Das winzige, winzige Männlein

von Ludwig Bechstein

~6 Min

Es waren ein­mal drei lustige Gesellen, ein Schmied, ein Schnei­der und ein Jäger, die waren gute Fre­unde zueinan­der, kamen öfters zusam­men und besprachen sich, mit­sam­men in die Fremde zu gehen, weil es ihnen in der Heimat nicht mehr so recht gefall­en wollte. Wie sie nun ihren Entschluß aus­führten und wan­derten, führte sie ihr Weg in einen tiefen Wald, aber her­aus führte er sie nicht; sie verir­rten sich und liefen im Walde umher, bis die Nacht ein­brach und sie wed­er Weg noch Steg sehen kon­nten. Endlich stieg der Schmied auf einen Baum und erblick­te in einiger Ent­fer­nung ein Licht, merk­te sich die Rich­tung, stieg vom Baume herab und ging nun mit seinen Gefährten auf das Licht zu. Sie kamen alle drei an ein Haus, welch­es offen­stand, aber leer war, wenig­stens ließ sich nie­mand blick­en, aber das Licht stand darin und schien.

»Wer hier wohnt, wird es uns nicht so sehr übel­nehmen, wenn wir hier die Nacht ver­brin­gen, wir kön­nen nun ein­mal doch nicht weit­er!« sprachen die drei ein­er zum andern und legten sich nieder, wo sich just für jeden ein geeignetes Plätzchen fand. Ohne alle Störung schliefen die drei Gesellen die ganze Nacht und erwacht­en, als der Mor­gen da war, fröh­lich und wohlgemut.

»Es ist hüb­sch in diesem Häuschen«, sprach der Schmied. »Ich dächte, wir ver­ließen es nicht so schnell, damit wir dem Bewohn­er danken für die Gast­fre­und­schaft, die wir uns angeeignet.«

»Vielle­icht kann ich ihm etwas flick­en«, meinte der Schneider.

»Ich bin auch nicht dage­gen, hier zu ras­ten«, sprach der Jäger, »aber wenn wir das wollen, so müssen wir nun etwas zu essen haben, denn hier scheint Schmal­hans Küchen­meis­ter zu sein. Ich schlage daher vor, ein­er von uns bleibt hier und zweie gehen in den Wald und fan­gen oder schießen etwas, damit wir zu leben haben.«

»Der Rat ist richtig«, sagte der Schmied. »Draußen springt ein Quell­brun­nen; der daheim bleibt, macht indes ein Feuer­lein an und set­zt Wass­er bei, daß wir uns her­nach eine gute Suppe kochen können.«

Der Schmied und der Jäger gin­gen, und der Schnei­der blieb im Häuschen, entzün­dete ein Feuer, set­zte Wass­er bei und sich daneben. Da erschien mit einem Male ein winzig, winzig kleines Män­nchen und sagte:

»Schnei­der, Schnei­der, Schnei­der­lein, Ich blas dir aus dein Feuerlein.«

»Ja, unter­sten dich!« rief der Schnei­der voller Mut, weil das Männlein so winzig war, aber das machte – ft! – und da war das Feuer aus und das Männlein verschwunden.

Bald kamen der Jäger und der Schmied und bracht­en ein Stück Wild und gute Wurzeln, der Schnei­der erzählte, was ihm begeg­net sei, und nun mußten sie von neuem Feuer anzün­den und Wass­er beisetzen.

Als das Wild verzehrt war, gin­gen der Schmied und der Schnei­der in den Wald, und der Jäger hütete das Haus und machte ein schönes Feuer an, set­zte Wass­er bei und sich dazu. Da kam aber­mals das winzige, winzige Män­nchen, und wisperte:

»Jäger, Jäger, Jäger­lein! Ich lösch dir aus dein Feuerlein.«

»Pro­bier es nur! Ich drehe dir den Hals um!« rief der Jäger, aber – ft! – und das Feuer erlosch, und das Männlein verschwand.

Wie die Kam­er­aden kamen, hat­ten sie kein Wild und kein Feuer; zwar rühmte sich der Schnei­der, dem der Jäger sein Gewehr geliehen, er habe bald einen Bock geschossen, aber nur bald, das Gewehr habe einen Fehler, die Kugel sei links gegangen.

»Nun pro­biere ich’s ein­mal!« rief der starke Schmied. »Habt acht, ich zahle den Knirps aus.« Nun blieb er zu Hause, und der Jäger ging mit dem Schnei­der auf die Jagd.

