran­nte den Bären zu Boden, doch brach ihm dabei die Spitze vom recht­en Horn ab. Der Bär blieb elend liegen und brummte schreck­lich. Der Sti­er aber kam und legte sich vor Gretchen nieder, und es schien, als wenn er um Hil­fe bäte. Da fiel es Gretchen ein, ihm die Horn­spitze, die sie bei sich trug, an die Stelle zu set­zen, wo das Horn abge­broch­enen war. Kaum war das geschehen, ver­wan­delte sich der Sti­er in einen schö­nen Prinzen und die anderen Ochsen in seine Min­is­ter und Diener.

Sogle­ich nahm der Prinz Gretchen als seine liebe Braut mit sich, zog in sein Reich und hielt eine glänzende Hochzeit. Die Stief­mut­ter aber war ver­dammt, in der Gestalt zu bleiben, die sie zulet­zt angenom­men hat­te. Sie musste sich als hun­griger Bär im Walde herum­schlep­pen, bis sie nur noch so viel wog wie der Flachs, den Gretchen täglich im Felde spin­nen musste.