Der Schmied saß noch gar nicht lange bei dem Feuer, das er angezün­det, nach­dem er einen Schraub­stock herg­erichtet, als das winzige, winzige Männlein zum drit­ten Male erschien und wisperte:

»Schmied, Schmied, Schmiedelein! Ich lösch dir aus dein Feuerlein.«

Aber anstatt zu antworten, griff der Schmied dem Männlein an den Kra­gen, schüt­telte es tüchtig und klemmte es in dem Schraub­stock fest, daß es erbärm­lich zap­pelte und heulte. Das half ihm aber nichts, denn der Schmied bear­beit­ete es auch noch äußerst hand­grei­flich, und wie nun der Jäger und der Schnei­der kamen, so putzte der erstere das winzige Män­nchen auch noch aus, und der Schnei­der freute sich und flick­te es eben­falls gehörig durch.

Das Zauber­män­nchen im Schraub­stock tat aber gar erbärm­lich und sagte: »Laßt mich los, und gehe ein­er mit mir! Einen kann und will ich glück­lich machen. Schnei­der­lein, geh du mit mir!«

»Männlein, ich geh nicht mit dir!« antwortete der Schnei­der. »Jäger, so gehe du mit mir!« bat das winzige, winzige Männlein. »Ei, der Kuck­uck geh mit dir!« antwortete der Jäger.

»Schmied, Schmied, gehe du mit mir!« bat gar zu kläglich das Männlein.

Da sagte der Schmied: »Gut, ich will mit dir gehen, aber denke nicht, daß ich dich loslasse, denn du würdest mich son­st schön führen. Und die andern zwei müssen ein Stück hin­ter uns drein gehen.«

»Meinetwe­gen, ich bin alles zufrieden!« win­selte das winzige, winzige Männlein. »Macht mich nur aus dem Schraub­stock los!«

Das tat denn der Schmied, hielt aber das Männlein fest am Kra­gen, und nun ging es durch eine Türe in der Stube und durch einen Kel­ler­gang in ein großes, matt erhelltes Gewölbe. In diesem Gewölbe saß auf einem elfen­bein­er­nen Stuh­le der Men­schen­fress­er, und hin­ter ihm stand seine Frau und kämmte ihm mit einem bein­er­nen Kamme das lange, zot­telige Wirrhaar.

Jet­zt sprach der Men­schen­fress­er: »Hup, hup! Es riecht nach Men­schen­fleisch! Hup, hup – Men­schen­fleisch«, und schnappte behaglich.

»Ach«, antwortete die Frau, »wer weiß was du riechst?«

Dop­pelt fest hielt der Schmied das winzige Männlein Kra­gen, denn hätte er es los­ge­lassen, so hätte das­selbe ihn und seine Gesellen dem Men­schen­fress­er über­liefert – aber so führte er den Schmied in einen Seit­en­gang, und die andere fol­gten, und da kamen sie an ein Bergloch, davor lag ein großer Stein, und da sagte das Männlein: »Wälze diesen Stein hin­weg, krieche dann durch die Öff­nung hin­aus und rufe: Vivat! Ich bin erlöst!‘ « »Zum Stein­wälzen brauch ich aber zwei Arme«, sagte der Schmied, gab dem Jäger das zap­pel­nde Männlein am Kra­gen festzuhal­ten, denn dem Schnei­der mocht er’s nicht anver­trauen, der dünk­te ihn nicht stark genug. Gle­ich­wohl half auch der Schnei­der hal­ten, er hielt das Männlein an bei­den Beinchen fest. Jet­zt wälzte der Schmied den Stein; da ent­stand im Gewölbe ein Poltern und Krachen, als wenn alles zusam­men­breche, vor ihnen aber strahlte blenden­der Schim­mer, Tageshelle, und vor aller Augen lag ein stat­tlich­es Schloß. Geschwinde krochen alle drei, eigentlich vier, her­aus. Erst der Schmied, dann der Jäger mit dem Männlein, zulet­zt der Schnei­der, der des winzi­gen Männleins Beine hielt, und jed­er schrie: »Vivat, ich bin erlöst.«

Und siehe, das winzige Männlein schrie auch mit und ver­schwand jenen unter den Hän­den. Aus dem Schlosse aber trat ein prächtig gek­lei­detes Musikko­rps und spielte einen wun­der­schö­nen Tanz, dann kamen drei her­rliche Prinzessin­nen, die tanzten dem Schmied, dem Jäger und dem Schnei­der ent­ge­gen; dann ein klein­er Mann, aber ange­tan wie ein König, mit Kro­ne und Szepter, im her­melin­ver­brämten Pur­pur­man­tel, und seine Züge waren die des winzi­gen Männleins. »Dank euch, die ihr uns erlöset habt!« sprach der kleine König mit grav­itätis­ch­er Würde. »Dank und Lohn!«

Hier­auf erhob der König die drei muntren Gesellen in den Prinzen­stand, jed­er durfte eine von den drei wun­der­schö­nen Prinzessin­nen heirat­en, alle lebten glück­lich beisam­men in dem schö­nen Schlosse, bedi­ent von zahlre­ichem Hof­gesinde, und keinem wurde wieder sein Feuer­lein ausgeblasen.